Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 10 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968810-5969343--4626-4881712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 GEMEINDEBLATY DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 10. März 1933 Reiehsministers Goering ist nicht erfolgt. Und so gewinnen Mittellungen, daß auch von anderer hoher amtlicher nationalsozialistischer Stelle beruhigende Erklärungen nach dieser Richtung hin abgegeben worden sind, an Wahrscheinlichkeit. Diese Meldungen werden sogar dahin erweitert, daß im Zusammenhang mit der Durchsuchung des» Büros des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Herr Minister Goering die Leitung des C. V. zu sich gebeten habe, und daß bei dieser Gelegenheit die Mißbilligung des Vorganges selbst und im Anschluß daran beruhigende Erklärungen erfolgt seien. Es ist bezeichnend, daß der „Völkische Beobachter" sich über im Ausland kursierende Gerüchte betreffend Pogromdrohung in Deutschland empört geäußert und erklärt hat, es sei für derartige Behauptungen „auch nicht der Schatten eines Beweises vorhanden". Die Thüringische Regierung hat ebenfalls zu solchen im Ausland kursierenden Gerüchten Stellung genommen und erklärt, es handle sich bei den Pogromgerüchten im Auslande um eine Verläumdung des deutschen Volkos, die Thüringische Regierung werde für den Schutz allet ..Fremdrassigen" und „Fremdstämmigen" sorgen. Freilich fügt die Thüringische Regierung in dem gleichen Zusammenhang hinzu, sie habe sich durch diese Auslandsgerüchte veranlaßt gesehen, mit Wirkung vom Sonntag Mittag den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Thüringen aufzulösen und seine Schrifton zu beschlagnahmen. Begründet wird dieser Schritt damit, daß es der „Tätigkeit dieses Vereins zuzuschreiben sei, wenn das nationale Deutschland in einer unverantwortlichen talmudistischen Weise in der Auslandspresse herabgesetzt worden sei". Man darf erwarten, daß die für den Schritt gegen den Ccntral- Verein in Thüringen verantwortlichen Regierungsstellen, wenn sie näher der Sache nachgehen, gewiß zu der Erkenntnis kommen werden, daß der Central-Verein, der ausschließlich im Kreise der deutschen Juden im Sinne einer positiven Mitarbeit für das Deutschtum und der Abwehr judengegnerischer Angriffe (Parole: Für Deutschtum und Judentum!) wirkt, in keiner Weise mit Gerüchten in der Auslandspresse in Verbindung zu bringen ist. Eher drängt sich der Gedanke auf, daß solchen in der Auslandspresse ohne jeden Zusammenhang mit irgendwelcher jüdischer Information kursierenden Gerüchten am besten der Boden entzogen werden könnte, wenn die Nationalsozialistische Presse, voran der „Völkische Beobachter" und der „Angriff endlich darauf verzichten wollten, durch Verbreitung antijüdischer Artikel auf die Massen ihrer Leser zu wirken. Aus aller Welt. 6(1. Geburtstag Jakob Wassermanns. Am 10. März 1933 vollendet Jakob Wassermann, einer der größten lebenden deutschen Schriftsteller, sein 60. Lebensjahr. Er wurde in Fürth in Bayern als erstes Kind des Kaufmanns Adolf Wassermann und seiner Ehefrau Henriette geboren und machte in der Jugend eine entbehrungsreiche Zeit durch. Als er 9 Jahre alt war, starb die Mutter, der Vater rieb sich im harten Wirtschaftskampf auf. Wirtschaftliche Bedrängnis und Enge lasteten schwer auf der Familie und umdüsterten Jakob Wassermanns Jugend. 1897 veröffentlichte er sein erstes Buch, den Boraan „Die Juden von Zirndorf", in dorn sich bereits in Stil und Aufbau der spätere Meister deutscher Erzählungskunst ankündigt; das „Vorspiel" zu diesem Buche gibt ein packendes Bild von dem Auszug fränkischer Dorfjuden unter dem Einflüsse der sabbatianischen Bewegung des 17. Jahrhunderts. Auch die Heldin des zweiten Romans Wassermanns „Die Geschichtoder jungen Renate Fuchs" ist eine Jüdin. Es folgten die großen Romane „Der Moloch" und „Alexander in Babylon". In einem Dialog-Band „Die Kunst der Erzählung" versucht V» wmmmiiiiiiiii eine gedankliche Grundlegung seiner Erz:ih!ung£>kunsT. Noch tiefer greift die geistige Auseinandersetzung mit dem Problem