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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-04-14 · 15 (14.4.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
15 (14.4.1933)
Date
1933-04-14
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 14. April 1932 Ferien lauterster Weisheit! echtester Lebenserfahrung und tiefster Erkenntnisse, ist dieses Schrifttum, alt und doch ewig jung. Die Verbindung dieser Gedanken mit dem wirklichen Leben stellt die jüdische Lebensform her: auch sie Ist vielfach dargestellt worden, selten so anziehend wie von dem jüngst verstorbenen christlichen Arzte Dr. J. Weigl (Das Judentum). Sie zeigt dein, der sich bemüht, den hinter den Bräuchen stehenden Sinn zu erfassen, daß sie zu jeder Zeit, auch der unseren, sprechen, und daß sie ihre Bedeutung als Ausdrucksmittel jüdisch-religiöser Seclenhaltung immer wieder in Erscheinung treten lassen. Das gilt ganz besonders vom jüdischen Gottesdienst, von den uralten tieboten. Man muß sie erleben, diese Gebetsformen, um an sie heranzukommen; kann sie nie echter und eindrucksvoller erleben als gerade heute. Würde sie in ihrer letzten Kraft wohl erst nachfühlen, wenn man der heiligen Sprache mächtig wäre, und sollte deshalb den Mut aufbringen, sie erlernen zu wollen: es ist nicht so schwer, wie viele glauben: nur etwas Liebe und etwius Ausdauer tüte not. Doch gibt es zahlreiche Gobetbücher, in denen auch Übersetzungen und Übertragungen den Weg zu ihnen freimachen. Und Werke genug, die auch den Inhalt erläutern, ihre Gedankenwelt zeichnen und zum eigenen andächtigen Nachfühlen anregen. (Erst ganz jüngst erschien: Dr. Elie Münk, Die Welt der Gebete). Ihre Entwicklung steht in engstem Zusammenhange mit der jüdischen Geschichte: sie bildet das liückgrat aller jüdischen Verbundenheit; sie zeigt den Werdegang der jüdischen Lohre und ihre Wirkung für das jüdische Leben, zeigt die Schicksale, aus denen heraus all das geworden ist, was das Ganze unseres jüdischen Seins ausmacht. Graetz, Dubnow in ihren großen Werken, und neuerdings Josef Kastein, „Eine Geschischte der Juden" a. A. sind Führer auf diesem Boden. Es kann sich nur um Fingerzeige handeln, die hier gegeben werden, um dem zu helfen, der sich im ncuentdeckien Lande des Judentums heimisch machen will. Aber das darf gesagt werden: wer nur immer ernst macht mit solchem Entdeckenwollen, der wird überrascht sein über die grandiose Geisteswelt, die sich ihm auftun wird, an der er zuvor achtlos vorübergegangen ist. Beobachtungen gerade in jüngster Zeit erhärteten dies: Man lernte vielfach die Großartigkeit der jüdischen Geschichte kennen und konnte, restlos gefesselt, kaum loskommen von all dem machtvollen Geschehen, das da vor dem geistigen Auge sich abrollt. Aber das alles würde Literatur bleiben, wenn nicht das Leben ihm einen gegenwärtigen Sinn verleihen würde. Nie ist jüdisches Sein so gegenwärtig empfunden worden wie heute. Und gerade darin sollten jene Rückkehrer bei uns Stütze finden, daß wir sie teilnehmen lassen an unserem starken Krlobcn. Den Stolz auf unsere Judesein, den unsere Verwurzelung uns gibt, können wir ihnen mitteilen, ihnen zeigen, daß Demütigungen, die man uns zugedacht hat, abprallen an der Festigkeit unserer Seele. Man konnte unseren Vätern Leiden äußerer Art zufügen, im Innern blieben sie davon unberührt, weil die Größe der jiidi.-^hcn Lehre, die Höhe jüdischer Lebensauffassung eine uneinnehmbare Festung war. Das wahrhaft erfaßte Judentum verleiht dem Juden den Glauben an sich selbst. Aus ihm erwächst auch der Glaube an den Menschen. Wir wollen nicht ungerecht werden gegen das Echte in der Kultur der Umwelt, weil soviele ungerecht handeln gegen uns; wollen auch weiterbin teilhaben an den großen Schöpfungen außerhalb des Judentums. Aber Stellung zu ihnen gewinnen wir nur vom Judentum aus. Helfen wir freudig denen, die ihr Judentum neu entdecken: aus der Ganzheit ihres Judeseins wird ihnen wie uns Kraft zulließen in schwerer Zeit. O. C. Goethes Urteil über das Hohelied. Zu dem Hohenlied, dem „Lied der Lieder", das das Bucli des Pessaehfestes ist, hat Goethe sich an drei Stellen geäußert und darin zum Ausdruck gebracht, welche reichen Anregungen ihm aus diesem Buche luflosinn Wir geben dies« drei Äußerungen Goethes wieder und lassen sie für sieh seilet sprechen. 