Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 2 (13.1.1933)
- Date
- 1933-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968810-5969334--4568-4881662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINrE ZU LEIPZIG 13. Januar 19fr 30000 M. Einnahmen 60800 M. Der vorgesehene Betrag wird allerdings nicht unerheblich überschritten werden. Die Einnahmen fließen etwa zur Hälfte aus Stiftungszinsen, zu einem kleinen Teil aus Spenden, ein nennenswerter Betrag aus öffentlichen Kassen, auf die wir unter Erschöpfung aller durch die Gesetze gegebenen Möglichkeiten zurückgreifen. Von den Ausgaben entfallen rund 60 000 M. auf die Familienfürsorge und Krankenpflege. 6600 M. auf die Wanderfürsorge, rund 12(100 M. auf Beihilfen für Leipziger jüdische Wohlfahrtseinrichtungen, wie Wohltätigkcitsvcrein, Kindergarten, Frauenverein „Ruth" u. a. Wir haben schon vorher ausgeführt, und es Ist bereits in einem besonderen Aufsatz dargestellt worden, wie wir mit den verhältnismäBlg bescheidenen Betrag von 60 000 M. wirtschaften. Nur die. sorgfältigste Durchdenkung und Prüfung jedes einzelnen Falles ermöglicht es. mit diesem Betrage hauszuhalten und damit den vielen Familien beizustehen, die auf uns angewiesen sind. Besonders am Herzen liegt uns die Hilfskasse für den notleidenden Mitteistand, die leider nur 1500 M. aus dem Haushalt der Gemeinde erhält. Sie wird ab und zu durch private Spenden bedacht, aber leider bei weitem nicht genügend, um uns in die Lage zu versetzen, so zu helfen, wie es nötig wäre. Wir möchten alle diejenigen, denen ein gütiges Geschick noch ein gutes Einkommen belassen hat, auf diese ungemein wertvolle Sonderkasse aufmerksam machen. Die Zuwendungen aus derselben erfolgen unter der größten Verschwiegenheit, die Namen werden nur dem Gemeindevorstand bekannt. Es ist ja leider allzu bekannt, daß viele heute in drückender Not sind, die früher selbst in reichem Maße spenden konnten. Sie leiden mitunter die härtesten Entbehrungen und können ihr Leid nicht offenbaren. Wo wir ihnen helfen können, möchten wir es tun. Darum denkt an diese Kasse in Freud und Leid! Ungemein nutzbringend und segensreich wirkt die Darlehnskasse der Gemeinde. Wir stehen mit ihren Leistungen von allen jüdischen Gemeinden des Reiches mit an erster Stelle. Die Tätigkeit der Kasse hat auch erfreuliche Anerkennung gefunden, indem uns die Zentralstelle für jüdische Darlehnskassen in Berlin Kapitaldarlehen verschafft hat, die uns in den Stand setzen, trotz unserer eigenen Finanznöte weiterzuarbeiten. Darlehen werden gegen Bürgschaft Kleingewerbetreibenden aller Geschäftszweige gewährt und setzen dieselben in Stand, sich zu erhalten. Ueber die Tätigkeit der Darlehnskasse Ist ebenfalls bereits in einem besonderen Aufsatz berichtet worden. An dieser Stelle sei der hingebungsvollen Tätigkeit unseres Fürsorgeausschusses und der Darlehnskommisson, ganz besonders auch der Unsere Gemeinde Max Hermann Heine gestorben. Unsere Gemeinde ist in den letzten Monaten durch den Verlust bedeutender Gemeindemitglieder schwer betroffen worden. Noch mitten in der Trauer um Siegmund Gottlieb und Chaim Eitingon, muß sie nunmehr auch den Heimgang eines so hervorragenden Menschen wie Max Hermann Heine beklagen. Auf diesen Wirtschaftsführer von hohem Range, diese Persönlichkeit, die wegen ihrer menschlichen Vorzüge ungemein geschätzt und verehrt war, durfte unsere Gemeinde stolz sein, der er alle Zeit Treue bewiesen hat. In seiner religiösen Einstellung von der überlieferten Uebung losgelöst, war er doch innerlich von jüdischen Werten getragen und bewährte sie durch die großen und edlen Züge, die sein Wesen bedeuteten. Von der außergewöhnlichen Achtung, deren sich der Heimgegangene erfreute, zeugte die imposante Teilnahme an der Trauerfeier, die am 8. Januar für den Heimgegangenen veranstaltet wurde. Aus allen Kreisen der Leipziger Wirtschaft, der Angestellten und besonders unserer Gemeinde war eine so stattliche Trauergemeinde erschienen, daß die Trauerhalle des Südfriedhofes sie kaum zu fassen vermochte. Nach einem Orgelpräludium und liturgischen Gebet des Herrn Oberkantor Lampcl hielt Gemeinderabbiner Dr. G o I d m a n n die Traueransprache. Er schilderte die Größe des bedeutenden Wirtschaftsführers, der über die Grenzen des Berufswirkens hinaus sich den Sinn für die höheren Werte des Lebens bewahrt hat, aus innerem