Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-04-14 · 15 (14.4.1933) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
15 (14.4.1933)
Date
1933-04-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4876568-5968810-5969349--4662-4881743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

S. 4.33. Auflage 4500 Stück DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL Ii Mm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG.* Schrlftleltung: Gemolnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, LfthrstraBa 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Nummer 15 / Jahrgang 9 14. April 1933 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Leipzig 0 5, CIchorlusstraB« 2 a Fernsprecher Nr.60771 — Druck: Gebr. Gerhardt, Leipzig S3 Neuentdecktes Judentum. Schwer, ins Tiofsto unserer Seelo, hat uns Juden das Erleben der jüngsten Tage getroffen. Ernst ist die Sorge Tausender und Tausender um ihre Existenz, um die Zukunft ihrer Familien, und besonders ihrer Kinder. Aber weit, weit schmerzlicher ist die Enttäuschung, die uns allen, von unserem Judentum aus gesehen, rein menschlich bereitet worden ist. Wir haben volles Verstehen für den Überschwall der Gefühle, die das deutsche Volk in diesem Augenblick beschwingen, da es aus dem Zusammenbruch wieder zur Höho seiner einstigen Weltgeltung strebt, kraftvoll wieder selbständig sein Schicksal formen will. Dali dies jedoch geschehen soll, unter Verkonnung alles dessen, was Juden, aus ehrlicher innerer Verbundenheit zum Gedeihen des deutschen Vaterlandes beigesteuert haben, daß wir trotz alledem ausgestoßen werden sollen, daß man uns demütigen will, das alles schmerzt uns gewiß auch wegen der Absicht uns zu diffamieren, uns als verachtenswert hinzustellen; am tiefsten aber, weil es geeignet sein könnte, den iilauben an die Menschen, den unser Judentum in uns geschaffen hat, ins Wanken zu bringen. Ganz besonders hart ist durch all dies der Kreis jener Juden erschüttert, die dem Judentum entfremdet waren. Wer nur irgend sein Verhältnis zur jüdischen Lehre oder zur Gemeinschaft bewußt gepflegt hat, wird aus einer augenblicklichen Betäubung, schneller oder langsamer, aber mit unbedingter Sicherheit wieder seinen Standpunkt festigen, wird im Heiligtum seiner Uborzcugung, aus der Kenntnis jüdischer Werte, aus dem Wissen um jüdische Vergangenheit, aus dem unbeugsamen Stolze auf judische Kulturleislung den Ansturm auf seine Seele abweisen, wird aufrecht bleiben und seinen Weg als Jude vertrauensvoll weiter gehen. Wie aber jene, die sich äußerlich und — auch innerlich losgelöst hatten! Ferne sei es von uns, heute auf sie einen Stein zu werfen, sofern sie nicht gerade in diesem Moment den letzten Faden zerreißen, der sie noch an uns band, sich selbst zur Schande das sturmumbrauste Schiff verlassen, um sich zu retten: die Geschichte verzeichnet die schmachvolle Haltung jener Juden, die dem Untergange Jerusalems zuschauen konnten. Wie unbegreiflich es scheinen mag, auch heute fehlt es nicht an solchen Flüchtigen, die das so scharf angegriffene Banner preisgeben, in dem Wahne, sich aus dem Kampfe herauszuziehen. Nicht von ihnen sprechen wir: es sind welkgowordene Blätter, die der Wind mit sich nimmt. Tiefes Mitempfinden aber bringen wir denen entgegen, die heute so grausam aus irriger Stellungnahme zum Judentum« herausgerissen werden. Wir wissen sehr wohl, wie sehr Erziehung und Milieu solche Fremdheit dem Judischen gegenüber erzeugt hat, wissen, daß oft genug auch vermeintlicher Idealismus, Streben nach umfassenderer Gemeinschaft sie dahin gedrängt hat, die Uberzeugung, einengende Fesseln zerbrechen zu müssen, damit eine stärkere Auswirkung jüdischer Lehren erzielt werde. Und wenn wir unter ihnen manchen sehen, der ganz bewußt sein Ohr verschloß, sooft der Warnruf ihn troffen wollte, daß er sich selbst verlieren würde, wenn er den Boden ererbtor Gemeinschaft verließe, auch sie wie alle anderen, die gleichgültig und kalt an den jüdischen Werten vorbeigingen, waren einem Irrtum verfallen, einem Irrtum über sich selbst, über das Wesen ihres Seins, Uber das Judentum. Und heute werden ihnen grausam die Augen geöffnot; ihre eigentlichen Wurzeln hatten sie verkümmern lassen, in der Meinung, in einer neuen Welt sich reicher entfalten zu können. Und müssen nun erkennen, daß sio nicht ungestraft von ihrem Ursprung loszukommen trachteten: leben können sio nur, wo ihre Wurzeln sie mit wahren Lebenssäften versorgen, und diese Wurzeln haben nicht mehr die Kraft, die rechten Säfte aufzunehmen und zuzuführen. So drängt sio der Sturm dieser Tage wieder zum Judentum hin, dein sie nur noch einen ganz kleinen Winkel in ihrem