Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-09-01 · 35 (1.9.1933) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
35 (1.9.1933)
Date
1933-09-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4876568-5968810-5969371--4777-4881838
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 2 GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG 1. September 1933 same, vorschriftsmäßige, systematische rempo der Aufbauarbeit Erez Israels, so intensiv und fruchtbringend und erfolgreich es nach innen sein mag, als ein nach außen unmögliches, die wartenden Massen aufreizendes und nach allen Richtungen unbefriedigendes Schneckentempo erscheinen. Dieser Gegensatz lallt sich /um Teil in dem Unterschied /wischen der Zahl derjenigen, die Zertifikate verlangen, und derjenigen, die sie erhalten, ziffernmäßig feststellen.. Für die Lösung dieses Problems gibt es zwei Wege, einen leichten und einen schweren, einen momentan populären, interessanten, sensationellen, aber in der Folge nutzlosen und zu Enttäuschungen mit fataler Notwendigkeit führenden, und einen momentan scheinbar ruhigen, ernsten, ungeheuere Geduld und Ausdauer erfordernden, der aber der einzige ist, der /um Ziele fuhrt. Der leichtere Weg ist das Opium des inneren Streitens und des Sichaufregens, das ewige Protestieren, die Pikanterie der leidenschaftlichen Polemik, oder das Wecken übertriebener Hoffnungen aut dieses oder jenes vorgeschlagene Mittel. Der schwere Weg hingegen ist die Ver/ehnfachung der Arbeit unserer Organisation und ihrer Institutionen: des Keren Kajemeth, des Keren hiaiessod, des neugegründeten Keren Hahazzalah, die unaufhörliche Aufklärungsarbeit, die schwere und kostspielige Arbeit der Erziehung, die Übermenschlichen Anstrengungen, das ganze jüdische Volk zionistisch zu orientieren, die Aufrechterhaltung unserer guten Beziehungen zur Außenwelt und deren systematische, intensive, wenn auch nicht geräuschvolle Ausgestaltung usw. Wir haben den schweren Weg gewählt, weil er der einzige ist, der /um Ziele führen muß. Wir wollen die Synthese und das Gleichgewicht. Am Dienstag, den 22. August, vormittags begannen die Arbeits- Sitzungen. Prof. Selig Brodetsky gab in seinem politischen Referat einen Oberblick über die Entwicklung der englischen Palästinapolitik seit dem letzten Kongrell, stellte fest, daß in der Haltung der Mandatarmachl /um jüdischen Palästinaaufbau seither eine entscheidende Wendung /um Besseren eingetreten ist, gab aber gleichzeitig seiner tiefen Besorgnis im Hinblick auf gewisse, teils bereits getroffene, teils geplante Maßnahmen, durch die Bodenkauf und Einwanderung erschwert werden, Ausdruck. Mit allem Nachdruck betonte Brodetsky, daß der Palästinaaufbau nur sinnvoll sein könne als Versuch zur Lösung der Judenfrage durch Massenkolonisation. Zum Schluß betonte er die Wichtigkeit einer Aktion zur Aufklärung der Weltöffentlichkeit über die Lage des jüdischen Volkes und die Bedeutung Palästinas für seine Erlösung. Im der Nachmittagssitzung erstattete das Mitglied der Executive H. Farbstein sein Referat über Mittelstandssiedlung und Industrieförderung. Er bezeichnete es als bedauerlich, daß der Mittelstandseinwanderung bisher nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Auf den Einwanderer aus der Mittelstandsklasse, den „kleinen Mann", sehe man wie auf einen Bettler herab. Es müsse dafür gesorgt werden, daß die Klcinindustrie neue Erzeugungen aufnimmt. In den letzten zwei Jahren habe sich die Zahl der Unternehmungen der Kleinindustrie in Palästina verdoppelt, die der in ihr beschäftigten Arbeiter vervierfacht und das Kapital verzehnfacht. An der Hand von Zahlen gab Farbstein einen Oberblick über die Entwicklung der jüdischen Industrie in Palästina in den letzten II Jahren. Die Zahl der Unternehmungen betrug 1422 23 1S5S, 1930 2230 und 1933 (die Zählung ist noch nicht vollständig durchgeführt, so daß sich das Endergebnis noch höher gestalten dürfte) J281. Die Zahl der in den industriellen Betrieben Beschäftigten betrug in diesen Jahren 458(1, 11 (MIO und 16 192, wozu noch 1500 Personen kommen, die in bereits fertiggestellten, aber noch nicht betriebenen Fabriken arbeiten, und 500, die demnächst noch in die bisherigen Betriebe