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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-02-24 · 8 (24.2.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
8 (24.2.1933)
Date
1933-02-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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24. 2.33. Aufflage 4500 Stück i' f DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I {-|P7|fL AMTLICHES MACH RICHTEN BLATT LkiritflW DER GEMEINDEVERWALTUNG» Schriftleitung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, UihrstraBe 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Nummer 8 / Jahrgang 9 24. Februar 1933 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Leipzig 0 5, CIchorlusstraBe 2 a Fernsprecher Nr. 607 71 — Druck: Gebr. Gerhardt, Leipzig S 3 SAMUEL TAUBES. Vor hundert Jahren. Eine aktuelle Reminiszenz. Vor etwa hundert Jahren erschien die erste Nummer einer Zeitschrift, die für die Geschichte der Bestrebungen „nach der bürgerlichen Gleichstellung der Bekenner der mosaischen Lehre in Deutsch lund", also der sogenannten Emanzipation, von historischer Bedeutung geworden ist. Diese Zeitschrift hieß „Der Jude" und als ihr Herausgeber zeichnete der um diesen Kampf besonders bemühte Dr. Gabriel Riesser (geb. 1806, gest. 1860). Ein Jahr vorher war die Frage der bürgerlichen Gleichstellung der Juden wieder aktuell geworden, und Dr. Riesser gedachte mit der Herausgabo dieser Zeitschrift, die »ich in ihrem Untertitel ..Periodische Blätter für Religion und Gewissensfreiheit" nannte, jenen liestrobungen öffentlichen Ausdruck zu verleihen. In seiner in der ersten Nummer dieser „in zwanglosen Abteilungen herausgegebenen" Blätter erschienenen Ankündigung entwirft K i o s ■ e r das Programm und die Ziele seiner Zeitschrift, dio er rmoh theologischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Irinsicht gliedert. Es soll hier von einer Bewertung Rie&sera und seiner liberali- ■jtischen Auffassung einer jüdischen Emanzipation abgesehen werden, die ihn einerseits, wie Graotz sagt, zu der Ansicht führte, daß .nicht die unbedeutendste rituelle Zeremonie dürfe zum Opfer für die Einbürgerung gebracht werden, wenn sie nur um diesen Preis zu Hungen ist", anderseits als einen entschiedenen Verfechter des sogenannten Cr'eizenacher oder Frankfurter Programms der Reformfreundc erscheinen läßt, wonach gegen die Speisegesetze, gegen Talmud und Messiasglauben Stellung genommen wird, und es insbesondere „jedem jüdischen Vater unbenommen bleiben sollte, seine Söhne unbeschnitten zu lassen". Uns interessiert hier cino andere, bebundure Kuriosität, die mit den oben erwähnten Auffassungen nicht im Zusammenhang steht. In der vierten Nummer seiner Zeitschrift vom 22. Mai 1832 bringt Ri e s s e r an leitender Stelle auch ein Gedicht zum Abdruck und von da an tauchen des öfteren auch poetische Beiträge im „Juden" auf. Einer derselben, ein Gedicht unter dem Titel „Am Jahres- 1 a g e der Schlacht bei Belle-Alliance", als dessen Autor ■Zefoni" zeichnet, aus der Nummer 9 vom 6. Juli 1832, erschoint uns von einzigartiger Pikanterie, da in ihm, in interessanter Analogie zu den heutigen Verhältnissen, auf die Kriegsdicnstleistung der deutschen Juden in den Napoleonischen Kriegen hingewiesen wird. In Anbetracht der alle Grenzen überschreitenden Anfeindungen, welche die Juden heutzutage Uber sich ergehen lassen müssen, der Vorwürfe wegen Feigheit, Drückebergeroi usw., die mit den gleichen Vorwürfen vor hundert Jahren eine auffallende Ähnlichkeit bezeigen, -ei auf dieses Gedicht hingewiesen. — Es können allerdings nur einzelne