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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-01-20 · 3 (20.1.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
3 (20.1.1933)
Date
1933-01-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Auflage 4500 Stück ©eractaöcMatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE- ZI/ 1 ("I V71(m AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT lab I Ilfll V DER GEMEINDEVERWALTUNG^ Sehr Iftleltung : Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, LShrstraßa 10 — Nachdruck nur mit Quellenangebe und mit Genehmigung daa Verfassers gestattet. Nummer 3 / Jahrgang 9 20. Januar 1933 Anzeigenannahme: Varlag Emst Goldfreund, Leipzig 0 S, ClchorluaetraBe 2a Famaprachar Nr. 607 71 — Druck: Gebr. JunghanB, Leipzig OS Die Gewerbeschau des jüdischen Handwerks in Leipzig Alle Erdteile sind von einer außerordentlichen Wirtschaftskrise heimgesucht. Kein Volk und kein Beruf ist von ihr verschont geblieben. Und doch nimmt das Jüdische Handwerk einen besonderen Platz darin ein. Es fUhrt einen Dreifrontenkrieg: Gegen Wirtschaftskriso, Vorurteil und „Objektivität". Das Vorurteil, das es zu bekämpfen hat, besteht nicht nur bei den Außenstehenden, sondern leider auch manchmal im eigenen Kreise. Unter dem Mantel der „Objektivität" entgehen Ihm Arbeiten, die im umgekehrten Falle niemals an es gelangen würden. Dabei leistet das heutige Jüdische Handwerk zum mindesten in Deutschland eine Pionierarbeit, die — schwer wie Jede derartige Arbeit — anders gewertet werden sollte. Es beackert Jahrhundertelang vernachlässigten Boden, vernachlässigt nicht aus eigenem Willen, sondern von außenher erzwungen. 1925 lebten in Berlin allein über 6000 Jüdische Handwerker und last 5000 Gesellen und Arbeiter. Auch In Leipzig sind die Ziffern nicht niedrig. Um ihre Leistungen zu zeigen, ist eine Gewerbeschau geplant, die vom 22. bis 29. Januar 1933 im Oesterreichischen MeBhaus, Hainstraße, stattfinden soll. Vertreten sind Bäcker, Schneider, Fleischer, Schuhmacher, Tischler, Installateure, Elektrotechnik, Reklame, Maler, Buchdrucker, Radiowesen, Kürschner. Dabei Ist mit Bewußtsein das Handwerkliche betont, nicht auf das Ausstellen von fabrikmäßig hergestellten Gegenständen kommt es an. Auch Lehrlingsarbelten sollen gezeigt werden. Die Ausstellung wendet «ich nicht nur an die Jüdischen Mitbürger, sie soll der gesamten Umwelt die Leistungen der Jüdischen Handwerker zeigen. Das Recht zu der Sonder-Ausstellung nimmt das Jüdische Handwerk aus der Sonderstellung, die es im ganzen innehat, aus den Versuchen des Boykotts, die helmlich oder öffentlich gemacht werden. Der jüdische Handwerker will trotzdem nicht bevorzugt werden und darf es nicht wollen; er verlangt aber, in gleiche Linie mit den anderen gestellt zu werden. Er hat nichts dagegen, wenn sich ungeeignete Elemente ausschalten, er kämpft aber um ..fair play", er kämpft heute auch, wie alle, um seine Existenz. Die Ausstellung wird ein Interessantes Bild des heutigen Standes des Jüdischen Handwerks In Leipzig geben. Es sollte Pflicht eines Jeden sein, sie anzusehen. Sonntag, den 22. Januar, wird die Eröffnung stattfinden. Der Zutritt hierzu wie überhaupt In die Ausstellung Ist frei und — da Im Erdgeschoß— auch bequem. 