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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-03-30 · 13 (30.3.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
13 (30.3.1933)
Date
1933-03-30
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGI0N8GEMEINDE ZU LEIPZIG 30. März 1933 Gerechtes Urteil über das Judentum. „Rom hat der Welt den Staat und dos Recht geschenkt, Hellas hat sie am Born der Weisheit und der Kunst trinken gelehrt..... dem hat Israel nichts, was ihm gliche, gegenüberzustellen. Aber es hat die Welt Höheres gelehrt: „Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" Mehr als Staat und Recht, mehr als Kunst und Weltweisheit bedeutet es, den Geist in die ewigen Tiefen zu versenken, aus denen alles Leben quillt. Und mehr als dio Schätze aller Weisheit gilt das eine Kleinod, das der Seelo den Frieden auf Erden schafft und ihr, kommt ihr Stündlein, das Scheiden von dieser Erde leicht macht: dio Zuversteht im Gedanken an die Gottheit. Israel ist das Volk derReligion. Ks hat einen Gottesglauben in sich zutage gebracht und an die Welt weitergegeben, der für sich selbst eine Großtat der Geschichte bedeutet, größer als alles, was vor ihm war und nach ihm kommen sollte auf irgendeinem der anderen Gebiete des Lebens. Judentum, Christentum und Islam sind aus Israel hervorgegangen. Noch heute nähren wir uns geistig von dem, was es brachte. Auch wo etwa der (iottesglaube längst abgetan scheint oder wo man in kurzsichtiger Ab lehnung alles scheinbar Fremden das Erbe Israels zu verleugnen sucht, auch da zehrt man von ihm, oft ohne es zu ahnen." Mit diesen Sätzen kennzeichnet ein bedeutender protestantischer Theologe, der frühere Leipziger Alttestamontler Prof. Rudolf Kittel in seinem Buche: Gestalten und Gedanken in Israel, die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums. Diese Formulierung seines Urteils prägt der Gelehrte in einem seiner letzten Werke. Es ist wie das Endergebnis einer jahrzehntelangen tief oindringonden Arbeit an der großen Schöpfung des Judentums, dor Bibel, und an der Erforschung der Geschichte Israels, das diesen Schatz der Menschheit geschenkt hat In freiem, unbestechlichem Sueben nach der Wahrheit hat der Gelehrte dieses Bild von dem Tiefsten unserer Religion gewonnen und es einer Zeit vorgelegt, die schon vielfach sich geneigt zeigte, Juden und Judentum jegliche Kraft an schöpferischer Leistung abzusprechen. Was die heilige Urkunde des Judentums auch der heutigen Zeit noch zu geben vermag, hat der katholische Schriftsteller Jos. Wittig in seinem „Herrgottwissen von Wegrain und Straße" (1922) gepriesen. „Das katholische Volk begnügt sich in unsern Tagen gern mit dem Neuen Testament und ist der Meinung, daß dieses Buch genüge, um den ganzen Umfang der Beziehungen unserer Seele zu Gott und die ganze Eigenart eines gotterfüllten Menschenherzens zu verstehen. Das Alte Testament gilt mehr als die Offenbarung an die vorchristliche Welt. Und doch muß die katholische Dogmatik schon in ihrem ersten Buche, in der Lehre von Gott, beständig das Alte Testament zu Rate ziehen... Ebenso wichtig ist aber dieses heilige und gar zu selten gelesene Buch für die Erkenntnis des religiöson Lebens. Die Schicksale der Patriarchen, Propheten und Könige bieten eine staunenswerte Fülle von Lebensweisheit und Lebenskunst, und was viel mehr ist, von Lebenskraft Das Geheimnis der göttlichen Vorsehung, dir- Lehre von den wunderbaren Wegen und unbegreiflichen Ratschlüssen Gottes, im Neuen Testament nur hier und da angedeutet und vorzüglich auf das apostolische Leben angewendet, leuchtet wie eine allen sichtbare Sonne aus dem Alten Testament heraus, und oft vermögen wir nur im Lichte dieser Sonne die Wege und Kraftquellen unseres Lebens zu finden. Als es galt das erschütternde Schicksal unserer Zeit, den Krieg, in das Licht unserer Religion zu setzen und den erschreckten Menschenseelen einen Pfad durch den Krieg zu Gott zu weisen, da griffen die christlichen Prediger zu den Büchern des Alten Testaments und fanden in ungeahnter Fülle, was sie brauchten. Die Abertausende, die lange Monate und Jahre in der Gefangenschaft schmachteten, fanden nur im Alten Testamente reichlichen Gefangenschaftstrost. All ihr Elendsleid und all ihre Heimatsehnsucht fanden sie dort gesegnet