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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-02-24 · 8 (24.2.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
8 (24.2.1933)
Date
1933-02-24
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 24. Februar 1933 Schachmeister Lasker Ober Schachspielen bei Juden. In der Reibe der Montagsvorlesungen sprach am 23. Januar in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums der Schachmeister und Philosoph Dr. Emanuel Lasker (1894 bis 1921 Weltschachmeister) Uber „Jüdische Schachspieler in ihror Eigenart". Nach einem Abriß Uber die Geschichte des Schachspiels, dessen Entstehung er auf 1000 bis 2000 v. Chr. ansetzt, gab Lasker eine allgemeine Psychologie des Schachspiele, das er als antikes Sinnbild fUr Krieg und Kampf kennzeichnet. Er unterscheidet sieben Perioden in der Vervollkommnung des Spielers: Zuerst die primitive Periode, in der der Spieler nichts als Figuren schlagen will. In der zweiten Periode Uberwiegt die Lust an der List und am Fallenstellen; in der dritten Periode die Freude am Angriff, in der vierten an der kunstvollen Verteidigung, in der fünften die kluge Entwicklung der Streitkräfte, in der sechsten die besonnene Kombination. In der letzten Periodo gelinge dann der Ausbau und die Befestigung der „Position". Das Schachspiel hat alle Völker und Stände erobert. Die sephardischen Juden haben es wohl in Spanien angenommen, aber sich nicht besonders hervorgetan. Die aschkenasischen Juden wandten sich erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts dem Schachspiel zu. Äußerlich liegt die Eigenart jüdischer Spieler vielfach in besonderem Temperament und Ausdrucksreichtum, eine Eigenart aller Mittelmeervölker, die sich aber mit zunehmender Assimilation in Nord- und Westeuropa verliert. Im Spiel selbst zeigen alle jüdischen Spieler eine besondere Stärke in der Kunst der Verteidigung, durch deren Verfeinerung sie das Schachspiel in aller Welt weitgehend gefördert haben. Lasker erklärt diese Fähigkeit mit der jahrhundertelangen Leidens- und Unterdrückungsgeschichte der aschkenasischen Juden in ganz Europa. Die Kunst der Verteidigung im Schachspiel findet sich bei allen unterdrückten Gemeinschaften, während bei herrschgewohnten Völkern wie Engländern, Holländern und Amerikanern, die Kunst des Angriffs Uberwiegt. Die stärkste und nur ihnen eigene Art der Juden im Schachspiel ist die gedankliche und seelische Spielform. Sie pflegen neben der Verteidigung die Kombination und den gedanklichen Aufbau des Spiels, der den Realitäten oft nicht Rechnung trägt. Sie werten das Schachspiel als Disput aus und machen es zum Seitenstuck des judischen Witzes, der sich am Gedankenspiel entzündet. Diese Eigenarten führt Lasker auf die Vertiefung der Juden in den Talmud und ihre Schulung an talmudischem Denken zurück. Aus der Freude am Gedankenspiel und der Vernachlässigung des Realen erklärt sich die Liebe jüdischer Spieler zum Systematischen und ihr Glaube an die Durchschlagskraft des Systems. Die jüdischen Spieler suchen auch im Schachspiel Prinzipien von Einheit und Wahrheit zu verwirklichen, im Gegensatz besonders zu den auf die Gegebenheiten und Erfordernisse des Augenblicks abstellenden Amerikanern. So haben weder Holländer noch Engländer trotz des Reichtums ihrer Fachliteratur Systeme geschaffen; Systeme rühren lediglich von Juden, zuweilen auch von Deutschen, her. Diese tiefste Eigenart der Juden im Schachspiel erklärt Lasker aus dem Geiste der Thora, deren Grundlage und Ziel der eine Gott, das eine Gesetz, die eine Wahrheit, die eine Menschheit ist. Lasker belegt diese psychologischen Erkenntnisse mit Beispielen aus dem Werdegang und dem Spiel der großen jüdischen Spieler Horwitz, Alexandre, Löwenthal, Steinitz (Vorgänger Lasker* als Weltmeister, den Lasker als den größten Systematiker des Schachspiels bezeichnet), Tarrasch, Nimzowltsch, Bernstein, Rubinstoin, Ret! u. a. m. Zusammenfassend bezeichnet Lasker als Grundmotiv des jüdischen Spielers die Liebe zur Einheit, des Nichtjuden die Liebe zur Mannigfaltigkeit, und schließt: Der jüdische Spieler hat auch im Spiele etwas Frommes und Gläubiges. Er lebt unbewußt auch im Spiele den Glauben an