Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 32 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ORMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 23. Dezember 1932 Kein Anlaß zu übertriebenem Pessimismus Am Sonnabend, dem 10. Dezember, fand in den Räumen des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Berlin unter dem Vorsitz von Diplomingenieur Bruno Woyda eine Vollsitzung der Arbeitsgemeinschaft für Wirtschaftslagen der Juden in Deutschland statt, in der die Berichte der verschiedenen Special- Kommissionen entgegengenommen und die notwendigen Beschlüsse für die Fortführung der Arbeiten gefaßt wurden. Branchen-Enquete. Dr, Kurt Zielenziger berichtete über die Tätigkeit der zur Durchführung einer Branchen-Enquete eingesetzten Kommission. Die von ihr gewählte Methode der persönlichen Fühlungnahme mit führenden Vertretern der Wirtschaft und gutinformierten Arbeitnehmern der betreffenden Branchen hat sich nach den bisherigen Erfahrungen gut bewahrt. Ein Bericht über den Metall- und Chemikalienhandel von Dr. Alfred Marcus liegt bereits vor. Ein weiterer, von dem Referenten selbst zu erstattender Bericht über die Tabakbranchc wird in Kürze fertiggestellt sein. Ferner ist die Bearbeitung des Warenhauswesens. Ues Bankgewerbes, des Handels mit Drogen sowie kosmetischen und pharmazeutischen Artikeln, des Apothekerwesens und schließlich der verschiedenen Zweige des Textilgewerbes in Angriff genommen worden. Die Arbeiten werden beschleunigt fortgeführt werden, so daß voraussichtlich Im Januar, sobald mehrere Berichte vorliegen, der Oeffentlichkeit die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen zusammenfassend bekanntgegeben werden können. Im allgemeinen hat der Referent den Eindruck gewonnen, daß kein A n I a Ii zu dem übertriebenen Pessimismus besteht, der sich heute in weiten Kreisen des deutschen Judentums auszubreiten droht. Wenngleich infolge der allgemeinen Wirtschaftslage die Aussichten in allen Branchen nicht günstig sind, besteht doch für tüchtige Menschen mit wohlfundicrten Fachkenntnissen bei geschickter Ausnutzung aller Möglichkeiten und der notwendigen Bescheidung auf das zurzeit Erreichbare auch heute noch vielfach die Möglichkeit, eine Position im Wirtschaftsleben zu erlangen. Ebenso, wie falscher Optimismus gewiß nicht am Platze und sehr gefährlich wäre, sollte das deutsche Judentum nicht einer Verzweiflungsstimmung nachgeben, die seine Existenz für immer gefährden würde. Arbeitsbeschaffung. S. Adler-Rudel berichtete über die Tätigkeit der Kommission tür Arbeitsbeschaffung und Ausbau des Arbeitsnachweiswesens. Er gab von der >m Monat November begonnenen, in ganz Deutschland durchgeführten Werbeaktion unter dem Motto „Unser Recht auf Arbeit" Kenntnis, in deren Rahmen bisher 33 Veranstaltungen in größeren Städten durchgeführt worden sind. Hierüber ist in der iüdischen Presse bereits ausführlich berichtet worden, ebenso über die aus dem gleichen Anlaß herausgebrachte Broschüre, von der bisher 5!K)fl Exemplare versandt worden sind. Schließlich ist noch eine besondere schriftliche Fühlungnahme mit einer großen Zahl prominenter jüdischer Wirtschaftspersönlichkeiten erfolgt. Schon die bisherigen Resultate der Aktion, die noch nicht beendet ist, können als durchaus erfreulich bezeichnet werden. Ganz abgesehen davon, daß weite Kreise überhaupt zum erstenmal mit der Problematik der Erwerbsbeschaffung für Juden vertraut gemacht worden sind und Näheres über das Bestehen und die Wirksamkeit der jüdischen Arbeitsnachweise erfahren haben, sind auch in einer ganzen Anzahl von Fällen bereits praktische Erfoige erzielt, d. h. jüdische Menschen in Stellung und Erwerb gebracht worden. Die Vereinigte Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise, die die Aktion durchführt, hat dadurch Fühlung mit vielen einflußreichen Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens gewonnen und zahlreiche Anregungen empfangen, die noch verwertet werden. Die Aktion hat vor allem auch deshalb In der Oeffentlichkeit besonderen Eindruck gemacht, weil die