Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 29 (21.7.1933)
- Date
- 1933-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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2.1. 7. ßa Auflage 4500 Stück $ emeinb ettatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZV ] f«|D7|^L AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I MMm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG» Schrlf tleltail(~: Gemeinderabbincr Gustav Cohn Leipzig. V aller Blümel-Sir. 10. - Nachdruck nur mit Quellenangabe id mit Genehmigung de* Verfassers gestattet. Nummer 29 ■ Jahrgang 9 21. Juli 1933 Antcigentnnttunt: r. OoMfreundi Lttpxlg 05| Qcboriatitraßc 2a, Fernsprecher Nr. 60771. Druck : Druckerei der Wcrkyemcinschaft, Leipzig C 1. >. Lilienthal'Wiesbaden: Ferien 19331 Anders als sonst grüßen wir deutschen Juden in diesem schicksalsschweren Jahre die Ferien. Mit froher Zuversicht sahen wir sonst unsere Kinder in eine Zeit unbefangener Erholung eintreten, verbrachten wir mit ihnen wenigstens einen Teil dieser Zeit, in verhältnismäßiger Sorglosigkeit, allein auf die Erneuerung unserer Arbeitskraft bedacht, die uns im schweren Wettbewerb das Leben, unseren Platz an ier Sonne des Lrfolgcs sichern sollte, hie Sorjje tun das Ich stand int /ordergrunde, berechtigterweise, weil man das Jahr über das Ich auch inter den Belangen der Gemeinschaft zurückstellte und für sie eint/te, umsomehr, je frischer und erholter man zurückgekehrt war. Dieses Jahr sind unsere Sorgen riesengroß. Nicht nur, daß rein rtschaftlich vielen von uns eine wirkliche Ausspannung und Erholung Iunmöglich geworden ist, wird auch denen, die aus Gründen der Gesundheil Erholung suchen müssen, dit Sorge um die nackte Existenz, t um das bloße Morgen die Ruhe verscheuchen, die genesungspendende Krafl der freien Natur in ihrer W irksamkeit an uns schwächen, hie Isolierung des Juden wird uns gerade an fremdem Ort besonders hart anrühren, Feindseligkeit in BKck, Wort, vielleicht auch I 't. unsere Unbefangenheit stören und damit unsere Nerven neuen Kraftproben unterziehen, anstatt sie zu stählen. Und doch gibt es ein Mittel, diesen unnötigen Peinlichkeiten zu fgehen. Nicht besteht es darin, die Ferien im Auslände ZU verigen. Deutschland und das deutsche Volk leiden unter ausktndin Boykott, Schrumpfung des Handel-., äußerster Minderung des i' nkommens. W ir Stiefkinder Gewordene werden trotz allem und dem nichts tun, um unnötigerweise Geld ins Ausland zu tragen; i einem aller Verbitterung fernen, höchsten Verantwortungsgefühl egenüber dem deutschen Volk und uns, den ieutschen Juden, nichts ■unterlassen, um das deutsche Volkseinkommen zu erhalten, womöglich zu kräftigen. Wir bleiben also iin Lande, wo es genug Erholungsmöglichkeiten ht. Mni wir werden dafür Sorge tragen müssen, dal! von dem Geld, »s wir auf Wanderungen und Ausflügen, auf unseren Reisen und laufenthalten ausgeben, ein erheblicher Teil möglichst in jüdische nde gelangt, in I l inde, die durch Boykott und Einzelaktionen aller schwach geworden sind und zu versinken drohen. „Wenn dein iidi r schwach w ird und seine Kraft neben dir unsicher wird, so ■tarki ihn." Wir gehen in jüdische Gaststätten, auch wenn wir eine gkeit mehr als anderswo zahlen müssen. Verzichten lieber auf men kleineu Teil unserer Erholungszeit, als daß wir selber, noch so rglos, eine Art Judenboykott mit betreiben. Überdies wird (Iii1 K'ur- Jng der Zeit durch die Vertiefung der Erholung mehr als ausgeglichen. Wir wissen uns in einer Umgebung, die uns nicht mit \b- Cheu, wenigstens Mißtrauen betrachtet, uns mit der Besorgnis emp- Hgt, ob nicht andere, die uns dort sehen, vom Besuch der Gaststätte ''geschreckt werden. Kur/, wir sind sieher, daß wir, eine jüdische 1 l (statte betretend, niemand schrecken und schädigen. Schon allein I ses Bewußtsein spendet uns innere