Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 7 (17.2.1933)
- Date
- 1933-02-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seitn 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 17. Februar 1933 haiton: „Keinem Bruder dürfen aus der Zugehörigkeit zum Orden wirtschaftliche Vorteile erwachsen. Nichts für uns, alles für andore". Trotzdem wurden stets Witwen und Waisen von Brüdern gestutzt und zahllose Existenzen erhalten. Das Hauptarbeitsgebiot wurden soziale Aufgaben. Schutz der Arbeitskraft und der Familie wurde gefordert und gepflegt Je nach örtlichem Bedürfnis; Arbeiterkolonieti, die ersten jüdischen Arbeitsnachweise, Kinderhorte, Kinderheime, Mütter- und Säuglingsheime, auch ein Waisenheim wurden errichtet. Die Logen haben als erste die jüdische Frau in der jüdischen Sozialarbeit planmäßig eingesetzt und «er jüdischen Frau im Borufo Wego geebnet, Mftdohenhorte und die erste Ausbildungs- und Heimstätte für jüdische Krankenschwestern gegründet. All diese Arbeit war im deutschen Judentum ganz neuartig, zuerst viel verkannt, dann die Grundlage für die neuere jüdische Sozialpolitik, zusammengefaßt in der vom Orden niitgeschnffenen Zentralwohlfahrtsstello der Deutschen Juden. — Die Kulturarbeit des Ordens wurde grundlegend: Als erster gründete er einen jüdischen Jugendschriftenvcrlag und jüdische Ju gendvereine, die heute den großen „Verband jüdischer Jugendvoreine", die überparteiliche Jugendgemeinschaft des deutschen Judentums, bilden. Er begann zuerst Archivalien zu sammeln, den Grundstock des „Gesamtarchivs der deutschen Juden". Überall war er bahnbrechend und zielsetzcnd tätig, und sein schönster Lohn ist, daß alle diese Arbeiten heute von Gemeinden und Gemeindeverbänden mitübernommen und dort zentral geworden, andererseits dio Logen die Sammelpunkte fast aller im jüdischen Leben aktiven Menschen geworden sind. Im jüdischen Leben wurde d°r Orden der ausgleichende Faktor im Kampfe der Parteien: vor 50 Jahren zwischen Orthodoxio und Reform, später zwischen dem Zionismus und seinen Gegnern; jüngst noch konnte ei zur Bereinigung der Geineindekömpfe beitragen und damit zur Erhaltung des deutsehen Judenturas. In seiner Erziehungsarbeit lehrte der Orden, dio strengsten Grundsätze der Ehre und Moral auch im Leben betätigen, die Kunst der Selbstbeherrschung, des Zuhörens und gegenseitige Achtung im Menschlichen und in der Gesinnung. Di» Selbstbildung der Brüder regte der Orden an und gab vielen sonst Abgestumpften den Anreiz zu kulturellem Aufstieg. Ernst und Leistung zogen all» ernsten und leistungswilligen Juden an. Der Krieg raubte dem Orden eine Generation, der Gebietsverlust blühende Logen, Inflation und Krise die Substanz und den Brüdern die Kraft, anderen zu helfen. Die Behauptung des Ordens in Deutschland scheint durch den Sturm der Zeitströmungen und -Nöte in Frage gestellt. Die Logen wissen, daß sie umlornen und ein anderes Leben gestalten müssen. Wie 1880 werden heute Juden und Judentum verkannt, und die Juden suchen wieder einen seelischen Ort, und der Orden kann diese Statt«« wahrer Humanität, dio sich trotz des Hasses und Chauvinismus wiedei durchsetzen wird, bleiben. Prof. Elbogcn schließt: „Geben wiruns selbst nicht auf, so wird auch Gott uns nicht aufgeben!" In seinem Schlußwort erinnert Rabbiner Dr. Baeck an die Bedeu tung der Erziehungsarbeit für dio Zukunft und schließt: „Wir wollen das bleiben, wozu dio Geschichte uns gemacht. Bno Borith, Menschen, die um den Bund ihres Lebens, dio Verbundenheit ihres Lebens mit dem Gölte der Väter, mit allem Menschlichen und mit den Tiefen ihres Daseins wissen." Elternabend der Religionsschule I. Auf Einladung des Geineindovorstandes und des Lehrerkollegiums der Religionsschule I versammelten sich zahlreiche Eltern von Schülern und Schülerinnen dieser Religionsschule. Namens des Gemeindevorslandes