dichteriechen Schaffens in Wassermanns Kss:iy-Buch „Der Literat oder Mythus der Persönlichkeit". Mit den drei historischen Novellen „Die Schwestern" und dem großen Roman „Kaspar Hauser" orreichte Wassermanns Vorkriegsschaffen den Höhepunkt. Nachhaltige Wirkung übten die Romane „Das Gänsemännchen" (1915) und „Christian Wahnschaffe" (1919) mit der Figur einer jungen edlen Jüdin als eine der Mitti'lpunktgestalten. Nach den drei Bänden des „Wendekreises", den Novellen „Der Geist des Pilgers", den Nachkriegsromanen „Faber oder die verlorenen Jahre" und „Land in und die Seinen" erklimmt Wassermann mit dem Justizroman „Der Fali Maurizius", in dem ebenfalls ein Jude des assimilierten Typus eine entscheidende Rolle spielt, einen neuen Schaffensgipfel. Es folgen die Erzählung „Der Aufruhr um den Junker Ernst", die Biographie „Columbus" und „Etzel Andergast", eine Fortsetzung des „Fall Maurizius". — Wassermanns Ste llung zum Judentum geht außer aus der Schrift „Der Literat" und seiner Selbstbiographie „Mein Weg als Deutscher und Jude", neuerdings aus einem Vortrag, aufgenommen in das Essay-Buch „Lebensdienst", hervor, in dem er extreme Assimilation tind Zionismus gleich entschieden ablehnt. In der Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude" kommt er zu dein Schluß: „Ich bin Deutseher und ich bin Jude, eines so sehr und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen." Spanien und die jüdische Einwanderung. Aus Barcelona wird geschrieben: Gegenüber unrichtigen Zeitungsmeldungen Uber Erklärungen und Maßnahmen der spanischen Regierung zugunsten der Juden muß festgestellt werden, daß von einer Sehnsucht Spaniens nach Juden Uberhaupt keine Rede sein kann. Sämtliche Erklärungen, die von Diplomaten, Schriftstellern und dergl. seit der Revolution gemacht wurden, beziehen sich einzig und allein auf Sephardim und haben — in unverfälschter Gestalt nio einen Aufruf zur massenhaften Rückkehr nach Spanien enthalten. Bereits vor der Revolution waren von der spanischen Regierung honorierte Lehrer in den größeren spaniolischen Siedlungen, so z. R. in Saloniki, tätig. wo sie oft Vorträgo über die spanische Kultur hielten, Bibliotheken einrichteten und spanischen Unterricht unentgeltlich ortoilten. Von allen übertriebenen und entstellten Nachrichten in der jüdischen Prosse Uber eine von der spanischen Regiemng geleitete und finanzierte Ansiedlung von Sephardim in Spanien ist nach unseren gonauen Informationen nur soviel wahr, daß bei der Erteilung von Einreise-Visa durch die spanischen Konsulate der betreffenden Länder, den spanisch sprechenden Sephardim in der Abwicklung der Formalitäten gewisse Erleichterungen gewährt werden. Sonst werden dio Juden anderer Länder heute, genau 6o wie während der Monarchie, in keiner Beziehung anders als die anderen Bürger ihrer Staaten behandelt. Kurzum, die offizielle spanischo Politik hat außer einer platonischen Be. Ziehung zu den Sephardim nicht die geringste Absicht, Juden nach Spanien zu „importieren", wie es manche Zeitungen in allerlei phantastischer Aufmachung ausposaunten. Man kann aber sagen, daß in bozug auf neucinreisende Juden sich die Lage wesentlich verschärft hat, da dio allgemeinen Einreiscbostimmungen, insbesondere für die osteuropäischen Länder, verschärft wurden. Von einer Bevorzugung der jüdischen Bürger vor den anderen Bürgern irgendeines Staates kann gar keine Rede sein, und sämtliche derartige Meldungen müssen in das Reich der Fabel gewiesen worden. Jüdische Verbände und Gemeinden. Gesamtarchiv der deutschen Jnden. Das Gesamtarchiv der deutschen Juden in Berlin ist in der Hauptsache zur Aufnahme von Gemeindeakton bestimmt. Daneben sucht es aber auch dio Dokumente und Veröffentlichungen der judischen Verbände und Veroine Deutschlands zu erfassen und zu sichern. Große Organisationen — wio dor „Deutsch-Israel. Gemeindebund", der „Verband der Deutschen Juden", der „Rabbinerverband Deutschlands", der „Verband jüdischer Lehrervereinc Deutschlands" und der „Allgemeine deutsche Kantoronverband" — haben ihre aus dem laufenden Geschäftsverkehr bereits