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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-07-21 · 29 (21.7.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
29 (21.7.1933)
Date
1933-07-21
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 OEMEINDEBLATT DER ISRAELIT ISCHEN RELlülONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 21. Juli 1Q> Jüdische Zeitschau. Deutscher Industrie- und Handelltag gegen Boykott jüdischer Großhandelsflrmcn. Trotzdem: Noch immer nntijüdischc BoykottmaBnahmen in Deutschland. Die „Deutsche Goldschmiedezeitung'' veröffentlicht folgende Zuschrift einer Großhandelsfirma des Goldichmiedegewerbes: Durch einen langjährigen treuen Abnehmer war mir zu Ohren gekommen, dal. in seiner Innung von einem Mitglied der Antrag gestellt wurde, den Mitgliedern bei Androhung einer Strafe zu verbieten, von Großhandelsfirmen, deren Inhaber jüdischen Glaubens sind, Waren zu beziehen, Dieser Antrag war, da eine Verständigung bei den Mitgliedern nicht zu erzielen war, zurückgestellt worden. Angesichts der unübersehbaren I olgen eines derartigen Beschlusses hielt ich es für geraten, mich an die Handelskammer für den Amtsbezirk Pforzheim zu wenden. Die Handelskammer erhielt von ihrer Spitzenorganisation (dem Deutschen Industrie- und Handelstag) folgende Antwort: „Betrifft Judenfrage. Das Schreiben der Kammer vom 19, Mai hat iin< Veranlassung gegeben, uns mit dein Reiehsministeriuni für Volksaufklärung; und Propaganda in Verbindung zu setzen .Die Auffassung des Ministeriums geht dahin, daß c* sich bei dein von der Kammer angeführten Fall wohl nur um den Antrag einer Einzelpersönlichkeit handelt, der kaum von der Innung angenommen werden dürfte, andernfalls würde sich die Innung zu den Absichten der Verlautbarungen der Regierung in Gegensatz setzen. Sowohl der Herr Reichskanzler wie andere Mitglieder der Reichs- und preußischen Regierung haben wiederholt erklärt, dali jeder bei der Mitarbeit an Deutschlands Wiederaufbau willkommen sei. der guten Willens ist. Solange also ein Geschäftsmann nicht gegen die bestehenden Gesetze verstößt, liegt kein Grund vor, irgendwelche Sondermaßnahmen gegen ihn zu treffen. Es bestehen bekanntlich für die Juden keinerlei Ausnahmegesetze auf wirtschaftlichem Gebiete. Lediglich die Zulassung zu Beamtenstellen usw. ist durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Bcrufsbeamtentums und das Gesetz gegen die l'bcrfüllung der Hochschulen und Schulen neu geregelt worden." Die „C.V.-Zeitung" weist darauf hin, daß im Widerspruch hierzu noch immer vereinzelte Boykottaktionen vorkommen. So zitiert die „C.V.-Zeitung" folgende unter dem Titel „Lin Schandpfahl auf dem Quedlinburger Marktplatz" erschienene Notiz des Quedlinburger Kreisblattes: „Wie wir hören, wird im Laufe der nächsten Wochen, ähnlich wie in Wernigerode, auf dem Marktplatz ein Schandpfahl errichtet. Der Ortsgruppen-Kampfbund-Obmarui Klietmann (Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes) hat bereits eine Liste derjenigen aufgestellt, deren Namen an diesem Schandpfahl angeprangert werden sollen. Hoffentlich werden nun die Übertretung des Rabattgewährungsverbotes als auch die Preisschleuderei sehr bald aufhören. Auch die Hausfrauen, die sich noch immer nicht an deutsche Geschäfte gewöhnen können, müssen sich in Zukunft etwas vorsehen." In Westfalen („Recklinghausener Zeitung" vom 23. Juni und „Großdortmunder \nzeiger" vom 22. Juni) und in Bochum wird den Parteigenossen das Betreten von Warenhäusern streng verboten. „Wer trotz dieser Anweisung beim Betreten solcher Geschäfte angetroffen wird, hat den sofortigen Ausschluß aus der NSDAP zu erwarten." I einer gibt es noch an einzelnen Orten Boykottpostcn, und in Corbach (Waldeck) werden sogar die Namen derjenigen, „die sich national nennen und trotzdem schamlos genug sind, bei Juden zu kaufen", in einem Schaukasten an der Hauptstraße veröffentlicht. Zusammenschluß der jüdischen Arbeitnehmer Deutschlands. Der im Jahre 1926 gegründete Bund der jüdischen Arbeitnehmer in Berlin hat sich im Hinblick auf die nach der Gleichschaltung aller Gewerkschaften für jüdische Arbeiter bestehende Unmöglichkeit, ihren bisherigen