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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-09-21 · 38 (21.9.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
38 (21.9.1933)
Date
1933-09-21
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 21. September 19?3 llllllllill Gedenkt anläßlich der hohen Feiertage der Bedürftigen unserer Gemeinde! Neue Zeit Von Dr. Max Wiener, Berlin. Diese Jahreswende ist eine Zeitenwende. Und vermögen wir unser Oeschick nicht nur als Erlebnis von gestern und heute zu sehen, haben wir die Kraft, unsre Tage weisen Herzens ZU zählen, dann werden wir in ihnen noch etwas andres erfahren als bürdende Schwere. Denn Zeitenwende bedeutet nicht nur Ausklang, sondern ebenso Neubeginn. Und so mag der Rosrh-haschana-Tag uns nicht bloß wehmütig auf ein Ende hinschauen lassen, sondern ebenso entschlossenen Mut in uns auslösen, uns neu in der Welt einzurichten. Uns Juden ward heute wieder eins eingehämmert:'wir bilden eine Schicksalsgemeinschaft, ob wir es wollen oder nicht. Manchem von uns ist es vorher wie dem ergangen, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Für ihn lebten nur einzelne Menschen, gute und böse, erwünschte und unerwünschte, stille und laute, geehrte und unbeachtete. Und diese und tausend andere Verschiedenheiten erschienen so grob, so ausschlaggebend, daß darüber die Gemeinsamkeit all dieser so unendlich verschiedenen jüdischen Menschen übersehen ward; oder wenn nicht gän/lich übersehen und vergessen, doch IUI greifbar würde, ins Wesenlose zerstäubt. Nun erfahren wir ein starkes unentrinnbares Erlebnis. Eine mächtige Hand hat diese Rangordnung umgekehrt. Dem Oeschick, das über uns alle verhängt ist, gilt es wenig, worin wir voneinander uns icheiden: ob Künstler, ob Gelehrter von Weltruf oder Durchschnittsmensch, ob Kopf- oder Handarbeiter, ob Rentenverzehrer oder mühselig Schaffender, oh ehrlich Strebender oder zweifelhafter Charakter . all diese Farbtöne werden überschattet von der (irundtatsache, dalt wir Juden sind und als Juden anerkannt und gewertet werden. Das ist ein von außen über uns kommendes Schicksal, das uns zunächst viel Bitteres zufügt. Wenn wir aber vermögen, es zu innerer Krait, zum Leben in unserem Denken und Wollen zu verfestigen, so muH es für uns die Quelle gewaltiger Stärke werden, für uns als Menschen wie als Juden, denn das Judentum in seiner religiösen Idee wie in seiner (ieschichte zeigt uns, wie der einzelne nur im Erleben der (jemeiuschaft echten Charakter bewähren kann. Und klarer als unter ungetrübtem Himmel in schweren Tagen. Als beim Beginn unserer neueren (ieschichte der bis dahin festgefügte Block jüdischer Lebenstotalität zu schmelzen anfing, da war es gänzlich ungewilt, was aus uns werden sollte. Die staatlichen Befürworter und Förderer unserer Einbürgerung, die Stein und Hum boldt. wünschten dem einzelnen Juden als Menschen, als Bürger alles Oute, dem Judentum als (ianzem die Auflösung. Weder das eine noch das andere erfüllte sich. Tief tauchten wir in das geistige und gesellschaftliche Dasein der Umwelt ein, die Emanzipation formte imum. und nichts wäre törichter, als die Arbeit von fünf (ienerationen ans dem Bildungslebeii deutscher Juden ausmerzen zu wollen. Wir bejahen -je, nicht *ü> der nüchternen Erkenntnis heraus, dalt romantische Sehnsucht geschehene (ieschichte nicht ungeschehen machen kann, sondern aus der Überzeugung, dal! nur eine weltoffene Seele ein echtes Leben führt. Aber die Zeit unseres Hiueinwachsens in die moderne Welt fiel zusammen mit der Periode, da man dem vernunftbeftügelten Willen AuRerordentliches zutraute in seiner Macht zur Umformung deeinzelnen, von den Bindungen seiner (iruppe sich lossagenden Menschen. Wir folgten in diesem Glauben nur dem, was wir rings um uns sahen. Wir haben jenen Individualismus, der Qc- hichte, Tradition, Gemeinschaft, überkommenen Brauch aufzulösen drohte, nicht erfunden, sondern sind in vielem weit mehr seine Opfer geworden. Wohl gibt es manche Oruudc, die es verstehen lassen, dali gerade wir diesen Wettlauf der Zeit um die einzelpersönliehe Erhöhung mit besonderem Eifer mitmachten. Dalt gerade judische Litern Werl darauf legten, die Kinder im Berufsleben und in der damit anscheinend verknüpften sozialen Oeltung immer über sich emporzuführen, dalt wesentlich auf individuelle Entfaltung, auf möglii hste AllSSChöpfung der personlichen Kräfte im Interesse eigener I rbenserhöhung gesehen wurde. Denn in jedem Einzelfall erschien das ja geradezu als lugend; und das (iroltartige, das dabei in allen Bezirken menschlicher