Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 39 (29.9.1933)
- Date
- 1933-09-29
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968810-5969376--4809-4881866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 29. September 193 Ausdruck: der Manu, die Frau, die da neben mir beten, haben die gleichen Empfindungen wie Ich. Sie beten nicht mehr, wie das wohl Früher geschah, iiui füi sich (das konnte vielleicht auch heilten, gegen mich); sie haben die gleiche Not und das gleiche Hoffen. Ein alter I einer wie« es als Trost zurück, dal! viele andere von schwerem Schicksal betroffen seien wie er. Mit Recht: ein Leid wird dadurch nicht geringer, dall auch andere ein Leid zu tragen haben. Ist es aber ein und dasselbe Leid, von dem viele, alle bedrückt sind, und finden sie sich zusammen, um sich durch Selbstbefreiung aufzurichten, dann erleichtern sie einander das Tragen, indem einer am anderen sich stützt. Darin liegt die Kraft des gemeinsamen Betens an diesem Versöhnungstage: uns bewegt alle eine Hoffnung, daß Heimsuchung von uns genommen, unser Dasein wieder frei werde. Die Gemeinsamkeit stärkt uns und nimmt damit unseren Sorgen ein Stuck der Bitterkeit. Doch wir dürfen nicht beim Gedanken verbleiben: Z'dokoh. Wohltun muH ihn zur Tat werden lassen. Ls braucht keine Worte, um deutlich ZU machen, wie sehr gerade heute das Wohltun Über die Bitterkeit der Zeit hinwegführt. Wir müssen ja zueinander stehen, einer dem anderen helfen. Aber wenn je, so gilt heute die große Wahrheit, dali wir mit jeder helfenden Tat, mit der wir einen Fallenden aufrechterhalten, uns selbst eine Stärkung bereiten; das Frohgefühl erfüllter Pflicht an der Gemeinschaft richtet uns auf. So will un< der Versöhnungstag mit seinem dreifachen Ruf mit unserem Schicksal aussöhnen, indem er die Bitterkeit der Heimsuchung vorübergehen labt. Damit aber schafft er zugleich die Voraussetzung, die Heimsuchung selbst zu uberwinden. Nur wenn wir stark sind, Kleinmut fernhalten, den Qlaubcn au uns selbst und an unsere Zukunft nicht verlieren, wird das hose Verhängnis abgewendet. Die Rabbiner Deutschlands an die deutsche Judenheit. Dir Allgemeine Rabbinerverband in Deutschland erlälit anläßlich der diesjährigen Hohen Feiertage folgenden Aufruf an die jüdische I nYiitlichkcit: „Im Angesicht unserer Feiertage, der jomim nauroim, dieser rage, w elche Qewißheit und Ehrfurcht in uns erneuern wollen, richten wir ein Wort an unsere Gemeinden. Uns umringt eine Zeit, aus der an einen jeden von uns Sorge und Frage, Leid und Zweifel herantreten, und jeder sucht die Antwort, jeder blickt nach Hilfe aus. W orin können sie uns gegeben sein? I iues vorerst, vor allem und über allem ist die Antwort, die au uns gerichtet ist. und die uns beisteht: Unsere Seele soll daran festhalten, dali unser Leben und unsere Geschichte in ihrem Bleibenden und Letzten nicht von Menschen bestimmt werden, sondern durch eine höhere Macht Fügung und Lenkung empfangen. „Sein ist die Weisheit und die Macht. Er ändert Zeit und Stunde". W ir können als Juden nicht leben ohne den Glauben an da* Wunderbare, an das im Geheimen Wohnende; wir können nicht leben ohne den sicheren Glauben an unseren Gott, dessen Namen, dessen Wesen ist: „Ich werde sein, der ich sein werde", „ehje ascher ehje" ich werde immer bei euch -tili; ich werde euch nicht verlassen, wenn ihr mich nicht verlaßt. Das ist nicht leichte Zuversicht, sondern Gewißheit, nicht Hoffnungsseligkeit dürfen wir predigen, wo alle Umschau und alle Aussicht uns das Trübsal zeigen. Aber wir dürfen und wir sollen das sagen, was unsere Geschiente uns von Anbeginn, von Geschlecht zu Geschlecht knndet. Sie sagt es uns, dali aus allem Dunkel doch wieder uns das licht aufging, aus allem Druck die Erhebung, daß wir in aller Not doch