1. Brief Goethes an Merck vom 10. oder 11. Oktober 1775: „Ich habe duhohe Lied Salomons übersetzt, welches ist die herrlichste Sammlung Liebeslieder, die Gott erschaffen hat." 2. W e s t ö -11 i c Ii e r D i v a n 1819 (Noten und Abhandlungen): „Wir verweilen sodann einen Augenblick bei dem Hohen Lied, als dem Zartesten und Unnachahmlichsten, was uns von Ausdruck leidenschaftlicher, anmutiger Liebe zugekommen. Wir beklagen freilich, daß uns die fragmentarisch durcheinandergeworfenen, Ubereiiiandergeschobencn Gedichte keinen vollen reinen Genuß gewähren, und doch sind wir entzückt, uns in jene Zustände hinein zu ahnden, in welchen die Dichtenden gelebt. Durch und durch weht eine milde Luft dw lieblichsten Bezirks von Kanaan; ländliche trauliche Verhältnisse, Wein-, Garten- und Gewürzbau, etwas von städtischer Beschränkung, sodann aber ein königlicher Hof, mit seinen Herrlichkeiten im Hintergründe. Das Hauptthema jedoch bleibt glühende Neigung jugendlicher Herzen, die sich sich suchen, finden, abstoßen, anziehen, unter mancherlei höchst einfachen Zuständen. Mehrmals gedachten wir, aus dieser lieblichen Verwirrung einigeherauszuheben, aneinanderzureihen; aber gerade das Rätselhaft-I 'nauf lösliche gibt den wenigen Blättern Anmut und Eigentümlichkeit Wie oft sind nicht wohldenkende, ordnungsliebende Geister angelockt worden, irgendeinen verständigen Zusammenhang zu finden oder hineinzulegen und einem folgenden bleibt immer dieselbe Arbeit . . . ." 3. In einer Kritik des UM erschienenen Buches des Heidelberger Theologen Ilmbreit Uber das Hohelied: „Uer besondere Inhalt (des Hohen Liedes) ist: Ein junges schönen Hirtenmädchen, während es von -einen Brüdern zur Hüterin eines Weinbergs gestellt war, wird in Salomo's Frauengeinacb entführt. Der König liebt die schöne Schäferin unaussprechlich und bestimmt sie zu seiner ersten Gemahlin. Aber das Mielchen bat ihre Liehe schon einem jungen Hirten auf den Fluren der Heimat gewidmet. Bei ihm ist sie im Wachen und Träumen, und der Gelicbto sehnt sich nach ihr. Nichts hilft es, daß Salome sie zur ersten Königin oinwoiht, sio mit aller Pracht und höchsten Liebkosungen umgibt. Sie bleibt kalt, und der König muß sie in ihre Täler wieder ziehen lassen. Die sich wiederiindenden Liebenden besiegeln den Bund owiger Trouo ihrer Herzen unter dem Apfelbaume ihrer ersten süßen Zusammenkunft. Die Anlago und Ausführung ist dramatisch, alle Beteiligten äußern sich unmittelbar, jedes auf seinem Ort. seiner Lage, seinen Neigungen und Wünschen gemäß. Und so löst sich der epische Unzusammenbang doch in einem Zusammenhange auf." Ein Aufruf deutscher Rabbiner. Die Vorstände und Vereinigungen der traditionell gesetzestreuen und orthodoxen Rabbiner Deutschlands wenden sich in folgendem Aufruf au die deutsche Judcnhcit: An unsere jüdischen Brüder und Schwestern! Die deutscho Judenheit sieht sich jäh vor Ereignisse und Tatsachen gestellt, die mit erdrückender Wucht zu unserem Herzeu sprechen. Was uns als ein endlich errungener, glücklicher Sieg erschien, ist fraglich geworden. Wie ein schwerer Alpdruck lastet auf uns die Sorge um Brot und Existenz. Wer an einen Sinn in der jüdischen Geschichte Uberhaupt glaubt, kann in diesen schweren Prüfungen nicht einen Zufall erblicken. Nur eine höhere Fügung kann es gewesen sein, die in einer harten Sprache zu uns spricht, um durch Heldenmut in Leid und Kummer uns auf eine höhere Stufe sittlich-religiösen Menschentums emporzuheben. Die deutsche Judenheit, dios dUrfen wir ohne Überheblichkeit sagen, war innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft führend; durch Leistungen in Religion und Kultur, in judischer und allgemeiner Wissenschaft, in Wohltätigkeit und Bruderliebe hat sie sich große Verdienste erworben. Umso klarer zeigt uns die Schwere der Gogenwnrtscrcignisse, daß die Vorsehung an uns einen doppelt hohen Maßstab