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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-01-20 · 3 (20.1.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
3 (20.1.1933)
Date
1933-01-20
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seito 2 GKMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 20. Januar 1983 (testeckten Grenzen überschreitet oder zu überschreiten sich anschickt, verliert sie sich sehr bald in ein Fabelland, wird sie zur Beute der tollsten, abenteuerlichsten und unglaublichsten Hypothesen, denen gegenüber ein religiös-intuitiv erfaßtes Dogma durchaus nicht unehrenhaft erscheint und zu dem sie sich ungefähr so verhält, wie ein Gymnasiast der Sturm- und Drangperiode zum planvollen und zielbewußten Leben eines gereiften Mannes. Auf keinem Gebiet tritt nun dieser Mangel an geistiger Selbstbeschränkung, an geistiger Selbstdisziplin und Oekonomie krasser zutage als auf dem Gebiete der modernen Geschichtsforschung. Wir denken hierbei nicht au die einigen tausend Jahre der zünftigen Geschichtswissenschaft, jener Periode, die allein das Recht hat, sich Geschichte zu nennen, da sie uns immerhin eine mehr oder weniger einwandfreie schriftliche Ueberlieferung zu ihrer Erforschung an die Hand gibt und die sich ungefähr mit jener Periode deckt, die uns die jüdische Bibel in weiser Selbstbeschränkung als dogmatischen Ausgangspunkt der Weltgeschichte zu glauben befiehlt. Wir haben vielmehr das Gebiet der prähistorischen Forschung mit ihren zwei Hauptstützen: der Geologie und Paläontologie im Sinne und wollen an ihrem allgemeinsten Ergebnis ihren möglichen Wahrheitsgehalt und ihren praktischen Wert zu ermessen versuchen. Das vor drei Jahren in deutscher Sprache erschienene Werk „Die Weltgeschichte" von H. G. Wells darf uns hierbei als eine geeignete Qrundlage dienen. Denn Wells, der berühmte englische Romancier, obzwar kein Berufshistoriker, steht auf der Höhe der Bildung unserer Zeit, und sein unter Mitwirkung von namhaften Gelehrten, Historikern, Archäologen und anderen Wissenschaftlern abgefaßtes Geschichtswerk (deren erste englische Ausgabe unter dem Titel „T h e Outline of History" — Umriß der Geschichte — im Jahre 1920 erschienen ist) bietet wohl die Summe der bezüglichen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Jetztzeit. Das Werk von Wells gliedert sich in drei starke Bände zu etwa 500 Seiten. Davon behandelt das erste Buch des ersten Bandes, also ein verhältnismäßig kleiner Bruchteil des Gesamtwerkes, die „Welt vor der Entstehung des Menschen", eben jene gewaltigen Zeiträume, die uns als die eigentlichen prähistorischen Perioden hier angehen. Wie sieht nun das elementarste Ergebnis jener Forschung aus? Die Internationale Arbeltskonferenz und die fünftägige Arbeitswoche Ueber die bevorstehenden Konferenzen des Internationalen Arbeltsamts, durch die die Fragen der Vierzigstunden- und fünftägigen Arbeitswoche auf internationaler Basis gelöst werden sollen, macht der Weltverband für Sabbathschutz „Schomre Schabbos" folgende Mitteilungen: Das Internationale Arbeitsamt hat an alle Staaten, auch an solche, die nicht Mitglied der Internationalen Arbeitsorganisation sind, eine Einladung zu der Vorkonferenz über die Verkürzung der Arbeitszeit ergehen lassen, die am 10. Januar 1933 in Genf zusammentreten wird. Die nächste Tagung des Verwaltungsrates des Internationalen Arbeitsamts die am 30. Januar 1933 in Genf zusammentritt, wird zu entscheiden haben, ob die Ergebnisse der Beratungen der in London stattfindenden Weltwirtschaftskonferenz vorgelegt werden sollen. Jedenfalls aber wird sich mit ihnen die 17. Internationale Arbeitskonferenz befassen, die am 31. Mai 1933 beginnt. Auf ihrer Tagesordnung steht an wichtigster Stelle die Verkürzung der Arbeitszeit Anläßlich der bevorstehenden technischen Vorkonferenz über die Verkürzung der Arbeitszeit veröffentlicht das Internationale Arbeitsamt einen umfassenden Bericht, welcher die Grundlage der am 10. Januar beginnenden Beratungen bilden wird. Der Bericht gibt zunächst ein zuverlässiges Bild der gegenwärtigen Lage. Er bringt insbesondere die verschiedenen öffentlichen und privaten Maßnahmen und Methoden zur