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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-01-06 · 1 (6.1.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
1 (6.1.1933)
Date
1933-01-06
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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t)0. Aaflage 4500 Stack DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I Jtl D7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT lab I TMm\V7 DER GEMEINDEVERWALTUNGB Schrlftlaltung: Gamalndarabblnar Guatav Cohn, Lalpilo, UliratraSa 10 — Nachdruck nur mit Quallanangaba und mit Genehmigung d» Verfnaers geatattat. Nummer 1 / Jahrgang 9 6. Januar 1933 Anzalganannahma: Varlag Emat Goldfraund, Lalpzlg 0 S, ClchorluaatraSa 2t Famaprachar Nr. 60771 — Druck: Gabr. JunghanS, Lalpzlg 0 9 DR. SALLY RABIN O WITZ Kirchenrat und Rabbiner Im Nachlaß meiner sei. Mutter fand ich, pietätvoll aufbewahrt, ein kleines Päckchen mit Briefen und Karten. Obwohl diese wenigen erhaltenen Stücke nur den geringen Bruchteil einer anscheinend sehr umfangreichen Korrespondenz darstellen, wird doch in ihnen ein Stück jüdischer Geschichte lebendig, welchem durch die Qleichfurm der Erscheinungen, unter deren Druck wir gegenwärtig stehen, der Reiz höchster Aktualität verliehen wird. Schreiber der Briefe ist der Ordinarius der evangelischen Theologie an der Universität Leipzig, Och. Kirchenrat Prof. U. Franz Delitzsch; gerichtet sind sie an meinen Großvater, Rabbiner Simon Ii u r w i t z s. A. Im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts war der jüdischen Bevölkerung in der Gestalt August Rohlings ein neuer Hainau erstanden. In seiner 1871 erschienenen Schrift „Der Talmudjude" schmiedete der katholische Theolog Rohling aus Lüge, Mißdeutung und bewußter Fälschung „wissenschaftlich fundierte" Waffen gegen das Judentum, Waffen, welche die Kämpfer der damals entstehenden antisemitischen Bewegung mit Preude ergriffen. Aus Angriff und Abwehr entbrannte ein heißer, jahrelang währender Kampf, den die Welt mit höchster Spannung verfolgte und der mit einer vernichtenden Niederlande Rohlings und seiner „Lehre" endete. Ihn zur Strecke gebracht und dem Fluche der Lächerlichkeit überantwortet zu haben, ist das Verdienst von Franz Delitzsch. Delitzsch, der nicht nur eine Zierde der sächsischen Landesuniversität, sondern eine weltberühmte Leuchte der evangelischen Theologie war, muß ein Mensch von ungewöhnlichem Format gewesen sein. Als gläubiger Christ empfand er es als ethisches Postulat seines Glaubens, dem Judentum die Kenntnis der evangelischen Heilsbotschaft zu vermitteln: so kam er zur Förderung der Mission unter Israel; als Wissenschaftler ging er von der Erkenntnis aus, daß das jüdische biblische und rabbinische Schrifttum das Fundament jeder christlichen Theologie sein müsse: so kam er zu profunder Kenntnis jüdischen Schrifttums, zu absoluter Vertrautheit mit dem jüdischen Religionsgesetz und zu blendender Beherrschung des Hebräischen in Schrift und Wort. Ein adeliger Mensch, Humanist in des Wortes exakter Bedeutung, erfüllt von Gerechtigkeitsgefühl, Lauterkeit, Bescheidenheit und Menschenliebe, empfand er den fanatischen Haß des „Talmudjuden" als eine Schmach des Christentums, und, wohlversehen mit den Waffen abgründigen Wissens, beseelt von dem unerschütterten Mut des Streiters für Wahrheit und Recht, führte er mit seinen gleich Hammerschlägen niedersausenden Streitschriften gegen Rohling den Kampf, einen Kreuzzug für das Judentum, zu siegreichem Ende. Es ist klar, daß die Kräfte, die hinter den geistigen und sittlichen Lebenszielen Delitzschs wirksam waren, bei ihm eine Hinneigung zum jüdischen Menschen zeitigten. So wird es verständlich, daß die Bekanntschaft mit dem großen Talmudisten Rabbiner Simon Hurwitz trotz grundlegender Verschiedenheit der Persönlichkeitskomplexe sich zu einem herzlichen und innigen Freundschaftsverhältnis entfaltete, das sich über Jahrzehnte hindurch unverändert erhielt und erst mit dem Tode Delitzschs im Jahre 1890 endete. Die Grundlage des Verhältnisses der beiden ungefähr gleichaltrigen Wärmer, die auch in allen edlen Charakterzügeu auffallende Uebereinstimmung zeigten, war die beiden gleicherweise innewohnende Liebe zur Wissenschaft, zum Lernen und Lehren, worin sie den Sinn des Lebens und den Zweck des Daseins erblickten. Bei ihrer gemeinsamen Arbeit war Rabbiner Hurwitz der herbeischaffende, Delitzschder verarbeitende Teil. Delitzsch, der Kämpfer, benötigte für seine Wider- «Kungen der von falschen und mißgedeuteten Zitaten wimmelnden ••cliriften der Rohling und Genossen große Mengen an authentischem Material. Aus seinen eigenen gewaltigen Kenntnissen wäre er wohl in der Lage gewesen, dieses aus der Literatur zusammenzutragen; aber (fem mit Arbeit überlasteten Manne wurde oft die Zeit knapp, und die energische Bekämpfung der Giftmischer erheischte rasch erfolgende