1 " ■" Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. / + V \ tJ * S. TAUBES, WIEN V - Weltgeschichte und Schöpfungsbericht Weltgeschichte ist Wissenschaft; Schöpfungsbericht ist der dogmatische Ausgangspunkt religiöser Weltansicht. Wissenschaft ist das Gebiet der rein geistigen Forschung; Religion Ist die Domäne moralischer Erkenntnis. Die geistige Forschung ist frei, d. h. sie untersucht den Zusammenhang der Dinge und Geschehnisse ohne Rücksicht auf Wohl und Wehe des Menschen; die moralische Erkenntnis ist gebunden an das Ziel des menschlichen Seelenheiles. Schon diese wenigen Definitionen zeigen, daß wir es hier offenbar mit zwei völlig verschiedenen Gebieten menschlichen Erfassungsvermögens zu tun haben, die wohl kaum in eine zugeordnete Beziehung zueinander gebracht zu werden vermöchten. Wenn wir aber dennoch der Weltgeschichte den Schöpfungsbericht entgegengestellt haben, also der Wissenschaft die Religion, so geschah dies erstens aus der ganz allgemeinen Erwägung, daß es überhaupt keine Erscheinung in unserem Dasein gibt, die nicht in einer gewissen Beziehung zur Religion stünde; dann aber, weil wir uns mit dem Wesen jener modernen Wissenschaftlichkeit auseinanderzusetzen beabsichtigen, insofern dieselbe nämlich der Meinung ist, durch ihre gewonnenen Erkenntnisse (die aber über eine bestimmte Grenze hinaus zugegebenermaßen sehr fragwürdiger und hypothetischer Natur ist) die religiöse Dogmat<k erschüttert oder gar völlig vernichtet zu haben. Wenn wir nun behaupten, daß Jede Erscheinung in eine gewisse abhängige Beziehung zur Religion gebracht werden kann, so beißt das iedoch nicht, daß wir hierbei vielleicht in den mittelalterlichen Irrtum verfallen wollen, wissenschaftliche Erkenntnis mit religiöser Dogmatik ■M verquicken. Wir setzen nur ganz einfach voraus, daß. da religiöser Sinn die geistige Haltung des Menschen allen Dingen und Erscheinungen der Welt gegenüber so nachdrücklich und wirksam beeinflußt, dies notwendigerweise auch der Wissenschaft gegenüber der Fall sein wird. Es bleibt zwar unwiderrufen, daß die Wissenschaft frei ist, d. h. frei in der Wahl ihrer Mittel und Methoden, aber sie ist natürlich den allgemeinen historischen Gesetzen der Entwicklung gerade so unterworfen wie sonst keine Lebenserscheinung. Es ist z. B. wahrscheinlich durchaus kein Zufall, daß sich in den letzten Dezennien die Wissenschaft der Aeronautik entwickelt hat. oder daß gegenwärtig z. B. die Chemie der Giftgase zweifellos einen bedeutenden Aufschwung nehmen wird. Man sieht, wissenschaftliche Richtungen und wissenschaftliches Forschungsgebiet sind von historischen Ereignissen, von politischen Situationen usw. durchaus nicht unabhängig. Aus diesem Grunde schon ist die Wissenschaft auch von der Religion nicht unabhängig, dieser hauptsächlichen Erzeugerin und Oestalterin der Weltgeschichte im allgemeinen und jedes hervorragenden Individuums im besonderen. Wir meinen nämlich, daß n u r d i e R e 1 i g i o n, als die Verbundenheit mit dem lebendig pulsierenden Herzen der Welt, mit dem geistigschöpferischen Zentrum des Daseins, am besten imstande ist, die Einsicht des Menschen in die Schranken seiner Kraft und in die Grenzen seines Erfassungsvermögens wachzuhalten, ihn kategorisch vor dem verhängnisvollen Ueberschreiten jener Grenzen zu warnen und den in der Natur des menschlichen Geistes gelegenen Trieb zu grenzenloser Ausschweifung einzudämmen und zu beschränken. Ein wissenschaftlicher Kopf wird sich gegen solche Einschränkung natürlich sofort auflehnen und den Religiösen geistiger Armut, wenn nicht gar gewöhnlicher Feigheit zeihen. Aber prüfen wir einmal sachlich und mit gesundem Menschenverstand die faktischen Resultate Jener kühnen, voraussetzungslosen und unbeschränkten Wissenschaftlichkeit, und wir werden erkennen, daß sie keinen Qrund hat, sich so turmhoch überlegen zu fOhlen, Denn da, wo sie die dem menschlichen Geiste naturnotwendig \A

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