Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 5 (3.2.1933)
- Date
- 1933-02-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 3. Februnr 1935 Aus aller Welt Die Felsenburg Masada in Palästina. Iii einem vom Erlanger Univcrsitätsbund vera-tstalteten Vortragsabend Im „Künsllerhaus" in Nürnberg sprach der Archäologe Geheimrat Professor Schulten, der Entdecker von Tartessos und Erforscher von Nuinantia (Spanien) über leine diesjährige Expedition zum Toten Meer, die der Untersuchung der Felscnburg Masada (Palästina) galt. Geheimrat Schulten führte die Zuhörer In die eigenartig schöne Landschaft des Toten Meeres und der Steinwüste Juda, in der sich die letzte Szene des jüdischen Kampfes gegen die Römer abspielte. 960 Juden hatten sicli unter ihrem Führer Eleazar nach der Zerstörung Jerusalems in die Felscnburg Masada zurückgezogen. Der römische Feldherr Silva, der die Burg mit 8000 Mann belagerte und große Lager aus Stein sowie eine mächtige Mauer um die Burg anlegen ließ, ging, als sich eine Blockierung als zwecklos erwies, dazu über, einen Damm zur Burg hinauf zu errichten. Als der Führer der Juden erkennen mußte, daß alles verloren sei, gab er seinen Leuten die Weisung, ihre Krauen und Kinder und sich dann selbst zu töten, um nicht in die Hände der Feinde zu fallen. Die Römer» die am anderen Morgen die Burg erstürmten, standen überrascht den stummen Zeugen dieses Dramas gegenüber. Schulten hat mit seinem Mitarbeiter General Lammercr während seines Aufenthaltes in Masada genaue Karten und Rekonstruktionen der Verteidigungs- und Belagerungswerke hergestellt. Die Bauten sind in dieser abgelegenen Gegend noch alle wunderbar erhalten und geben ein anschauliches Bild der römischen Belagerung, wie es sich sonst nirgends mehr bietet. (JTA.) Jüdische Verbände und Gemeinden Selbsthilfebestrebungen der jüdischen Jugend. Der in voriger Nummer veröffentlichte Bericht über eine Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Fürsorgefragen bedarf einer Ergänzung: Leber einen weiteren Verhandlungsgegenstand „Selbsthilfebestrebungen der jüdischen Jugend" berichtete cand. med. Hans Jacob (Berlin). Aus seinem Bericht ergab sich, daß die Berliner Selbsthilfe — ein Zusammenschluß junger erwerbsloser jüdischer Handwerker — zwar keinen sehr großen Umfang besitzt — was auch mit ihrem Charakter kaum vereinbar sein würde —, daß sich aber das Prinzip der Selbsthiifebcstrebungen in den verschiedensten handwerklichen Berufsgruppen durchaus bewährt hat. Voraussetzung für diese Selbsthilfetätigkeit ist In besonderem Maße die Führung der Gruppe und die Begründung und Erhaltung persönlichen und wirtschaftlichen Gemeinschaftslebens. In der Aussprache wies Adler-Rudel - Berlin U. a. auf die große Bedeutung der Einrichtung von Wohngemeinschaften hin, die sich auch als wirksames Mittel gegen die schweren Gefahren des Schlafstellenwesens bewährt hätten. In der Aussprache wurde die Notwendigkeit hervorgehoben, eine Klärung der heute noch weitgehend unbekannten soziologischen und psychologischen Bedingungen, unter denen die jüdische Jugend in den größeren und mittleren, besonders aber auch in den Klein- und Landgemeinden lebt, in systematischer Weise anzuregen und durchzuführen, worin eine besondere Aufgabe und Möglichkeit der Arbeitsgemeinschaft liege. — Des weiteren wurde die Möglichkeit besprochen, ähnliche Selbsthilfezusammcnschlüsse wie in Berlin auch in anderen G r o ß gemeinden ins Leben zu rufen. Der Arbeitssitzung war eine, organisatorischen Fragen gewidmete Beratung vorangegangen. Diese hatte zu einer weitgehenden Neugestaltung der Arbeitsgemeinschaft geführt, welche nunmehr (statt des bisherigen Namens „Jüdische Gcfährdeten-Fürsorge") die Bezeichnung „Arbeitsgemeinschaft für Fürsorge fragen bei der Zentral wohlfahrtsstellc der deutschen luden" tragen wird, und der bisher die folgenden Fachausschüsse angegliedert sind: 1. Reichsarbeitsgemeinschaft für jüdische Jugendfürsorge: 2. Jüdische Reichsarbeitsgemeinschaft für soziale Gerichtshilfe, Gefangenen- und Entlassenenfürsorge: 3. Fachausschuß für Fragen der jüdischen Erwerhslosenhilfe. Jedem Fachausschuß gehören