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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-03-03 · 9 (3.3.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
9 (3.3.1933)
Date
1933-03-03
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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X März 1933 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITI8CHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 wichtig, daß bei der heutigen Schwächung und dem geringen Ansehen Deutschlands in der Welt auch engherzige Zwischenzeiten vermieden worden. Ich höre von nationalen Kroisen, dio es bogrüßen würden, wenn Albert Einstein, da er ein Jude ist, auf immer Deutschland verließe: Wo Einstein ohno joden Zwoifcl zu den zwei oder drei anerkannt bahnbrechenden Geistern dieser Zeit gehört und allgemein als deutsch gilt (niemand außerhalb Deutschlands versteht das deutsche Hnssc-Vorurteil). * Das Sonderheit „Der Staat", der im Philo-Verlag, Berlin, erscheinenden Zweimonatsschrift „l)r Morgen" (Nr. C), wird durch einen größeren Aufsatz von Rabbiner Dr. Max Es c h e 1 b a c h e r - Düsseldorf, „Der deutsche Judo und der deutsche Staat", eingeleitet, in dem der Verfasser zunächst von der seelischen Belastung der deutschen Juden spricht. „Das ungeheure geistigo Ringen um dio Gestaltung dos neuen Deutschland wird von der Rechten als ein Kreuzzug gegen den Kulturbolschewismus geführt. Niemand weiß, was dieses jüngste politische Schlagwort eigentlich bosagt. Aber auf Grund unserer Leiden, nicht auf Grund unseres Tuns können wir Juden ahnen, was damit gemeint sein soll. Bolschewismus, wie er hier verstanden wird, ist eine Form der Zerstörung, dio sich gegen dio geistigen Güter einer Menschcngruppo richtet. Einem Dynamitanschlag fällt ein Haus, einem Mord ein Mensch zum Opfer. Der Kulturbolschowismus aber macht die Heiligtümer einer Gesamtheit gemein.... Er entwürdigt, was ihr heilig ist, er beschmutzt, worauf sie stolz ist, «r will sie in ihren eigenen Augen gering und verächtlich machen. Das ausgeprägte Beispiel von solchem Kulturbolschewismus) war schon lange, ehe dieses Schlagwort gemünzt war, der beispiellose, in 6einer Gemeinheit unvergleichliche Kampf gegen dio Heiligtümer und gegen den seelischen Besitz des Judentums-, die Herabwürdigung unserer Bibel, die Beschimpfung des Talmud, die Verleumdung des Juden und des jüdischen Wesens." „Dieser schamlose Angriff auf unsere Seele und auf alles, was uns heilig ist" — fährt Dr. Eschenbacher fort —, „bedroht uns mit schweren Gefahren. Sie sind vielen in unserer Mitte noch nicht bewußt geworden, obgleich sie unsere gesamte Existenz im tiefsten erschüttern. Zwar spürt Joder, wie zweifelhaft unsere bürgerliche Stellung im Augenblicke geworden ist. Nicht jeder aber merkt, wie schwer, oft untragbar, diese Angriffe uns seelisch belasten. Es nehmen sich heute viele Juden das Leben. Wer später in die Vorgeschichte dieser Katastrophen Einblick nehmen kann, weiß es, daß nicht nur wirtschaftliche Not den verzweifelten Menschen zu Revolver, Gasschlauch oder Voronal gebracht hat. Vielmehr hat mancher ein Endo gemacht, weil sein jüdisches Selbstgefühl vernichtet war, und weil er die Verachtung nicht mehr ertragen konnte, die die Umwelt ihm auf Schritt und Tritt bekundete, Verachtung steckt an und kann einen guten Menschen schlecht machen. Das haben dio Staatsmänner wohl gewußt, die vor 125 Jahren unscro Emanzipation ins Werk gesetzt hatten.... Wir brauchen gegen das Seclengift, das im Kampfe gegen uns eine llauptwaffo ist, innere Stärkung und Aufrichtung. Ohne sio könnten wir uns weder als Juden noch als Menschen noch im Staate behuupton." Max Eschclbachor stellt sodann in der gegenwärtigen Situation die Geschieht« des Judentums als Erweis der staatlichen, der politischen Kraft