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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-01-06 · 1 (6.1.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
1 (6.1.1933)
Date
1933-01-06
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG hörde wird aus Ihrem unablässigen Bitten ersehen, welchen Wert Sie darauf legen, das Land Sachsen, wo Sie durch einen mehr als 15jährigen Aufenthalt Wurzel gefaßt haben, Ihre Heimat nennen zu dürfen. Ihre Absicht ist eine edle. Kein Makel befleckt Ihr Vorleben, keine Klage über Sie ist in den 15 Jahren laut geworden. Sie führen ein stilles, harmloses Gelehrtenlcbcn, und fast möchte ich sagen, daß Leipzig sich rühmen kann, in Ihnen einen der größten, vielleicht den größten Talmudkenner der Gegenwart zu besitzen, dessen Gutachten und Meinungsäußerungen von einein Ende Europas bis zum andern als gewichtvoll, ja, als entscheidend gelten. Und daß Sie, obwohl ein so großer Talmudist, doch ein überaus humaner und allem gehässigen, fanatischen Treiben grundsätzlich fernstehender Gelehrter sind, habe ich selbst In langem Verkehr mit Ihnen erprobt. Zur Feier des 60. Geburtstages Chaim Nachman Bialiks Chaim Nachman B i a 1 i k , als der bedeutendste hebräische Dichter der Gegenwart anerkannt, wurde am 8. Januar 1873 in dem Dorfe Rady (Wolhynien) geboren. Seine erste Kindheit verbrachte er auf dem Lande, später zogen seine Eltern nach Shitomir, wo Bialiks Vater starb, als Bialik 7 Jahre alt war. Im Hause seines Großvaters erwarb er sich die ersten Kenntnisse in der hebräischen Literatur. In dem nahegelegenen Listin und später in dem Beth Midrasch der litauischen Juden in Shitomir bildete er sich weiter. Mit 16 Jahren bezog er die Jeschiba in W'oloshin. Hier wurde er durch Lektüre von den Ideen Achad Haams beeinflußt. Von den hebräischen Dichtern war es vor allem Jehuda Löb Gordon, dessen Dichtungen auf Bialik eingewirkt haben. Im Sommer 1891 kam Bialik nach Odessa, wo, in Rawnitzkis „Pardes". sein erstes Gedicht, „El ha-Zippor", gedruckt wurde. Die folgenden Gedichte Bialiks zeigten bald, daß mit ihm eine neue Periode der hebräischen Poesie beginnen sollte. Nach seiner Verheiratung im Jahre 1893 wohnte Bialik vier Jahre in Korostcschew, wo er Waldhandcl betrieb. 1897 wurde er als Lehrer nach Sosnowice (Polen) berufen. Dort schrieb er seine größere Dichtung „ha-Matmid", die das Lernen im Beth Midrasch schildert und die Empfindungen der jungen und der alten Generation zum Ausdruck bringt. Ein anderes, gleichzeitig entstandenes Gedicht, „Achcn Chazir ha-am". gibt die seelischen Konflikte des jüdischen Volkes wider und leitet eine Reihe Gedichte ein. die von einer anklägerischen Stimmung durchzogen sind. Die Grundstimmung dieser Gedichte ist pessimistisch. Im Sommer 1900 zog Bialik wieder nach Odessa, wo er als Lehrer an dem ..reformierten Glieder" wirkte. Hier entsand zunächst die große Dichtung „Mete Midbar". die die Tragödie des Galuth darstellt. Es entsandeu später eine Reihe Dichtungen, die Lebens- und Naturfreude zum Ausdruck bringen, unter anderem „Zafririm'. „Sohar", „Schire ha-Choref". 1902 erschien in Warschau (Verlag „Tuschija") die erste Sammlung der Gedichte Bialiks. Unter dem Eindruck des Pogroms in Kischinew entstanden „AI ha-Schechita" und „be-Ir ha-Harega", 1904 wurde Bialik Redakteur des schönliterarischen Teils des „ha-Schiloach". Damals entstanden das große Poem „Megillat ha-Esch" und die Vision Jüdische Verbände und Gemeinden Verband der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands die größte jüdische Jugendorganisation, hielt seine neunte ordentliche Delegiertentagung in Frankfurt a. M. im „Philantropin" ab. Die Tagung stand unter dem Motto: „Der Kampf des jungen Juden um seine Existenz ist der Kampf der Judenheit um ihre Zukunft" und wurde durch zwei grundlegende Referate der Herren Dr. Eduard Strauß, Frankfurt a. M., und Dr. Paul Eppstein, Mannheim, eingeleitet. Dr. Strauß führte aus, daß die Eigenart der jüdischen Gemeinschaft nur eine geschlossene Willensäußerung nach außen gestatte, so daß