legt. Denn wen Gott liebt, den weist Er zurechl. Sollten wir nicht diesen Fingerzeig Gottes beachten, der uns zu Sclbstcinkehr und strengster Besinnung auf all unser Tun ladet? Müssen wir nicht in unserer Wehrlosigkeit, in dem Scheitern aller Versuche, das Verhängnis zu ändern, in der Schädlichkeit all der törichten Versuche, mit denen falsche Freunde unser Geschick meistern wollten, erkennen: „Auf niemanden können wir uns verlassen als auf unsern Vater im Himmel." In zwei großen Linien glauben wir, daß der deutschen Judenheit Umkehr nottut. Seit einem Jahrhundert wird die Heiligung des Sabbath aus Rücksic ht auf die wirtschaftliche Existenz in ständig wachsendem Maße verletzt. Nun aber sehen wir, daß alle Sorgen um unsere Ökonomische Sicherheit und die Mißachtung des Religionsgesetzes vergeblich gewesen ist. Als ersten Schritt legen wir daher der deutschen Judenheit das hohe Ideal des Sabbat Iis ans Herz: Laßt den Sabbath wieder unser Leben beherrschen mit seiner Weihe der Arbeit, seiner Unterstellung alles Wirtschaftlichen unter Gottes Führung, seiner Menschen- und Bruderliebe! Heiliget den Sabbathl Und unsere zweite Schuld erblicken wir iu der häufigen Vernachlässigung der unsere Häuser veredelnden und unser Triebleben heiligenden Spoisegesetze des Judentums. Jetzt wird die Erfüllung dieser Gebote durch die Verhinderung der Schechita in vielen deutschen Ländern gefährdet. Den leiderprobten Juden wird jedoch der Verzicht auf Fleischgenuß in seiner Gottestreue nicht wankend machen. Aber gerade diese Erkenntnis soll uns alle zu verdoppelter Gewissenhaftigkeit und zur Beachtung der Speisevorschriften fuhren. Beweisen wir, daß uns fUr die Ehre unserer Religion keine Entbehrung und kein Opfer zu schwer sind. Glaubensgenossen! Werdet nicht wankend! Schwere Leiden treffen uns, aber nach dem Prophetenwort sind es messianische Leiden und verbürgen das Heil der Zukunft. Ohne Murren wollen wir auch das Schwerste auf uns nehmen. Laßt den Mut nicht sinken! Bewahret die Freudigkeit der Seele, die aus dem Vertrauen auf Gott quillt. „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten." Seien wir unserem Gotte treu, dann wird Er uns Seine Hilfe nicht versagen. Nissun 5693 (April 1933). Gemeindeversammlung. Am Sonntag, den 9. ds. Mts. fand in den Überfüllten Sälen des Leipzigcr Künstlcrhauscs die von der Ortsgruppe Leipzig des Reichsbundes jüdischer Frontsolduten einberufene erste öffentliche Gemeindeversammlung nach dem politischen Umsturz statt Wie der Vorsitzende und Referent, Rechtsanwalt Dr. Alfred J a c o b y , betonte, galt diese Veranstaltung in erster Linie der Beruhigung der leipziger jüdischen Bevölkerung, weiter aber auch der Berichterstattung des R. j. F. Uber die von ihm zum körperlichen und wirtschaftlichen Schutze der Leipziger Juden getroffenen Maßnahmen und Aktionen. Au» dem Referat ergab sich, daß nicht nur von Bundes wegen, sondern auch seitens der Ortsgruppe Leipzig durch Entsendung eines Courier» nach England der Greuelpropaganda im Ausland wirksam entgegengetreten worden ist, wodurch sich die Leipziger Behörden von der vaterländischen Gesinnung und der einwandfreien Tendenz der judischen Frontkricgsteilnehmcr-Organisation überzeugen konnten. Dia Wirkung ist auch nicht ausgeblieben; durch das loyalo und tatkräftig« Verhalten des Leipziger Polizeipräsidenten ist heute die Sicherheit für Gut, Leib und Leben der jüdischen Bevölkerung Leipzigs gewährleistet und viele Mängel, die sich in den Tagen der nationalen Revn lution zu Ungunsten der Juden zeigten, sind abgestellt. Auch für den ungestörten Verlauf der Gottesdienste zu Pessach ist gesorgt Der Boykott-Tag ist in Leipzig wohl am ruhigsten verlaufen. Der Referent wies weiter darauf hin, daß für den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten die Parole gilt: „Durch die Frontsoldaten für Alle!" Diese Treue der jüdischen Fronsoldaten gegenüber der jüdischen Gesamtbevölkerung müsse aber auch von dieser erwidert werden. Es gelte jetzt, treu zur Fahne des Judentums wie des Deutsch-

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