des Juden in Umrissen dar. Er weist darauf hin, daß die Geschichte der Juden in Deutschland fast so alt ist wie die deutsche Geschichte Uberhaupt, und schildert den tätigen Anteil der Juden am Staatsleben seit Uber 100 Jahren. Die deutschen Juden bewahren im deutschen Volke ihre besondere Art. Nur dann ist ein Mensch ganz, innerlich stark und eine Stütze auch für andere, wenn er seine Kraft aus den tiefsten Quellen seines Selbst schöpft und in den Tagen der Krisis zu seinen Vätern seine Zuflucht nehmen kann. Auch der deutsche Jude kann wahrhaft Deutscher sein, wenn er wahrhaft, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, Jude ist. Diese Überzeugung schafft die echto Harmonie zwischen Deutschtum und Judentum im deutschen Juden. Dr. Eschelbacher schließt: Auch wenn eine neue Verfassung be- -timmen sollte, kein Jude könne Staatsbürger sein, dann könnten wir uns zwar nicht mehr aut die Verfassung berufen, aber unser Recht würden wir damit nicht aufgeben, sondern nur aus einem tieferen, einem ewigen Grunde schöpfen. Unscro alte jüdische Vergangenheit und unsere bald zweitausendjährige Geschichte in Deutschland sind ein mächtiges Zeugnis dafür, daß in unserer Art und in unserem Bestände sich Gottes Wille offenbart. Dann würden wir zuletzt den Kampf um unser volles Bürgerrecht in Deutschland als deutsche luden führen mit Berufung auf Gottes Willen. Unsere Gemeinde. Schulvcrsaumnis. Das Städtische Schulamt hat uns darauf aufmerksam gemacht, daß Kinder anläßlich von Todesfällen während der Schiwoh vom Unterricht nicht ferngehalten worden dürfen. Es müssen sonst Schulstrafen verhangt werden, wie dies schon vorgekommon ist. Morus Chitin. Wir veröffentlichen auf Wunsch des Moaus-Chitin- Ausschusses den nachstehenden Aufruf: Auch in diesem Jahre wendet sich der Moaus-Chitin-Aussehuß an unsere Gemeindemitglieder mit der herzlichen Bitte, durch Gewährung von Spenden dazu beizutragen, die Bedürftigen unserer Gomeinde in dio Lage zu versetzen, die Pessachtago in Obereinstim nung mit den alten Uberlieferten Vorschriften zu begehen. Ganz besonders groß ist die Zahl der Untorsttttzungs-BodUrftigen in diesem Jahre. Da die Israelitische Religionsgemeinde infolge ihrer eigenen schwierigen Lage nur in ganz bescheidenem Umfango helfen kann, sind wir auf freiwilligo Zuwendungen angewiesen. Jeder der Unterzeichneten nimmt Spenden entgegen. Leipzig, im März 1933. Das Rabbinat: Der Vorstand: Rabb. Dr. Carlebach, Rabb. Cohn, I. B. Sache, I. Felsenstein, Meei Rabb. Feldmann, Rabb. Dr. Gold- Tager, E. Kestenbaum, Moses mann, Rabb. Rogosnitzky. Jassenowsky, A. Scbumer, Dr. G. Nobel, G. Nathansen. Isr. Kindergarten (Tagesheim) E. V. Einladung zur Generalversammlung mit geselligem Beisammensein, am Mittwoch, den 15. März 1033, 16 Uhr, Central Theater, Goldener Saal. Tagesordnung: Tätigkeitsbericht, Kassenbericht, Entlastung der Schatzmeisterin, Vorstandswahl. Kleine Darbietungen der Kindergarten-Kinder Ansprache von Frau Bettina Brenner. Israelitischer Wohltätigkeitsvcrein zu Leipzig. Abt. Solbnd-Kolonie Dürrenberg (Alfons-Jacobson-Kinderheim). Das Kinderheim wird Anfang Mai eröffnet. Anmeldungen für sämtliche Kolonien werden entgegengenommen: Donnerstag, den 16. März, Freitag, den 17. März, Donnerstag, den 23. März, vormittags von 10 bis 12 Uhr im Gemeindeamt, Löhrstr. 