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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-01-27 · 4 (27.1.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
4 (27.1.1933)
Date
1933-01-27
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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bciie 2 QnUJüNDüBLATT DEK 1SKAEL1 IISCHEN KELlÜlUNSÜEMEiNPE ZU LEIPZIG 27. Januar 1933 Antrages die Loge gezwungen ist, die Organisation aufzulösen, die Gemeinde bleibe also alsdann ohne die Fürsorge der Krankenschwester. Es handele sich nicht um eine Bewilligung für die Loge, sondern für die Gemeinde selbst. Es würde ein soziales Unrecht sein, den Antrag abzulehnen. Herr Rosenfelder schließt sich den Ausführungen des Herrn .loske an. Es würde unbegreiflich sein, wenn die Tätigkeit der Schwester eingestellt werden müßte. Herr Justizrat Löwenstein schließt sich der Meinung des Herrn Joske an; es gäbe Sonderfälle, die trotz der Finanzlage gewürdigt werden müßten. Ein solcher Fall sei der vorliegende. Frau Schindler meint, daß hier nicht darüber zu streiten ist, ob die Schwester notwendig ist oder nicht. Die Loge müßte es zu einer ihrer vornehmsten Aufgaben rechnen, die Institution zu erhalten. Herr Goldstein vertritt die gleiche Auffassung und glaubt nicht, daß es die Loge verantworten könne, die Organisation aufzulösen. Herr J.oske erklärt, daß die Vorredner die Verhältnisse der Loge nicht genügend kennen. Die Institution sei mehrere Jahrzehnte alt. die ganze Zeit hindurch konnte sie erhalten werden, jetzt sei dies anders. In den letzten zwei Jahren habe die Loge der Gemeinde so viel abgenommen, wie wohl kein Außenstehender ahne. Wenn die Gemeinde sich jetzt außerstande erklärt, einen so geringfügigen Betrag aufzubringen, so sei dies unverständlich. Herr Schloß empfiehlt, daß die Loge ihren Antrag bis zum neuen Etat zurückstellt. Herr Kestenbaum vertritt die Meinung, daß die Schwester nur im Interesse der Gemeinde da ist; der Beitrag werde von seiner Fraktion bewilligt. Herr Dr. Pietrkowski beantragt Schluß der Debatte. Auf eine Frage des Herrn Stein wird erklärt, daß es sich um einen Betrag von 750 M. bandelt. Der Antrag der Loge wird mit 15 gegen 12 Stimmen angenommen. Es tritt eine Pause ein. Nach Wiedereröffnung erwähnt der Vorsitzende einige freudige Gedenktage der letzten Wochen, nämlich den 70. Geburtstag des Herrn Kestenbaum, die silberne Hochzeit des Herrn Markendorf und das 30jährige Jubiläum des Herrn Rosenfelder als Gemeindeverordneter. 9. Der Kindergarten bittet um Uebernahme einer Bürgschaft für ein Darlehn von 2000 M., rückzahlbar in vier jährlichen Teilzahlungen von je 500 M. ab 1. April 1934, die gegebenenfalls auf einen etwaigen Beitrag an den Kindergarten angerechnet werden können. Die Bürgschaft wird ohne Widerspruch übernommen. 10. Die Höhere israelitische Schule beantragt Wiedererhöhung des Beitrages um 1250 M. für das Rechnungsjahr 1932/33. Herr H o d e s begründet diesen Antrag. Der Beitrag soll dazu dienen, die Zinsen der Hypothek zu bezahlen, die auf dem Schulgebäude ruht, zu deren Erfüllung der genannte Betrag fehlt. Die Gemeinde dürfe es nicht darauf ankommen lassen, daß wegen dieses kleinen Betrages das Gebäude zur Zwangsversteigerung kommt und damit die Schule aufhören muß. Ueber den Nutzen und die Notwendigkeit der Schule werde wohl heute kein Streit mehr bestehen. Es handele sich nicht nur um den verhältnismäßig kleinen Betrag, sondern um die Sicherung des Zinsendienstes auf die Dauer.. Herr Dr. Conrad Goldschmidt wüßte nichts lieberes, als dem Vorredner willfahren zu können. Die jüdische Schule sei tatsächlich, wie dieser ausführt habe, eine Sache der Weltanschauung, wobei die Ansichten auseinandergehen. Trotzdem habe man sich verständigt. Wenn nun im letzten Etat ein Abstrich erfolgt ist, so hat es sich nicht um eine Frage der Weltanschauung gehandelt, sondern um Ersparnismaßnahmen, die die liberale Fraktion bei anderen Posten, z. B. bei der Fürsorge, noch viel weniger gern vorgenommen hat. Die finanzielle Lage der Höheren israelitischen Schule hänge nicht von dem Betrag von 1250 M. ab. Ihm dem Redner, käme es darauf an, den Standpunkt, den er vorher vertreten hat, auch bei diesem Punkt zu wahren. Es müsse der Erhöhung der Ausgaben Einhalt geboten werden, um welche Posten es sich auch handelt. Die Gemeinde müsse