Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 7 (17.2.1933)
- Date
- 1933-02-17
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968810-5969340--4603-4881692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 17. Fobruar 19;W So führt uns Arnold Zweig in den Kriminalroman ein, der zu einer spannenden, grandiosen Kriminalgeschichto wird. Und am Endo ist der Laser in den Brennpunkt jenes Problems versotzt, das sich Jüdisches Nationalhelm in Palästina betitelt. Meisterhaft schildert Zweig die Palästinalandschaft, altes und neues jüdisches Leben, das harle Ringen der judischen Bevölkerung, dio fcindseligo Haltung der Mufticlique gegenüber den jüdischen Bestrebungen. Er läßt an unsern Augen eine Reihe von Persönlichkeiten vorübergleitcn, wie Ussischkin, Struck, Dr. GlUcksohn, Jabotinski, Sonnenfeld und andere bekannte Führer. Doch am allermeisten beschäftigt Zweig die rätselhafte Persönlichkeit De-Haans. Zweig versucht diese keineswegs oberflächliche Persönlichkeit zu ergründen, speziell jene psychologischen Merkmale, die den so heftigen Krieg mit seinen Brüdern und der Gruppe heraufbeschworen, der er einst selber angehörte. Aber der fromme Agudist De-llaan kämpft nicht allein gegen dio Zionisten. Er ist noch in einen andern und viel älteren Kampf verstrickt, gegen einen Feind, den niemand außer ihm ahnt — gegen Gott! Er, der strenggläubige Jude, der alle Gebote und Vorschriften aufs Jota hält, er, der Kämpe der frommen Judenhcit, hat eine alte Rechnung mit dem Höchsten abzumachen, und diosen Krieg führt er insgeheim bei Nacht, in der Einöde seiner Jerusalemer Klause. Da erhebt er sich, wenn dio Uhr Mitternacht schlägt, nimmt seine Streitschriften vor, kleine schmale Hefte, und trägt seine gotteslästernden Gedichto ein, Verse, den Allmächtigen verhöhnend, Zeilen, den Schöpfer mit Galle und Haß besudelnd. Er verleugnet Gott. Auch Liebeslieder schreibt er, heiße, leidenschaftliche, wie sie ihm seino Liebe zu dem kleinen arabischen Fround Saud in die Feder diktiert. Und denkt er an dio Stunde, da der kleine Fround Saud ihn, den Lehrer und Führer-Verführer, aufsuchen wird, erbebt er vor Freude... Dieser kleine Junge, der ihn so aufrichtig, ohne Hintergedanken, offen, ehrlich und — rein liebt, ist sein größter Trost... Als er einen Brief aus Haifa erhält, mit der Mahnung, „das Land zu verlassen, wenn er am Leben noch hängt," da lacht er auf. Er weiß, daß die Gefahr von Seiten der rachedurstigen Anhänger des kleinen Saud vorüber ist. Die Araber haben den Termin für &eine Beseitigung aufgeschoben, in Erwartung gewisser Dienste De-Haans, dio ihre Stellung gegen dio Juden verbessern soll. Vor Juden aber fürchtet er sich nicht: Juden töten nicht. Dennoch trifft ihn (nach Zweigs Auffassung) dio jüdische Kugel ins Herz und macht ein Ende seinem sündigen und bewegten Leben. Ausgezeichnet schildert Zweig die letzte Minute vor seinem Tode. Seino Augen schon geschlossen, hat er noch eine Vision. Er, Jakob Dc-Haan, erscheint sich selbst als Isaak, zur Opferstätte auf dorn Borg Moriah von Abraham geführt; dort bringt er sein Blut dar und gibt mit den entströmenden Blutstropfen soino letzte Kraft her zur ewigen Revolto gegen Gott. Do Vriendt-Haan verpflichtet seinen englischen Freund, Mr. Irmin, den Mörder zu fassen. So entspannt sich ein interessanter Kampf zwischen Mr. Irmin und De-Haans jungem Mörder, Mendel Glas. Von Haifa aus verfolgt, fährt mit ihm der Engländer oin Stück Wegs, verliert ihn aber ganz aus dor Sicht. Mendel Glas hat gemerkt, daß der Engländer ihm nachstellt, und sucht die Weito. Er läßt sich einstellen am Salzmeer, fUr die schwere Arbeit, die dort zu tun gibt... Und nun durch Zufall — natürlich! — durch unbewußten Verrat eines verliebten jungen jüdischen Weibes erfährt der Engländer, daß der gesuchte Mörder