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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-02-03 · 5 (3.2.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
5 (3.2.1933)
Date
1933-02-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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3. 2. 33. Auflage 4500 Stück DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I Jp»| D7\Cm ^TUCHES NACH RICHTEN BLATT LblllalV DER GEMEINDEVERWALTUNG!! Schrlftlaltungi Gemainderabbiner Guetav Cohn, Leipzig, Lohratreße 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung de« Verfeuere gestattet. Nummer 5 / Jahrgang 9 3. Februar 1933 Anzeigenannahme! Verleg Emat Goldfreund, Leipzig 0 S, Clchorlueetreße 2a Fernaprecher Nr. 60771 — Druck: Gebr. JunghenB, Leipzig 0 S Zur jüdischen Lage Gelegentlich der jüngst in Berlin abgehaltenen Jahresversammlung des .Hillsverein» der Deutschen Juden* brachte eine von Max M. Warbai | verfaßte Gedenkrede auf den im letzten Jahre verstorbenen Mitbegründer und ständigen Präsidenten des Hilfsvcrcins James Simon bemerkenswerte Äußerungen Uber die Lage der deutschenjuden. Der Oese äftsbericht des Generalsekretärs Dr. Mark W i s c h n it z e r zeichnete u.a. In kurzen Strichen einen Uberblick Uber die Verhältnisse der Juden in anderen Ländern. Wir gehen heute diese Ausführungen, die allgemeinste Aufmerksamkeit verdienen, wieder und werden auf die Arbeit des Hilfsvercins noch mals einzugehen haben. Die Schriftlcitung. Wir stehen in einer Zeit schwerer sittlicher Erschütterungen unseres V ütkes. Die furchtbaren wirtschaftlichen Folgen des Krieges drohen den gesunden Sinn für das Wahre und Gerechte zu zerstören. In törichter Verblendung belangen und verführt durch eine gewissenlose Demagogie, sehen viele unserer vom Unglück verfolgten deutschen Volksgenossen s.itiz allgemein in dem Juden den für die Not Verantwortlichen. Verallgemeinerungen aber sind immer ein Unrecht. Wir müssen es ablehnen, daß für die Fehler einzelner Individuen in Presse, Politik oder (iesehäftsgebaren die Juden allgemein gebrandmarkt werden. Noch einmal, wie im Mittelalter, stehen die alten Lügen und Verleumdungen gegen alle Juden auf. Welch ein trauriger Anblick! Mühsam erkämpfte zivilisatorische Errungenschaften gefährdet, der natürliche Gerechtigkeitssinn weiter Kreise des Volkes zerstört und ihr Kulllirempfinden in die finsterste Vergangenheit zurückgeworfen. In der Lage, in der wir uns heute befinden, kann nur innere Ruhe und Sündhaftigkeit den Bedrängten und Bedrohten helfen. Mit der t'cherwindung des wirtschaftlichen Notstandes wird die Irrlehre wieder verschwinden. Den Irrenden und Unwissenden müssen wir verzeihen. Nicht aber jenen, die um die Wahrheit wissen, den Mut jedoch nicht finden, offen gegen die Schande des Antisemitismus aufzutreten, nicht jenen, die sich mit schwachen, vorsichtig formulierten Anstandserklärun- Ken einem offenen Bekenntnis ihrer Einsicht in die Zusammenhänge entziehen. Sie trifft unsere Verachtung, und wir empfinden als Deutsche Scham über solchen Mangel an ritterlichem Mut. Es genügt nicht, einzelnen Juden ganz leise zuzuflüstern, daß man kein Antisemit sei, oder daß man in seinem Antisemitismus mit einigen Juden eine Ausnahme mache. In dem beklagenswerten Zustand der Verhetzung und Verwirrung wird das deutsche Volk niemals die wahren Keime seines Unglücks finden. Wo bleibt die Stimme der Frontkämpfer, die die Eigenschaften ihrer jüdischen Kameraden bei der Verteidigung des Vaterlandes erprobt sahen? Die deutscheu Juden haben im Krieg zwölftausend ihrer Glaubensgenossen dem Vaterland geopfert mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der die Deutschen ihr Leben opferten, getreu dein Worte Friedrichs des Grollen: „Wenn ich mein Blut hergeben müßte, um mein Land glücklich zu machen, ich vergösse es bis auf den letzten Tropfen." In einer Erinnerungsstunde an James Simon, dessen wir hier gedenken, drängen sich solche Gedanken und Empfindungen unweigerlich uif. James Simon sah den Hauptzweck seines Lebens in der Milderung des Leids seiner Mitmenschen und im Kampf gegen die Finsternis, der dieses Leid entsprang. Die bitterste Enttäuschung blieb auch diesem Sireiter nicht erspart, stand doch sein Lebensabend unler dem Zeichen «ines wild aufflackernden Rassen- und Religionsfanatismus in seinem eigenen Vatcrlande, zu desen kultureller Entwicklung er in selbstloser staatsbürgerlicher Treue so vieles beigetragen hatte. Auch wir werden unserem Vaterlande treu ergeben sein, unbeirrt von den Angriffen, denen wir heute ausgesetzt sind. Wir werden weiter wirken im Sinne unseres Führers, Gerechtigkeit üben gegen unsere