auch vor künftigen Lasten bewahrt werden, die immer mehr steigen und die private Initiative allmählich zum Erliegen bringen. Herr Du bin er legt dar, daß es von je der Stolz der jüdischen Gemeinde war, die kulturellen Einrichtungen zu fördern und zu erhalten. Die liberalen Gemeindevertreter der Berliner Gemeinde sähen die Frage der Schule nicht mehr als eine weltanschauliche an. Die Judenheit könne sich nur erhalten, wenn sie stark sei. Die Jugend müsse im jüdischen Geist erzogen werden, nur dann könne sie den Kampf nach außen bestehen. Die Schule brauche die Hilfe der Gemeinde mehr als die Loge, sie sei in äußerst bedrängter Lage. Ein Aufgeben der Schule bedeute das Fortschreiten der Assimilation. Das Verhalten der Liberalen habe die Jugend dem Judentum entfremdet. Oberste Pflicht der Gemeinde sei, für die Jugend zu sorgen, dazu gehöre auch die nationale Richtung. Hinter der Schule stände leider ein kapitalschwacher Kreis. Redner wünscht, daß sie nicht auf die Gemeinde angewiesen wäre, und daß dieser Zeitpunkt bald wieder kommt. Die Gerechtigkeit erfordere, daß der Betrag bewilligt wird. Herr Rose n f e 1 d e r verweist auf den geringen Bildungsstand der Jugend im Hebräischen vor Errichtung der Schule. Heute sei dies ganz anders. Der Kampf gegen die Angriffe von außen erfordere jüdisches Wissen. Redner appelliert an den jüdischen Geist der Liberalen, die Forderung müsse bewilligt werden. Herr Stein erklärt. Nachbewilligungen gehörten zu den regelmäßigen Erscheinungen. Wenn sich erwiesen habe, daß ein Ahstrich nicht aufrechterhalten werden kann, so müsse er zurückgenommen werden. In Zeiten, in denen sich die Schule erhalten konnte, habe er für sie keine Unterstützung von der Gemeinde verlangt. Heute müsse sie gewährt werden, weil die Zeiten sich so sehr gewandelt haben. Wohin sollten die Kinder gehen, wenn die Schule geschlossen würde? Das moralische Recht verbiete einen Abstrich an dem Beitrag für die Schule. Herr Kesten bäum wendet sich an den Elternsinn der Anwesenden, der ihnen sagen müßte, daß die Schule erhalten werden muß. Die Schule gehe nicht mehr bis zum Abitur, sei also eigentlich gar nicht mehr eine höhere. Der äußersten Anstrengung bedürfe es also, die Schule wenigstens im jetzigen Umfange zu erhalten, da nur hier die Kinder vor dem Antisemitismus geschützt seien. Herr S c 1 i n g e r betont, eine jüdische Schule sei notwendig, um in jüdischer Literatur und Geschichte zu unterrichten. Dazu komme der Antisemitismus, dem die Kinder in den anderen Schulen ausgesetzt seien. Dieser Qual könnten die Kinder nur durch die jüdische Schule enthoben werden. Es handele sich also nicht um eine Weltanschauungsfragc, in der auch er mit der Schule keineswegs übereinstimme. Frau Schindler meint, daß die Schule gar nicht die Kinder schützen kann, welche die Volksschule besuchen müssen, sondern nur die Kinder, die dem Antisemitismus weit weniger ausgesetzt sind. Notwendig sei also eher eine jüdische Volksschule. Hierzu erklärt der Vorsitzende, daß diese Frage von sciten des Landesverbandes nachdrücklich verfolgt wird, um unser Recht auf Errichtung einer solchen durch den Staat durchzusetzen. Herr H o d e s folgert aus den Ausführungen von Frau Schindler die Berechtigung seiner Anschauung, weil gerade die ärmeren Kreise die Schule besuchen, die das Schulgeld nicht aufbringen können. Herr Rosenfelder weist darauf hin, daß die untersten Klassen der Schule Volksschulklassen seien. Es wird abgestimmt: der Antrag auf Wiedererhöhung des Beitrages wird mit 13 gegen 4 Stimmen angenommen, die übrigen Anwesenden enthalten sich der Stimme. 11. Es wird in Aussicht genommen, die Tätigkeit der Da rieh nsk a s s e auszudehnen. Zu diesem Zweck werden Satzungsänderungen vorgeschlagen. Herr D u b i n c r verweist auf die bisherigen Erfolge der Darlehnskasse. In jetziger Zeit seien Aendcrungen der Satzung notwendig. Es soll die Möglichkeit gegeben werden, kleine Darlehen gegen Gewährleistung durch nur einen Bürgen oder andere Sicherheit zu geben. Herr Dr. Conrad Goldschmidt hat gegen diese Erweiterung gewisse Bedenken; die Frage wird zunächst einem Ausschuß, bestehend aus den Herren Dr. Pietrkowski, Dr. Zander und Dubincr, überwiesen. 12. Ein Vermächtnis von Frau Emilie Cohn mit der Auflage des Jahrzeithaltens wird angenommen. 