am Toten Meer schafft, und begibt sich zu ihm. Endlich hat er ihn! Diesmal wird er ihm nicht entweichen. Da steht er, der rothaarige Jüngling mit glühenden Augen, der für eine Woile erschrickt, als er des Engländers ansichtig wurde, doch bald gewinnt er seine Ruhe zurück. Nun hat er keine Angst mehr. Stichhaltige Beweise gegen ihn fehlen. Und dann — was kann ihm schließlich passieren? Ist denn nicht das Gefängnis in Akko ein Paradies gegen dio Feuerhöllo am Toten Meer, wo man schwer schaffen muß? Eine wunderbare Szene spielt sich dann ab. Der Engländer sticht mit ihm in die See und beschließt nach einem heißen Wortgefecht, den Arbeiter dem Meer zu überantworten. Dieser soll in die Fluten springen und an die Küste schwimmen, und es ist fast sicher, daß er dem Herzschlag erliegen wird, infolge der Giftgase in jenen Gewässern, — und so wird ihn die gerechte Strafe ereilen. Im Nu ist Mendel Glas im Wasser, mit dem Tod ringend, der ihn ohnehin belauert. Doch langsam schwimmt er der Küste zu. Der Engländer traut seinen Augen nicht. Der Mörder hatte sich gerettet. Das Tote Meer hatte ihn freigesprochen... Berechtigte Übertragung von Maximilian Bolz. Dr. IIElXIilCJl FLEISS. Josef Kastein. Am 23. Februar 1933 spricht auf Einladung der Zionistischen Vereinigung Leipzig der bekannte Historiker Josef Kastein. Kastein ist kein zünftiger Wissenschaftler und kein Berufs historiker. Er foncht nicht nach Spczialproblemcn. Was ihn beschäftigt, geht uns allo an. Er will sich zurecht finden in dem vielfältigen Ablauf von Schicksalen, von denen dio jüdische Gemeinschaft im Laufe der Jahrtausende betroffen wurde. Er versucht, dem Rätsel der jüdischen Geschichte einen Sinn zu geben. Ohne daß er auf den Zeitgeist Rücksicht nimmt, ohne daß er diesen entscheiden läßt, kommt er zu einer Deutung, die auch uns Menschen von heute nicht nur verständlich und annehmbar ist, sondern groß genug ist, uns neu zu faszinieren. In diesem Sinne ist Kastein Antipode der jüdischen Geschichtsschreiber der Emanzipation, die die jüdische Geschichte nicht nach den ihr eigenen Lebenskräften, sondern aus dem Gesichtswinkel moderner, rationalistischer Betrachtung darzulegen unternahmen. Im „Sabbatai Zewi", dem Messias von Ismir, seinem ersten Werke, behandelt Kastein das zentrale Problem des Judentums, den Me&sianisiuus. Das Werk aber, das die Aufmerksamkeit von Juden und Nichtjuden auf ihn gelenkt hat, ist „Eine Geschichte der Juden". Schon die Gliederung des Stoffes läßt die Leitmotive der jü dischen Geschichte anklingen. „Von der Entstehung der Theokratic bis zur Herrschaft des Gesetzes" heißt das erste Kapitel. Im zweiten „Von der Begegnung des Judentums mit Griechenland und dem Christentum" arbeitet er scharf heraus, warum das jüdische Volk als einziges diesen Gesichtsphänomenen standhalten konnte. Neuartig ist seine Darstellung des erstarrten Rabhinismus in seinen Auswirkungen auf den jüdischen Westen und den jüdischen Osten. Im letzten Teile seiner Geschichte „Kampf um die Gleichberechtigung bis zur jüdischen Renaissance" behandelt er Probleme unseres Lebens, Fragen, die unsern Alltag bewegen. Die Emanzipation als großo Illusion in all ihren Auswirkungen, dio Entstehung des Antisemitismus, der Judenhaß als oin Problem der Nichtjuden. In der jüdischen Renaissance schildert er die Ueberwindung der lähmenden Krise, die aus geistiger Erstarrung geboren, zu Flucht und Abfall führte; das Wiodererwachen dea zu neuer Gestaltung er •rächenden jüdischen Volksgeistes. Die jüdische Geschichte ist nicht zu Ende. Ein neues Kapitel hebt an, neue Probleme und Aufgaben werden sichtbar. Das moderne, nationale Judentum wird sich mit der zugleich nationalen und universalen, politischen und religiösen, irdischen und transzendentalen Konzeption dos geschieht.