die individuelle Entscheidung des Juden notwendigerweise in die jüdische Gemeinschaft hineinmünden müsse. Aus dieser schicksalsmäßigen Verbundenheit erwachse zwangsläufig die gegenseitige Verantwortung von jüdischer Gemeinschaft und jüdischem Individuum. Dr. Eppstein, der seine Ausführungen mit grundlegendem statistischem Material helegte, behandelte die gesellschaftliche und berufliche Situation der deutschen Juden, insbesondere der jüdischen Jugend. Er zeigte die Konsequenzen auf, die sich für den einzelnen und die Gesamtheit ergeben. Die lebhatfe Aussprache bewies den starken Widerhall, den die aufgeworfenen Probleme im Verband finden. Drei Arbeitsgemeinschaften beschäftigen sich mit den kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Aufgaben des Verbandes. Das Ergebnis waren Richtlinien für die kommende Verbandsarbeit, die von der Delegiertentagung einstimmig gebilligt wurden. Gleichfalls einstimmig wurde ein Jugendhilfswerk des Verbandes eingesetzt, das in engem Zusammenwirken mit den sozialen Institutionen der deutschen Judenheit arbeiten wird. Die neue Leitung des Verbandes besteht aus Rechtsanwalt Dr. Julius Herzfeld, Essen (1. Vorsitzender). Joe Israel, Hannover, und Kurt London. Berlin (stellvertretende Vorsitzende), Rechnungsrat Julius Wißmann. Stuttgart (Kassenführung). Zu Vorsitzenden der neu eingerichteten Aemter wurden gewählt: Rechtsanwalt Herbert Felsenthal, Düsseldorf. Kulturamt: Ernst Holzer. Frankfurt a. M., Wirtschaftsamt und Jugendhilfswerk: Fritz Schwarzschild, Berlin, Amt für politische Arbeit. Die Tagung, die aus allen Teilen Deutschlands außerordentlich gut besucht war, fand einen starken Widerhall bei den städtischen und jüdischen Behörden und Organisationen und der jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit. Ein praktischer Weg zur Beruisumscblchtun»; (Gehrlngshoi bei Fulda). Vor dem Kriege gehörten die Juden in Deutschland größtenteils dem Mittelstand an. Charakteristisch dafür war das Ueberwiegen von Alme-hörigen der ireien Berufe und der kleinen selbständigen Unter- Hoffen wir also, daß das hohe Ministerium Ihr Gesuch als einen Ausnahmefall ansehen und Ihrem sehnsüchtigen Wunsche willfahren wird, welches auch der Wunsch ist Ihres verehrungsvoll ergebenen (gez.) Geh. Kirchenrat Prof. D. Franz Delitzsch. Daß auch dieses Gesuch der Ablehnung verfiel, erscheint, wie die I ganze Sache, heute unwesentlich und nichtig. Was aber davon ge-1 blieben ist, ist dieses schöne Dokument edler Menschlichkeit. Und das [ mag gerade in gegenwärtiger Zeit uns in der Sicherheit bestärken, I daß über dem Dunst der Tiefe, wo stupider Fanatismus und erbärmlicher Haß brodelt, strahlend, siegreich und ewiggültig das Wahre.! Gute, Schöne steht, wie zu allen Zeiten, so auch heute und immerdar. „Dabar". Kurz vor dein Kriege erschien eine zweite vollständige Saiinn. hing der Gedichte Bialiks in Odessa. 1915 verfaßte er einen größeren I Gedichts-Zyklus, der in dem von ihm selbst redigierten Sammelbuch „Knesseth" erschien. Um dieselbe Zeit entstanden auch seine „Schire ha-Am" (Volkslieder) sowie Kindergedichte, die meist schon in Lesebüchern Aufnahme gefunden haben. Bialik verließ Rußland endgültig I92| und siedelte nach einem zweijährigen Aufenthalt in Berlin nach Palästina über. Bialik schrieb auch eine Reihe jiddischer Gedichte, die 1906 unter dem Titel „Vun Zaar un Zorn" erschienen sind. Er veröffentlichte auch | eine autobiographische Darstellung „Safiach". In den letzten Jahren hat Bialik auch biblische Volkslegenden aufgezeeihnet. Bialiks Essays dienen in der Hauptsache der Klärung literargeschichtlicher und theologischer Fragen. Er übersetzte wissenschaftliche Abhandlungen, den ,,Don Ouichote", Schillers „Wilhelm Teil" und Anskis „Dybbuk" ins Hebräisehe. Einen bedeutenden Teil seiner Wirksamkeit nimmt seine Tätigkeit als Verlagsleiter ein. Er gründete noch in Odessa gemeinsam mit S. Ben Zion, Lewinski und Rawnitzki den „Moriah"-VerIag, der Lehrbücher herausgab, und nach dem Kriege den Verlag „Dwir". Vor kurzem begann Bialik mit der Publikation