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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-02-10 · 6 (10.2.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
6 (10.2.1933)
Date
1933-02-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINI >E ZU LEIPZIG 10. Februar „Während diese Zeilen in Druck gehen, sind die Grundlagen, auf denen das neue Kabinett gebildet wurde, noch nicht bekannt.... Es ist aber anzunehmen, daß der Reichspräsident und die Parteien, die das Kabinett Hitler stützen, die verfassungsmäßigen Grundrechte respektieren werden. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden ist in der Reichsverfassung verankert. Wir können nur Wiederholen, was wir am 12. August an dieser Stelle geschrieben haben: „Wird Hitler Reichskanzler, dann darf doch nicht das Programm der Nationalsozialistischen Partei mit seinen bekannten antijüdischen Punkten das Programm des deutschen Reichs werden. Als Parteiführer konnte Hitler sich auf die von ihm fanatisierten Massen stützen, als Reichskanzler muß er wissen, daß Deutschland aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist, die Anspruch auf Respektierung ihrer Eigenart haben." Die deutschen Juden, von der Partei des Reichskanzlers beschimpft und herabgewürdigt, werden an jede Regierung die Forderung richten, ihro Existenz, Ehre und Eigenart zu respektieren. Die ganze Welt blickt heute auf Deutschland, insbesondere das jüdische Volk. Trotz der numerischen Geringfügigkeit des deutschen Judentums steht heute für alle Juden der Welt das Schicksal der deutschen Juden im Mittelpunkt des Interesses. Wir sind überzeugt, daß auch im deutschen Volk die Kräfte noch wachsen, die sich gegen eine barbarische antijüdische Politik wenden werden. Darüber hinaus aber ist Deutschlands Stellung innerhalb der Kulturnationen abhängig von seinem Verhalten in der Judenfrage. Auch ein nationalsozialistisches Deutschland kann die Verschlungenheit der internationalen Beziehungen nicht ignorieren. Die deutschen Juden, für die die neue Wendung nicht unerwartet kommen konnte, haben ihre Ehre, Ruhe und Würde zu wahren. Es ist selbstverständlich, daß das deutsche Judentum sich gegen jeden Versuch der formalen und tatsächlichen Entrechtung und Depossedierung mit allen Mitteln und aller Energie zur Wehr setzen wird. In dieser Situation muß sich das deutsehe Judentum mehr als bisher zur Selbsthilfe zusammenschließen. Vor allem gilt es, den Geist des Judentums lebendig und aktiv zu erhalten. Niemals war es so wichtig wie heute, den Glauben an das Judentum in jüdischen Kreisen zu festigen. Das jüdische Volk ist der Träger unvergänglicher Werte, der Fortsetzer einer unvergleichlichen Geschichte. In den Zeiten der Gefahr und in den Zeiten der Not gilt es. diese Tatsache mit aller Kraft ins Bewußtsein zu rufen." Jüdische Kinder in jüdische Heime. Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk/Föhr. Es gibt in Deutsch land eino Reihe von gemeinnützigen Institutionen, die der jüdischen Bevölkerung, für die sie geschaffen wurden, nicht genug bekannt sind. Auch das Heim des Jüd. Frauenbundes in Wyk auf Föhr, dos vor mehr als 5 Jahren der jüdischen Öffentlichkeit übergeben wurde, gehört dazu. Das ist darum bedauerlich, weil es seinen Zweck nur erfüllen kann, wenn alle Kreise des Judentums ihre Kinder und weiblichen Jugendlieben, für die das Nordseeklima Heilung und Widerstandskraft bringen könnte, dorthin schicken würden. Das Heim des jüdischen Frauenbundes liegt am geschützten Sudstrand der Insel Föhr, die durch ihre Lage im Wattenmeer und durch die Nähe des Golfstroms ein besonders mildes Klima hat. Es unterscheidet sich durch nichts von einem guten Privatheim, hat alle eanitüren Einrichtungen, Höhensonne, Liegehallen, einen großen Garten