Kühe und stellt unser seelisches ''ieichgewicht wieder her. Unbefangene jüdische Geselligkeit und 'Hgiöser Brauch werden auch den noch so „Freien" nicht stören, sonrn ihn anheimeln, ihn tiefer verbinden mit seiner Vergangenheit, die is seinem Blute raunt, mit seiner Qegenwart, die ihn, den ganzen Menschen braucht, mit seiner Zukunft, die er in seinem engeren Anschluß an die Gemeinschaft sichern hilft. Noch eine andere Aufgabe hat dir „Erholungsreisende", Er wird Fühlung nehmen mit der Gemeinde des Ortes, an dem ei weilt. Gerade die kleinen und kleinsten Gemeinden haben Zuspruch, Rat, Zeugnisse der Zusammengehörigkeit aller Juden im deutschen Vaterlande bitter nötig. Muli eist gesagt werden, wie sehr die vereinzelt oder in Winzigen Oruppen auf dem Laude und in den Kleinstädten wohnenden Juden unter ihrei nationalen und menschlichen Degradierung leiden, wieviel starker die feindselige Flut der Umwell das Gefühl der Rat- und Hilflosigkeit in ihnen entfacht, als in dem immer noch verhältnismäßig geborgeneren, an Möglichkeiten und Auskünften reicheren Juden der größeren Städte und Gemeinden? W ir wollen, bleiben wir auch sonst dem Gotteshause allzu fern, in ihren Gottesdienst gehen, ihren Kreis aufsuchen, ihnen raten, ihren Mut aufrichten, ihnen vielleicht Wege /eigen, ihre Existenz noch zu sichern, oder, wo das möglich ist, sich eine neu« aufzubauen. Beteiligen wir uns am Kampf« gegen die Verzweiflung, die die Augen der Hoffnung verschließt, darum oft die nächste Möglichkeil nicht erfaßt und leicht die (>pfei noch vermehrt, die das deutsche Judentum tragischerweise so vielfach u ii ii ö t i g gebrach! hat. Und ein Drittes: Kümmern wir uns um die jüdische Jugend am dem Laude. Sie sieht ihn Zukunft völlig schwarz und ist gänzlich ohne Rat. Ihr, die erst ihr Lehen auf hauen wollte, hat die neue Zeit den Bauplatz und che Bausteine, mau mochte Fast sagen: die Bauerlaubnis, verwehrt. So »ielit es wenigstens aus, so sieht es wenigstens die Jugend. Helft ihr bestehen m dieser schwersten aller Prüfungen. Nichts stiirkt so wie der Rai und die Teilnahme von Fernen, die sich urplötzlich als Nahe erweisen, von Alteren, die die Jugend verstehen. Darum bieten wir, wo irgend möglich, zum ratenden und tröstenden Wort dit helfende Hand. Dies« Jungjuden auf dam Lande, durch die harte Schule schwerer körperlicher Arbeit und steter Willensanspannung gegangen, im engen Kreis reich geworden au Phantasie, die sich oft genug schöpferisch erwiesen hat, sie sind, ob noch so klein an Zahl, ein Reservoir an Urkraft, denn unsere städtische Jugend so oft entraten muß. Machen wir diese Kräfte fruchtbar für im-, für das deutsche Judentum! Seien diese Ferien für die Tausende, die sie antreten, eine Zeil indischer Bewährung, wie noch nie. Mögen sie kreisen lassen Ströme von Suchern und I indern, Ströme des Mit-Leidcns und des Mit Helfens. Mögen sie den vieltausend Vereinzelten draußen die Zuversicht reifen lassen, daß sie schließlich doch nicht Einzelne sind, sondern Teile eines Ganzen, das sie erhalten muß, wenn es sich erhalten will. Noch nie, seit Hunderten von Jahren, war die Ait so schlimm für uns deutsche Juden. Noch nie war sie so groß für uns, wenn wir sie meistern und zu gestalten wissen. Indem wir uns „erholen", können wir einen großen Teil des Judentums „erholen", d.h. zurückholen fül uns, und indem wir die Sorgen der Bruder auf uns nehmen, werden wir starker W urde. W ie sagte ,.l o aschalechacha, segnesl mich denn besonders sie, zur der Zeit wird uns und tragen die unseren leichter und mit größerer Israel im nächtlichen Kampfe mit dem Fremden? ki im berachtani!" „Ich lasse dich nicht, du Nutzen wir jeden Tag, auch die Ferien, und jüdischen Tat. Auch dieser Kampf im Dunkel zum Segen werden. In diesem Sinne: < inte Erholung! Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!