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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-09-21 · 38 (21.9.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
38 (21.9.1933)
Date
1933-09-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Auflage 4500 Stück ßemeuiö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE7A&! NDE ZU x LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schriftleitung: Oemeinderabbiner Gustav Cohn Leipzig. Walter Blümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfasse: s gestattet. Nummer 38" Jahrgang 9 21. September 1933 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Leipzig Ob, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 607 71. Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. "5694 k^i. * Den tiefsten Sinn unseres Rosch haschanah-Festes erleben wir beim Eintritt in das Jahr 5694 so ursprünglich und unauswcichlicli wie nie zuvor. Unter der schicksalshaften Wucht, die das Leben der Juden im scheidenden Jahre vor ungeahnte Probleme stellte, erfahren wir die Botschaft dieser erhabenen Tage mit machtvoller Eindringlichkeit: allem Ungemach, über das der Einzelne seufzt, aller Heimsuchung, die unsere Gemeinschaft erschüttert, ist die Aufgabe gegenüberzustellen, die Aufgabe, die, im Geiste uralter jüdischer Lebensauffassung, jede Zeit in immer neuer Form stellt, und die um so größer ist, je furchtbarer die Not bedrängt. Was auch über uns gekommen ist, und schiene es, als wäre die Mauer, die vor uns aufgerichtet wurde, zu hoch und zu steil, um überwunden zu werden — nicht rechten dürfen wir, nicht hadern mit dem Schicksal. Der Weltenlenker hat Grolles uns auferlegt, damit wir als groß uns erweisen. Wir sind aus jahrzehntelanger Selbstsicherhcit jäh herausgerissen worden: wir dürfen nicht seelische Kraft verschwenden, um über unser Los zu grübeln. Unsere Vergangenheit zeigt uns, daß wir trotz ailem an der Zukunft nicht zu verzweifeln brauchen; dieses heilige Fest will uns mit Mut wappnen, um für sie einzustehen. Vielen Tausenden wurde die Hoffnung auf einen friedlichen Lebensabend, für den sie lange Jahre sich gemüht, in Frage gestellt: Schofarton ruft auf, in Übung uralter Treue, opferbringend zusammenzustehen, einander zu helfen, soweit wir helfen können, im Lebensmut einander aufzurichten, miteinander zu teilen, damit niemand der Verzweiflung anheimfällt. Jüdische Jugend sieht die Wege versperrt, auf denen sie zu ihrem Ziele hat streben wollen: verständnisbereit müssen wir ihr Tore öffnen, den Boden bereiten helfen, auf dem sie neuen Lebensraum für freie Entfaltung ihrer Kräfte findet, sie zu frohem Schaffen in neuer Lebensform fördern. Und für all dies: rückhaltloses Einstehen für unsere Gesamtheit, aufrechtes Bekennen zur alten heiligen Lehre muß auch die Fernstehenden wieder den Weg zur Gemeinschaft finden lassen, der sie sich entfremdet hatten. Das ist die Lehre dieser Tage: Schicksal soll der Jude nicht tatenlos hinnehmen; es soll seine Kraft beschwingen. Aus großem Leid soll große Stärke wachsen. „Not", das lehrt der weise Akiba, „die über Einen kommt, ist wahre Not; Not aber, die alle trift, ist keine Not". Ist dann keine Not, wenn die Gemeinde zusammensteht. Wir geben uns keiner Täuschung hin: ein schweres Jahr löst das alte ab. Doch das soll uns nicht schrecken. Glauben wir an uns selbst, wie unsere Väter an sich geglaubt haben. Unterdrücken wir das Zagen. Bleiben wir standhaft. Wirken wir zielbewußt für die Aufgabe, die vor uns steht. Statt eines Wunsches zum Jahresbeginn stellen wir eine Forderung: die Forderung, unsere Gemeinde, unsere Gemeinschaft nicht aufzugeben. Für sie wollen wir alle unsere Kräfte einsetzen: damit wird der Segen des Jahres 5694 begründet. Leipzig den 1. Tischri 5694. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig \ \ \ \ \ f «-♦——♦——«.—-'♦-»—♦——♦-»-■♦—-"♦——♦-» Weise Worte über Israels Leiden. Das Bette, was (iott Israel gegeben hat, hat er ihm durch Leiden gegeben. Beresch. rabba *). Wenn sich die Gesamtheit in Not befindet, darf der einzelne nicht sagen: Ich will nach Hause gehen, ilall ich da esse und trinke, titul friede mit dir, meine Seele . . . Vielmehr muH er au der Not der Oeaamthctt Anteil nehmen. Taauith Ha. Daß Zusammcnlcidcn ein stärkeres Hand der Vereinigung ist als Zusammengenießen oder selbst Zusammenwirken, das ist eine psychologische Tatsache, welche sich in der Geschichte der Völker vierfach, aber in u>r des jüdischen Stammes vielleicht am meisten und am häufigsten bewahrt hat. Nichts haben deshalb die Rahhincu so hart verlernt als die egoistische AhschlicfUmg von einem öffentlichen Leide; diese Abschlicftimg verzichtet auf den wahren Adel des Menschen. Hajin Stcinthal, Ethik des Judentums 1. 262. Die jüdische Geschichte hat darin ihre Tragik gehabt und hat darin ihren Sinn und ihre Wurde immer wieder gewonnen. Sie ist ilie Oesenichte eines Erwihlens. einer Entscheidung für Gott und schon darum eine Geschichte voller Leid. Die Fülle der Not lind der Frage, die über das jüdische Volk gekommen ist und durch seinen Weg und durch die Wege der Menschen ringsumher, hat es nie innerlich herabzudrücken vermocht. Ls ist nie zum bloßen Objekt der (ieschicke geworden; es ist Urheber gebliehen, sieh entschließend, seelisch aufgerichtet auch im Elend nie ein Duldender bloß, sondern immer ein Tragender. In der Geschichte, die das Geschehnis nur kennt, ist es das Umhergeworfene, ein bloßer Gegenstand, der Spielball der Völker, sein Dasein ein Dasein des Leidens; in ihr Geschichte, die das seelische Vermögen und Handeln, ilie überwindenden Ideen sucht, ist es ein Bestimmendes und Verwirklichendes, eine Persönlichkeit, die ihre Hahn geht, sein Leben ein Leben des Vollbringens. So spricht aus dieser Geschichte ein große Ehrfurcht; sie besitzt ihren Adel, wenn anders wahrer Adel die Einheit von Erbe und Leistung ist, von (Haube und Tat, von (iewordensein und Erfüllen. Jedem Menschen weist die Religion solchen Adel, solchen Sinn seines Daseins zu, dieses Bewußtsein vom Eigenen und diesen Willen /um Eigenen. Das, was (iott, der Schöpfer, gegeben, und das, was er, der Gebietende, fordert, ist das Leben des Menschen. Durch dieses Leben haben die Jahre des Judentums, auch die seines Leidens, ihre Geschichte; Geheimnis und Gebot geben ihnen die Lebensgewißheit, die Lebenswürde. Itaeck, Das Wesen des Judentums, S. I5'2f.

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