einer jüdischen Dichtung aus Spanien, die von ihm selbst als sein Hauptwerk angesehen wird. Bialik leitet gemeinsam mit Rawnitzki die folkloristische Zeitschrift „Rcschumot". Die Bedeutung Bialiks innerhalb des zeitgenössischen Judentums geht weit Uber die einer anerkannten großen dichterischen Persönlichkeit hinaus. Als Künder jüdische Leides und der Sehnsucht nach Erlösung ist er für einen großen Teil des Judentums der nationale Poet der jüdischen Gegenwart. Darüber hinaus hat er auch durch seine Wirksamkeit auf vielen Gebieten des öffentlichen jüdischen Lebens, früher in Rußland und jetzt in Palästina, weitreichenden autoritativen EinfluB und nach mannigfachen Richtungen hin eine entscheidende schöpferische Wirkung ausgeübt. Bialik hat auf die gesamte hebräische Schriftstellergeneration der letzten Jahrzehnte als Meister des klassischen hebräischen Stils erzieherisch gewirkt. Zu Bialiks 50. Geburtstag, der bei Anwesenheit des Dichters in der Berliner Philharmonie gefeiert wurde, erschien in Berlin eine Jubiläumsausgabe seiner Werke in vier Prachtbänden. Ein großer Teil seiner Gedichte und Erzählungen ist in fast alle europäischen Sprachen und auch in Esperanto übersetzt worden. nehmer. Durch den Krieg und seine unheilvollen Folgen änderte sich dies alles grundlegend. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur der deutschen Judenheit geriet ins Wanken, und große Teile derselben sind ins Proletariat gesunken. Für die Erziehung der Jugend und für deren Einordnung in das Erwerbsleben ergeben sich daher ganz neue Perspektiven. Die heranwachsende Jugend kann sich nicht mehr in die bsher üblichen Berufe einordnen. Der Handel bietet sowohl dem Selbständigen als auch dem Handwerker wenig Lebensraum. Die akademischen Berufe sind überfüllt. Es ist höchste Zeit, daß die deutsche Judenheit mit der Berufsumschichtung wirklich Ernst macht. Der Verwirklichung dieser Ziele dient seit Jahren die jüdische Gartenbauschulo in Ahlem. Hier werden in einem Schulbetriebe junge Gärtnerlchrlinge herangebildet. Ebenso wurde aus dieser Einsicht heraus von führenden Männern des deutschen Judentums auf Anraten des bedeutenden Wirtschaftsiünrers und Soziologen Franz Oppenheitner vor mehr als Jahresfrist das Siedlungswerk in Qroßgaglow geschaffen. Im Interesse der gleichen Aufgabe arbeitet in aller Stille schon seit nahezu 9 Jahren das jüdische Lehrgut Rodges. Der Beginn wurde seinerzeit mit einem kleinen Bauerngut in Betzenrod gemacht, an dessen Stelle dann das 150 Morgen große Pachtgut Rodges bei Fulda in Betrieh genommen wurde. Als auch dieses zu klein wurde, erwarb man mit Hilfe eines hypothekarischen Kredites vom preußischen Staat (Kageso) das ca. 270 Morgen große Gut Gehringshof bei Fulda, das infolge seiner vielseitigen Ausbildungsmöglichkeiten den steigenden Anforderungen besser genügte. Seine Hauptbetriebszweige sind: Ackerbau, Viehzucht, Teichwirtschaft, Geflügelzucht. Pferdehaltung, Rinder- und Schafzucht, Käserei Hauswirtschaft und auch in großem Maßstabe Gärtnerei. Das Lehrgut, das auf religiöser Basis geführt wird, sieht unter der Leitung eines jüdischen Diplomlandwirtes, der von einem jüdischen Gartenbauinspektor, einer jüdischen Geflügelzüchterin, einer jüdischen Wirtschafterin und einem Obermelker in seiner Tätigkeit unterstützt wird. Ueber 40 junge Menschen aus allen Gegenden Deutschlands wurden in diesem Jahre dort ausgebildet. Während des Frühjahres und Sommers arbeitete auf diesem Gute auch die erste jüdische Kolonne im Rahmen des freiwilligen Arbeitsdienstes (F. A. D.), und auf Grund der hier gemachten Erfahrungen entstanden allenthalben solche Arbeitsgruppen. So wurden im Laufe der Jahre schon über 250 Menschen ausgebildet und damit produktiven Berufen zugeführt. Die hier ausgebildeten Menschen haben sich bestens bewährt, wo auch immer sie eine Existenz gefunden haben. Wenn es gelingen sollte, auf diese Art und Weise eine bodenständig* Schicht innerhalb der deutschen Judenheit zu schaffen, so ist deren

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