und gesungen von dem großen Geiste, der mit dem Vater und dem Sohne eines Wesens isi. Und als die Kirch? ihr«n Dienern ein tägliches Buch religiöser Lebenskunst in die Hand geben wollte, so wählte sie die schönsten Lesungen aus dem Alten Testament, und in manches unverstandene Priesterschicksal hat eine einzige Psalmstelle das langentbehrte Licht gebracht. Ja nicht umsonst hat die Kirche in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens einen hartno Kampf um das Alte Testament ausgefochten, als die damalige „wissenschaftliche Richtung", die Gnosis, den alttestamentlichen Schriftbestand anfeindete und als wertlos oder gar als Werk eines bösen Demiurgen verwerfen wollte." Werturteile christlicher Persönlichkeiten von gleich rückhaltloser Anerkennung der aus unseren heiligen Büchern quellenden religiösen Kraft ließen sich vervielfachen. Zu ihnen zählt das Buch des Theologieprofessor Lorenz Dürr, in dorn er „Religiöse Lebenswerte des Alten Testaments" (1928) aufweist und u. a. auch die Tatsache verzeichnet daß „unsere großen Meister dem Alten Testament vielfach ihre großen Gedanken entnommen und ihre eigene Gottergriffenheit in die Sprache des Alten Testaments gekleidet" haben. Er erinnert an Beethovens unsterbliches „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" (Psalm 18), an Max liegers 100., an Brückners 150. Psalm, an Brahms' „Deutsches Requiem", das im wesentlichen aus alttestamentlichen Texten zusammengestellt ist, an Haydns „Schöpfung", die ohne das Alte Testament wohl kaum zustande gekommen wäre. Auch Goethes Auße rungen in „Dichtung und Wahrheit" und in seinen Tagebüchern sind Bestätigung dafür. Nicht selten ist der Versuch unternommen worden, einen Unterschied zwischen diesen in unserer Bibel niedergelegten Lehren und Gedanken und ihrer Gestaltung im späteren Judentum aufzuzeigen. Talmud und rabbinisches Schrifttum, so wollte man nachweisen, seien nicht auf eine Stufe mit der ersten Quelle unserer religiösen Lehre En stellen, weil ihnen nicht in gleichem Maße Reinheit des Glaubens und religiös-sittlichen Wollens eigne. Wer nur immer unbefangen und frei von Vorurteil das Judentum in dieser weiteren Entwicklung betrachtet hat mußte erkennen, daß diese unterschiedliche Wertung nicht gerechtfertigt werden kann. So kommt Wilhelm Bousset (Die Religion des Judentums) zu der ausdrücklichen Feststellung: ,„. noch eins gehört trotz der vielfachen Motive des sittlichen Handelns, denen wir begegnen, zum unveräußerlichen Grundbestand der Ethik (des Judentums): Die religiöse Orientierung der sittlichen Forderungen. .. In dieser sinnigen Verbindung von Religion und Ethik hat — trotz aller Belastungen beider mit Außendingen — auoh das spätere Judentum das Erbe der Väter gewahrt. Man kann mit Recht zusammenfassend behaupten, daß das sittliho Handeln ein Handeln aus der Furcht Gottes ist". Und Justus Köberle (Sunde und Gnade): „Die sittlichen Forderungen des Gesetzes stehen höher als die Volkssitte der alten Zeit sie berücksichtigen auch das Gebiet der inneren Gesinnung, und das aufgestellte Ideal steht auf der Höhe dor prophetischen Ansehauun g". Es ist gut, solche Urteile ins Gedächtnis zurückzurufen. Das erschütternde Erleben dieser jüngsten Tage hat großes Erschrecken in unsere Reihen getragen: wir sehen uns einer uns feindlichen Umwelt gegenüber, die uns, wie in Uberwunden geglaubten Jahrhunderten früher Vergangenheit, wieder mit dem Makel aller Schlechtigkeit belastet. Alle Erkenntnis eines Jahrhunderts, die den reinen Kern judischer Lehre, dio rückhaltlose Forderung des Judentums nach ernstem sittlichem Wollen, nach uneigennütziger Mitarbeit am Wohle der Gesamtheit ins rechte Licht gerückt zu haben schien, ist, so scheint es heute, wie von einem heftigen Sturme hinweggefegt Schwere Gefahren bedrohen, fast mehr noch als den Glauben an die Menschen, das Vertrauen zahl reicher Juden zu sich selbst und zur Zukunft unserer Lehre. Wohl muß der Mensch den Glauben an dio Sache, zu der er steht, aus dieeor selbst gewinnen. Aber die Urteile, die von einer auf tiefstes Eindringen in unsere rcligiöso Welt aufbauenden Umwelt ausgehen, können da, wo alle sich von uns abzuwenden scheinen, die erste Gewißheit verleihen, daß wir Juden keine schlechte Sache verteidigen. Und können von da aus den