Berufsorganisationen anzugehören, die Aufgabe gestellt, die jüdischen Arbeitnehmer zu sammeln und ihnen eine Interessenvertretung zu bieten, /u diesem /weck mußte eine Umorganisierung des Bund« s vorgenommen werden, für die die polizeiliehe Erlaubnis bereits gegeben wurde. Nunmehr wendet sieh der Bund an die jüdische Öffentlichkeit in einem Aufruf, in dem es heißt: „Wir winden uns an alle Juden, die unter der Not der Zeit leiden! Ihre Aufmerksamkeit muH -ich dem Schicksal der jüdischen Arbeitnehmer zuwenden, die mindestenzwei Drittel aller deutschen Juden darstellen. Die jüdischen Arbeitnehmer haben zu einem sehr grollen teil die Arbeitslosigkeit bereits vor der Staatsumwälzung kennen und fühlen gelernt. Sie sind diejenigen, die von der Staatsumwälzung am schwersten getroften worden Sind. Unzählige haben ihre Stellen bei staat und Gemeinden auf Gmnd der gesetzlichen Bestimmungen verlassen müssen. I*ausend< sind aus Privatbetrieben entfernt worden, weil der Arbeitgeber ihre Weiterbeschäftigung nicht mehr verantworten zu konneu glaubte. Was -oll aus allen diesen Menschen werden? VI ir wenden uns besonders in die jüdischen Arbeitnehmer selbst. Sit müssen -ich zusammenschließen, sie können ihr und ihrer Kollegen Schicksal nur durch t itige Zusa......enarbeit gestalten. Wir rufen - C auf, sich vollzählig zu organisieren, um alle Kralle verfügbar zu machen. Wir wollen den Weg der jüdischen Selbsthilfe gehen. Es ist selbstverständlich, dali uns hierbei als oberster Grundsatz der Gedanke leiten wird, die < |c -c tze und Gebote de- Staates voll zu respektieren. \Xir lind deshalb auch keine Gewerkschaft im bisherigen Sinne, da uns jeder Kampfgedanke lernliegt. Wir wollen nur denjenigen Arbeitnehmern, denen der Zutritt zu der Arbeitsfront untersagt ist, die Möglichkeit geben, in einer eigenen Organisation ihre Interessen zu vertreten, Rat und Hilfe zu fordern und in gemeinsamer Arbeit mit den jüdischen Organisationen die größtmöglichste Zahl von Arbeitsplätzen fui die jüdischen Arbeitnehmer zu erhallen und /u beschaffen. Deshalb, jüdische Arbeitnehmer aller jüdischen Ric hingen: Hinein in den Bund der indischen Arbeitnehmer! "((leschäftsstelle: Berlin NOiö, Jablouskistraße 8, bei Krisch. Ii Gründung von Ortsgruppen ist in Vorbereitung.) (JTA.) Reichsverband des jüdischen Mittelstandes. Am 15. Juni wurde Berlin der „Reichsverband des jüdischen Mittelstandes" gegrfindei Aus der Entwicklung in den letzten sechs Monaten war hei viel. Tausenden von Geschäftsleuten, Gewerbetreibenden und Angehörigi der freien Berufe der Wunsch nach einem engeren wirtschaftlich! Zusammenschluß entstanden. Der Verband sieht seine Hauptaufgal darin, zur Fxistcuzcrhaltutig judischer Menschen beizutragen uu I die Interessenvertretung in wirtschaftlichen und lebenswichtigen Fr; - gen des gesamten jüdischen Mittelstandes zu werden. Der Verbau soll eine Parallelorganisation des Zentralverbandes jüdischer Hanc werker Deutschlands werden, dessen Führer sich der neuen Organisation auf Grund ihrer langjährigen Erfahrungen in allen den Jüdischen .Wittelstand betreffenden I ragen zur Verfügung gestellt habei Das Präsidium setzt sich zusammen aus den Herren Wilhelm Marcus Louis Wolff, Alfred Jaulus, Martin Kallmann, Alexander Skurnik. Der: Beirat gehören an: Robert Outheim, Franz Katzenstein, Fritz Vogc I I isuer, IL (iornitzki, B. Jordan, Lothar Mevyow, Salo Metz. Das Verbandsbüro befindet sich vorlaufig: Berlin NO 18, Große Frankfurler Straße Sil 81 (Louis Wolff). Gömbüs' revidierter Standpunkt. Die im In- und Auslände Au: sehen erregende Aussprache über S t a a t s b ü r g e r t ll in und Volkstum in der „Brücke" des Berliner Tageblatts rief in den verschiedenen europäischen Hauptstädten eine Reihe von Äußerungen hervor, di< außerordentlich beachtenswert sind. Besonders darf die Aufmerksamkeit auf einen Bericht über die Stimmung in Budapest gelenkt werden. In diesem heißt es: Welcher Wandel der Auffassungen sich seit den revolutionären Ereignissen der 211er Jahre vollzogen hat, is! auch aus der Tatsache zu entnehmen, daß fast alle extremen Politiker jener Jahre (Rassenschützler, erwachende Ungarn usw.) sich sei? langem schon auf einer