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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-02-17 · 7 (17.2.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
7 (17.2.1933)
Date
1933-02-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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20. 2.33. Auflage 4S00istück DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZV I 4-1 AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT Lb I u MmM \7 DER GEMEINDEVERWALTUNG! Schriftleitung: Gemolnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, LfihrstraBe 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Gonehmlgung des Verfassers gestattet J. HERMANN LEVY: Nummer 7 / Jahrgang 9 17. Februar 1933 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Leipzig O 5, CIchorlusstraBe 2 a Fernsprecher Nr.6X3771 — Druck: Gebr. Gerhardt, Leipzig S3 Ein Kampf im heiligen Lande. Zum neuen Roman Arnold Zweig«*: „De Vriendt kehrt heim". L Neun Jahre sind es her, daß Jerusalem Schauplatz oiner Tra gödie war, die noch heute in aller Erinnerung ist. An einem schwülen Sommertage — es war Ende Juni 1924 — wurde in Jerusalem ein Mord verübt, der die gesamte jüdische Welt in Aufruhr brachte. Als der bekannte Politiker und Führer der palästinensischen Agudah Dr. Jakob De-Haan die Dr. Wallach'sche Spitalbetstube betrat, um an dem Abendgebet teilzunehmen, wurde auf ihn ein Attentat ausgeführt. Die Schüsse durchbohrten seinen Körper und er blieb am Bodon tot liegen. Das Telegramm, das die Ermordung bekanntgab, berichtete zugleich von der Absicht des erschossenen Dr. De-Haan, nooh Ende derselben Woche an der Spitze einer Delegation nach London zu reisen, um dort bei dem englischen Kolonialamt schärfste Verwahrung gegen die pro-zionistischo Regierungspolitik, insbesondere aber gegen dio neuerlassene Gemeindeordnung Protest zu erheben. Auf die Ergreifung des Täters bezw. für dienliche Angaben, dio zur Aufdeckung der Spuren des Mörders führen sollten, wurde die Uberaus hohe Belohnung von zweihundert engl. Pfund ausgesetzt. Dessenungeachtet gelang es dem Mörder zu entkommen. Die Mordaffäre wirbelte viel Staub auf. Ein jeder Tag brachte neuo Vermutungen und Verdachtsmomente. Die Polizei nahm sogar Verhaftungen völlig unbeteiligter Arbeiter vor, die indes bald auf freien Fuß gesetzt werden mußten, da ihnen keinerlei Schuld am Mord nachzuweisen war. Eines stand jedoch für die jüdische Welt fest: daß der Attentäter nur ein Araber sein konnte. Zufälligkeiten persönlicher und mysteriöser Art schienen diese Annahme zu bestätigen. Dr. De-Haan fiel als Opfer seiner krankhaften Veranlagung, die ihn angeblich sich in ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem jüngsten Sproß einer liuchgestellten arabischen Familie verstricken ließ und deren Ruf er dadurch geschädigt haben soll... Der Mörder ist bis jetzt noch nicht ergriffen worden. II. Wer war dieser Dr. Jakob De-Haan? Eine außerordentlich interessante Persönlichkeit, ein prominenter holländischer Dichter und Schriftsteller, Jurist seinen Zeichens und schon im jüngern Mannesalter Professor an der Haager Universität. Ein Freigeist war er, mit ausgeprägtem Sinn für soziale Gerechtigkeit, ein Menschenfreund — kurz, der Typus eines Holländers. Die leidenschaftliche Triebhaftigkeit De-Haans wurde frühzeitig durch die Eigenart der niederländischen Landschaft beeindruckt: auf der einen Seite ihre Geruhsamkeit inmitten weiter Blumenfelder, auf der anderen die stürmische See mit wilden, die holländische Küste überrennenden Wogen. Plötzlich besinnt sieh dieser bodenverwurzelte Holländer auf seine Abkunft, daß er jüdischen Volkes Kind sei. Und er beschließt, zu der eigentlichen Wurzel zurückzukehren. Er will sioh nicht etwa damit begnügen, mit den Fingerspitzen am Judentum zu naschen. Vielmehr wendet er sich mit dem ganzen Herzen und voller Begeisterung dem Glauben seiner Väter zu und geht in der so fremden, ihm so unbekannten Welt auf. Darin zeigt er sich als Holländer und Abkömmling unverfälschter Naturalisten. Doch findet sich der gläubig Bekehrte nicht tu dem modernen, nationalzionistiecben Judentum, sondern zu dem frommen Judeeein zurück... Ein neues Heim schlägt er im Land Israel auf und läßt sich in Jerusalem nieder. Dort folgt der Verwandelte den Spuren Israel? Saba, dort ist er umgeben von den Wahrzeichen des uralten palästinensischen Lebens mit seinen Denkmalen, Steinen und Gräbern. Wae kann ihm auch etwa eine sozialistische