Herzen freigelassen hatten. Ihrer geistig und seelisch sich anzunehmen, ihnen die Mittel an die Hand zu geben, daß die Wurzeln orstarken, mit denen sie im jüdischen Boden sich wieder innere Kraft holen können, das ist eine wichtige und dankenswerte Aufgabe, der wir uns freudig unterziehen müssen. Sie sind heuto von außen dazu gedrängt, sich im jüdischen Lebenskreise umzuschauen: sio sollen entdecken, daß sie in Wahrheit das Judentum nie gekannt hatten. Es lag an oinor nur ganz oberflächlichen Beschäftigung mit der jüdischen Lehre, mit unserer Geschichte, Lebensanschauung und Lebonsform, wonn sie sich das Urteil bildeten, Haltung! Zohntauscndc sind aus ihrem Brot und ihrem Beruf gedrängt, zahlreiche selbständige Existenzen sind entwurzelt worden. Es bat keinen Sinn, heute nach den Ursachen und Gründen zu fragen, es hat keinen Sinn, uns oder andre anzuklagen — die Stunde kennt nur ein Gebot: Arbeiten und Helfen! Man kann uns zum Hungern verurteilen, aber nicht zum Verhungern! Man kann unsern Lebensraum noch so sehr einengen, in dem beschränkten Lebensraum müssen wir uns zusammenschließen und einer den anderen zu stützen suchen! Denken wir an die Kriegszeit, wo es dem ganzen deutschen Volk, und uns mit ihm, an Brot und Milch, an Fleisch und Fett, an Kleidung und Wäsche mangelte, wo wir dennoch entschlossen dio Zähne zusammengebissen und durchgehalten haben! Denken wir an die Geschichte unserer Väter, dio immer wieder solche Katastrophen erlebt und dennoch den Lebenswillen nicht aufgegeben haben! Sie haben unbeirrt Mittel und Wego gesucht und gefunden, sich weiter zu erhalten. An Stelle der verlorenen Existenzen neue, wenn auch bescheidenere aufzubauen. Auch wir müssen, wenn wir nach der lähmenden Betäubung dieser Wochen wieder zur Besinnung kommen, alles daran setzen, für unsere Brüder und Schwestern Brot und Arbeit zu schaffen, alles auch daran setzen, die Umwelt davon zu Uberzeugen, daß hier nicht nur den deutschen Juden ein Un recht von gewaltigem Ausmaß zugefügt wird, sondern daß dio Aufrochterhaltung dieses Zustandcs ganz Deutschland in schlimmster Weise schädigen muß. Jcdor muß helfen, die Berufsumschichtung zu fördern, Arbeitsplätze zu sichern, denjenigen, die sich betätigen wollen und können, dio Möglichkeit zu erwirken. Unsere Lage ist nur so lange verzweifelt, wie wir selbst an uns zweifeln! Eine Gemeinschaft geht nicht unter, wenn sie selbst sich nicht aufgibt! Jedem von uns, gleichgültig, ob er direkt von der Not betroffen wird oder nicht, ist eine Aufgabe gestellt, die er zu erfüllen hat, wenn er sich nicht am Judentum und am Deutschtum versündigen will. Unsere Väter haben ihr Geschick mit Heroismus, mit innerer Würde, in gläubigem Vertrauen getragen. Lernen wir von ihnen! Professor Ismar Elbogen. daß das Judentum zu eng sei für den modernen Menschen, daß es überall ei. daß es nicht anpassungsfähig genug sei. um dem heul igen Menschen Grundlage seines Lebens zu bleiben. Es soll ihnen ergehen, wie den Kindern, die in jugendlichem Sehnen nach der Weite das Elternhaus gering achteten, dann aber, durch das Leben gereift, heimkehren, und von Liebe umfangen, dio Fülle des Schönen und Tiefen, wovon die trauten Räume durchweht sind, zu werten wissen und in sich aufnehmen. Vieles linden sie schon vor, was ihnen den Weg zu vertiefter Kenntnis des Judentums erleichtert. Die geistigen Führer unserer Gemeinschaft haben in den letzten Jahrzehnten ausgezeichnetes Rüstzeug geschaffen, in das der Jude sich nur zu versenken braucht, um dos Band ganz fest zu knüpfen, das ihn mit dem Erbgut unserer Lehre verbindet. Er wird erstaunen ob des Reichtums an Gedanken, die das Lehrgebäude des Judentums ausmachen, wenn er etwa Baecks „Wesen des Judentums" liest Ein ungewöhnlich weiter Horizont öffnet sieh, der erkennen läßt, daß dio ewigen Fragen, die den Menschen in alter Zeit genau so schwer berührten wie heute, in unserem uralten Schrifttum Antworten gefunden haben, die auch dem modernen Menschen etwas bedeuten können. Und er wird, wenn er sich in das Quellenwerk „DieLehrendesJudentums" (5 Teile in 3 Bänden, herausgegeben vom Verband der Deutschen Juden, Verlag Gustav Engel Leipzig) vertieft, mit ehrfürchtiger Hochachtung erfüllt werden vor der Höhe der sittlichen Auffassung, die im Judentum verwirklicht werden soll. Biblisches und talmudisches Schrifttum atmen einen Geist sittlichen Wullens und Forderns von einer Reinheit und Kraft, dio für sich sprechen, allen Schmähungen gegenüber. Und die gesamte religiöse Literatur der weiteren Jahrhunderte baut auf diesem Fundament weiter: eine Schatzkammer, angefüllt mit den edelsten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.