leitele Herr Hugo Kaufmann die Versammlung. Nach Vortrag zweier Lieder durch Herrn Oberkantor Lampel führte Herr Rabbiner Dr. Goldmann Uber den besonderen Anlaß dieses Elternabends folgendes aus: Seit langem beschäftigte dio maßgebenden Stellen der Gemeinde und des Sächsischen Gemeindeverbandes die Frage, ob nicht mit allem Nachdruck die Ansprüche der Gemeinden auf Übernahme des jüdischen Religionsunterrichts durch den Staat verfolgt werden sollen. Diese Ansprüche sind durch die Weimarer Verfassung unzweideutig begründet. In anderen deutschen Ländern, z. B. in Preußen, Hessen, Bayern seien sie längst verwirklicht. In Sachsen stehe man noch immer auf dem Boden des Gesetzes von 1904, das die Pflicht, für den Religionsunterricht zu sorgen den Israelitischen Sender der ganzen Welt alle sauber getrennt — in vollendeter Klangschönheit bringt der Schaub-Superhet mit Kurzwellenbereich von 16—70 m und Wellenbereich 200-2000 m.7 Kr ei se- SBandf llter- GerBuachblendo (crack killor).Verstlrk. auch der Kurzwellen Ober alle Röhren. Von RM. 189,— o. Röhren an. Europa- Serie(4 Röhren — 3Kreise)von RM.146,— o. Röhren an. Verl. Sie Werbeblatt. Q. L. GH n i^^Äta-i o 5. Schau b Apiintiimn. ■» Charlottenburg I Vorführung u. Verkauf, Elektro-Moosdorf, Reichsstr. 39 (Durchg.) Rcligionsgemoinden auferlegt; in manchen Beziehungen sei die Lage in den letzten Jahren sogar noch schlechter geworden. Das bedeute eine ernsthafte Beeinträchtigung fUr die Juden Sachsens: sie mUssen dio gesamten Kosten für die religiöse Unterweisung selber tragen, was eino beträchtliche Erhöhung ihrer Steuern bedeutet; darüber hinaus werden von den Kindern große Opfer an Zeit gefordort: da sie ihren Religionsunterricht nicht in den Schulen erhalten, müssen sie an zwei Nachmittagen in der Wocho zum Religionsunterricht gehen. Eine äußerst betrübliche ideelle Schädigung ist die Folge: weil dem Unterricht die Autorität der öffentlichen Schulo fehlt, wird er von vieleu Eltern und nicht minder von den Kindern selbst nicht mit dem Ernst behandelt, der ihm gebührt. Dem müsso begegnet werden. Gemeinde und Lehrerkollegium seien fest entschlossen, Abhilfe zu schaffen. Aus diesem Grunde seien vor allem die Eltern der Kinder zusammengerufen worden, die die 82. Volksschule besuchen. Unter 1200 Kindern, die diese Schule zählt, seien 300 jüdische Knaben und Mädchen. Hier sei die Möglichkeit gegeben, den jüdischen Religionsunterricht in den Rahmen des Gesamtunterrichts einzuordnen. Es wird den Eltern empfohlen, ihren Willen zu bekunden, daß dies geschehe. — Im Sinne dieser mit lebhafter Zustimmung aufgenommenen Ausführungen wurde einstimmig folgende Entschließung angenommen: Die am 14. Februar 1933 im Saale des jüdischen Jugendheims zu Leipzig zahlreich versammelten Eltern von jüdischen Kindern, welche die 32. Volksschule besuchen, richten an den Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, sowie an den Sächsischisraelitischen Gemeindeverband die nachfolgende Entschließung: Die 32. Volksschule wird von mehr als dreihundert jüdischen Schülern besucht, so daß mindestens ein Viertel der gesaraten Schulerzahl dem jüdischen Glauben angehört. Trotzdem findet aber in der Schule kein jüdischer Religionsunterricht statt, obwohl nach der Reichsverfassung der Religionsunterricht ordentliches Lehrfach der Volksschule ist und das Judentum im Freistaat Sachsen eine den christlichen Bekenntnissen vollständig gleichberechtigte Religion gesollschaft ist. Unsere Kinder erleiden eine fühlbare Zurücksetzung. Im Gegensatz zu ihren christlichen Mitschülern wird ihnen der Religionsunterricht nicht im Rahmen des Schulplans erteilt, sondern sie müssen eine Religionsschule besuchen oder Privatunterricht nehmen. Für eine Pflicht, welche nach der Reichsverfassung der Stadtgemeinde obliegt, müssen die einzelnen Eltern direkt oder indirekt