Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 39 (29.9.1933)
- Date
- 1933-09-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4500 Stück (Bemcinö cblott DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE-MLrIN DE- ZU I 4PID7lfZsi AMTLICHES NACHRICHTENBLATT LL Ii i«IV7 der Gemeindeverwaltung« Scbriftleitung: Oemeinderabbiner Oustav Colin Leipzig. Walter BlUmel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Qenebmlgung des Verfassers gestattet. Nummer 39 ■ Jahrgang 9 29. September 1933 Anzeigenannahme: I . Guld freund, Leipzig 0 5, Cichorinsstraße 2a, Fernsprecher Nr. 607 Ii, Druck: Druckerei der Werkgetncinfcliaft, Letptig C I. Versöhnung mit dem Schicksal. Zum Versöhnungsfest. Von Rabbiner Gustav Cohn. Die hehre Verheißung dieses großen Festes, daß es uns die Versöhnung zuteil werden läßt, kann in diesen Tagen vorzugsweise in dem Linen gipfeln, daß es uns mit dem Schicksal aussöhnen soll, las uns betroffen bat. Die uralte judische Lehre von der Versöhnung, von uns immer als ein Kerngedanke unserer Religion empfunden, ist auf die Forderung gebaut, daii wir für den Ausgleich der Gegensätze im Menschenleben wirken, dall wir uns mit uns selbst aussöhnen, indem wir den Anlall ZU Streit und Kampf, soweit in unserer Macht steht, ausschalten. Nicht ohne Bitterkeit erkennen wir, dall wir von solcher Erfüllung weiter entfernt sind denn je. Line Kluft (rennt uns von den Menschen, so tief, dall wir nicht absehen können, wann wieder daran gedacht werden kann, sie ZU Überbrücken. Wie seil jeher, so wären wir auch jet/t bereit gewesen, an der Klärung von Mißverständnissen mitzuarbeiten. Wir werden als Partner nicht anerkannt. Unsere Stimme wird nicht gehört Unser guter Wille bleibt bedeutungslos. Wir sehen uns Ohnmächtig. Ohnmächtig, weil keine Weisheit, keine Anstrengung den Ausweg freizumachen vermag. Wir fühlen: hier waltet Schicksal, in diesem Augenblick Schicksal, weil es daraus kein Entrinnen zu geben scheint. So ist es begreiflich genug, dall in Gesprächen, die wir heute fuhren, uns nicht selten der Ausdruck einer Verzweiflung begegnet; was die geistigen Führer an Aufmunterung sprechen, sei etwa einem medizinischen Mittel zu vergleichen, das einem todgeweihten Kranken verabfolg! werde, um ihn über den Lmst seines Zustandet hinwegzutäuschen, ihn unter geringeren Schmerzen in seine letzte Stunde ninübcrschlummern zu lassen. Solche Verzweiflung ist wohl das Schlimmste, was in diesen Tagen beobachtet werden kann. Der Vergleich trifft gewiß in manchen! zu: unsere Gemeinschaft ist krank. Aber sicherein Tode verfällt der Patient, der sich selbst aufgibt Der treffliche Arzt richtet deshalb ja auch seine wesentlichsten Bemühungen darauf, die von ihm angewandten Heilmittel dadurch zu unterstützen, daii er den Lebenswillen des Kranken stärkt, dall er seinen Mut anfacht, dall er den Olauben au seine Genesung wieder aufrichtet und festigt. Als ein solcher Arzt hat sich immer der Versöhnungstag bewahrt. In Notzeiten früherer Jahrhunderte vermittelte er den vertrauensvollen Betem diese innere Selbstsicherheit, den unerschütterlichen Glauben an die Zukunft Er lehrte ihn vor allem, dall das Judentum ein lebenskräftiger Inhalt ist, dall die Organe des jüdischen Oesamtdaseins durchaus gesund sind. Lehre und Leben des Judentums bat stärksten Anfechtungen standgehalten, ist aus babylonischer Gefangenschaft, aus dem Erliegen unter der Römermacht innerlich unversehrt, vielleicht gestärkt hervorgegangen, hat hundertfach schwerste Heimsuchungen, die sich auf größere oder engere Bezirke erstreckten, kraftvoll getragen, hat Wunden, die dem Körper geschlagen wurden, zur Heilung kommen lassen, hat geistige Angriffe, die der Feind als Vernichtend erachtete, mit der geistigen Waffe der unerschütterlichen oberzeugung abgewehrt Und hat mit alledem vor der Welt und vor sich selbst den Beweis erbracht, daii das Judentum am Körper wie in der Seele gesund und lebensstark ist, dall es niemals den Glauben ui seine Zukunft aufzugeben braucht. Alle Gebete des VenöhnungS- Uges atmen diese grolle (iewißheit; sie bildet die unausgesprochene Voraussetzung für die Stärke tler Hingabe an den Tag und an Oott Sie übertrug sich auf den Beter, weil sie ihm eine Erhebung über die Nöte des Tages verliehen, ihn mit dem aussöhnten, was ihm gerade, als personliche Sorge oder als Leid tler