die jeweils beteiligten Organisationen und gegebenenfalls weitere Sachverständige an. Der Schwerpunkt der Tätigkeit soll künftig in den Fachausschüssen liegen. Erstattung von Wagenstandgeldern für sabbathfeiernde Firmen. Wie seinerzeit berichtet, hat der Weltverband für Sabbathschutz „Schomte Schabbos" zu Beginn des Jahres Verhandlungen mit der Reichsbahngesellschaft (Hauptverwaltung) betreffs Erstattung von Wagenstandgeld für am Sabhath geschlossene Betriebe geführt und die Zusicherung eines gewissen Entgegenkommens seitens der Reichsbahng'„sellschaft erhalten. Nachdem nun aus dem Breslauer Bezirk einzelne Fälle bekanntgeworden waren, in denen dieses Entgegenkommen nicht gewährt worden ist, hat sich die Deutsche Landeszentrale des Weltverbandes für Sabbathschutz „Schombe Schabbos" mit dem Vorstande des Reichsbahnverkehrsamtes Breslau direkt in Verbindung gesetzt und unter dem 13. Dezember (Zeichen Ef. Ilc 579) einen Bescheid erhalten, von dem hier mit Befriedigung Kenntnis gegeben wird- „Auf das gef. Schreiben vom II. II. d. J. teile ich Ihnen ergebenst mit, daß die Reichsbahndirektionen auf Grund allgemeiner Ermächtigung berechtigt sind, bei Erstattung von Wagenstandgeld entgegenzukommen, wenn es sich um Beträge handelt, die infolge strenger Befolgung der Sabbatbrnhe entstanden sind. Voraussetzung ist jedoch, daß der betreffende Betrieb aus religiösen Gründen keinerlei Arbeit an den Sonnabenden verrichten läßt. Wenn letzteres erwiesen ist, werde ich in Zukunft den in Frage kommenden Firmen einen Teil des eingezahlten Wagenstandgeldes aus Billigkeitsgründen erstatten." (Sabb.-Korr.) Die Bestätigung der biblischen Berichte. Am University College zu London fand unter dem Vorsitz des Feldmarschalls Lord Allenby am 1H. Juli ein Vortragsabend statt, an dem der bekannte Sprachforscher f 1 — ( * q V-I-..J - .' i u J» « Tt f~\ _ _ A..i„„*l,«l* i . . ~ ~ i i <<i. /». ■ u ii u u a uuci uaa ■ iicma „u x. i A u i v 11! H 1 M I * c 8 6 I 9 in Aegypten im Lichte von Denkmälern und Sorache" referierte. Dr. Yahuda führte in seinem Vortrag aus, der Aufenthalt Israels in Aegypten sei von den frühesten Zeilen an als Schlüssel zur Qt. schichte Israels betrachtet worden, und der Auszug aus Aegypten sei vom jüdischen Volk stets als der Anfang seines nationalen Seins und seiner religiösen Erlösung gefeiert worden. Das „auserwähltc Volk habe es nicht verschmäht, seine jahrhundertelange Verbundenheit mit einem fremden Lande als die erste und wichtigste Phase seiner Geschichte in Erinnerung zu behalten. Kein Volk könnte eine derartige Episode erfinden. Die Tendenz der modernen Bibclkritik sei jedoch dahin gegangen, die auf die Zeit vor dem Königtum bezüglichen Angaben der Bibel als unhistorisch und unverläßlich außer acht zu lassen und insbesondere die Erzählungen des Pentateuchs über die Patriarchen, die ganze Periode des Aufenthalts in Aegypten und die Wüstenwanderung ins Gebiet der Fabel zu verweisen. Auch viele Aegyptologen hätten diesen Gesichtspunkt geteilt und behauptet, der Autor der Erzählungen über Joseph und den Auszug aus Aegypten habe Jahrhunderte nach dem „angeblichen" Auszug gelebt und keinerlei aus erster Guelle geschöpfte Kenntnis ägyptischer Verhältnisse besessen. Die lüngsten archäologischen Entdeckungen widersprechen diesen Annahmen durchaus. Die in Uhr von Dr. Woolley vorgenommenen Ausgrabungen hätten die Richtigkeit der frühen Patriarchengeschichtc erwiesen, und die Entdeckungen Prof. Garstangs in Jericho hätten gezeigt, daß die bisher von den Kritikern als bloße Legende betrachtete Erzählung des Buches Josua eine wirkliche historische Begebenlicii betreffe. Die vergleichende Sprachforschung sei ebenso wie die Archäologie von hoher Bedeutung für den Nachweis des Alters und der Authentizität der Bibel. Eine linguistische Durchforschung des Pentateuchs weise unmißverständlich auf einen engen Kontakt zwischen Israel und Aegypten hin; der Einfluß des Aegyptischen sei selbst in jenen Teilen des Pentateuchs, die einen assyro-babylonischen Einfluß zeigen, feststellbar; vollends spiegeln die Erzählungen über Joseph und den Auszug in größter Klarheit