Drange zu allem Schönen und damit auch zu den Werken der Kunst in lebendigem Verhältnis stand und in Betätigung dessen auch zum Förderer junger Künstler wurde: er rühmte die Innigkeit des Gatten und Vaters im Kreise der Häuslichkeit und die Treue, die er seiner jüdischen Gemeinschaft bewies. In einer Reihe von Nachrufen kam lebendig zum Ausdruck, welche außergewöhnliche Verehrung Max Hermann Heine wegen seiner hervorragenden Eigenschaften des Charakters und des Geistes entgegengebracht wurden. Im Namen der Geschäftsleitung der Firma Gebr. Heine verlieh Direktor Fischer den schmerzlichen Empfindungen der leitenden wie der gesamten Angestellten des Hauses warme Worte. Er wies auf die in den Geschäftsräumen vorangegangene Gedenkfeier hin und wiederholte das Gelöbnis, für das Lebenswerk des Heimgegangenen weiter zu wirken, um es zu erhalten und an ihm weiter zu bauen. Gemeindevorsteher Carl 0 o I d s c h m id t rief namens der Israelitischen Rcligionsgcmcinde dem persönlichen freunde und dem an den Vorgängen und Aufgaben innerhalb der Rcligionsgemcinde stets lebhaft interessierten (jemeindemitgiied in tiefer Trauer Worte des Dankes in die Ewigkeit nach. Die große Förderung, die Leipziger Künstlern und der Staatlichen Akademie für Graphik und Buchgewerbe durch Max Hermann Heine zuteil geworden war. rühmte Professor S_t e i n c r- Prag und dankte dem Verstorbenen besonders als dem Helfer junger Künstler in ihrem harten Lebenskampfe. Rechtsanwalt Dr. Zöphel, der im Namen des Reichsverbandes des deutschen (iroß- und Ucberseehandels sprach, hob Heines Verdienste um den Großhandelsstand hervor. In wehmutvollen Worten beklagte dann Bankier Wilhelm Breslau e r den schmerzlichen Verlust, den ein in langen Jahren festgefügter Kreis von Freunden durch den Heimgang dieses jederzeit echten und treuen Freundes erlitten hat. Für die Ferienheime Iür Handel und Industrie. Wiesbaden, übermittelte Direktor Dr. Holdste in einen letzten Abscliiedsgruß an den Heimgegangenen, der seit 1925 dem Präsidiuni der Erholungsheime angehört und jederzeit wärmstes Interesse für die Einrichtungen bekundet hat. Für den israelitischen Wohltitig- Damen des Jüdischen Frauenbundes, gedacht. Nur dank der Selhstlosig. keit aller dieser Helfer und Helferinnen können wir mit so wenig« besoldeten Kräften die außerordentlich umfangreiche Tätigkeit unserer 1 Fürsorgeabteilung bewältigen. Zahlreiche Posten sind unter den Abschnitten „Verschiedenes! und „Unvorhergesehenes" zusammengefaßt. Die Gesamtausgaben hierfür9 betragen 34 500 M., darunter als größter Posten die Sozialversicherungs.M beiträge für alle Angestellten der Gemeinde mit 9500 M. j Die Verzinsung und Tilgung der Gemeindeschulden (mit Ausnahme!" der Friedhofsanleihe) erfordert 34 000 M. Die Kosten der Steuererhebung sind mit 11800 M. angesetzt. Siel sind äußerst niedrig. Sie betragen rund 3 Prozent des Steuerbedarfes, fi der sich auf 375 000 M. beläuft. In früheren Zeiten, als die Steuern durch!] die Stadtgemeinde eingehoben wurden, machten die Erhebungskosten I 5 Prozent des Steueraufkommens aus. Auch hier sind in den letzten J Jahren die Ausgaben erheblich gesenkt worden, doch hat sich im Ver a hältnis zum Steueraufkommen wenig geändert, weil dieses noch weit ■ mehr zurückgegangen ist. Es betrug in 1929/30 617 500 M Erst in den allerletzten Tagen sind der Gemeinde die Mitteilungen! der Finanzämter über die Veranlagung ihrer Mitglieder zur Reichs! einkommensteuer 1931 zugegangen, die als Maßstab für die Gemeinde! anläge 1932 diente. Es ist nun Aufgabe der Gemeindesitzung, den Qe-1 meindeanlagensatz für das laufende Rechnungsjahr festzusetzen. Dabei I muß berücksichtigt werden, daß durch die Sächsische Notverordnung I über das Steuer recht der öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaften I vom 22. Oktober 1932 sich bedeutungsvolle Acndcrungcn hinsichtlich I der Maßstabsteuer ergeben. Will man den Haushalt der Gemeinde für I das Rechnungsjahr 1932/33 ohne Ueberspannung des Steuersatzes durch-1 führen, so wird dies allerdings nicht möglich sein, ohne daß ein I beträchtlicher Fehlbetrag in Kauf genommen wird. Noch mehr bedrückt I aber der Ausblick auf das kommende Rechnungsjahr mit allerschwerster I Sorge. Die Gemeinde ist deshalb auf die Treue ihrer Mitglieder angewiesen. Es ist nicht wahr, daß sie den Austritt einiger weniger durch I Mangel