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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-09-01 · 35 (1.9.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
35 (1.9.1933)
Date
1933-09-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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7 ",A} Auflage 4500 Stück f fJMh\ DER ISRAELITISCHEN RELIGION*GEMEIN DE Zt>'! , '* / P.S \ ' LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schriftleitung: Oemeinderabbiner Oustav Cohn Leipzig. Walter Blümel-Str. 10. - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassen gestattet. Nummer 35 ■ Jahrgang 9 1. September 1933 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Leipzig O 5, Cichoriusstraße 2 a, Fernsprecher Nr. 607 71. Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig Cl. Der 18. Zionistenkongreß Nach den Berichten der ITA Die am Abend des 21. August im Theater Lucerna tu Prag stattgefundene feierliche Eröffnung des 18. Zionistenkongresses gestaltete sich zu einer machtvollen Kundgebung jüdischen Erneuern ugswi Ileus und war von dem tiefen Ernst vollen Verantwortungsbewußtseins angesichts einer besonders kritischen Lage der Judenheit in den Ländern der Zerstreuung getragen. Das Interesse, das die breite Öffentlichkeit diesmal der Tagung der obersten Instanz der zionistischen Bewegung entgegenbringt, übertrifft womöglich noch die gespannte Aufmerksamkeit, mit der sonst die öffentliche Meinung den Verhandlungen des Kongresses folgt. Der Andrang zur Eröffnungssitzung war außerordentlich. 50U0 Menschen füllten den festlich geschmückten Saal, während weitere 2000 vor dem Kougreßgebäude vergeblich Einlaß suchten. Ein Aufgebot von über 200 Schutzleuten und eine grolSe Zahl von Geheimagenten waren bereitgestellt, hatten jedoch keinerlei Gelegenheit einzugreifen. Im Umlauf gewesene Gerüchte über Störungsabsichten gegnerischer Kreise hatten sich nicht bewahrheitet. Der musterhafte Verlauf der Eröffnungssitzung und die Ruhe in der Umgebung des Kongreßgebäudes wurden nirgends gestört. Die Versammlung im Saale bot ein eindrucksvolles Iii Kl. Auf der Kongreßtrihünc hatten neben den früheren Persönlichkeiten der Bewegung, der Executive und den Mitgliedern des Aktionscomitees, eine große Zahl ausländischer Diplomaten und Repräsentanten jüdischer und nichtjüdischer Körperschaften in einer besonderen Reihe Platz genommen. Die Eröffnungsrede des Präsidenten der Zionistischen Organisation Nahum Sokolow, der in hebräischer Sprache begann und jene Stellen seiner Ausführungen, die sich auf aktuelle Ereignisse im Gegenwartsschicksal des jüdischen Volkes bezogen, sofort selbst ins Englische übersetzte, wurde mit atemloser Spannung angehört. Sein Appell, das Werk der nationalen Wiedergeburt im Interesse der Befriedung der gesamten Menschheit zu beschleunigen, war von tiefer Wirkung. Namens der englischen Regierung begrüßte Gesandter Gurncy den Kongreß und gab die Versicherung ab, daß England jederzeit bereit sei, die ihm durch das Palästinamamlat übertragene Aufgabe /u erfüllen. Der Vertreter der tschechoslowakischen Regierung, Pavlu, hielt eine französische Begrüßungsansprache, in der er die Bedeutung der zionistischen Bewegung als der Trägerin des jüdischen Freiheitswillens würdigte und ihre Wichtigkeit gerade im gegenwärtigen Augenblick unterstrich. Warme Begrüßungsworte für den Kongreß fanden auch der Repräsentant der Stadt Prag und die Vertreter der verschiedenen Organisationen. Solidaritätserklärung des Board of Deputies. Besonderen Eindruck machte eine vom Präsidenten des Jewish Board of I >epntics, Neville Laski, namens des Board abgegebene Erklärung, die ein Bekenntnis dieser repräsentativen englisch-jüdischen Körperschaft zu den Zielen und Aufgaben des Zionismus enthielt und allgemein als Symptom dafür gewertet wurde, daß die Bestrebungen, eine Lösung der jüdischen Gegenwartsfragen durch Kon/entrierung und Produktivierung eines möglichst großen Teiles der Judenheit in Palästina herbeizuführen, im Begriffe sind, Gemeingut der Gesamtjudenheit zu werden. Eine tief empfundene Gedenkrede auf das in so tragischer Weise ums Leben gekommene Mitglied der Zionistischen Executive Dr. Chaim Arlosoroff hielt der palästinensiche Arbeiterführer und Hauptschriftleiter der Tageszeitung „Dawar" Berl Katzenelson, der erklärte, Arlosoroffs Geist wirke unsterblich in der Bewegung fort und sei auch in dieser Versammlung zugegen. Die Behandlung der durch die Entwicklung der letzten Zeit dringlich gewordenen Fragen verstärkter Einwanderung' nach und Siedlung in Palästina durch den Kongreß wurde von einer Unterkommission geregelt, die das Aktionskomitee zum Zweck des Studiums der