den Geist der ägyptischen Umwelt wider und zeigen deutlich Spuren des ägyptischen Einflusses auf die Sprache. Dies lasse sich erhärten durch Beispiele ägyptischer Worte und Satzbildungen in den biblischen Texten. Es gebe eine enge ägyptische Parallele für die Erzählung von Joseph und Potiphars Weib; ferner lasse sich das Gefängnis, in das Joseph geworfen wurde, nach den in der Bibel angegebenen Einzelheiten als eine bekannte ägyptische Festung, in der politische und Schwerverbrecher eingekerkert wurden. . identifizieren. An Hand von Abbildungen zeigte Dr. Yahuda, wie genau die biblischen Beschreibungen sind und daß die Erzählung von Pharao- Traum und seine Auslegung durch Joseph einen durchaus ägyptischer Hintergrund und eine außerordentliche Vertrautheit mit ägyptischen Verhältnissen und ägyptischer Ausdrucksweise verraten. Die in de; Bibel angeführten Einzelheiten über die Joseph erwiesenen Ehrunger stimmen völlig mit ägyptischen Bräuchen überein; ägyptische Grabinschriften beweisen ebenfalls die Genauigkeit der biblischen Erzählen. Auch die Schilderung der Vorbereitungen zur Bestattung Joscpl» verraten eine innige Vertrautheit mit ägyptischen Begräbnisgebräuche!: und Bestattungsordnungen. So stimmt die Angabe, daß für das Einbalsamieren des Leichnams 40 Tage erforderlich sind und daß die Aegypter eine TOtägige Trauer nach Jakob hielten, genau mit den damaligen Gebräuchen bei Einbalsamierung und Trauer im Falle des Ablebens hochgestellter Persönlichkeiten überein. Der gesamte biblische Abschnitt cuthalte eine Unmenge von Anzeichen dafür, daß der Autor eine Kenntnis ägyptischer Bräuche und ägyptischer Sprache aus erster Quelle besaß. Jede Entdeckung in Palästina, Syrien, Mesopotamien und Aegypten habe die biblischen Angaben bestätigt, und nun werde dieser archäologische Nachweis auch noch durch die Ergebnisse der linguistischen Forschung bestätigt und ergänzt. Aus sächsischen Gemeinden Plauen L V. Am 7. Januar 1933 fand die alle zwei Jahre stattfindende Generalversammlung der Chewra statt, in der nach Entlastung des Kassierers, Herrn Kariel, dem Gesamtvorstand der Dank für seine Tätigkeit ausgesprochen wurde. Aus dem Jahresbericht W besonders erwähnenswert, daß die Chewra aus eigenen Mitteln der Gemeinde die Leichenballe umgebaut und erheblich vergrößert hat. Ferner hat die Chewra einen eigenen Urnenhain innerhalb des Friedhofsgeländes angelegt, um den Wünschen derjenigen Gemeindemitglieder entgegenzukommen, die die Verbrennung letztwillig verfügen. Als Vorsitzender wurde Herr M. Pohoryles mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt, ebenso als sein Stellvertreter Herr A. Rath. Neu in den Vorstand wurden die Herren Binder. Lutzki und Rautenberg gewählt Im Jüdischen Jugendheim hielt am 10. Januar der Spielleite' und Dramaturg, Herr Walter Rosenbaum, einen Vortrag über „Die Situation des deutschen Theaters mit Stellungnahme zum Problem des jüdischen Künstlers". Der aus allen Teilen der Gemeinde stark besuchte Vortrag gab in vortrefflicher Weise einen Ucbcrblick über die Lage de« deutschen Theaters. Ein ausgezeichneter historischer Rückblick der Ei1!" Wicklung des Theaters von den Laienspielen des 15. Jahrhunderts b's zur Bühne der Jetztzeit bereitete das Verständnis für die Nöte vorunter denen unsere Bühnen jetzt leiden. Insbesondere wird aber der jüdische Bühnenkünstler von der allgemeinen Theaternot noch zusitf lieh bedacht. Nirgends hat sich der Antisemitismus im Berufsleben « solch erschreckender Weise breitgemacht wie gerade am Theater. Wal) rend die allgemeine Arbeitslosenziffer am Theater 56 % ist, erreicht si bei den jüdischen Künstlern mehr als 90 %. Dabei ist bei dem mangeln den Rückgrat der Theaterleiter in der Provinz wohl kaum damit t rechnen, daß in absehbarer Zeit hier eine Aenderung eintritt. Der Vor tragende stellte resigniert fest, daß anscheinend die großen jüdische' Organisationen au der Not der unbeschäftigten jüdischen Bühnenkünstle vorbeigehen. Die sehr packend vorgetragener. Ausführungen, die «' kennen ließen, daß der Vortragende die Materie durchaus beherrscht wurden mit starkem und herzlichem Beifall belohnt.