mit Rasenflächen zum Spielen, hat Zentralheizung und Warmwasserversorgung und freundlich und geschmackvoll eingerichtete Tages- und Schlaf räume. Dm Heim ist pflegerisch und pädagogisch durah eine Oberin Und eine gut ausgebildete Beumtinnenschaft aufs beste betreut. Die Kinder unterstehen der täglichen Aufsicht eines erprobten Arztes. Durch allmähliche Abhärtung wird eino Widerstandsfähigkeit erworben, die, wie die Erfahrung bewiesen hat, die Anfälligkeit der Kinder erheblich herabmindert. Das Spielen und Wandern in der klaren würzigen Seeluft, bei windigerem Wetter in den schönen Waldanlagen und die sachgemäß vorgenommenen gymnastischen Übungen, mögliehst im Freien, steigern den Appetit der Kinder, so daß die Gewichtszunahmen bei der sehr guten Ernährung (auf Rutter, Obst und GemUae wird besonderer Wert gelegtj erfreulich gut sind. Nach gründlicher Untersuchung jedes einzelnen Kindes gleich nach der Aufnahme im Heim, die durch eine röntgenologische Untersuchung (Durchleuchtung bezw. Aufnahme) ergänzt wird, bestimmt der Heimar/.t je nach Erfordernis Liegekuren, Atemgymnastik usw. Es bleibt noch tu bemerken, daß das Heim rituell geführt wird (es steht unter Aufsicht dm Altonaer Oberrabliinats). Der gute jüdi -ehe Geint, der im Hause herrseht, schafft eine besonders günstige Atmosphäre, die die körperliche Erholung wesentlich unterstützt. An den hohen Feiertagen ist für Gottesdienst gesorgt, ebenso für die Abhaltung des Seders, denn das Heim bleibt dM ganze Jahr, auch über Possac.h. geöffnet. Es mag hier besonders hervorgehoben worden, daß gerade die Winterkuren besonders gut und nachhaltig wirken. Der Jüdische Frauenbund hat einen Hilfsfonds errichtet, aus dem Karbeihilfen gewährt werden in Fällen, in denen — besonder! in Kamillen des Mittelstandes — der volle Pflegesatz nicht aufzubringen ist. Der Zweck des Heims in Wyk auf Föhr ist, „körperlich nicht kranken, wenn auch nicht sehr kräftigen Kindern und weiblich™ Jugendlichen einen behaglichen Aufenthalt zu bieten, 1. solchen Schulkindern, für die der Arzt fordert, daß sio vorbeugend körperlich widerstandsfähig gemacht werden, 2. wedbliche Jugendliche, deren Konstitution verlangt, daß sie ärztlich beobachtet und durch Ernährung, Liegekuren, Atemübungen usw. gekräftigt werden, die aber gleichzeitig erzieherisch so beeinflußt und beschäftigt werden, daß sie nicht in schwächliche Selbst beobachtung versinkend, alle Lebensfreude und Lebonstüchtigkeit verlieren". Das Heim des J. F. B. in Wyk auf Föhr ist in seiner Art einzig. Es kann seiner Aufgabe nur gerecht werden, wenn die jüdische Allgemeinheit es als ihr gehörig betrachtet und den Gebrauch davon macht, den die Erhaltung eines gesunden jüdischen Nachwuchses erheischt. Um Auskünfte, Referenzen und Anmeldungen wende man sich an dio Geschäftsstelle des „Heims des Jüdischen Frauenbundes in Wyk auf Föhr", Berlin N. 24, Monbijouplatz 10. Ch. L. Dr. jur. HEINRICH FLEISS. Die Bedeutung jüdischer Kreditgenossenschaf ts-Banken. Unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Fleiß, Leipzig, fand am Montag, dem 30. Januar, in den Räumen des Jugendheims eine Versammlung zum Zwecke der Grün dung einer Jüdischen Genossenschaftsbank statt. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden, einem Referat des Herrn Dr. Silbert, Vorstandsmitglied der Berliner Volksbank „Iwria", und einem weiteren Referat des Herrn Gerber, Vorstandsmitglied der Volksbank „Iwria" in Chemnitz, wurde die Gründung der Jüdischen Volk9bank „Iwria" in Leipzig beschlossen. Ein Teil der Anwesenden erklärte seinen Anschluß an die neue Gründung. Die Höhe der Anteile wurde auf M. 200.— festgesetzt, VOI denen M. 50.