Wahrheit und Gerechtigkeit, wenn diesem Glauben das Leben auch oft dio Verwirklichung versagt. Jüdische Verbände und Gemeinden. Weltkonferenz des liberalen Judentums in Hamburg. In London fand eine Sitzung des Präsidiums und des Vorstandes des Weltverbandes für liberales Judentum statt. Es wurden Berichte Uber Fortschritte des liberalen Judentums in verschiedenen Ländern der Welt erstattet, denen zu entnehmen war, daß insbesondere in Budapest und Wien gute Fortschritte erzielt worden sind; in Wien hat sich die Bildung einer Vereinigung für das liberale Judentum formell vollzogen. Der Vorstand sprach Miß Lily Montagu und Frau Dr. Margarete Goldstein für ihre erfolgreiche Werbearbeit in Prag, Wien und Budapest seine Anerkennung aus. In einem Bericht aus Südafrika wurde festgestellt, daß die Gruppe des liberalen Judentums in Johannisburg beschlossen hat, sich in eine regelrechte Kongregation umzuwandeln. Frau E. Franklin, Professor Morris Ginsberg, Leonard G. Montefiore und Geonard Stein haben Bich bereit erklärt, als dio englischen Vertreter in das Beratungs-Komitee für internationale und soziale Fragen einzutreten. In der Beratung wurde einmütig beschlossen, die nächste Welt ■ konferenz des Weltverbandes für liberales Judentum vom 5. bis 7. August in Hamburg abzuhalten. Führende jüdisch-liberale Gelehrte aus den Vereinigten Staaten Amerikas, ans Deutschland, England und Frankreich werden zu dem Thema: „Liberales Judentum und modernes Denken" sprechen. Die Gottesdienste werden in dem historischen Tempel in Hamburg stattfinden. Politische Reichsvertretuug der deutschen Juden. Der Preußische Landesverband judischer Gemeinden gibt amtlich bekannt: „Mit Rücksicht auf die durch die politische Entwicklung der letzten Zeit geschaffene Lage trat die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände Deutschlands am 12. Februar 1933 in Berlin unter dem Vorsitz des Präsidenten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Kammergerichtsrat Wolff, zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Die Reichsvertretung ist bekanntlich durch Beschluß vom 31. Januar 1932 begründet worden mit der besonderen Aufgabe, die allgemeinen jüdischen Interessen bei den öffentlichen Stellen im Reiche wahrzunehmen. Sie setzt sich aus 13 Vertretern der Landesverbände und den führenden Herren des deutschen Rabbinerverbandes zusammen. In eingehenden Ausführungen wurde von den preußischen, bayerischen, badischen, sächsischen, hessischen, mecklenburgischen und hanseatischen Mitgliedern des Gremiums die politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation im Reiche und in den einzelnen Ländern eingehend besprochen. Es wurden auch alle Schritte erwogen, die zweckmäßigerweise jetzt oder in nächster Zukunft nötig werden könnten. Um etwaige Maßnahmen zu jeder Zeit und ohne irgendwelche Verzögerungen ergreifen zu können, auch die dauernde Fühlungnahme zwischen den offiziellen Organisationen des deutschen Judentums zu gewährleisten, wurde ein aus fünf Herren bestehendes Präsidium der Reichsvertretung gewählt, das ermächtigt ist, alle ihm erforderlich scheinenden Schritte dauernd als Vertretung des gesamten deutschen Judentums einzuleiten und durchzuführen. Das fünfgliedrige Präsidium setzt sich aus drei preußischen und zwei süddeutschen Mitgliedern zusammen. Sein Sitz ist Berlin. Am Schluß der Verhandlung wurde von allen Seiten die Notwendigkeit betont, daß alle judische Arbeit im Geiste der Gemeinsamkeit geleistet werde, um in der jetzigen ernsten Zeit bei den deutschen Juden in Stadt und Land das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Zusammenstehens zu stärken." Aktion der deutschen Agudah für Berufsamschichtung and Siedlang. Die Landesorganisation der Agudas Jisroel in Deutschland (Vorsitzender Rabb. Dr. Moses Auerbach) veröffentlicht einen Aufruf, der u. a. lautet: In einer Zeit höchster wirtschaftlicher Bedrängnis und politischer Gefahren Ubernehmen wir die Leitung der deutschen „Agudas Jisroel". Auf Deutschlands Juden lastet schwere Sorge um die Zukunft. Dies ist der Augenblick, in dem der Kreis der gesetzestreuen deutschen Judenheit seine weltgeschichtliche Aufgabe an der jüdischen Gesamtheit wie an der sie