Siedlung bedeuten, ihm, dem die europäische Kultur zum Halse hinausgeht? Und was stWrt er sich um die unstillbare Begierde der Jugend nach einförmiger simpler Körperarbeit? Uad was geht ihn an die hier erwachte Lust zum Bauen von neuzeitlichen Schulen, zum Pflanzen von Obstgärten, zur Errichtung einer sogenannten Universität, dio noch in den Wickeln liegt, zur Gründung einer Landesbibliothek, zur Schöpfung einer hebräischen Theaterstätte? Soll das für ihn, den Holländer, von Belang sein? Sind denn ihm allo diese Bestrebungen nicht sattsam genug von der Heimat aus bekannt? Er denkt nicht daran, Europa nach Asien zu verpflanzen! Seine Losung heißt: zurück zu der alten Wurzel, zum wahren Ursprung! Getreu dieser Losung träumt er vom Priesterreich des heiligen Volkes, von dem wahrhaft auscrwähltcn Volk. Liegt doch der Berg Sinai so nahe, steht doch die Klagemauer da, lebender Zeuge einstiger Prachtjudenheit! Und dio heiligen Gräber? Und dio Schulen Rabbi Jehuda dos Frommen? Und dio vielen anderen Heiligtümer? Welch herrliche Motive für schöne erhabene Träumereien, großartig zu spinnon unter dem blauen großbesternten Himmel! Kaum aber stößt er an dio wirkliche Gegenwart, da treten ihm ab&chcuerregcndo Gestalten entgegen. Junge Chaluzim, die es mit der Religion nicht genau nehmen, die am Sabbath selbst mit brennender Zigarette im Munde durch die Straßen ziehen, die der Speisevorschriften und der sonstigen Rcligionsgcboto nicht achten. Wie kann dieser folgerichtige, eifernde Holländer so etwas gleichgültig hinnehmen? Nein! Das muß er unterbinden! Diesor Gottlosigkeit muß Fehde angesagt werden, kein schwächlicher, kleinlicher Kampf ohne Sinn und Methode! So setzt er die Macht seiner ganzen Person, seinen juristischen Scharfsinn, soino beißende Ironie, sein künstlerisches Temperament ein für den Kampf und heiligen Krieg gegen dio gottlosen jüdischen Freidenker, dio sein Land Israel verderben... Aber dieser von ihm entfesselte Kampf schlägt ihn als ersten mit Blindheit. Er versperrt sich der Einsicht, «laß der krankhaft gesteigerte Haß kein Ende nehmen kann. Er wird blindwütig, die Empörung läßt ihn wie die stürmende Meeresflut schäumen und schwimmen. Ohne Hemmungen in der Walü von Verbündeten, reicht er den Feinden seines Volkes dio Hand zum Kampf gegen seine jüdischen Brüder, nimmt mit Arabern und englischen Judenfressern vorlieb, wenn es gilt, gegen den Freigeist der Chaluzim auszuziehen, die das Land entweihen. So torkelt er in den klaffenden Abgrund des Hasses hinunter, entfremdet sich, wird zum Verräter, der mit gezücktem Dolch dem schwer um sein Dasein ringenden neuen Jischuw in den Rücken fällt. Er antichambriert mit schmählichen Denkschriften, pflegt Freundschaft mit arabischen Führern und wirft den Brüdern zur gebotenen Stunde Knüppel zwischen dio Beine. In der jüdischen Geschichte ist es kein Einzelfall... III. Letzten Frühling hielt sich in Palästina der bekannte deutschjüdische Schriftsteller Arnold Zweig auf, und seine Reiseeindrücko finden ihren dichterischen Niederschlag in dem Roman: De Vriendt kehrt beim (verlegt bei Gustav Kiepenheuer-Berlin). Im Vordergrund der unseligen Progromgeschehnisse in Palästina vom August 1929 steht der ermordete Dr. De-Haan. So werden in diesem Buch zwei Ereignisse, die Ermordung De-Haans und die Unruhen von 1929 ineinander geschmolzen, obwohl eine Spanne von ganzen fünf Jahren dazwischen liegt. Das tut dem Roman nicht weiter Abbruch, wenn die beiden Ereignisse nicht noch frisch in dei Volkserinnerung fortlobten und wenn die Zeit für abwägende, abgeklärte Schilderung nicht verfrüht wäre. Lediglich die Reife der künstlerischen Gestaltungskraft Arnold Zweigs vermochte dem äußerst schwierigen Stoffe mit zeitlich vermengton Geschehnissen beizukommen. Die Kernfrage bildet das Problem des politischen Mordes. Nun geht Zweig davon aus, daß De-Haan nicht etwa au9 einer arabischen Meuchlerhand den Tod empfangen hatte, sondern daß ihn ein jüdischer Fanatiker, ein Arbeiter, niederstreckte, um mit dem gefährlichen Abtrünnigen, dem Feind und Störenfried des Jischuw aufzuräumen. Uberall ist heutzutage das Problem des politischen Mordes aktuell und nahezu in jedem Lande wird die Ermordung der politischen Gegner zur täglichen Plage. Junge Hitzköpfe machen kurzen Prozeß. Wozu denn auch die vielen Umstände, wenn der stärkste Widersacher mit zwei, drei Revolverkugeln mundtot zu bringen ist?

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