uegenschläge. Da war die Freundschaft mit dem stillen Gelehrten in j|er Berliner Straße von unschätzbarem Wert. Delitzsch, dem peinlichste Akribie erste Bedingung aller wissenschaftlichen Arbeit war, ■and in Rabbiner Hurwitz den unfehlbaren Mentor. Dieser, der mit?iner märchenhaft anmutenden Sicherheit durch die weiten Gefilde der 'Wischen Literatur wandelte, von Bibel und Talmud über die Dezisoren und die große Zahl der Kommentatoren bis zur Kabbala und den zeitgenössischen Responsen, lieferte ihm sofort jeden gewünschten Nachweis, der absolut richtig war, und führte ihn zu verborgenen Stellen, die der Erhellung und Präzisierung der Situation dienen konnten. Durch die hiermit erzielte Reichhaltigkeit der Delitzschschen Apologie und durch ihre unbedingte Stichfestigkeit gewannen die Streitschriften Delitzschs jene akute Schlagkraft, vor der das trübe Gaukelspiel der antisemitischen „Wissenschaftler" wie eine Seifenblase zerplatzte. Kein Wunder, daß aus der tiefen Bewunderung und aufrichtigen Dankbarkeit für seinen jüdischen Mitarbeiter ein Freundschaftsbund aufsproß, wie er schöner und vorbildlicher nicht gedacht werden kann. Von dieser ertragreichen und beglückenden Zusammenarbeit geben die vergilbten Blätter beredte Kunde. Sie erstrecken sich über den Zeitraum von 1875 bis 1886. die meisten stammen aus den ersten Monaten des Jahres 1881, dem Jahre, in welchem mit Delitzschs Broschüre „Rohlings Talmudjude beleuchtet" der Kampf in die breite Oeffentlichkeit verlegt wurde. Rohling antwortete mit der Gegenschrift „Franz Delitzsch und die Judenfrage", auf welche Delitzsch in der stark erweiterten 7. Auflage seiner obengenannten Schrift ausführlich einging. Die Brief und Karten Delitzschs an Rabbiner Hurwitz aus diesen Monaten geben ein lebhaftes Bild von dem Kampfeseifer und dem engen Zusammenarbeiten der beiden Gelehrten. Sie enthalten neben Ankündigungen von Besuchen und Begleitzeilen zu Manuskripten und Korrekturen, auch zu Schriften der Gegenseite, Anfragen Delitzschs über Stellen aus Talmud, Sohar u. a., welche in hebräischer Schrift aufgezeichnet sind — eine Karte ist vollständig in jüdischer Kurrentschrift gehalten — und herzliche Dankesbezeugungen für Nachweise, Korrekturen und richtiggestellte Irrtümer. Auch die Anreden und Schlußfloskeln der Zuschriften sind von größter Herzlichkeit. Ein interessantes Schreiben aus dem Jahre 1882 befaßt sich mit der Tisza-Eszlar- Sache. Delitzsch schreibt, daß er zu einem Gutachten aufgefordert worden sei. und kündigt seinen Besuch an, um mit Rabbiner Hurwitz eine Reihe von Talmudstellen aus Sanhedrin. Kerithoth u. a. zu besprechen. Der Tisza-Eszlar-Prozeß war es übrigens, der Rohling endgültig den Hals brach: durch die Gutachten von Delitzsch und August Wünsche erlitt er eine solch vernichtende Abfuhr, daß er seither wissenschaftlich nur mehr ein toter Mann war. Zwei Briefe vom Juli und September 1883 — der berühmte Prozeß von Tisza-Eszlar fand im Juli statt — lassen die Erregung des Schreibers über Rohlings Methoden deutlich fühlen. Er schickt Rabbiner Hurwitz „Rohlings neueste Schrift" (gemeint ist „Menschenopfer des Rabbinismus"), findet starke Ausdrücke für Rohlings Behauptungen und eifert Rabbiner Hurwitz an, Material zu seiner Vernichtung zu sammeln: ..... lieb wäre es mir, wenn ich ihm grobe Fehler nachweisen könnte..." Aus dieser gemeinsamen Arbeit entstand die prachtvolle, flammende Schrift Delitzschs „Schachmatt den Blutlügnern" (1883), mit welcher der Kampf gewonnen war. Oeben diese Stücke ein klares Bild von der früchtereichen wissenschaftlichen Zusammenarbeit der beiden Gelehrten, so tragen zwei Briefe aus den Jahren 1885 und 1886 persönlichere Züge. Die Vorgeschiche hierzu war folgende: Mein Großvater, der aus den baltischen Provinzen stammte und russischer Staatsangehöriger war. bemühte sich um die Einbürgerung als Deutscher. Dem Verlangen der Kreishauptmannschaft nach einem Empfehlungsschreiben seitens eines prominenten Deutschen vermochte mein Großvater mit Leichtigkeit zu entsprechen. In einem Briefe entwarf Delitzsch einen kurzen Abriß seines Wesens als friedlicher, makelloser Gelehrter und verbürgte sich für seine Eignung, deutscher Staatsbürger zu werden. Die Kreishauptmannschaft lehnte jedoch das Gesuch ab, und mein Großvater beschritt den Weg des Rekurses an das sächsische Ministerium. Hierzu schrieb Delitzsch ihm einen weiteren Brief, der im Wortlaut folgen möge: Leipzig, den 10. April 1886. Herrn Rabbiner Hurwitz. Leipzig. Verehrter Herr Rabbiner! Es war mit eine höchst schmerzliche Ueberraschung, gestern von Ihnen zu hören, daß Ihr Naturalisationsgesuch von der Kreishauptmannschaft abschlägig beschieden worden ist. und ich hoffe immer noch, daß, wenn Sie Ihren Recurs an das kgl. Staatsministerium nehmen, dieses Ihrer Bitte Gehör schenken wird. Denn die hohe Be-

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