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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-03-10 · 10 (10.3.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
10 (10.3.1933)
Date
1933-03-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Auflage 4500 Stück w^BOv! 1 A l , » r »'.: i DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDE-VERWALTUNG« Schrlftleltung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, Lnhrstraße 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Nummer 10 / Jahrgang 9 10. März 1933 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Leipzig O 5, ClchorlusstraSe 2 a Fernsprecher Nr.60771 — Druck: Gebr. Gerhardt, Leipzig S3 SSMÄBYÄ LEVIS Swislowitz feiert Purim. In seiner berühmten Selbstbiographie „Kindheit im Exil" (Rowohlt-Verlag), schildert Shmarya Levin meisterhaft unsere jüdischen Feste. Kurz vor Purim wird unseren Lesern der humorvolle und doch so ernste Bericht Levins Uber ein Purimfest in seiner russischen Heimat willkommen sein. Die Schriftleitung. Nach einer kurzen Familicnzusamraenkunft bei meinem Großvater gingon wir zu dem großen Purimfcstessen nach Hause. Der Tisch war reichlicher besetzt als zu irgend einer anderen Abendmahlzeit im Jahr. Da waren Speisen und Getränke aller Art, gelbschimmernde geflochtene Striezel, ein großer Fisch mit Safran gewtlrzt. Goldfarben, die mit dem Licht der Kerzen in den großen siebenarmigen Leuchtern — den Menorot — von denen an beiden Enden des Tisches je eine in hellem Glänze brannte, prächtig harmonierten. Im Mittelpunkt des Tisches und neben den beiden Menorot lagen drei Häufchen einfacher gekochter Erbsen. Ich fragte meine Mutter, wie dieses plebejische Gericht in diese vornehme Nachbarschaft geraten war. Und sie erklärte mir, daß diese Erbsen an die außergewöhnliche Frömmigkeit der Königin Esther gemahnen sollten. Denn Esther war eine „gute jüdische Tochter". Sie lebte zwar in dem Üppigen und unreinen Schloß des großen Königs, aber sie rührte keine der Speisen an, die ihr vorgesetzt wurden. Haman der Bösewicht, der die Gesetze der Juden kannte, hatte den Aufenthalt eines Schocket s (Schächters) in dem Palast verboten. Und Esther begnügte sich daher bei allen Festgelagen mit einfachen Rrbscn und Bohnen: doch war sie bei dieser Diät so wohlgenährt und blühend wie alle andern, die sich an den verlockendsten Gerichten gütlich taten. Und nun kam nach dem Festmahl der Höhepunkt für uns Kinder. Die Tür wurde weit aufgerissen, und herein strömten, von einer Schar Kinder und Erwachsener begleitet, die Purimspielcr. Unser Speisezimmer war wohl das größte in Swislowitz, bei dieser Gelegenheit aber erwies es sich als zu klein, und protestierende Stimmen wurden laut. „Laßt mich hinein, ioh bin Hamans Bruder. Laßt mich ein, ich bin der Vetter der Königin . . ." Und als in der Enge einigermaßen Ordnung hergestellt war, begannen die Spieler. Natürlich kannte ich jeden der Miiwirkendc.n persönlich und hätte bis auf den letzten genau angeben können, wor hinter dem Flachsbart oder in den Mädchenkleidern steckte. Aber etwas in mir sträubte sich gegen die Zerstörung der Illusion, und ich fühlte, daß diese Knaben dieselben und doch nicht dieselben waren. Und als Waschti, ein junger Jeschiwastudent, in Frauenkleidung, mit einer Krone auf dem Kopfe und einem Schleier, der sein Gesicht halb vordeckte, die ersten Worte flötete: „0, wär ich doch ein Vögclchen, o wäre ich ein Blümelein, ach, wär ich selbst ein Würinchen klein," da schmolz mein Herz der unglücklichen Königin entgegen. Ahasverus saß in seiner ganzen Glorie, düster, massig, wortlos, wie es für diesen albernen König paßte. Und dann hörte man den Kämmerer Memuchan rufen: „Komm vor, komm vor, Prinz Haman," und Bentsche selbst trat herrlich ausstaffiert, mit stolzen Schritten mitten ins Zimmer, stellte sich ir hochmütige Positur und starrte die Spieler und Zuschauer mit dem wilden Blick eines beleidigten Generals, nein — eines Feldmarschalls an. Die Juden von Swislowitz hatten nie ein Theater von innen gesehen, aber ihr Gefühl sagte ihnen, daß hier kein gewöhnlicher Dorfpurimspieler stand: hier hatten sie einen Mann vor sich, der sieh sowohl auf Inszenierung wie auf Schauspielkunst vorstand. Noch ehe Bentsche