Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 13 (30.3.1933)
- Date
- 1933-03-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4876568-5968810-5969347--4648-4881731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3. 4.aa CK; Aufflage 4500 Stück G D Z Z Bin äl taeitio ebktt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEIN DE ZU I 4&|D7llssi AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I m Mm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« Sehrlftleltung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, LnhrstraBe 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung de« Verfassers gestattet Nummer 13 / Jahrgang 9 30. März 1933 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Leipzig 0 5, ClchorlusstraSe 2 a Fernsprecher Nr. 607 71 — Druck : Gebr. Gerhardt, Leipzig S 3 In ernster Stunde. Eine ernste Zeit stellt die Glaubensstärke und die seelische Widerstandskraft der Juden in Deutschland auf eine harte Probe. Wenn auch nach den wiederholt bekräftigten Zusicherungen Gefahr für Leib und Leben nicht zu fürchten ist, so lastet doch das Mißtrauen, mit dem man uns begegnet, schwer auf uns. Es bedrückt uns in tiefster Seele, daß man uns als nicht willens erachtet, am Wiederaufstieg Deutschlands mitzuarbeiten. Unsere Religion macht es uns zur heiligen Pflicht, dem Staate, dem wir angehören, in Hingebung und Treue zu dienen. Die jüdische Geschichte zeigt jedem, der sich,Wahrheit suchend, in sie vertieft, daß die Juden in ihrer Gesamtheit zu allen Zeiten diese religiöse Verpflichtung in vollem Umfange erfüllt haben; stets waren sie loyale, friedliebende Bürger, voller Dankbarkeit für jede wohlwollende Gesinnung. Mit ihrer Person und mit ihrem Gut haben sie sich für die Förderung der kulturellen, geistigen und wirtschaftlichen Belange begeistert eingesetzt; zahlreiche der allgemeinen Wohlfahrt dienende Einrichtungen sind durch sie begründet, erhalten oder gestützt worden. Die Juden fühlten sich mit dem deutschen Volke auf Gedeih und Verderb verbunden, haben getreulich in schweren Jahren sein Schicksal geteilt. Umso schmerzlicher trifft uns die ungerechte Beurteilung, die wir heute erfahren. Und dennoch wollen wir auch darin unserer Religion folgen, daß wir uns nicht entmutigen lassen; wollen fest bleiben im Glauben an die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Eine Verständigung von Mensch zu Mensch kann nicht ausbleiben, wo der Wille zur Gerechtigkeit besteht. Das Bewußtsein, daß unsere Treue im Augenblick zu Unrecht herabgewürdigt wird, gibt uns die Kraft zu diesem Glauben. Wir wollen ihn in seiner Stärke und seiner Tiefe gerade jetzt bewähren, indem wir Schrecken von uns fernhalten, in Besonnenheit aufrecht bleiben und so die Prüfung bestehen, wie dies glaubensstarke und -treue jüdische Geschlechter in alten Zeiten so oft bewährt haben. Der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Appell der deutschen Juden an Hindenburg, den Reichskanzler, die Reichsminister und den Berliner Polizeiprieidenten. Die Reichsvertretung der deutschen Juden und der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin haben heute an den Herrn Reichspräsidenten, den Herrn Reichskanzler, die Herren Reichsminister und an den Herrn Polizeipräsidenten von Berlin folgendes Schreiben gerichtet: „Die deutschen Juden sind tief erschüttert von dem Boykottaufruf der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Wegen der Verfehlung einiger Weniger, für die wir nie und nimmer Verantwortung tragen, soll uns deutschen Juden, die sich mit allen Fasern ihres Herzens der deutschen Heimat verbunden fühlen, wirtschaftlicher Untergang bereitet werden. In allen vaterländischen Kriegen haben deutsche Juden in dieser Verbundenheit Blutopfer gebracht. Im großen Kriege haben von 500 000 deutschen Juden 12 000 ihr Leben hingegeben. Auf dem Gebiete friedlicher Arbeit haben wir mit allen unseren Kräften unsere Pflicht getan. Don Greuel- und Boykott-Foldzug im Auslande haben die jüdischen Organisationen Deutschlands mit äußerster Anstrengung und erfolgreich bekämpft. Sie haben hierfür alles getan, was in ihrer Kraft steht und werden es weiter tum. Trotzdem sollen jetzt die deutschen Juden, als die angeblich Schuldigen, zugrunde gerichtet werden. Wir rufen dem deutschen Volk, dem Gerechtigkeit stets höchste fugend war, zu: Der Vorwurf, unser Volk geschädigt zu haben, berührt aufs tiefste unsere Ehre. Um der Wahrheit Willen und um unserer Ehre willen erheben wir feierlichst Verwahrung gegen diese Anklagen. Wir vertrauen auf den Herrn Reichspräsidenten und auf die Reichsregierung, daß sie uns Recht und Lebensmöglichkeit in unserem deutschen Vaterlande nicht nehmen lassen werden. Wir wiederholen in dieser Stunde das Bekenntnis unserer Zugehörigkeit zum deutschen Volk, an dessen Erneuerung und Aufstieg mitzuarbeiten unsere heiligste Pflicht, unser Recht und unser sohnlichster Wunsch ist Berlin, den 29. März 1933. Die Relchsvertretung der deutschen Juden. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde n Berlin." Aufruf an die deutschen Juden! Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat in diesen Tagen einige Erklärungen veröffentlicht, die aus vaterländischen Gründen und im Interesse der deutschen Juden notwendig waren. Wir sprechen die Bitte an die deutschen Juden aus. Disziplin zu bewahren, keine aus Unkenntnis der Situation und aus Unüberlegtheit erfolgenden Schritte zu tun. Im Interesse Deutschlands, der deutschen Juden und der deutschen Wirtschaft bitten wir. alle persönlichen Beziehungen ins Ausland wirtschaftlicher oder sonstiger Art dazu zu benutzen, um unwahre und Übertreibende Berichte über die Zustande in Deutschland nach Möglichkeit zu verhindern und zu widerlegen. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten tut, ebenso wie andere Verbände, alles was in seinen Kräften steht für die Erhaltung der Rechte der deutschen Juden im deutschen Vaterland, für das wir unser Leben eingesetzt haben. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten E. V. B u n (1 e ■ 1 c i t u n g . Eine Erklärung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat den deutschen Pressestellen die folgende Erklärung übergeben: „Zu dem Mißbrauch, der im Ausland mit Nachrichten über die Lage der deutschen Juden zwecks deutschfeindlicher Propaganda betrieben wird, erklärt die Zionistische Vereinigung für Deutschland: Wir haben uns am 17. März in einer durch die Jüdische Telegraphen-Agentur an die gesamte jüdische Presse der Welt weitergegebenen Erklärung gegen jede deutschfeindliche Propaganda mit großer Entschiedenheit gewandt. Wir haben gegen alle der Wahrheit nicht entsprechenden Greuelmeldungen und gewissenlosen Sensationsnachrichten Einspruch erhoben und wiederholen heute unseren Protest in aller Öffentlichkeit. Wir protestieren ferner gegen jeden Versuch, die jüdische Sache der internen Politik anderer St;.aten oder Gruppen dienstbar zu machen. Die Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden und die Wahrung ihrer wirtschaftlichen Position kann und darf nicht verknüpft werden mit politischen Aktionen, die sich gegen Deutschland und die außenpolitische Geltung des Deutschen Reiches richten."