13. Spenden sind eingegangen: 500 M. von Herrn Kestenbaum für die Mittelstandskasse und 1500 M. von den Söhnen des seligen Herrn Siegmund Qottlieb zur Erweiterung der dem Andenken der Eltern gewidmeten Stiftung. Die Zuwendungen werden mit Dank angenommen. 14. Herr D u b I n e r erhofft von einem Aufruf des Gemeindevorstandes wegen der Deckung des Fleischbedarfs eine Verbilligung des Fleisches, das immer noch für weite Kreise unerschwinglich sei. Der Vorstand möge nach dieser Richtung hin tätig sein und einen entsprechenden Appell an die Fleischer richten. Der Vorsitzende widerlegt die Behauptung des Vorredners, daß die Fleischer einen Ring bilden; das Gegenteil sei richtig. Die Preise für Koscherfleisch seien verhältnismäßig nicht höher als für nichtkoscheres; geringere Qualitäten von Fleisch fänden keinen Absatz. Herr Kestenbaum erklärt, es sei kein wesentlicher Unterschied zwischen dem Preis von hiesigem und auswärtigem koscheren Fleisch. Herr Stein wünscht, daß ein Aufruf an alle Gcmcindemitglieder ergeht, ihr Fleisch bei den hiesigen jüdischen Fleischern zu kaufen, zumal es nicht teurer sei als nichtkoscheres. 15. Der Verein jüdischer Handwerker bittet, daß der Vorstand das Protektorat über die bevorstehende Gewerbeschau übernimmt. Damit wäre eine Verantwortung verbunden, die der Vorstand nicht ohne weiteres übernehmen zu können glaubte, weil er bei der Vorbereitung nicht mitgewirkt hat. Herr S c 1 i n g e r erklärt, dali dies seinem früheren Antrag, der angenommen worden ist, widerspreche. Die entsprechenden Niederschriften werden verlesen. Es wird ein Ausschuß gewählt, der zusammen mit dem Vorstand die Ausstellung prüfen soll. Wenn keine Bedenken bestehen, wird das Protektorat von der Gemeinde übernommen. In den Ausschuß werden gewählt die Herren Justizrat Löwen stein, Seiinger und Dr. Pietrkowski. Die Sitzung wird nach Verlesung der Niederschrift um 22.45 Uhr geschlossen. Es folgt eine nichtöffentliche Sitzung. Katzenstein, Gemeindeschriftführer. Freiwilliger Arbeitsdienst In Berlin trat unter dem Vorsitz von Landgerichtsrat Dr. Lilienthal kürzlich die Arbeitsgemeinschaft für Fürsorgefrage n zu einer zahlreich besuchten Beratung zusammen. Anwesend waren außer den Vertretern aller Mitgliedsorganisationen auch solche derjenigen Gemeinden welche an den praktischen Arbeiten, die den Hauptgegenstand der Tagesordnung bildeten, besonderen Anteil haben. Es sind dies die Gemeinden Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Hamburg und Leipzig. Nach einer Begrüßung durch den Vorsitzenden gab Dr. Kreutz berger in Ergänzung seines umfassenden, in der Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" (August- September-Heft) erstatteten Berichts und an der Hand der wichtigsten neueien Literatur einen Ueberblick über den gesamten gegenwärtigen Stand des freiwilligen Arbeitsdienstes. Dr. Kreuzberger schloß sich noch einmal ernent nachdrücklich denjenigen Schriftstellern an. die unter klarer Ablehnung einer nach militärischen Vorbildern einzurichtenden Zwangsorganisation in dem ireiwiiiigen Arbeitsdienst eine produktive Arbeltserziehung sehen wollen, wobei — gerade auch unter den Gesichtspunkten der Arbeitsgemeinschaft — besonderes Gewicht auf die jugendpflegerischen und jugendfürsorgerlschen Werte zu legen ist. Es wurde sodann die Rechtslage dargestellt und die außerordentliche Erweiterung, die der Freiwillige Arbeitsdienst sowohl in persönlicher wie auch in sachlicher Beziehung inzwischen erfahren hat; eine Erweiterung, der nur leider finanzielle Grenzen gesetzt sind. Im Vordergrund steht die Förderung der in Arbeitslagern untergebrachten Teilnehmer; nur ausnahmsweise sollen sonstige Bestrebungen gefördert werden. In neuerer Zeit wird vor allem — und das ist auch vom jüdischen Standpunkt aus von besonderer Bedeutung «— in Anknüpfung an Vorschläge von Führerinnen der sozialen Frauenarbeit der Frage des FreiwilligenArbeitsdienstesfürMädchen größte Aufmerksamkeit zugewendet. Es wurden hierüber besondere Reichsrichtlinien erlassen, aus denen folgendes hervorgehoben sei: Nach dem gegenwärtigen Stand der Erfahrung werden „Dienstleistungen für Hilfsbedürftige — die selbstverständlich gemeinnützig und zusätzlich sein müssen — als der besondere Inhalt dn Arbeitsdienstes der Ff£3 SSgesehen. Besonderer Wert wird auf die sozialpädagogische Ausgestaltung

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