durch erhöhte Steuerzahlungen an dio Israelitische Religionsgemeinde ganz erhebliche Aufwendungen machen. Außerdem verursacht der gegenwärtige Zustand den Kindern große Zeitverluste, da sie nicht im Rahmen des Schulplans, sondern an besonderen Nachmittagen den jüdischen Religionsunterricht empfangen müssen. Wir bitten ergebenst dafür Sorge tragen zu wollen, daß diese fühlbare Beeinträchtigung der Rechte der judischen Schüler aufgehoben wird. Wir bitten darauf bedacht zu sein, daß seitens der Stadt Leipzig an der 32. Volksschule jüdischer Religionsunterricht durch von der Stadt angestellte Lehrer nach Maßgabe der Bestimmungen der Reichsverfassung im Rahmen de« Schulunterrichts erteilt wird. Im Anschluß an diesen Hauptgegenstand der Tagesordnung fand eine Aussprache Uber Fragen des Religionsunterrichts statt. Insbesondere wurde dem Erstaunen darüber Ausdruck gegeben, daß der Rcligionsuntericht in unserer Gemeinde von einem so geringen Prozentsatz von Kindern besucht wird. Herr Rabbiner Cohn wies darauf hin, daß dies zum Teil auf die schon berührten Umstände zurückzuführen ist, zum Teil aber auch darauf, daß die neuere Gesetzgebung den früheren Zwang zum Besuch des Religionsunterrichts gelockert hat. Es würde um vieles besser werden, wenn die geforderten Schritte Erfolg haben würden: Man brauche in dieser Hinsicht keineswegs pessimistisch zu sein. Es könnten aber auch die Eltern selbst manches zur Besserung der Verhältnisse beitragen. Auf weitere Fragen aus dem Eiternkreiso gingen die anderen Lehrer der Religionsschule ein. Der Vorsitzende schloß die Versammlung mit der Versicherung, daß Gemeinde und Lehrerkollegium die Einrichtung der Elternabende gerne ausbauen werden, um den Kontakt zwischen Lehrern und Eltern zu festigen. Unsere Gemeinde. Jüdischer Geschichtskursus. Durch Fcuchtwangers Roman „Der jüdische Krieg" aber mehr noch durch die gegenwärtige Schicksalsläge der Juden ist das Interesse an jüdischer Geschichte sehr lebendig geworden. Der vom jüdischen Frauenbund, Ortsgruppe Leipzig, vom Schwesternbund der Leipzig-Loge und vom Verband jüdischer Frauen fUr Palästinaarbeit eingerichtete Geschichtskursus hat außerordentlich starkes Interesse gefunden. Um auch denen, die sich in den Vormittagsstunden nicht freimachen können, Gelegenheit zur Beteiligung zu geben, wird in den Abendstunden ein Parallelkursus eingerichtet. Er beginnt Mittwoch, den 22. Februar 1933 abends 8.30 Uhr und findet im Gemeindeamt, Löhrstr. 10 II, statt. Folgende Kurzreferate werden gehalten: Frau Hadassah Chamizer: Warum gerade jüdische Geschichte? Else Cohn: Ueborblick Uber die allgemein jüdische Situation nach der Zerstörung des 2. Tempels. Fräulein Lilly Halberstam: Wirtschaftliche und soziale Lage der Juden zu Anfang unserer Zeitrechnung. Frau Gcnka Flciss, Juden in Alexandrion. Auch Herren und Jugend können an dem Kursus teilnehmen. Tagung des Kartells Jüdischer Verbindungen. Vom 24. bis zum 26. Februar findet in Leipzig die Tagung des Kartells Jüdischer Verbindungen statt. In nahezu 10 Jahren hat diese Gruppe judischer Akademiker Deutschlands die Kerntruppe der jUdisch-nationalen Bewegung erzogen. Wenn heute ein blühendes Palästina inmitten einer destruierten Welt das Hers jedes aufrechten Juden höher schlagen läßt, wenn heute Tausende junger Juden dort Arbeit und Heimat finden, so ist die Arbeit von K. I. V.orn nicht unwesentlich an dieser jüdischen Renaissance beteiligt gewesen. Führer des judischen Lebens, aber nicht minder auoh namhafte Männer des allgemeinen Geisteslebens und vieler Zweige der Wissenschaft sind aus seinem Kreise hervorgegangen. Auch in Leipzig ist das Wirken des K. I. V.er Geistes an vielen Stellen bedeutungsvoll gewesen. Es liegt im Sinne der Erziehungsarbeil des K. I. V., wenn er in Gestalt einer geistigen Veranstaltung sich an die geistige Elite der Leipziger 1