gemässigsten Linie bewegen. Ein in die Auge:: springendes Beispiel stellt wegen seiner hohen Staatsstellung der gegenwärtige ungarische Ministerpräsident Julius von Qömbös dai. der bekanntlich früher eine führende Persönlichkeit des Rassen- Schutzes — hei der Amtsübernahme vor eineinhalb Jahren in seine großen Regierungserklärung hinsichtlieh seiner Stellung zur Judenfrage freimütig erklärte: „Ich gestehe ZU, ich habe meinen Standpunkt revidiert!" Diesen revidierten Standpunkt gab Qömbös auch nicht preis als anläßlich der Vorgänge in Deutschland gewisse Schichten de: ungarischen Gesellschaft auf den Regierungschef Einfluß in entgegen gesetzter Richtung zu nehmen versuchten. Auch da erklärte er wiederum öffentlich: „Wir Ungarn haben Erfahrungen von mehr als einer Jahrzehnt gemacht! Wir werden uns durch die gegenwärtigen Vorgänge in einem alliieren Laude nicht auf einen anderen Weg drängen lassen! In dieser Zeit der schweren Not kann ich keine Spaltung deungarischen Volkes durch das Aufwerfen von Fragen der Religio:, oder der Rasse dulden: denn ich brauche für den Wiederaufbau d. - Vaterlandes die Zusammenfassung aller nationalen Kräfte!" Es ist nui den Tatsachen entsprechend richtig dargestellt, wenn geäußert wir.!, daß es gerade dieser gemäßigten Haltung Oötnbös' zuzusehreiben i- . wenn in Ungarn trotz der VVirtsehaftsnot, die schwer auf das Land druckt, seither eine vorbildliche Ruhe und Ordnung aufrechterhält, i werden konnte. Niederlassungsmöglichkeiten für jüdische Arzte in China. Die Leitung der vereinigten jüdischen Organisationen für Auswanderung-- hilfe HJCFM hat sich mit jüdischen Gemeinden in China in Verbindung gesetzt, um Möglichkeiten für die Niederlassung deutsch.: Juden ausfindig zu machen. Fs wurde festgestellt, daß in Peking dr< bis vier jüdischen Ärzten Niederlassungserlaiibnis gegeben werdet kann: in Ticntsin fünf bis sechs Ärzten, in Shanghai können 15 bhl '211 Arzte aufgenommen werden, eine Anzahl weiterer jüdischer Ärz:.| könnte in anderen Städten unterkommen. Europäische Ärzte werdirl nicht nur von den in China lebenden Europäern, sondern auch vi r Chinesen der wohlhabenden Klassen und des Mittelstandes bevorzugt. Es ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß derzeit etvi 50 jüdische Arzte unter der chinesischen Bevölkerung eine Pra>- sich schallen könnten. Fs gibt zwar in China eine größere Anzahl junger Ärzte mit geringer praktischer Erfahrung, an erfahrenen Ärzt i aber herrscht fühlbarer Mangel. Die chinesische Liga für Menschenrechte hat durch ihre Prä-: dentül I ran Sun jatseu, die Witwe des bekannten chinesischen Staatsmannes und Reformers, dem deutschen Generalkonsul in Shaughi einen Protest gegen die Zurücksetzung der Juden in Deutschlaii: überreicht, andererseits treiben antisemitische deutsche und russisch' Zeitungen eine lebhafte judeufeiudliche Propaganda und versuch, n eine der I Umänderung deutscher Juden feindliehe Stimmung bf der chinesischen Bevölkerung zu erzeugen. „Die jüdische Welt", eine neue Monatsschrift für die Gesamt interessen des Judentums. Soeben ist die erste Nummer der von Saat Qlücksmanfl in Karlsbad herausgegebeneu Monatsschrift „Die jüdisch* Welt" erschienen. Die Zeitschrift, die sich als „Unparteiisches Welt organ für die (iesauitinteressen lies Judentums" bezeichnet, hat siel die Aufgabe gestellt, eine neutrale Tribüne zur Erörterung aller Juden heil und Judentum betreffenden I ragen zu schaffen. Als erstes DU kussionsproblem legt die eben erschienene Nummer das Thema „l>i' Stellung der Juden im Staate" vor. Der Verfasser des betreffende" Artikels gibt einen Oberblick über die Geschichte der Emanzipation! bewegung in Deutschland und kommt zu dein Schlüsse, daß die FonR Hing nach Gleichberechtigung mit der nach völkerrechtlicher An erkeunung als nationale Minderheit verbunden werden muß. Die K> daktion fordert berufene Persönlichkeiten auf, zu diesem Thema St« hing zu nehmen. Die Einsendungen können in deutscher, hebräische jiddischer, englischer, französischer, polnischer und tschechisch'" Sprache abgefaßt sein. Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!

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