eingestellt werden sollen. Das investierte Kapital betrug in den entsprechenden Jahren 118000, 22115000 und 4598083 Pfund. Der größte Teil dt*- jüdischen Industrie -ei in Tcl-Aviv und seiner Umgebung konzentriert. Nur in Haifa gebe es noch einige große Unternehmungen, in Jerusalem fast gar keine Industrie. Diebeeinträchtige einerseits infolge der Konkurrenz die Produktion und hemme andererseits die Entwicklung der Industrie im ganzen Lande. Man müsse daher die Einwanderung stärker als bisher an Ilaifa. Jerusalem, Afuleh, Tiberiaa und Safed interessieren. Durch Errichtung der Wasserleitung in Jerusalem mit Hilfe der neuen Palästinaanleihe und Herabsetzung des Preises für elektrischen Strom wurden bisherige Hindernisse Für die Entwicklung der Industrie in Jerusalem wegfallen. Zum Schluß führte Farbstein noch einige Neugründungen an. die in nächster Zeit auf industriellem Gebiet erfolgen werden. Mit den Unternehmern steht das Department für Industrie und Handel in persönlichem oder brieflichem Kontakt. Fs handelt sich um eine Gießerei mit einem Kapital von lOOOO Pfund, eine Bierbrauerei (70000 Pfund), «ine Spinnerei und Weberei (30000 Pfund), zwei Orangenkistenfabriken (5oooo Pfund), eine Nagel- und Drahtf.thrik D0000 Pfund), eine Konservenfabrik (10000 Pfund) und eine weitere Fabrik mit einem Kapital von I5IKHI Pfund. In der Reihe der Referate, die über Wirtschafts- und Koloiüsatiousfragen erstattet wurden, fand dei Vortrag des amerikanischen Mitgliedder Executive I inanuel N e u m a u, der über die Rolle der Privatinitiative beim Palästina-Aufbau sprach, die Bedenken gegen zu -tarke Betätigung freien I Internehmergelstes zu zerstreuen suchte und ichließüch bei der Aufstellung praktischer Richtlinien für Einwanderung und Kolonisation die Anwendung jener Methoden forderte, die in der kurze-teii Zeit die Absorption der größtmöglichen Zahl von Einwanderern gewährleisten, starke Beachtung. Die Errungenschaften der letzten Jahre seien vor allem das Ergebnis privater Unternehmertätigkeit und der Investierung von Privatkapital. Die Wichtigkeit dir Privatinitiative -ei somit erwiesen. Den Berieht über Nationalfonds-Arbcit und zionistische Bodenpolitik hielt M. M. Usslschkin. Fr kritisierte scharf die Haltung der Palästinaregierung gegenüber den jüdischen Siedlungsbestrebungen, vor allem im der Bodenkauffrage, und sagte der Bodenpolitik der Regienuig diu Kampf an. In den letzten 20 Monaten seien aus privaten und nationalen Mitteln in Palästina 44(Hill Dunam neuen Boden» angekauft worden und in jüdischen Besitz übergegangen. Wer die politische Lage kenne, werde dieses Ergebnis richtig einzuschätzen wissen Die Regierung habe, obwohl sie auf Grund der Mandatsbestimmungeu hierzu verpflichtet wäre, in den letzten 15 Jahren keinen einzigen Duuam staatlicher Ländereien für jüdische Kolonisation zur Verfügung gestellt, sie habe sogar dem privaten Bodenerwerb durch Juden Hindernisse in den Weg gelegt. Deshalb schlage er vor, daß man einen Kampf mit der Regierung um den Boden Palästinas eröffne. Ein Referat über die Lage der Juden in allen Ländern der Diaspora in der Art der Kongrcßrcden Max Nordaus, an dessen Vorbild er einleitend anknüpfte, hielt der Präsident der Zionistischen Organisation Nahmt Sokolow. Er beschäftigte sich zunächst mit der Lage der Juden in Rußland und Polen und wandte sich dann der Lage der Juden in Deutschland zu. Wenn von Minderwertigkeit der jüdischen Rasse gesprochen werde, so seien nicht nur die deutschen Juden, sondern das ganze jüdische Volk betroffen. Die Unterschiede zwischen Rassen oder Nationalitäten hinwegleugnen zu wollen, erklärte Sokolow, ist sinnlos. Wir wollen nicht die Welt in einen kosmopolitischen Urbrei verwandeln und in einem Orkus verschwinden sehen, in dem alles National-Individuelle vom Allgemeinen verschlungen wird. Dem schwergeprüften deutschen Volke Segnungen gedeihlichen friedlichen Fortschrittes zu gewähren, wer von uns würde sich nicht dafür begeistern? Was wir ablehnen, ist die neue Form des Antisemitismus, die sich dort offenbart. Als eines der ältesten Kulturvölker, als das Volk der Bibel und der Zehn Gebote, als das Volk der Treue zum Geist und zur Sittlichkeit erheben wir, so erklärte