jüdische Lage in den Gebieten starken Auswanderungsdranges und der Aufstellung eines Programmes für unmittelbare Abhilfe einesetzt hat. Dieses Problem der Massenauswanderung und Massen - olonisation, das, wie wiederholt angekündigt, im Mittelpunkt der Beratungen des Kongresses stehen wird, wurde bereits in der großange legten Eröffnungsrede Sokolows angeschnitten. Sokolows Rede stellte gleichzeitig eines der beiden Hauptreferate dar, die diesem Problem auf Grund vorheriger Regelung durch das A. C. resp. seine Unterkommission gewidmet sind, und behandelte die politische Seite der Frage, während die Erörterung der wirtschaftlichen Momente, die bei der geplanten großen Aktion in Betracht kommen, Dr. Arthur Ruppiu vorbehalten wurde, dem Fachmann der Jewish Agenev für wirtschaftliche und soziologische Fragen und langjährigen Leiter der Kolonisationsarbeit ner Zionistischen Organisation in Palästina. Nahum Sokolow sprach Worte der Begrüßung für die Mitglieder des Kongresses, für den Präsidenten der tschechoslowakischen Republik Masär^k, den König von England und die erschienenen Vertreter Frankreichs, Polens, der Niederlande, Italiens, Amerikas und die übrigen Diplomaten, und führte dann IL a. aus: Wir versammeln uns diesmal in einer Zeit der Not und des Leidens. Die ganze Tragödie der 2000 jährigen Gallith hat sich unseren entsetzten Blicken entschleiert. Die Fundamente der Emanzipation sind wie von einem Erdbeben erschüttert und durchwühlt. Wir stehen vor den Trümmern der Judeneman/ipatiou in einem der größten Staaten der Welt. Ein Gebilde, an dem Generationen gebaut haben, ist plötzlich von einem Sturm hinweggefegt worden. War dies, fragte Sokolow, wirklich to plötzlich, so unvorausgesehen, so unmöglich vorauszusehen? Schon vor 36 Jahren sah Theodor Her/1 mit höchster Sorge diese antisemitische Lawine herannahen. Seine Judenstaatsformel war so trostlos notwendig, so verzweifelt folgerichtig, weil er alles klar vorausgesehen, weil er einen feinen Instinkt für die Stimmungen der Massen und der Parteien in der Welt hatte. Die Zeit drängt, mau fühlt den Boden unter den Füßen wanken. Was nicht zu spät ist, muO jet/t nachgeholt werden. Ist es möglich, dal! so verhängnisvolle Erfahrungen dal Gemüt eines so empfindsamen Volkes, wie des umtrigen, unberührt lassen sollten? Wir sind hier versammelt, um diese Frage tu beantworten. Der Sinn des Zionistenkongresses besteht eben darin, dal! wir öffentlich vor der Welt mit unseren Gedanken, Empfindungen, Klagen, Forderungen, Stärken und Schwächen auftreten. Dies soll besonder! der Sinn unseres jetzigen Kongresses sein. Her/1, dessen großer Schatten noch heute unser heimlicher Führer ist und dessen Oeist auf uns niederbückt, sagte in seinef ersten großen KongreBrede: „Oberall soll man erfahren, was der Zionismus in Wirklichkeit ist: eine gesittete, gesetzliche, menschenfreundliche Bewegung nach dem alten Ziel der Sehnsucht unseres Volkes." Das waren die Worte Herzls. Der Zionismus, fuhr Sokolow fort, muß heute im Lichte der neuen Situation eine Angelegenheit des ganzen jüdischen Volkes und der gan/en zivilisierten Menschheit werden. Wir sind jet/t bei einem neuen Abschnitt unserer Qaluthentwicklung angelangt. Es muß jet/t im Verhältnis der Welt /u uns Wandel geschaffen werden, es kann nicht beim Alten bleiben. Die Zionsidce muß jet/t wieder als Lösung der Judenfrage wie ein neues Tageslicht vor der ganzen Öffentlichkeit aufsteigen! Möge dieser Kongreß dem ersten Baseler Kongreß von 1897 in seinem kräftigen Anpacken der Judenfrage, in seinem Universalismus, in seinem mächtigen Ruf an die Menschheit gleich sein! Erfüllt vom Ernst des Augenblicks, richtet die gegenwärtige zionistische Tribüne, in aller Schärfe, von der Höhe eines unpersönlichen Objektivismus, aber mit einem Verantwortungsgefühl, das über Leben und Tod einer Nation entscheidet, folgende Frage an die zivilisierte Welt: Wie denkt ihr euch die Sicherung der weiteren Existenz des jüdischen Volkes, da man die Axt an die Wur/el seines Daseins gelegt hat? Soll dieses Volk immer und ewig von Land zu Land, seines historischen Landes beraubt, umherirren? Die Tragik unserer Lage können wir weder durch Entmutigung und Selbstbedrückung, noch durch Aufregungen und leidenschaftliche Reden überwinden. In dieser schicksalsschweren Zeit dürfen wir weder an der Menschheit, noch an uns selbst verzweifeln. Unsere jetzige Tragödie besteht in Folgendem: Das in unserem Volke blitzschnell steigende Tempo des Anwachsens eines positiven dringenden Bedürfnisses nach Heimat, läßt notwendigerweise das lang- R Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!

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