— sofort, der Rest in vierteljährlichen Raten zu zahlen ist. Die Vorarbeiten sind soweit vorgeschritten, daß die Betriebsaufnahme bereits in allernächster Zeit erfolgen kann. — Dio nachfolgenden Ausführungen wollen den Gedanken der neuen Gründung allen Kreisen der Gemeinde nahebringen. Dio Schriftleitung. Als im Jahre 1905 im Königreich Polen ein scharfer polnischer Boykott gegen dio Juden entstand, polnische Konsumgenossenschaften auch in den kleinsten Städtchen gegründet wurden, dio den jüdischen Händlern die Kundschaft wegnehmen sollten; als Presse und politisch? Organisationen durch eine maßlose Hetze die wirtschaftlichen I Ziehungen zu zerreißen sich bemühten, da besaß das polnische Judentum Kraft und Einsicht genug, um in kurzer Zeit eine Selbst-Hille- Organisation zu schaffen, die auch heute noch in Form von Kredit gonossenschafts-Banken weiterlebt. Mehr als 600 solcher Banken mit einer Viertel Million Mitglieder bestehen heute in Polen und bilden das Rückgrat der schwer um ihre Existenz ringenden jüdischen Wirfst haft. Durch die Adern dieses Banken-Netzes flössen mehr als VA Millionen Dollar amerikanisch-judischen Leihkapitals zum Zweck*' des Wiederaufbaues der durch den Krieg zerstörten jüdischen Wirtschaft. In gleicher Weist? hat das kleino Litauen ein jüdisches Banken netz ausgebaut. Gegenwärtig bestehen dort 90 jüdische Genossenschaft-Hanken mit 23 000 Mitgliedern. In der Tschechos.lovakei, in Rumänien, Lettland und Estland finden wir ebenfalls ein Netz solcher Volksbanken, die zu dem Zweck? gegründet wurden, dem jüdischen Mittelstand Kredit zuzuführen. Man hat die Existenz solcher Banken in Deutschland nicht für erforderlich gehalten, weil man sich nicht denken konnte, daß der Wohlstand der deutschen Juden so untergraben würde, daß von der rechtzeitigen Beschaffung eines Betrages von M. 500.— oder 1 000 — tiio Rettung einer Firma, die Existenz einer Familie abhängen würde. Heute liegen dio Dinge in Deutschland aber so, daß schon mit einem Betrag von M. 500.— sehr vielen zu helfen wäre, dieses Geld aber nicht zu bekommen ist. Gründe dafür liegen neben den antijüdischen Tendenzen und der Zurückdrängung des Groß- und Klein-Handels, der den Haupterwerbs- Zweig des jüdischen Mittelstandes bildet, in der Kredit-Politik der Großbanken. Diesen sind die kleineren Umsätze der Mittelstands- Firmen eine unerwünschte Belastung. Sio legen in der Regel keinen Wert auf die kleinere Kundschaft, weil die Geschäfte mit dieser zeitraubend und umständlich sind, ohne daß dio Höhe der Umsätze ein Aoquivalent bietet. Daß unter solchen Umständen Kredite an diese Kreise so gut wio garnicht vorgeben werden, lehrt eine Statistik des Bank-Enqueto- Ausschusses Uber die Kreditversorgung von Handel, Industrie uml Landwirtschaft. Aus dieser geht hervor, daß alle Großbanken mit ihren Filial-Netzen Kredite In Höhe bis zu RM. 5000.— nur 2%; bis 50 000.— GM. nur etwa 20% dagegen Kredito über M. 100 000.— 72?» des Umsatzes der Großbanken ausgemacht haben. Der jüdische Mittelstund in Deutschland gehört zum großen Teil zu jenen umsatz-schwachen Unternehmerschichten, die in einer Zeit stärksten Bedarfes an rechtzeitiger Kredithilfe leer ausgehen. Jede Stockung im Verkauf oder Zahlungs-Eingang, dio nicht durch kurzfristige Kredite ausgeglichen werden kann, bedeutet bei dem geringen Eigenkapital einen Verbrauch des Geschäftsvermögens und damit den endgültigen Ruin. Es muß also etwas geschehen, um jenen an sich noch gesunden Firmen, dio Absatz haben und Unterlagen für eine Kredithilfe geben können, beizustehen. Eine Hilfeleistung liegt sowohl im Interesse der Gemeinde, die an dio Erhaltung ihrer Steuerzahler denken und einer weiteren Abbröckelung ihrer Existenz-Grundlagen entgegenwirken muß, ebenso sehr wie im Interesse der noch gesunden, kapitalkräftigeren Schichten

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