charakteristische Stellen daraus hervorgehoben werden, da ''iu Tollständiger Abdruck des umfangreichen Gedichtes im engen Rahmen einer Zeitung nicht gut angängig ist. Vor allem ist eine Fußnote zum Titel des Gedichtes von großem Interesse. Dieselbe stammt vom Herausgeber, also von Riesser -elbst, und hat folgenden Wortlaut (in der Orthographie des Originals) : Die diesem Gedichte zu Grunde liegende Thatsache wird von vielen Schriftstellern berichtet. ,,Ef» ist bekannt, — hoißt e» unter anderem in dem Gesuch der Braunschweigischen Juden — daß bei Waterloo 55 jüdische Offiziere allein von der Preussischen Landwehr geblieben sind." Die rühmenden Zeugnisse der höchsten Staatsmänner Uber den von den jüdischen Unterthanen Preussens während des Krieges auf jode Weiso bewiesenen Patriotismus sind ebenfalls bekannt; nicht minder bekannt ist es leider, wie bitter viele der gerechten Erwartungen, die das in seiner Anlage treffliche Edikt vom 11 ten März 1912 rege gemacht hatte, getäuscht worden: eine Thatsache, auf dio wir nächstens in einem größeren Aufsatze zurückkommen werden. D. H. Man ersieht daraus, daß damals so wie heuto auch bewiesene Treue und beurkundeto Heldenhaftlgkeit des jüdischen Soldaten weder anerkannt noch weniger gelohnt worden sind. Das Gedicht selbst, in achtfüßigen trochäischen Versen, beginnt mit einer Aufforderung zu einer rituellen Trauerkundgebung für die gefallenen jüdischen Offiziere, wie folgt: „Oeffnet die geweihten Hallen, stimmt zur Andacht eure Herzen, Lasset vor der Lade flammen fünf und fünfzig Jahrzeitskerzen. Hunderttausendstimmig steige laut ein Kaddisch heut empor Schmetternd an der niedern Menschen, an der hohen Gottheit Ohr." Und weiter, die Erinnerung an die Teilnahme in den Befreiungskämpfen heraufbeschwörend: „Immer in den ersten Reihen, freudig im Gewühl der Schlachten Sah man unsre jungen Helden Tod und Wundenschmerz verachten, Volk und Heer und Führer staunten ob des Muths, des sie entbrannt, Und zu Oborn wurden viele mitten im Gefecht ernannt." Und die wichtige Stelle: „Und bei Belle-Alliance, wo Scharen fraß des Krieges Flammenzahn Blieben ihrer fünf und fünfzig Offiziere auf dem Plan." Doch wie wurde den jüdischen Soldaten, den heldenhaft kämpfenden Juden gelohnt? Es ist, als ob man in der Gegenwart wäre: „Fort mit ihm von jedem Lehrstuhl, war' er auch der höchste Barde; War' er auch der kühnste Ritter, fort aus seines Königs Garde, Wär' er aller Weisheit Meister, fort aus dieses Landes Rath. Und kein Fremder dieses Glaubens trete je in unseren Staat!" Und verzweifelt ruft der Dichter schließlich „das Land der Kunst und Weisheit" an und singt: „Ist vergebens unsrer Helden treues Blut dahingeflossen? Bleibt des Ruhmes und der Thaten Quell dem Dürstenden verschlossen? Hat das Land der Kunst und Weisheit für die Schwachen denn kein Recht? Ist ein Ftirstenwort ein Spielzeug, daß ihr lachend es zerbrecht?" Und er schließt: „Wisst, uns lebt ein strahlend Zeugniß in dem Buche der Geschichten; Jener Fünfundfünfzig Nachruhm kann kein Herrscherwort vernichten. Dieser Tag, der hoch gen Himmel ihren blut'gen Lorbeer hält, Meidet ihren Tod und meldet auch den Dank dafür der Welt." Mit diesen Worten endet das, für unseren heutigen literarischen Geschmnck wohl etwas antiquierte Gedicht, das wir jedoch vor allem seines historischen Wertes und seiner pikanten Analogie wegen in Erinnerung gebracht haben. Die Geschichte ist der Spiegel der ewig wechselnden Zeit, aber os scheint, daß dieser Zeitspiegel uns- Juden stets das gleiche traurige Bild entgegenwirft...

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