innerlich stark und innerlich groll zu sein vermochten. Damit ist die zweite Autwort auch gewahrt: Wir werden um so mehr uns seelisch aufrichten, je mehr wir einander zu helfen bereit sind. Nur wenn ein grober Opfcrwillc uns alle erfüllt, werden wir getrost ui die Zukunft blicken können. Kein Jude soll in einer Stunde meinen dürfen, dali er verlassen sei und kein Jude darf daher wähnen, dali er einen verlassen dürfe, um au sieh nur zu denken. Mehr als jedes Wort bedeutet heute die Tat; wir sprechen oft zuviel und helfen nicht genug. Nicht reden, sondern beistehen ist die erste Aufgabe, t'nsire Gemeinden insgesamt soH diese Entschlossenheit erfassen, iide in ihren Gliedern und alle in ihrer Einheit, so dall ein jeder zu' seiner Gemeinde steht und jede Qemcinde der anderen zur Seite tritt. Wie kaum je gilt heute das Wort unserer Weisen: Zusammenhalt oder Zusammenbruch! l ud ebenso das andere, dall das der Segen ist, durch welchen Gott Bestand gibt: liebe und Brüderlichkeit, Frieden und Gemeinschaft l ud schließlich das l etzte der aufrichtenden Antwort- Wenn in jedem das \\ jssen um jene große Sicherheit und diese grolle Aufgabe einkehrt, dann wird die Wurde ihm zuteil werden, die dem judischen Namen -. ine I hrc bringt, diese seelische Weihe, die dem Juden auch im Äußeren -eine Haltung und, wo es nottut, die Zurückhaltung zu eigen macht. Diese Wurde, die wir uns geben, kann niemand uns nehmen, niemand uns mindern. In ihr ist es nicht nur selbstverständliche Pflicht eines jeden, sondern der Ausdruck seines judischen W esens, dall er jedem (iesetze des Staates die stete Treue beweist diese I reue, die mehr ist als bloß der Oehorsam , dall er auf -einem Platze aufrecht seine Schuldigkeit tut, arbeitend und betend tur das Wohl des Landes. Feiertage, Tage, die von Bleibendem und Gebietendem zu uns sprechen, kehren zu uns ein. Möge es uns beschieden werden, daß wir vor Gott „eingeschrieben werden zu einem guten Jahr"! Der Allgemeine Rabhüicrverband in Deutschland. Ein neues Präsidium der Reichsvertretunc Die Reichsvertretung der judischen Landesverbände Deutschland verlautbart: Am Sonntag, den IT. September, traten auf Einladung des Vor sitzenden des Vorstandes der jüdischen (iemeinde Berlin Herrn Dil Heinrich Stahl die Mitglieder der Reichsvertretung mit der Konferenz gemeinschaft der Qroßgemeinden und den Vertretern der grollen jüdi sehen Organisation zusammen, um die Aufgaben der nächsten Mo nate zu beraten. Fs wurde ein Einvernehmen erzielt und in Obei einstimmung mit dem bisherigen Reichsvertretungspräsidium die Lei tung übertragen: Herrn Rabbiner Dr. Baeck als Präsideuten und einem Ausschuß, dessen Vorsitzender Dr. Otto Hirsch-Stuttgart, desse stellvertretender Vorsitzender Dr. Siegfried Moses-Berlin und dessc weitere Mitglieder Dr. Rudolf Callmaun-Köln, Rabbiner Dr. Hoffmann Frankfurt a. M., Dr. Landenberger-Nürnberg, Dr. Franz Meyer-Brelau, Dr. Julius L. Seligsohn-Berlin sind. Außerdem hat der Vorsitzende der Berliner Jüdischen (iemeinde, Herr Direktor Stahl, sich bereit erklärt, in den Ausschuß einzutreten. Für die Wahrnchuum: seiner Tätigkeit wird Herr Dr. Hirsch regelmäßig einen Feil der Woche in Berlin sein. Die Vertreter der grollen Organisationen Centrai-Verein, Reichsblind jüdischer Frontsoldaten und Zionistische Vereinigung für Deutsch land haben durch ihre Vorsitzenden, Justizrat Dr. Broduitz, Dr. Leu Loewenstein und Dr. Siegfried Moses, feierlich erklärt, dali sie dies Leitung der deutschen Juden anerkennen, ihr volles Vertrauen entgegenbringen und zu treuer loyaler Zusammenarbeit mit ihr bereit sind. Inzwischen hat auch der Vorsitzende der Vereinigung für daliberale Judentum in Deutschland eine gleiche Zusicherung für sein- Vereinigung abgegeben. (Amtlich.) Ober die Zusammensetzung des