an Verständnis für die wirtschaftliche Lage verschuldet habe. Niemand ist unter den Ausgetretenen, für den die Steuerzahlung eine drückende Härte bedeutet hätte. Wo eine wirkliche Notlage vorliegt, hat die Gemeinde immer Rücksicht genommen. Es sind die Lauen und | die der Gemeinschaft Entfremdeten, die sie letzt verlassen haben. Daß ihre Zahl nicht groß ist, erweckt den freudigen Glauben und die Zuversicht, daß die Oemeinde über die Notlage hinwegkommt und auch für die Zukunft erhalten bleibt als eine religiöse Gemeinschaft, die ihre Mitglieder in unlösbarer Verbundenheit zusammenhält. ' keitsverein. dessen Kuratorium Max Hermann Heine lange Jahre an-1 gehört hat und der diesem großherzige Förderung seiner Einrichtungen, I insbesondere die Liegehalle bei dem Dürrenbergcr Erholungsheim verdankt, widmete Gemeinderabbiner Cohn dem Verstorbenen Worte herzliehen Gedenkens. Schießlich rief Rechtsanwalt Dr Za n d er namens des Tennis-Clubs „Rot-Weiß" dem Verstorbenen, der mit zu den Grün-1 dem des Clubs gehörte, einen letzten Gruß nach. — Nach dem Gesänge von Joachim Raffs „Sei still" durch Oberkantor Lampel erklang durch das Gewandhausquartett die Cavatine aus Beethovens B-Dur-Quartett, unter dessen Tönen der Sarg mit dem, was an Max Hermann Heine vergänglich ist. in die Tiefe versank. Gemeinderabbiner Dr. Goldmann spricht über Individualismus und Kollektivismus. Vor einer zahlreich erschienenen Zuhörerschaft aus allen Schichten der Leipziger Bevölkerung eröffnete Herr Gemeinderabbiner Dr. Goldmann in der Hauptsynagoge seinen angekündigten Vortragszyklus „Zeitströmungen im Lichte der jüdischen Religion" mit dem I ersten der drei Themen: Individualismus und Kollektivismus. Ausgehend vom Wesen und Ziel der Religion als lebensbestimmenden, doch niemals lebensfremden Machtfaktor, leitete der Redner über zu dem hauptsächlichsten Charakteristikum der kulturellen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, die in ihrer Tendenz zum Massigen, (iewaltigen, zum Kollektivismus über die These des Altertums und Mittelalters hinwegschreitet, nach der der Mensch als „das Maß aller Dinge" galt. Der starke, durch neuzeitliche technische Hilfsmittel beschleunigte Aufschwung der Naturwissenschaften, die Möglichkeit einer schrittweisen Durchforschung des unendlichen Weltalls erbrachte neben der Erkenntnis, daß Raum und Zeit unendlich und ewig sind, das BcwuUtsein irdischer Kleinheit auf Kosten der persönlichen Verantwortung. Parallel zu dieser Entwicklung setzt die kapitalistische Epoche ein mit ihrer Industrialisierung, Verbesserung der Verkehrswege und -mittel und der Kollektivierung des Geldes, das sich zum Beherrscher der Menschheit aufschwingen konnte und durch Banken, Kartelle und Konzerne seine Monopolstellung gefestigt hat. Herrschaft der „Masse" als Begriff und Wirklichkeit, Entpersönlichung der Politik im engeren und weiteren Sinne war nur die Folgerung aus der neuen Lehre, die den Menschen als Subjekt des Weltgeschehens hinstellt, das absolute, göttliche Recht durch die Parole Macht-Recht ersetzt und die Rechtsnorm Zweckmäßigkeiisgründcn unterordnet. Dieser kollektivistischen, mit jeder Tradition brechenden und deshalb auch vor den Toren der Religion nicht haltmachenden Zeitströmung steht das festgefügte „unmoderne" Weltbild des Juden gegenüber, verankert in der sittlichen Forderung der Gleichheit aller Menschen vor Gott und dem individualistischen Postulat der vollen Verantwortung des einzelnen zur Erreichung des höchsten sittlichen Zieles. Selbst durch diu Emanzipation des 19. Jahrhunderts hindurch rettete das Judentum die Idee der Gemeinschaftsbildung auf Grund der im öffentlichen Leben nahezu ausgeschalteten sittlichen Vernunft und schafft durch seine Proklamation, die beste Seite des individualistischen Strebens den Zielen der Gemeinschaft als autoritativer Verkörperung höchsten sittlichen Wollens zu opfern, die Synthese der Einheit, der von göttlichem Geiste getragenen Gemeinschaft, deren einzelne Glieder gleichberechtigt und gleiclivcrpflichtet sind. Niemals darf deshalb die religiöse Beweg«"*! des Judentums durch die Wogen einer Zcitströmung überflutet werden. Ihre Aufgabe ist vielmehr, die Zeit zu meistern, den Blick über Tagesfragen hinaus auf Ewigkeitswerte zu lenken, ungeachtet all der Vorwürfe, die das Judentum als Quelle sowohl des Individualismus als auci