führenden iüdischen Organisationen an ihr, ungeachtet der sonst bestehenden politischen Gegensätze, geschlossen mitgewirkt haben. Unsere Gemeinde Jüdische Handwerkerschau. Gemäß einem Beschlüsse der Genieindesitzung wird unter dem Protektorat der israelitischen Religionsgemeinde eine Werbcschau jüdischer Handwerker veranstaltet, die der breiten Oeffentlichkeit den Nachweis erbringen soll, daß der jüdische Handwerker durchaus leistungsfähig ist und den ehrlichen, sachlichen Wettbewerb mit den besten Handwerkern aufzunehmen imstande ist. An der Werbeschau beteiligen sich jüdische Handwerker aus den verschiedensten Branchen. Sie alle leiden nicht allein unter der allgemeinen Wirtschaftsnot und der für den Juden noch besonders erschwerten, sondern auch unter manchem Vorurteil, das noch immer dem iüdischen Handwerker gegenüber besteht. Die Ueberwiiidung dieser Schwierigkeiten soll durch die Werbcschau um ein gut Stück vorwärts geführt v/erden. Es sei deshalb auch an dieser Stelle die Aufmerksamkeit auf die Veranstaltung hingelenkt: Versäume niemand, durch Besuch der Ausstellung sich von der Leistungsfähigkeit jüdischer Handwerker zu überzeugen und bei künftiger Vergebung von Aufträgen auch sie zu bedenken. — Die Werbcschau findet vom 22 bis 27. Januar 1933 Im Oesterreichischen Meßhaus. Hainstraße, statt. Eintritt für jedermann frei. Kolel Chibas Jeruscholajint.. Die für den Kolel Chibas Jcruscholajim in Leipzig vorgenommenen Sammlungen für Rabbi Meir bal Haness wurden bisher durch den kürzlich verstorbenen Herrn Jakob Fried s. A. In verdienstlicher Weise geleitet. Der durch dessen Heimgang verwaiste Vorsitz ist durch Beschluß der Hauptzcntrale jüngst neu geregelt worden. Die Leitung des hiesigen Auschusses ist in die Hände des Herrn Elias Kestenbaum gelegt worden; stellvertretender Vorsitzender ist Herr David Kestenbaum: zwei Gaboim: J. Schwarzmann und M. Lcderberger: Schriftführer: Ch. M. Hecht; zur Leerung der Büchsen sind die Herren H. Storch und Schulim Waltzmann bestellt. Jüdisch-Akademische Gemeinschalt zu Leipzig. Das Winterfest in Wirtschaftsboykott. Dr. Alired H i r s c h b e r g berichtete über die Arbeiten der Konimission zur Bekämpfung des Wirtschaftsboykotts. Die m Kommission hat sich eingehend mit den Fragen des antisemitischen m Firmen- und Angestelltenboykotts und des neuerdings in den Vorder. I grund getretenen Boykotts jüdischer Künstler und Schauspieler hc-1 schiftigt und hierbei besonders die Erfahrungen des Central-Vereins I auf diesem Gebiete herangezogen. In bezug auf die juristische Bekamp, m hing des Boykotts jüdischer Firmen hat der Centrai-Verein zahlreiche I obsiegende Urteile erwirkt. Zur Bekämpfung wirtschaftlicher Verfalls 1 erscheinungen genügt aber die juristische Behandlung keineswegs. Aus I diesem Grunde hat die Kommission es für erforderlich gehalten, daß J die Oeffentlichkeit In weitestem Umfange auf die wirtschaftliche Schlid- J lichkeit jedes politischen Boykotts, von dem der antisemitische ja nur I eine Spielart darstellt, hingewiesen wird. Das Eindringen Wirtschaft)- B feindlicher Tendenzen, das sich in allen Fällen zum Nachteil der gesam- \ ten Wirtschaft auswirken würde, muß mit allem Nachdruck bcknmpli werden. — Beim Angestellten- und Künstlerboykott besteht die Notwendigkeit, in jedem Spezialfall die möglichen Abwchrmaßnahmcti zu prüfen, um eine unberechtigte Ausschließung jüdischer Arbeitsuchender und Künstler zu verhindern. Zur Gewinnung des notwendigen Materials über den Umfang des antisemitischen Arbeitnehmerboykotts soll eil Flugblatt verbreitet werden, in dem um Meldung der betreffenden Falle gebeten wird. - In der Diskussion wurde auf die gerade in der jüngsten Zeit besonders aufgetretenen Bestrebungen auf Abschließung der einzelnen Gewerbe hingewiesen und der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß die Kommission sich auch mit diesen Fragen in Zukunft besonders befassen möge. Steuer-Enquete. B i r ii b a u m berichtete über die Tätigkeit der Kommission zur Veranstaltung einer Steuer-Enquete. Auf Grund des