Verkürzung der Arbeitszeit und die damit gemachten Erfahrungen in einzelnen Ländern und Industrien zur Darstellung, um darauf eine Reihe von Schlußfolgerungen aufzubauen, die gegebenenfalls Gegenstand der in Aussicht genommenen internationalen Vereinbarungen werden könnten. Stark umstritten ist noch die Frage, ob die internationale Regelung für dio Dauer in Aussicht genommen werden soll oder als eine vorübergehende und provisorische Maßnahme. Gegen die Arbeitszeitverkürzung als vorübergehende Maßnahme wird eingewandt, daß bei dem Aus aller Welt Hochkonjunktur in Palästina. Dr. Wolfgang von W e i s 1 veröffentlicht einen Aufsatz: „Hochkonjunktur in Palästina", der im wesentlichen folgendes zum Inhalt hat: In dem kleinen Land zwischen Jordan und Mittelmeer ist man optimistisch. Man glaubt, die sieben mageren Jahre seien zu Ende, die Palästina seit seiner Wirtschaftsblüte im Jahre 1925 durchgemacht hat. Ein Strom von Menschen und Kapital ergießt sich über das Land, füllt die Schiffe, füllt die Hotels und Herbergen. Einfuhr und Ausfuhr steigen, die Staatshnanzen zeigen imponierende Ueberschüsse, man baut, pflanzt, keine Arbeitslosigkeit... Am deutlichsten wird der Aufschwung in der jüngsten und zweitgrößten Stadt des Heiligen Landes, in Tel Awiw. Anno 1909 erst gegründet, hat sie heute Jaffa, Tripolis, Mcrsina überholt, ist nächst Smyrna und Beirut mit ihren 50 000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Asiens am Ufer des Mittelmeeres. Und wächst weiter. 1931 wurden 65 000 Quadratmeter in Tel Awiw bebaut, in diesem Jahr werden es gegen 100 000 sein, was einem Bauaufwand von 7 Mill. Mark entspricht. Trotzdem hält das Uauiempo nicht Schritt mit der Nachfrage. Denn in Tel Awiw allein sitzen in diesem Monat rund 7000 Fremde, die ins Land kamen, um Existenzmöglichkeilen für ihre Familien zu suchen. Diese „Touristen" haben Geld: es sind unter ihnen besonders viele Amerikaner, aber auch Südafrikaner und Kanadier, die nach den letzten Börsenkrachs mit Welchen festen, positiven Anhaltspunkt bieten sie einem vertrauensvollen und gutgläubigen Laien, der sich gern belehren lassen will? Auf die grundlegende Frage nach dem Alter der Erde antwortet Wells, ohne mit der Wimper zu zucken und mit jener unnachahmlichen Sachlichkeit, die den modernen Wissenschaftler ausmacht: .....zählt die Periode, welche seit dem Beginn der Erhärtung der Erdkruste bis auf die Gegenwart verflossen ist, fast sicher mehr als zwanzig und höchstwahrscheinlich weniger als zweitausend Millionen Jahre." Wem aber sagen diese Zahlen etwas, und was sagen sie ihm? Und sagen sie ihm mehr als jene vom Schauer der Vorzeit umwitterten Sätze der Bibel: „Die Erde war wüst und öde, Finsternis lag auf dem Abgrunde, und der Qeist Gottes schwebte über den Wassern." Für die biblische Dogmatik und die notwendige Einschränkung maßloser Forschungswut spricht aber noch eine andere und für den religiösen Menschen wenigstens sehr wichtige Erwägung. Dem religiösen Menschen, dem es vor allem um Ziele, um gottgewollte Zwecke geht, die er hier auf Erden zu verwirklichen berufen ist, und als deren allgemeinste Umschreibung die Verwirklichung und Befestigung der religiös-moralischen Weltordnung gelten kann, ihm wird es sich natürlicherweise stets weniger um die Wissenschaft an sich, um die Befriedigung eitler, wissenschaftlicher Forschungslust als um die Stellung und praktische Wirksamkeit der betreffenden Wissenschaft in der Welt zu tun sein. Er wird also seinem Wesen nach viel weniger geneigt sein, sich in unendliche Vergangenheiten zu verlieren, als vielmehr jene Elemente festzustellen, die ihm zum Ausgangspunkt für seinen Weg in die Zukunft dienen können. Da der Begriff der Zelt notwendig ihre Unendlichkeit in sich schließt, ist einer prähistorischen Forschung eigentlich kein Riegel nach rückwärts vorgeschoben. Es ist noch Raum für die Erforschung vieler Millionen Jahre „vorher" und für die Aufstellung ebenso vieler kosmologischer Hypothesen. Uns aber will es scheinen, daß ein fixer Punkt, der zum Ausgangspunkt der Forschung gewählt worden Ist, in Hinsicht auf die Erreichung der Wahrheit produktivere Folgen haben kann als die maßlose Zersplitterung