ausgeschiedenen Akten dem Gesamtarchiv Überwiesen. Eine Reihe lange bestehender judischer Vereine aus allen Teilen Deutschlands sind mit wichtigen Beständen, vor allem den historisch wertvollen Protokollbüchern im Gesamtarchiv vertreten. Doch ist die durch das Gesamtarchiv gebotene Möglichkeit, geschichtlich wertvolles und für die Zukunft bedeutsames Material vor Vernichtung und Verzettelung zu schützen, von den judischen Verbünden und Vereinen noch nicht in genügendem Maßo ausgenutzt. Es sei deshalb nochmal» auf diese Möglichkeit hingewiesen und Verbänden und Vereinen nahegelegt, ihre archivreifen Akten, Spendenverzoichnisse, Mitgliederlisten, Jahresberichte, Jubiläumsschriften, sowie sonstige Veröffentlichungen beim Gesamtarchiv zu deponieren. Durch eine solche Aufbewahrung an zentraler Stelle werden die Verwaltungen der abliefernden Organisationen von der Sorge um die älteren Dokumente und Vereinsschriften entlastet, wird eine zu weitgehende Aktenkassation vermieden und — was nicht Ubersehen werden sollto — die Arbeit des Geschichtsforschers ungemein erleichtert und gefördert. Das im Verwaltungsgebäude der Berliner Jüdischen Gemeinde, Oranienburger Str. 28, gelegene Gesamtarchiv bieten volle Gewähr für sachgemäße Lagerung und Betreuung der ihm anvertrauton Archivalicn. Durch einen besonderen Vertrag wird jedem Inhaber eines Archivdepots — handlo es sich nun um Gcmoinden, Vereine oder Einzelpersonen — das volle Eigentumsrecht an den zur Aufbewahrung übergebenen Archivstücken zugesichert. Wenn es gewünscht wird, kann darüber hinaus noch fUr besonders diskrete Behandlung von Archivdepots in speziellen Vereinbarungen Vorsorge getroffen werden. gez. Dr. Jacobson. Jahresversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Jaden. In Ergänzung unserer Mitteilungen Uber die Jahresversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden (Nr. 5) veröffentlichen wir einen Auszug aus dem Bericht des Generalsekretärs Dr. Wischmtzer: Im Jahre 1932 traf den Hilfsverein durch den Verlust seines unvergeßlichen Präsidenten und Mitbegründers Dr. James Simon ein harter Schlag. Seit Oktober 1901 leitete er den Hilfsverein und hat sich um ihn größte Verdienste erworben. Unter seiner Führung, unter Mitwirkung hervorragender Männer der deutschen Judenheit, sind gewaltige humanitäre Aufgaben erfüllt worden. Wir betrauern weiter den Hingang von Legationsrat Prof. Dr. Moritz Sobernheim, der seit langen Jahren unserem Zentralkomitee angehörte. Wir gedenken ferner Prof. Simonsens in Kopenhagen, der dem Hilfsverein stets seine Hilfe lieh, und dos hervorragenden Gelehrten Salomen Reinach, dessen Verlust wir mit den uns nahestehenden Organisationen, ICA und Alliance Israelite Universelle, beklagen. Die Uberseeischen und kontinentalen Länder haben sich in den letzten Jahren gegen die Einwanderung immer mehr verschlossen. Die Beratung der Auswanderer in Zeiten, in denen sich dio Auswanderung so außerordentlich kompliziert gestaltet, ist von großer Bedeutung. Die Fürsorge ist nicht nur Hilfeleistung, sie ist praktisch und ideell mit dem Kampf für die Freiheit der Einwanderung verknüpft Unsere Emigrantenhilfe wurde durchgeführt durch unser Zentralbüro in Berlin, unsere Komitees in Hamburg und Bremen, unsere Vertrauensleute auf den verschiedenen Bahnhöfen. Unter unserer Fürsorge passierten im Berichtsjahr Berlin 16984 Aus- und Rückwanderer, davon 3871 Nichtjudcn. Es nahmen ihren Weg Uber Neu-Bentschen 4359, Uber Hamburg 2200, Uber Bremen 2400 Aus- und Rückwanderer. Im Berliner BUro fanden 1160 Personen Beratung und Hilfe. Wie in früheren Jahren gewährten wir Institutionen in Deutschland, die der Waiidererfürsorge dienen, Subventionen. Unsere Aufwendungen für das AuswandererfUrsorgewerk betrugen i. J. 1932: 77 000 RM. Die Fürsorge für die Ukraine-Waisen nähert eich ihrem Abschluss. Verschiedene Kindcrfürsorgeanstalten in Deutschland und im Auslande wurde gestützt. In Polen beteiligten wir uns an einer großzügigen Aktion für die Speisung jüdischer Schulkinder, insbesondere in den östlichen Gebieten, wo die Not unbeschreiblich ist. Wir