Kultur erreicht wurde, geschah ja keineswegs bloß zur Befriedigung persönlicher Selbstsucht und Eitelkeit, sondern gereichte oft genug aller Welt zum Segen. Aber was für den einzelnen nicht bloß verzeihlich, sondern geradezu rühmenswert ist, das kann im Blick auf das Ganze ein schwenr Fehler werden. Und daß zu viele unter uns den Blick auf das Qanzt unserer Gemeinschaft nicht mehr hatten, nicht mehr daran glauben wollten, das ist unsere Schuld und die Wurzel unseres Leidens. Nur wenn das klar erkannt wird, können wir genesen. Nur wer sich allein sieht, das eigene, anscheinend ausweglose Schicksal, braue n zu verzweifeln. Wer sich mit unserer großen Gemeinschaft verbünd« n fühlt, so verbunden, daß er ihr Glück oder Unheil als sein persönliches Oeschick erfährt, der weiß zunächst eines: ich stehe nicht allem in der Welt da. Ich kann nicht glauben, daß mein Stamm, von dem als Teil ich mich fühle, seine sittliche Aufgabe schon erfüllt hat Seine Lebenskraft kann noch nicht erschöpft sein; denn der Wille zum Schaffen und Wirken, der sich gerade in seinen Kindern mit gewaltiger Kraft offenbart, ist noch nicht gebrochen. Wenn jetzt unsere Jungen, und zwar die besten und tatkräftigsten voran, zu den Berufen des Ackerbauers und Handwerkers hineilen, dem Beispiel folgend, das seit einer halben Generation die Pioniere eines erneuerten Judentums gegeben haben, so ist dafür gewiß Dich) bloß die Aussichtslosigkeit der bisherigen Wege der Grund. Sondern ebenso wird aus der Not des Ganzen heraus der feste Wille geboren, dienend dem Oanzcn einer verjüngten jüdischen Gesellschaft sich einzuordnen, durch eine wirkliche Lebensreform eine neue jüdische Gemeinschaft zu schaffen. Wir wollen an diesem Tage der Besinnung auf die ganze Weile unseres Schicksals sehen. Werden wir uns bloß dessen bewußt, w.is wir verloren haben, wie die Existenzgrundlagen so vieler erschüttert oder gar aufgehoben sind, achten wir nur auf den steinigen Weg Untrer Jugend, den die Eltern nicht mehr wie einst bequem und wohl gangbar machen können, so hieße das nur rückwärts gewandt schauen. Aber wir erleben noch etwas, was zukunftsverheißend i-1 Schon löst sich aus dem Wirrwarr dieser Tage ein Eindruck ab: die Empfindung zäher Hartnäckigkeit der um die Neugestaltung ihres wirtschaftlichen Daseins ringenden jüdischen Menschen. Ein Geschlecht, das zu Teilen schon erschlafft und zu müder Bequemlichkeit entart t schien, besinnt sich wieder darauf, daß es immer sein Los gewesc ein Mehrfaches von dem leisten zu müssen, was dem Durchschnitt der andern abverlangt wird, um leben zu können. (Iber unsere kotr tuenden Tage, über unsere Zukunft legt sich noch ein dichter Schleier. Aber eins wissen wir alle, ob wir bleiben oder gehen oder wohin am'i wir gehen, ob in das Land der Ahnen oder unter fremdes Voll : unser Dasein wird hart und entbehrungsreich sein; doch die Gewißheit, dalt die grolle Forderung große Kraft in uns auslöst, ist ungehrochm in uns. Wir zählen ein neues Jahr. Gott allein weiß, wer von dene . die durch seine Pforte ziehen, auch sein Ende sehen, und wie sie sehen werden. Was liegt daran? Was uns in seinen Armen trägt, d l Ganze unseres jüdischen Stammes, das bleibt. Seine (ieschichte i-t nicht geschlossen, und-von den Lebenden, Kämpfenden, Arbeitend, i. trotz allem Hoffenden wird abhängen, nicht nur was aus dein Ganzen, sondern was aus jedem einzelnen wird. Wir erfahren die stärkt gemeinschaftliche Prüfung, die einprägsamste Lehre, daß der Mens ii nur im Zusammenhang mit seiner Art, opferbereit sich einordnend in das (icmcinschaftsintcrcssc, vor Gott bestehen kann. Das heißt nie! t. in sich selbst tu mitleidendem Gefühl, in gemeinsamer sentimentaler Klage die Forderung der Solidarität erfüllt sehen; sondern Verlan1' wird, dal! jeder trotz all seiner Not sich verantwortlich weiß für alle. Gemeinsam arbeiten, nicht gemeinsam seufzen! - Mehr als je trä^t heilte jeder Jude unser aller Ehre in seiner Hand. Ob er unter fremden Augen seinem, unserm Geschick mit Würde sich fügt oder nicht, das ist für unser aller Beurteilung von großer Bedeutung. Von größerer aber noch, daß wir in den eigenen Augen bestehen. Wenn wir an unsere Kraft glauben, dann wird sie uns tragen, uns in eine neuen Zeit Wurzel schlagen lassen. Solcher Glaube ist eins mit dem Glauben an den (iott, der dl* Zeiten wendet. Wir stehen in einem Umbruch unsres Schicksalsweg. So bitten wir (iott, den Wegbereiter alles Schicksals, daß er tu* gnädig führe. Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!

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