einer Forschung, die, dem ewigen Vergessen anheimgegebene Zeitperioden der Wissenschaft zu erobern, sich Immer tiefer in die unbeweisbarsten Hypothesen verstrickt, um schließlich ihren lebendigen Zusammenhang mit der Gegenwart aufs äußerste zu gefährden. heutigen Stand der Technik selbst eine Wiederbelebung der gewerblichen Tätigkeit ein beträchtliches Maß von „technologischer" Arbeitslosigkeit übriglasse. Aus diesem Qrunde müsse die Arbeitszeitverkürzung mindestens teilwejse als Dauermaßnahme ins Auge gefaßt werden. Die Anregungen des Internationalen Arbeitsamts über den etwaigen Inhalt des in Aussicht genommenen internationalen Uebereinkommens gehen dahin, daß die Regelung auf alle öffentlichen und privaten gewerblichen Betriebe, die mindestens 10 Arbeitnehmer beschäftigen, Anwendung finden soll. Die Grundlage des Uebereinkommens soll die Vierzigstundenwoche bilden. Im einzelnen werden für die Durchführen der Arbeitszeitverkürzung verschiedene Wege offengelassen. Dabei spielen eine erhebliche Rolle die beiden Möglichkeiten der Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit durch Verringerung der täglichen Arbeitsstunden wie durch Verringerung der wöchentlichen Arbeitstage. Der Bericht des Internationalen Arbeitsamts zeigt dio großen Schwierigkeiten, die der Schaffung eines internationalen Uebereinkommens zur Verkürzung der Arbeitszeit, das auch praktisch durchführbar ist, entgegenstehen. Die ungeheure Arbeitslosigkeit in allen Ländern der Welt und das damit verbundene soziale Elend erfordern aber dringend, daß diese Schwierigkeiten im Interesse der Millionen von Arbeitslosen überwunden werden. Der Weltverband für Sabbathschutz „Schomre Schabbos" hat wiederholt darauf aufmerksam gemacht, wie stark die Interessen der sabbathfeiernden Judenheit von der Neuregelung der Arbeitszeitverhältnisse berührt werden, und hat insbesondere darauf hingewiesen, daß die allgemeine Einführung der fünftägigen Arbeitswoche mit Sonnabend und Sonntag als Doppelruhetag die Schwierigkeiten der Sabbathheiligung bis zu einem gewissen Grade beseitigen würde. Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge freilich ist nicht damit zu rechnen, daß die Verringerung der wöchentlichen Arbeitstage zu der einzig möglichen und allgemein verbindlichen Form der Arbeitszeitverkürzung erklärt werden wird, aber sie wird wohl die vornehmste Form der Arbeitszeitverkürzung werden, zumal die immer stärker werdende Weekendbewegung die Tendenzen zur Verkürzung der Arbeitswoche in besonderer Weise begünstigt. dem Rest ihres Vermögens von etwa zehn- bis fünfzehntausend Dollar unter Ausnutzung des billigen Pfundkurses sich in Palästina niederlassen. Diese Einwanderung brachte im Laufe der letzten fünfzehn Monate gegen 80 Mill. Mark nach Palästina. Es wurden Häuser gebaut, vor allem aber wurden Orangengärten angelegt, deren Ausmaß und Ertrag sprunghaft stieg. Auf hundert Quadratkilometer jüdischer Pflanzungen sind gegen 160 Mill. Mark investiert worden, die zum Teil ausgezeichneten Ertrag abwerfen. Nach fünf Jahren Wartezeit trägt ein Orangengarten von zwölf bis zwanzig Prozent Verzinsung. Das Jahr 1932 wird den größten Einwanderungsüberschuß seit 1925 haben; in den ersten zehn Monaten allein sind über 7100 Juden eingewandert (gegen 4100 im ganzen Jahr 1931), während die Rückwanderung kaum 400 Personen überschritt. Die britische Regierung gab im Vormonat 4500 Einwanderungserlaubnisscheine für mittellose Emigranten für das kommende Halbjahr aus — die größte Zahl Zertifikate, die seit zehn Jahren gewährt wurde. Es steht ein neuer Aufschwung der (bewässerten) Landwirtschaft und Industrie bevor, da endlich das riesige Ueberlandkraftwerk am Jordan im Juni 1932 fertiggestellt wurde, und in wenigen Monaten wird der große Hafen Haifas dem Verkehr übergeben werden. Damit wird Palästina in zwei neue weltwirtschaftliche Pläne eingeschaltet, die unabsehbare Möglichkeiten bieten: der Bau von Bahn und Petroleumleitung von Haifa nach Mosul und die Anschlußbahn der Haifa-Bagdad-Linie am rechten Jordanufer... zum Toten Meer. Die Kaliwerke, die neben der Jordanmilndung am Toten Meer

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