Ansporn geben, sich in unsere Lehre zu versenken: das wird die Überzeugung kräftigen, daß wir keinen Anlaß haben, das Haupt zu senken. Und aus diesem Bewußtsein erwächst der Mut zu unerschütterlicher Standhaftlgkeit Das ist es, was uns not tut in diesen Tagen. Wir wissen: wir werden die Prüfung Uberstehen. C. Jüdische Verbände und Gemeinden. Gründung einer Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe. Der Wirtschaftsausschuß des Preußischen Landesverbandes judischer Gemeinden veransaltete unter Hinzuziehung der in Betracht kommenden jüdischen Organisationen eine eingehende Beratung Uber die gegenwärtig die deutsche Judenheit bewegenden wirtschaftlichen und sozialen Sorgen. Insbesondere wurde die Lage der freien Berufe (Ärzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller) und der verschiedenen Beamtengruppen behandelt. Einhellig wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß dio drohende Wirtschaftskrise der deutschen Judenheit nur durch ein einheitliches und solidarisches Zusammenwirken und durch oine die Bedürfnisse der verschiedenen Berufe berücksichtigende wirtschaftliche Selbsthilfe gemildert werden kann. Der Wirtschaftsausschuß hält es für wichtig und notwendig, daß alle Juden, die sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz durch ungesetzliche Handlungen geschädigt fühlen, ihre Ansprüche auf dem durch die deutschen Gesetze gegebenen Rechtsweg wahren. Der Wirtschaftsausschuß steht hierbei für Rochtsberatung und Wirtschaftshilfe zur Verfügung. Der Wirtschaftsausschuß wird bestrebt sein, bei unmittelbaren Notständen nach Möglichkeit Hilfe zu gewähren; er wird in Zusammenarbeit mit den in Betracht kommenden Stellen bemüht sein, Wege zu finden, die wirtschaftliche Existenz der deutschen Juden zu erhalten. Es wurde einstimmig beschlossen, den Wirtschaftsausschuß als Zentralstelle fUr judische Wirtschaftshilfe — für wirtschaftliche und soziale Beratung — zu konstituieren. Der Vorsitzende wurde ermächtigt sofort Vorkehrungen zu treffen, um eine einheitliche Durchfuhrung der sich ergebenden Aufgaben innerhalb aller judischen Gemeinden Preußens sicherzustellen. Die Zusammen, arbeit mit den außerpreußischen Landesverbänden soll angestrebt werden. Die Schaffung eines Hilfsfonds, der von Gemeinden, Organisationen und Einzelpersonen aufgebracht werden soll, ist in die Wege geleitet Die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe hat sofort ihre Tätigkeit aufgenommen. Um den dringendsten Notständen zu begegnen, ist bereits eine Abteilung für W trtschaftshilfe und eins weitere für Rechtshilfe eingerichtet worden, ferner eine Beratungsstelle fUr akademische Berufe (Abteilung Arzte). Alle in Betracht kommenden Arzte und Medizinalpraktikanten werden gebeten, sich vorerst schriftlich an die Beratungsstelle zu wen den. Die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe und die Bera tungs8telle fUr akademische Berufe hat ihren Sitz in Berlin, Charlottenburg 2, Kantstr. 158. Die am 28. März in Berlin abgehaltene Reichsvertretung der deutschen Juden, die aus allen judischen Landesverbänden besteht hat beschlossen, das Wirkungsgebiet der neu geschaffenen Zentralstelle für judische Wirtschaftshilfe auf ganz Deutschland zu erstrecken. (ITA.) Einbruch in eise Frankfurter Synagoge. Innerhalb der letzten vierzehn Tago ist eine Frankfurter Synagoge von Dieben mehrfach heimgesucht worden. Sie raubten zur Nachtzeit einen Opforetock sowie einen wertvollen Altarvorhang mit einer Stickerei in hebräischen Buchstaben (JTA.) Eine Frau Vorsitzende der Gemeindevertretung. Iu Duisburg wurde von den Repräsentanten der jüdischen Gemeinde die Zionistin Frau Anna Levy zur Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung gewählt. Das ist wohl der erste Fall, daß eine Frau an die Spitze einer jüdischen Gemeindekörperschaft gestellt worden ist Von 98 gefallenen Schülern einer Sehale 37 Judenl In Bad Dürkheim fand cn Ehren der im Weltkriege gefallenen Absolventen des Progymnasiums und der Realschule eine Trauerfeier mit Namensverkündung der gefallenen Lehrer und Schüler statt Von den 96 Gefal lenen der Schule gehörten nicht weniger als 37 dem jüdischen Glauben an. In seiner Ansprache erwähnte der Bürgermeister die beisplel-

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