Sokolow, Protest gegen die These von der angeblichen Minderwertigkeit unserer Rasse; wie wir weit davon entfernt sind, andere Rassen herabzusetzen, so protestieren -wir vor aller Welt dagegen, daß man unsere Rasse herabsetzt und schmäht. Sokolow legte auch Verwahrung ein, daß gegen die Juden mit Argumenten, die aus einem bisher mit Verachtung ignorierten Machwerk, den gefälschten sogen. „Protokollen der Weisen von Zion", genommen werden, gekämpft wird. Es ist ein Wahn, sagte er, von Plänen einer jüdischen Weltherrschaft ZU sprechen. Das jüdische Volk, überall in der Minderheit, in seinen großen Massen verelendet, schwer um seine Existenz ringend, sucht sich aus der anormalen Lage der Gallith zu befreien, indem es sein National heim in der alten Heimat wieder aufbaut. Wir Zionisten streben danach, die Kräfte aller Juden auf dieses Ziel zu konzentrieren, in der Überzeugung, daß dadurch auch die Lage der Juden in den anderen Ländern erleichtert wird. Die Schaffung einer neuen Existenz als Volk von Arbeitern und Bauern, von Handwerkern und Geistesarbeitern, ist das Ziel unserer Bestrehungen. In die Angelegenheiten anderer Völker wollen und werden wir uns nicht einmischen, am allerwenigsten wollen wir andere beherrschen. Zum Schluß seines Referats gab Sokolow der Hoffnung Ausdruck, daß die gesteigerte Not ein Ansporn zur Sammlung und Vereinigung aller jüdischen Kräfte sein werde. Man müsse auch die Gleichgültigen und Matther/igen begeistern und unter Zions Banner vereinigen. Daun dürfe man getrost in die Zukunft blicken und die Stunde der Not als Stunde der Wiedergeburt preisen. Ober den Verlauf der Generaldebatte und die Beschlüsse des Kongresses folgt ein weiterer Bericht. Umschau. Jüdische Kriegsopferversorgung. Der Reichsbuud jüdischer Frontsoldaten hat die aus den bisherigen Kriegsbeschädigten-Verbänden ausgegliederten jüdischen Kriegsopfer (Kriegsbeschädigte, Kriegerwitwen und Kriegerwaisen) auf Wunsch des Nationalsozialistischen Rcichsverband.es Deutscher Kriegsopfer aufgenommen. Die Wahrnehmung ihrer Rechte, vor allem ihrer Rechtsstellung in der künftigen Versorgungsgesetzgebung liegt nunmehr dem Rcichsbund jüdischer Frontsoldaten ob. Diese Aufgabe ist nur durchführbar, wenn die über das ganze Deutsche Reich verstreuten jüdischen Kriegsopfer in einer straffen Organisation zusammengefaßt werden. Zu diesem Zwecke bittet der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten die jüdischen Kriegsopfer usw., sich umgehend hei der ihrem Wohnsitz zunächst liegenden Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten e. V. zu melden, und sich dort den Fragebogen zur Ausfüllung aushändigen zu lassen. „Abgesonderte und abgelegene" Plätze für jüdische Markthändler. Berlin. Einem Beschluß des Magistrats von Fürstenwalde a.d. Spree zufolge werden jüdischen Händlern während des dort am 23. August stattfindenden Jahrmarktes Plätze an einer abgesonderten und abgelegenen Stelle angewiesen werden. Nordseebäder gegen jüdische Gäste. Wie das VDZ-Büro mitteilt, hat die Badeverwaltung des Nordseebades Norderney im Saal des Kurhauses ein Schild mit folgender Inschrift anbringen lassen: „Die deutsche Frau tanzt mit keinem Juden!" Einer weiteren VDZ-Meldung zufolge hat eine Münchener Schwester im Nordseebad Juist eine Sandburg mit einem aus Sand geformten Hoheitszeichen errichtet. Von unbekannten Tätern sei dieses Hoheitszeichen nachts zerkratzt worden. Unter der Bevölkerung sei darüber eine ungeheure Empörung entstanden. Auch die Kurgäste hätten die Entfernung der jüdischen Kurgäste von der Insel gefordert. Da die Tater nur in jüdischen Kreisen zu suchen seien, habe der Bürgermeister angeordnet, daß sämtliche der jüdischen Rasse angehörende Kurgäste die Insel sofort zu verlassen hätten. Daraufhin hätten sieben Juden und Jüdinneu bzw. mit Juden Verheiratete Juist verlassen müssen. Auf die Ergreifung der Täter sei eine Belohnung ausgesetzt worden. Auch die Kurgäste wollten eine Geldsaramlung für den Ermittler des Täters einleiten. Die „Protokolle der Weisen von Zion" eine bewußte Irreführung Der Oherrabbiner von Stockholm, Dr. Marcus Ehrenpreis, veröffentlicht folgende Erklärung: Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.