verkennenden und befehdenden Menschheit zu bewähren haben wird. Zur Rückkehr, zur Sammlung ruft die Zeit, zur Sammlung unter dem Banner des geschichtlichen, am Gottesgesetz orientierten Judentums, unter dem Banner der Agudas Jisroel. Aufgerufen wird zur Selbstbesinnung, zur Selbstorziehung und zur Selbsthilfe. Für jedes dieser drei Ziele wird ein Arbeitsprogramm aufgestellt. Aus dem Selbsthilfe-Programm ist hervorzuheben: Durch eine planmäßige Berufsumschichtung und Siedlung soll sich die Herausfuhrung der großen Mehrheit der Juden aus der anormalen Ausschließlichkeit kaufmännischer Betätigung vollziehen. Wir wollen, heißt es weiter, gemeinsam mit unserer Palästina-Zentrale und dem Erez Jisroel-Amt unserer Agudo-Jugend an der Neugestaltung judischen Lebens im jüdischen Lande arbeiten, darüber aber keine einzige andere Möglichkeit ungenutzt lassen, durch die die physische und geistige Existenz unserer jüdischen Gemeinschaft gekräftigt werden kann. Unsere Kommission für Berufsumschichtung und Siedlung, der Nathan Birnbaum und Dr. Maximilian Landau vorstehen, wird unter dem Gesichtspunkt des Gesamtheitswohls alle Projekte prüfen und jede Hilfsmöglichkeit bis aufs Letzte auszunutzen suchen. Wir hoffen, daß die Antwort der deutschen Agudisten ein Bekenntnis zu freudiger Arbeitsbereitschaft ist. Tagung des Rates des Preußischen Landesverbandes in schwerer Zeit. Am 19. Februar 1933 trat der Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zu seiner ersten Tagung im laufenden Jahre in Berlin zusammen. Der Präsident Kammergerichtsrat Leo Wolff wies in seiner Begrüßungsansprache darauf hin, daß die politische und wirtschaftliche Lage sowie die Schwierigkeit der notwendigen Vorbereitungsarbeiten die Einberufung des Rates stark verzögert habe. Er gab der schmerzlichen Empfindung Ausdruck, daß das deutsche Vaterland immer wieder von schweren Erschütterungen heimgesucht werde und daß die jetzt zur Macht gelangte Richtung den Bekennern des Judentums durch die ihnen gegenüber eingenommene Haltung Gerechtigkeit nicht widerfahren lasse. Er sprach aber die Überzeugung aus, daß ein Anlaß zu Befürchtungen, wie sie gelegentlich geäußert worden seien, oder gar zum Verzagen nicht vorliege, und richtete an die anwesenden Mitglieder des Rates die dringende Bitte, ihren Gemeinden die Versicherung zu Ubermitteln, daß an verantwortlicher Stelle nötigenfalls alles geschehen werde, was dem Ernst der Lage entspreche. Die Tagesordnung enthielt außer der Beratung Uber den Rechnungsabschluß und der Aufstellung des Voranschlages für das künftige Haushaltsjahr noch eine Reihe wichtiger Punkte. Diese konnten jedoch infolgo der sehr eingehenden Erörterungen, obgleich sich die Sitzung Uber die Zeit von morgens 9!4 bis abends 9'A Uhr erstreckte, nicht alle erledigt werden. Bei der Feststellung des Haushaltplanes ergab sich die Notwendigkeit, die Ausgaben des Landesverbandes soweit wie möglich einzuschränken. Es war dabei zu beachten, daß der Landesverband zur Erfüllung seiner hauptsächlichsten Aufgaben befähigt bleiben muß, und um dies zu ermöglichen, eine Reihe von zusätzlichen Aufgaben, die er im Laufe der Jahre auf sich genommen hatte, nicht oder wohl nur in vermindertem Ausmaße weiterfuhren kann. Die Ursache Hegt in der schwierigen finanziellen Lage aller Mitgliedsgcmeinden, die ihnen die Aufbringung der Umlage fUr den Landesverband nur mit den größten Opfern gestattet. Es muß aber anerkannt werden, daß dio anwesenden Vertreter der Gemeinden ohne Ausnahme ein freudiges Bekenntnis zum Landesverband ablegten und seine segensreiche Wirkung zur Erhaltung der leistungsschwachen mittleren und kleinen Gemeinden, des jüdischen Lebens in ihnen und der wichtigsten Anstalten und Einrichtungen hervorhoben. Dem Rate lag der Entwurf eines Haushaltplanes vor, dessen Festsetzung im einzelnen dem Kollegium der Berliner Dezernenten Ubertragen wurde. Es wurde beschlossen, die Umlage für 1933/34 in der bisherigen Höhe von 1 Prozent des Reichseinkommensteuersolls zu erheben. Daneben sollen diejenigen Gemeinden, denen Zuschlage zur Vermögenssteuer zufließen, auch von diesen einen Teilbetrag an den Landesverband abfuhren.

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