- gewordenen Judentums auseinanderzusetzen haben. In seinem letzten, jüngst erschienenen Werke, Uriel Acosta oder die Tragödie der Gesinnung behandelt er da« Problem des entwurzelten Juden, der trotz schrankenloser Hingabe an die neuerwählte Gemeinschaft von dieser abgestoßen oder sich ihr nicht restlos einzufügen vermag, der aber auch in seiner alten Gemeinschaft eich nicht mehr einzufügen vermag, weil Wunschbild und angetroffene Wirklichkeit sich nieb'. decken. Das „Jüdische Museum" in Berlin. Seit 15 Jahren unterhält die Jüdische Gemeinde in Berlin neben ihrer großartigen Bibliothek eine Kunstsammlung, die ihre Entstehung dem verstorbenen Dresdner Sammler Albert Wolf, der seine in jahrzehntelanger Forscherarbeit zusammengebrachten Schätzo der Berliner Jüdischen Gemeinde vermachte, verdankt. Nach der Ubersiedlung des Hospitals in andere Räume wurde das ganze ersto Stockwerk des Hauses Oranienburger Straße 31 neben der Neuen Synagoge für die Kunstsammlung freigemacht, so daß alle vorhandenen Schätze alter und neuer Kunst ihrem Werte entsprechend ausgestellt werden konnten. In letzter Zeit haben die Sammlungen durch die Arbeit des vor drei Jahren begründeten Jüdischen Museums- Vereins bedeutende Förderung erfahren und im Herbst 1932 hat die Gemeinde ihre Kunstsammlungen in „Jüdisches Museum" (Sammlungen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin) umbenannt und für die Verwaltung eine besondere Kommission geschaffen, in der führende Kunsthistoriker, Kunstkritiker und Künstler mitarbeiten. Leiter der erweiterten Sammlungen ist der Kustos Dr. Karl Schwarz. Am 24. Januar abends wurde das Museum in seiner neuen Gestalt feierlich der Öffentlichkeit Ubergeben. In dem größten Saal der Gemälde-Galerie versammelten sich zahlreiche Persönlichkeiten des jüdischen öffentlichen Lebens, unter ihnen mehrere Mitglieder des Gemeindevorstandes, der Reprasentantenversammlung und der interessierten Verwaltungskommissioncn, die meisten Gemeinderabbiner, Vertreter öffentlicher Behörden und Sammlungen und viele bekannte jüdische Künstler. Der stellvertretende Vorsitzende des Gcmeindevorstandee Kammergerichtsrat Leo Wolff begrüßte die zur Einweihung erschienenen Gäste und führte u. a. aus: Zu den Aufgaben der Gemeinde gehöre es auch, das künstlerische Kulturgut zu sammeln, zu sichten und Juden wie Nichtjuden Belehrung Uber dieses Kulturgut zu verschaffen und aller Welt den Wert und Umfang auch dieses Teiles des jüdischen Lebens nahezubringen. Dio Gemeinde wird die Sammlung weiter ausgestalten zum Besten der jüdischen Gemeinschaft und des allgemeinen Kulturfortschritts. Der Dezernent des Gemeindevorstandes für Bibliothek und Museum. Dr. Aron Sandler, schilderte die bisherige Entwicklung der Kunstsammlung und legte die Tendenzen dar, die für diese Entwicklung richtunggebend waren. Neben den Objekten reinen Kunstwertes befinden sich in der Sammlung Objekte von kunsthistorischem und historischem Wert, eine archäologische Abteilung mit Ausgrabungsfunden aus Palästina, eine Sammlung von Kultgeräten, ein reichausgestattetes Lichtbilder-Archiv und eine einzigartige Sammlung jüdischer Graphik. Die neuen würdigen Räume gestatten eine Sonderung der Objekte nach Gattungen, sowie Veranstaltung von Spezialausstellungen. Besondere Aufmerksamkeit soll dem Ausbau der archäologischen Sammlung, so zum Beispiel der Beschaffung von Reproduktionen der Dokumente der altisraelitischen Geschichte, zugewandt werden. Der Redner richtete an die jüdische Öffentlichkeit die Bitte, ihren Blick für wertvolle alte Familienstücke zu scharfen, diese Gegenstände nicht in den Rumpelkammern verstauben zu lassen, sondern dem Museum der Gemeinde zuzuführen, um so den Verlust bedeutender Privatsammlungen für das deutsche Judentum, die in der Inflationszeit ins Ausland gegangen seien, wettzumachen.