ein Wort vorgebracht hatte, lief ein Schauder durch die Menge: da stand Haman in Person, ihr unerbittlicher und mächtiger Feind. Seine wütenden Gebärden, seine galligen Blicke, seine arrogante Haltung sagton: „Hier steht euer Widersacher, der Ewige Widersacher, der euch bis an die Pforten der Vernichtung verfolgen wird." Das Spiel dauerte eine halbe Stunde, und ihm folgte ohne Pause die Aufführung des zweiten Stücks „der Verkauf Josephs". Die Zugabe zu dem Programm war aber kein glücklicher Griff. Denn Wascht! die Königin wurde plötzlich Potiphars Weib und Haman wurde Joseph und Mordechai wurde Jakob. Und im Mittelpunkt des Zimmers war eine Tonne aufgestellt, die die Grube darstellen sollte, in welche die älteren Brüder den vorhätschelten Liebling ihres Vaters warfen. Dem Endo der Vorstellung folgte ein zweites Festmahl, und Bentsche war den ganzen Abend über der Held von Swislowitz. Er erzählte wieder von seinen Wanderfahrten, den Wundern Kiews und den Herrlichkeiten des Theaters. Wir blieben an diesem Abend sehr lange auf. Die Erwachsenen waren schläfrig, und auch ich konnte kaum die Augen offen halten. Meine Gedanken verwirrten sich; Hamantaschon, Megilla, Knarren, Drama, Festmahl, Bärte, eins floß ins andere Uber und der ganze Wirrwarr entschwand langsam, nebelhaft in die dunkleren Räume meiner Seele. Schließlich versank alles in einen Traum — den vagen und nie endenden Traum eines Volkes, das ewig einen unsichtbaren Feind im Nacken fühlt. Nach der Wahl. Bei den am Sonntag, den 5. März, durchgeführten Wahlen zum Keichstag und zum Preußischen Landtag hat die von Adolf Hitler und Franz von Papen geführte Regierung die absolute Mehrheit aller Stimmen und Mandate orlangt. Die Nationalsozialisten haben im Reich 17261 823 Stimmen und 288 Mandate, die Kampffront Schwarz-Weiß- Rot hat 3 132 595 Stimmon und 52 Mandate auf sich vereinigt. Von den insgesamt 646 Mandaten besitzen sie 340, also die absolute Majorität. In Preußen haben die Nationalsozialisten 10 516 392 Stimmen und 210 Mandate, die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 2 109 540 Stimmen und 42 Mandate auf sich vereinigt; mit ihren 252 Mandaten haben sie demnach die absolute Mehrheit der insgesamt 474 Sitze des Preußenparlaments. Eine Regierung, die über eine sichere Mehrheit in den Parlamenten verfügt, kann ihre Ziele auf legalem Woge durchführen und darauf verzichten, sich den Weg erst durch rücksichtsloses Niederringen der Andersgesinnten freizumachen. Es ist bekannt, daß das Programm der NSDAP, antisemitisch untermalt ist. Man kann sich aber schwer denken, daß die Regierung Hitler, die auch heute noch auf die Mitarbeit außerhalb der NSDAP, stehender Kräfte nicht verzichten kann, das nun schon mehrere Jahre alte Parteiprogramm der NSDAP, zur Regierungsmaximc erheben wird; ßio scheint dies nmsoweniger zu beabsichtigen, als Reichskanzler Adolf Hitler fast in allen seinen jüngsten Wahlreden dargelegt hat, daß oino Regierung nicht nach einem pnpiernen Programm arbeiten könne. Dies haben auch viele Unterführer dor NSDAP, betont. Die Regierung Hitler hat dem Volke Großes versprochen und das Volk erwartet Großes von ihm. Will nun die Regierung daran gehen, die Nöte des Volkes zu lindern, so wird sie wohl nicht gleichzeitig Front machen wollen gegen wertvolle, im Staats-, Kultur- und Wirtschaftsaufbau loyal mitarbeitende Kräfte, wie sie die Juden in Deutschland darstellen; denn eine nur negative Politik würde störend auf den Gang der Ereignisse einwirken und den Aufbau hemmen. Verschiedene Äußerungen führender Nationalsozialisten in den letzten Tagen lassen darauf schließen, daß sich diese hinsichtlich des antisemitischen Programms und dor antisemitischen Taktik ihrer Partei bereits Gedanken zu machon beginnen. Der Reichskommissar für daß Preußische Innenministerium, Herr Reichsminister Goering, sagte vor kurzem zu dem ihn ausfragenden Sonderkorrespondenten der Stockholmer „Svenska Dagbladet": „Wenn sich die Juden loyal verhalten und ihren Geschäften nacligehen, hat niemand etwas zu befürchten. Aber wir wollen sie nicht in der Leitung des Reiches haben und werden sie dort nicht tolerieren". Ein Dementi dieser Äußerung des I 4*

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