10, park Spätcrc Anmeldungen können nicht berücksichtigt werden. Jüdisches Schicksal — Jüdisches Sein. Im Rahmen eines Vortrages der zionistischen Vereinigung Leipzig sprach der bekannte Historiker Josef Kastein am 23. Februar über „Jüdisches Schicksal, jüdisches sei n". Der Redner führte etwa folgendes aus: Während den Deutschen dio Gegenwart, den Russen dio Zukunft alles gelte, habe das Judentum es verstanden, eine Einheit zwischen allen drei Zeitfolgen in Denken und Leben und damit den Begriff Ewigkeit zu schaffen. Für den Juden ist dio Gegenwart nur der Raum, in dem er sein Wissen von der Vergangenheit zu betätigen hat, um die von ihm gewünschte Ordnung herbeizuführen. Daher bedeutet als Judo leben, daß die Idee stärker als die Wirklichkeit ist, daß sio ohne Rücksicht auf das Leben dieses imperativ beherrscht, und daß das Tun eine Funktion seines Seins bedeutet. Entgegen den Vorwürfen materialistischer Donkungs-weiso zeigto die jüdische Goschichto eine Dialektik, die vom Glauben und nicht vom materiellen Sein beherrscht wird. Der Wille zu einem solchen Lehen hangt vom Geschichtsbowußtscin ab. Heute ist beides, Wille und Bewußtsein in der Krise. Das Denken der Juden ist genau so zweckbela9tet, wie das seiner Umgebung. Dio am Wirtschaftsleben der Völker teilnehmenden Juden sind ihm verhaftet, sie haben das gleiche Ideal bürgerlichen Wohlstandes. So entsteht dio Frage, ob das jüdische Volk sein Schicksal als Juden noch erleben will, oder ob seine Träger nur noch ihr privates Schicksal interessiert. Aus dieser Entwicklung heben sich drei Typen von Juden in unserer Zeit ab: Juden, die außerhalb. Juden, die am Rande stoben, und solche, dio in der Richtung auf den Kern sich bewegen. Der Handjude bedeutet Auflösung, Zerstörung des Judentums, denn er paßt es seinen privaten Bedürfnissen an. Das vertilgt das Judentum nicht. So kann nur da, wo wieder eine Idee, der Wille zur Gemein, schuft das Leben beherrscht, wie in Palästina, das Judentum in seiner Substanz sich erhalten und weiter entwickeln. Denn jede Idee Kraucht einen Wirtschaftsraum, in dem sio sich verwirklichen kann. Wie in der Vergangenheit eine Beziehung freiwilliger Dienstbarkeit IWlachen dem einzelnen und der Gemeinschaft bestand, aus der dio höchste und geschlossenste Kollektive hervorging, so könne nur dann, wenn das Individuum im Dienste am Ganzen sich erfüllt. Palästina, die Voraussetzung für eine Krhaltung der Kerngedanken des Judentums schaffen. Aus dem Gemeindeamt. Gottesdienste. Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienst: Freitag, 3. März 1933: Abendgobot 18 Uhr, mit Predigt (Rabbiner Cohn); Sonnabend, 4. März 1933: Morgengebet 9 Uhr, Nachmittagsgebet 18.05 Uhr, anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Cohn); Abendgebet 18.39 Uhr. Morgengottesdienst an Sonn- und bürgerlichen Feiertagen 8 Uhr, werktags 7.30 Uhr, Abendgottesdienst 18 Uhr. Gemeindesynagoge: Sabbatgottesdieust: Freitag, 10. März, Abendgebet 18.15 Uhr, mit Fredigt (Rabbiner Dr. Goldmann); Sonnabend, 11. März, Morgengobet 9 Uhr, Nachmittagsgebet 18.20 Uhr, anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Dr. Goldmann); Abendgebet 18.50 Uhr. Gottesdienst am Purim: Sonnabend, 11. März, Abendgebet 18.50 Uhr, Sonntag, 12. März, Morgengebet 8 Uhr. Morgengottesdienst werktags 7.30 Uhr, Abendgottesdienst 18.50 Uhr. Ea-Cbaim-Synagoge (Otto-Schill-Straße) und Talmud Thora Synagoge (Keilstraße): Freitag, den 3. März 1933: abends 18.00 Uhr; Sonnabend: morgens 8.30 Uhr; Nachmittag 17.00 Uhr; Ausgang 18.39. Wochentags: Morgengebet: 7.00 Uhr; Abendgebet: 18.00 Uhr. Personenstandsnachrichten. Geburten: 9. Februar 1933: Benno Preczep und Lieselotte geb. Kokst ein, Gottschedstraße 1, eine Tochter „Hanna Louise". B a r m i z w as j Sonnabend, 4. März 1933: Oscar Rath, Sohn des Herrn Mendel Rath und Frau Dora geb. Woihardt, Funkenburgstr. 14, in der Talmud- Thora-Synagoge, Färberstraßo. Sonnabend, 4. März 1933: Max Wechsler, Sohn dee Herrn Jaoob Wechsler und Frau Sophio geb. Lotrowski, Gustav-Adolf-Str. 36, ■ in der Synagoge Ohel-Jacob, Pfaffendorfer Str. 4. Sonnabend, 11. März 1933: Klaus Eberhard Begach, Sohn des Herrn Leopold Begach und Frau Edith geb. Bloch, Floßplatz 26, in der Gemeindesynagoge.

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