beim Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden vorhandenen Materials sind die Einkommensteuerzahlen von rund 90 Prozent der jüdischen Bevölkerunf Preußens (außer der Jüdischen Gemeinde in Berlin) für die Jahre 198 bis 193« zusammengestellt worden. Die Aufstellung umfaßt 682 Gemeinden mit rund 205 000 Seelen. — Die Erörterungen über die Wirtschaftslage der deutschen Juden werden durch die Ergebnisse der Enquete eine außerordentlich wichtige Grundlage erhalten. Zunächst wird das vorliegende Zahlenmaterial gründlich ausgewertet und analysiert werden müssen, damit wirklich fruchtbare Erkenntnisse für die praktische Behandlung der VYirtschaftsproblcme aus ihm gewonnen werden können. Darlehnskassen. Infolge der vorgerückten Stunde konnte der Referent zu dem letzten Punkte, Dr. K r c u t z b e r g e r. nur noch kurz über die bisherigen Erfolge der Tätigkeit der Zentralstelle für jüdische Darlehenskassen berichten. Mit Hilfe der der Zentralstelle dankenswerterweise von der Foundation zur Verfügung gestellten Mittel konnte der Ausbau dCi jüdischen Darlchenskassenwcsens und die Gründung neuer Kassen wesentlich gefördert werden. Die Gründung neuer Bezirksdarlchcnskassen ist zum Teil bereits erfolgt, zum Teil steht sie unmittelbar Mir dem Abschluß. — Infolge einer journalistischen Entgleisung sind in die polnische jüdische Presse irreführende und unwahre Mitteilungen über die Subventionierung des iüdischen Darlchenskassenwcsens in Deutschland gelangt. Es wird notwendig sein, diesen Behauptungen mit äußerstem Nachdruck entgegenzutreten und derartiges künftig zu verhindern. Auch die neuerdings aufgetretene Diskussion der Frage „Darlehenskassen oder Genossenschaftsbanken" liegt nicht im jüdischen Gemein- Interesse. Die Frage kann gar nicht heißen: „Volksbankcn oder Darlehenskassen", die Forderung muß vielmehr lauten: „Volksbankcn und Darlehenskassen", und zwar Volksbankcn dort, wo die besonderen Voraussetzungen für sie gegeben sind, in allen anderen Fällen Darlehenskassen. — Der Ausschuß stimmte den Ausführungen des Referenten zu. Zur ausführlichen Behandlung der sehr wichtigen Frage soll eine besondere Sitzung der Arbeitsgemeinschaft im Laufe des Monats Januar einberufen werden. den oberen ,.Krystallpalast"-Sälen war für die Gemeinschaft ein grolier Erfolg, dessen Ertrag sicher zur Förderung der Ziele in erheblichem Maße beigetragen hahen wird. An dem künstlerischen Teil des Abends trug Irene de Noiret das Hauptverdienst. Diese so außerordentlicli vielseitige Künstlerin ist eme Könnerin von hohen Graden, die die ganze Skala menschlicher Empfindungen virtuos beherrscht. Sic hatte sich in ihrem ganzen Programm auf ihre Hörerschaft eingestellt, der sie unsäglich viel gab. Ganz hervorragend war sie in des seligen Otto Stranskis „Kaddisch" und in „Eli lomo asawtoni", reizend in den kleine) Harmlosigkeiten jiddischer und Reimannschcr Muse- Ferner hörte man in Sidy ii i e n e r t eine gute Sprecherin Kästnerscher und Ringelnatzscher Gedichte und Satiren, in Nany int rat or und Billy Golwyn ein Virtuosenpaar seltener Art an zwei Flügeln, und schließlich sab man noch in Ottar Witow einen sehr tüchtigen Tänzer. Das Programm gefiel dem überaus zahlreich erschienenen Publikum so ausgezeichnet, daß es fast alle Künstler zu Zugaben zwang. Zur Einleitung des Abends hatte Rabbiner Dr. üoldmann die Begrüßungswortc gesprochen und die hohen Ziele der Gemeinschaft dargelegt. Nach den Vorträgen ergab man sich dem Tanze, und dieser soll die Teilnehmer noch sehr lange beisammengehalten haben. E. G. Amtliche Bekanntmachungen Aufsicht zu Pessach. Kolonial Warengeschäfte, die zu Pessach 19 32 nicht unter Aufsicht des Gemeinderabbinats gestanden haben, aber m Pessach 1933 Aufsicht wünschen, werden aufgefordert, sich bis zunt 3. Januar 1933 beim israelitischen Gemeindeamt zu melden. Ob ur» unter welchen Bedingungen die Aufsicht erteilt werden wird, wird dem Antragsteller bekanntgegeben. Nur diejenigen Firmen werden in das Verzeichnis der zu Pessacn unter Aufsicht stehenden Geschäfte, das am 20. Januar 1933 in unserem