Gesamtheit, auf der Seele brannte. Wer sich in unsere alten (iebete versenkt, erlebt sie gerade heute von neuem in ihrer Zeitlosigkeit. Sie reden eine Sprache, die uns Heutigen vielfach fremd geworden war, und die wir nun doch wieder verstehen. Vielleicht geht uns in diesem Jahre in besonderer Deutlichkeit auf, was im Gebete des heiligen Tags in die Form geprägt wurde: Uli' schuwoh ull' filloh uz' dokofi maawirin eil raus hag seron. Umkehr, Gebet und Wohltun lassen die Bitterkeit der Heimsuchung vorübergehen. Mit Absicht ist von der üblichen Obersetzung („wenden ab das böse Verhängnis") auf die wörtliche Bedeutung zurückgegriffen worden. Denn das ist das Erste, was erreicht werden muH, wenn das vom Schicksal Verhängte überwunden werden soll, dal! die Aussöhnung mit dem Schicksal gewonnen wird. Und gerade das nahm der Jude aus dem Tage, der die Bußzeil abschließt, mit in den Alltag: Oedanken der Mutlosigkeit waren hinweggescheucht, er kannte kein Hadem mit dem Geschick: war auch die Heimsuchung noch so drückend, er trug sie ohne Bitterkeit. Und es sind die gleichen .Wittel, Umkehr, Gebet und Wohltun, mit denen der Versöhnungstag auch heute wieder und heute vielleicht so eindringlich, wie wir Heutigen es noch nie empfanden den Weg weist, wie die Bitterkeit Überwunden wird. 1'schuwoh: Umkehr. Ls ist die dem Eingeweihten nicht verwunderliche — Beobachtung zu machen, dall die Erschütterung am furchtbarsten diejenigen getroffen hat, die sich vom Judentum entfernt hatten, denen Judentum nicht mehr Teil ihres Wesens geblieben war, die dem altheiligen Brauchtum der jüdischen Gedankenwelt, sei es der sittlichen, sei es der weltanschaulichen, keinen Raum in ihrem Denken und Fühlen belassen hatten. Dali tun so geringere Verwirrung angerichtet wurde, je tiefere Verwurzelung im Judentum der Seele festen Halt gab. Das gibt zu denken. Viele, gerade aus dieser Gruppe der besonders hart Betroffenen, haben das erkannt. Sie wissen heute um den Wert innerer Verbundenheit mit der Gemeinschaft, der sie kraft seelischen Gebotes augehören. Und sind auch bereit, die Folgerungen aus dieser Erkenntnis zu ziehen. Kein Einsichtiger wird die starken Hemmungen verkennen, die der restlosen Wiedergewinnung der Gemeinschaft entgegenstehen. Dazu täte die Herstellung einer Lebensform not, die als „jüdischer Lebensstil" bezeichnet wurde,;ds eine Betoutheil des Judischen in allen Lebensäußerungen. Denn nur dadurch könnte eine völlige Durchdrungenheit mit jüdischem Qemeinschaftsbewußtsein zum Ausdruck kommen. Aber selbst, wo Qefühl, Wissen und Oberzeugung solches Bewußtsein erweckt oder gestärkt hat: wie schwer entschließt sich der Mensch, vor den Augen der Menschen seine sichtbare Haltung zu wandeln, sich von Gepflogenheiten freizumachen, in denen die Umwelt ihn kennt, Gebräuche anzunehmen, die er vielleicht vor nicht allzu langer Zeit verspottet hat. Und doch müssen diese Hemmungen ausgeschaltet werden. Ls muH Lrnst gemacht werden mit dieser Form der „Umkehr". Der Verlust des judischen Lebensstils hat eine seelische Leere geschaffen, die gerade heute so bedenklich in Erscheinung tritt. Schrittw eise, vorsichtig tastend muH der Zusammenhang mit den unvergänglichen Werten alten Brauchtums hergestellt werden, wo ein mutig-vollkouimenes Umlernen sich noch nicht durchsetzen kann. Aber als Ziel muß die Umstellung auf Betontheil des Jüdischen in der Lebenshaltung erfallt werden, weil darin so viel Beruhigendes und Aufrichtendes liegt: wir wissen, dall wir der Verfolgung einen inneren W ert entgegenzustellen haben. Ist das Ziel nicht leicht erreichbar, der Anfang muH gemacht werden. Ihn erleichtert das Gebet. T'filloh: Gebet Unser judisches Qebet stellt den einzelnen in die Gemeinschaft. Die Sorgen und Hoffnungen aller einzelnen sind ja meist bei allen die gleichen. Und wo sie in gewissen I ebeilSinomcnten ein ganz besonderes Gepräge haben, gibt unser Gottesdienst dem spontanen Ausdruck solcher Bitten durchaus Raum. \hcr diese persönlichen Anliegen treten zurück hinter dem, was uns alle in gleicher Weise angeht. Nie hat diese Qrundeinstellung des jüdischen Gottesdienstes uns so bereit gefunden wie heute. Das Los der einzelnen Juden ist ja heute kein Einzelnes mehr, ist gemeinsam zu tragendes Schicksal. Und das verleiht dem gemeinsamen Gebet lebendigen Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!