Ausschusses erfahren wir noch: Präsidium und Ausschuß sind ohne Rücksicht auf Organisationspolitik gewählt worden. Der Ausschuß setzt sich vielmehr aus Einzelperson- Henkelten zusammen, die sich nach keiner Richtung an Organisationrucksichten gebunden betrachten wollen und dürfen, (ileichwohl sin I die verschiedenen Richtungen alle vertreten: Dein CV. gehören die Herren Dr. Hirsch, Dr. CaHmann an; der Zionistischen Organisation Dr. Siegfried Moses, Dr. Franz Meyer; dem Misraehi Rabbiner Dr. Hoffmann; dem Reichsbund judischer Frontsoldaten Dr. Landenberger: der Vereinigung für das liberale Judentum Dr. Julius I.. Seligsöhn und Dir. Heinrich Stahl. Jüdische Aufgaben, jüdische Zukunft in Deutschland. Ein Manifest der Reichsvertretung. Die Reichsvertretung der deutschen Juden erlälit folgenden Aufm: In Tagen, die hart und schwer sind, wie nur je Tage der jüdischen Oeselüchte, aber auch bedeutungsvoll, wie nur wenige gewesen, ist uns durch die gemeinsame Entschließung der jüdischen Landesverbände, der grollen jüdischen Organisationen und der (irollgeineiud« i Deutschlands die Leitung und Vertretung der deutschen Juden übe - tragen worden. Kein Parteigedanke, kein Sonderwunsch hat darin gesprochen. Sondern allein und ganz die Erkenntnis dessen, dall Leben und Zukunft der deutschen Juden heute durch ihre Einigkeit und ihres Zusammenhalt bedingt sind. Darum ist es die erste Aufgabe, die-. Einheit lebendig werden zu lassen. Jede Organisation und jeder Ve band sollen in ihrer Lebenskraft und in ihrem Aufgahcukrcis anerkannt sein, aber iu allen grollen und einschneidenden Aufgab'n darf es nur die eine Gemeinschaft, nur die eine Oesamtheit der deitsehen Juden geben. Wer heute Sonderwege geht, wer heute si Ii ausschließt, hat sich au dem Lebensgebote der deutschen Juden vi rgangen. Im neuen Staate ist die Stellung der einzelnen Gruppen, au h derer, die weit zahlreicher und stärker sind, als wir, eine ga I andere geworden. Gesetzgebung und Wirtschaftsführung haben ilu i gew iesenen W eg, eingliedernd und ausgliedernd. Wir sollen dies ei Isehen ohne Selbsttäuschung. Nur dann werden wir jede ehrenVO k Möglichkeit beobachten können und um jedes Recht und um jed Platz, um jeden Lchcusraum zu ringen imstande sein. Die deutsch I Juden werden als arbeitnehmende und arbeitgebende Schaffende | meinsam im neuen Staate sich bewahren können. Eigene Oedanken, eigene Aufgaben zu verwirklichen, ist uns i m auf einem (iebiete, aber einem entscheidend-n, gewahrt, auf d i" unseres jüdischen Lebens und unserer jüdischen Zukunft. Hier si ut die bestimmtesten Aufgaben gestellt. Neue Pflichten judischer Erziehung sind zu erfüllen, neue Bereiche jüdischer Schulen sind zu schaffen und alte zu wahren und 9 schlitzen, damit dem heranwachsenden (ieschleelit seelische Festigkeit innere Widerstandskraft, körperliche Tüchtigkeit gegeben werde. Zl Berufen, die ihr einen Platz im Leben zeigen, soll unsere Jugend in besonnener Auswahl herangebildet und umgeschichtet werden, damit ihr Dasein seinen Ausblick gewinne. Das Bestehende, wie alles Begonnene und Versuchte, soll hier zusammengeführt werden, um helfen und zu stutzen. Allem Zersetzenden soll entgegengearbeitet, dein Aufbau auf dem religiösen Fundament des Judentums all* Kraft geweiht werden. Viel von einstiger wirtschaftlicher Sicherheit ist uns deutscht* Juden genommen oder beeinträchtigt worden. Innerhalb dessen, WSl uns bleibt, soll der einzelne aus der Vereinzelung herausgeführt werden. Ständische Verbindungen und Zusammenschlüsse, soweit r* lassig, können vorhandene Kräfte erhöhen und den Schwachen einCI Rückhalt geben, können erforschen und Beziehungen für alle nutzt'31 machen. — So manchem wird die Statte der Arbeit und des Bf- Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!