Widersacher und Mildtätigkeit gegenüber den Bedrängten, eingedenk unserer jüdischen Lehre: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." » Die Folgen der Wirtschaftskrise machten sich 1932 immer mehr fühlbar. In der alten und neuen Welt vermehrten sich Not und Elend. In der Sowjetunion, wo 2Yt Millionen Juden leben, haben sie als Juden unter politischen und wirtschaftlichen Zurücksetzungen nicht zu leiden, aber infolge der Wirtschaftslage sind sie. wie die übrige Bevölkerung, auf das härteste betroffen. In Polen machten sich die Tendenzen, die bereits in früheren Jahren vorwalteten, noch mehr Kettend. Durch Staatsmonopole, fortdauernde Verstaatlichung weiterer Erwerbszweige, Kartellpolitik, Entziehung bisheriger Konzessionen beim Tabakvertrieb usw., ungleiche Besteuerung von Stadt und Land, systematische Nichtaufnahme von Juden in den Staatsdienst (trotz politischer Gleichberechtigung). Handhabung des Sonntagsruhegesetzes sind weiteste Kreise der jüdischen Bevölkerung in dieses Elend geraten. Die Zukunft des jüdischen Schulwesens ist durch ein Gesetz über die Privatschulen stark gefährdet. Die Regierung stellt das Verlangen, daß die jüdischen Gemeinden ausschließlich religiösen Charakter tragen sollen: aus den Gemeindebudgets werden daher systematisch Positionen für kulturelle und soziale Aufgaben gestrichen. Den antisemitischen Exzessen zu Beginn des Universitätsjahrcs sind im November schwere, weit um sich greifende Ausschreitungen gefolgt. In Lemberg wurden fünf Tage lang Juden überfallen, Läden und Werkstätten geplündert, jüdisches Hab und Gut vernichtet. Die Zahl der Geschlagenen und Verwundeten erreichte mehrere Hundert. Auch in anderen Universitätsstädten kam es zu Zusammenstößen zwischen antisemitischen und jüdischen Studenten. Das Bild, das Rumänien bietet, ist nach wie vor trostlos. Die Juden als hauptsächlich städtisches Element, das In Industrie, Gewerbe und freien Berufen tätig ist, sind besonders schwer von der ökonomischen Depression betroffen. Besonders traurig ist die Lage in den angegliederten Provinzen, namentlich im Marmoroschgebiet. in der Bukowina und in Bcssarabien. Noch immer sind tausende Juden in Rumänien nicht des Bürgerrechts teilhaftig geworden, sie sind rechtuiid schutzlos. Auch 1932 haben Studenteuunruhen und antisemitische Terrorakte stattgefunden, was ohne die passive Haltung von Behörden und Polizei nicht möglich gewesen wäre. Im Parlament selbst waren jüdische Abgeordnete Beschimpfungen und Tätlichkeiten ausgesetzt. In K a r p a t h 0 r u ß 1 a n d herrschte im Jahre 1932 Elend in einem so großen Ausmaße, daß dauernd Hilfsaktionen für die hungernde Bevölkerung, namentlich für Kinder und Jugendliche, unternommen werden mußten. Ein englischer Journalist äußerte: „Ich war in den Hungergebieten Chinas und Indiens, ich war Ende 1918 und Anfang 1919 während der Hungerblockade in Deutschland, aber nirgends habe ich Hunger und Not wie in Karpathorußland gesehen." Die Juden in L i t a u e n sind 1932 von Exzessen verschont geblieben, die Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben nimmt weiter ihren Fortgang. In den Vereinigten Staaten ist infolge der wirtschaftlichen Depression auch in weiten Schichten der jüdischen Bevölkerung eine große Verarmung eingetreten, deren Folgen sich auch für die Angehörigen in Osteuropa unheilvoll ausgewirkt haben. Unterstützungen amerikanischer Juden an ihre Verwandten in Osteuropa sind jetzt sehr gering, auch fließen nicht mehr die Hilfsgelder aus Amerika für konstruktive Arbeit in den Ländern des Ostens in dem Maße wie in früheren Jahren. Es muß aber gesagt werden, daß trotz der schwierigen Situation das amerikanische Judentum und namentlich seine führende Hilfsorganisation, das American Joint Distribution Committee. alles Mögliche tut, um die Notlage im Osten zu lindern, insbesondere seien die Aktionen des Joint auf dem Gebiete der Kinderfürsorge erwähnt. Auch des großzügigen Kolonisationswerks der Jewish Colonisation Association in der Alten und Neuen Welt, ferner der für die jüdischen Massen im Osten so unentbehrlichen Kredithilfe, die vom Joint und der ICA. durch die Joint Reconstruction Foundation gewährt wird, soll gedacht werden. in Palästina hat sich die Wirtschaftskrise in einem nur minimalen Umfange bemerkbar gemacht; es herrscht im Vergleich zu anderen Ländern eine nur geringe Arbeitslosigkeit, für manche Gebiete sogar zeitweise ein Mangel au Arbeitskräften. Für das Halbjahr Oktober 1932 bis März 1933 wurden der Jewish Agency 450t) Einwandererzertifikate zur Verfügung gestellt. [Gebt den jüdischen Erwerbslosen Arbeit!) WA

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