Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 32 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4500 Stück (gemeint) ebloctt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I t| AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I IImI ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« Sc hr l'lle I tung : Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, I ShrstraSe 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit |<3enehmlgung da« Verfasser* gestaltet. Nummer 32 / Jahrgang 8 23. Dezember 1932 Anzeigenannihme'. Verlag Emst Goldfreund, Leipzig 0 5, CichorlusstraSe 2a Fernsprecher Nr. 60771 — Druck: Gebr. JunghanS, Leipzig 0 5 Auslegung der Wählerlisten Gemäß dem in der Gemeindesitzung vom 26. September 1932 beschlossenen Nachtrag zum Gemeindestatut ist bis Ende April 1933 die gesamte Vertretung der Gemeinde neu zu wählen. Der Tag der Wahl sowie alles Nähere wird noch bekanntgegeben. Die Wählerliste liegt vom 19. Dezember 1932 bis mit 2. Januar 1933. werktäglich von 9 bis 4 Uhr. am Sonntag, dem I. Januar 1933. von 10 bis 13 Uhr, im Gemeindeamt. Löhrstraße 10, I. zur Einsichtnahme für die Wahlberechtigten aus. Innerhalb der Auslegungslrlst kann gegen die Aufnahme oder Weglassung eines Namens schriftlich Einspruch bei dem unterzeichneten Vorstand erhoben werden. Es wird besonders darauf aufmerksam gemacht, daß Einsprüche nur innerhalb der angegebenen Frist erhoben werden können, und daß bei Versäumnis derselben niemand Anspruch auf nachträgliche Berichtigung bat. Von der richtigen Eintragung ist die Ausübung des Wahlrechts abhängig. Wahlberechtigt sind gemäß 8 9 des Gemeindestatuts alle m Gemeindebezirk wohnenden männlichen und weiblichen Gemeindemitglieder, die bis zum Wahltage das 20. Lebensjahr vollendet haben und In der Wählerliste aufgeführt sind. Leipzig, den 13. Dezember 1932. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig Warum sind und bleiben wir Juden? Im Rahmen der von der Berliner Jüdischen Gemeinde veranstalten religiösen Vorträge sprach Direktor Dr. Ludwig Holländer in der Synagoge Prinzregentenstraße über die für jeden jüdischen Menschen unserer Zeit brennende Frage: „Warum sind und warum bleiben wir Juden?" Wir entnehmen dem Bericht der C.-V.-Zeitung folgende von )r. Holländer vorgetragenen Gedankengänge: Iudesein ist nie bequem gewesen, am wenigsten aber in einer rohi.uerialistischen Zeit, wie der Vorkriegsepoche. Damals empfanden iele das Judentum als einzige Schranke, die dem jüdischen Menschen en Weg in die Welt versperrte. Deshalb meinten viele Eltern, ihren Kindern die Wege ebnen zu müssen, indem sie diese sofort nach ihrer lehm t der herrschenden Religion zuführten. Die Wohltat, die die Eltern ihren Kindern damit erweisen wollten, ist meist zum Verhängnis geworden, denn die Kinder wuchsen nicht zu innerlich glücklichen, ruhigen, tmdern zu in sich zerfallenen, zerrissenen Menschen heran. Aber auch en Menschen, die nicht zum Verlassen des Judentums schritten, war vielfach der Sinn für die Bedeutung innerer Bindungen und für den Wen des Judeseins abhanden gekommen. Die Zeit der Entwertung der äußeren Güter hat einen Wandel hervorgerufen. Den Menschen, die. wie Fritz Mauthner einmal sagte, die fjrraice nach Gott weder für lebenswichtig noch für interessant hielten, jwurüe aus dem Verhängnis der Jetztzeit eine Gnade. Denn für den faneren Reichtum der Menschen ist es eine Gnade, wenn sich ihm im Augenblick des Versagens der äußeren Güter im religiösen Gefühl eine neue Kraftquelle erschließt. Dieses religiöse Gefühl ist verstandsmäßig nicht zu ergründen. Es wirkt auf unser Gemüt wie die Harmonie chöner Töne als eine Empfindung, die aus den Erscheinungen und aus »er Welt des Alltags hinausragt. Wenn man nun das Vorhandensein einer neuen religiösen Bereitschaft zugibt, so erhebt sich die weitere Frage, warum sich daraus für ™>s gerade eine Hinwendung zum Jüdischen ergeben muß. Zu ihrer Beantwortung ist es notwendig, das Wesen der jüdischen Gemeinschaft betrachten. Das Judentum ist mehr als ein grandioses Religions- Kbäude. Es ist eine Erscheinung, zusammengesetzt auf der Grundlage Per religiösen Erkenntnis mit Wesenheiten, die auf dem Gebiete der ^chicksalsgemeinschaft, der Abstammungsgemeinschaft und der alten nationalen Zusammengehörigkeit beruhen. Die große geistige Kraft 3'es-r soziologischen Gruppe wird mitbestimmt durch all das, was man heuteim biologischen Sinne „mneme" nennt. Wörtlich übersetzt heißt ■niieme Gedächtnis. In jedem Menschen lebt verdeckt die Gesamtheit Jp Erinnerungen und des Gewachsenseins seiner Vorfahren. Der jüdische Mensch hat zur Grundlage seines Lebens die lange Geschichte der Judenheit, die Erlebnisse und Schicksale der großen Generationsreihe. eren Endglied er jeweils ist. Diese Entwicklung wurde getragen und ^stimmt von der jüdischen Religion und von den Besonderheiten des Schicksals, das gerade der jüdische Mensch im Laufe der Jahrhunderte *r'ciden mußte. Mneme ist es. die z. B. die seit Jahrhunderten dem Judentum zwangsweise entfremdeten Marranen jetzt dem Judentum in Scharen wieder zuströmen läßt. Und dieses Gedächtnis ist es auch, das die durch den Materialismus entfremdeten deutschen Juden heute gerade dem Jüdisch-Religiösen wiedar zuführt. Nicht der Zufall des Jüdisch-Gcborenseins zieht den Menschen zum Judentum hin. sonder« die Tatsache seiner lebenswichtigen Verwurzelung im Jüdischen, in der jüdischen Vergangenheit. Aber es wäre falsch, aus dieser Tatsache irgendwelche abwertenden politischen Folgerungen in bezug auf die Stellung der Juden im Staate zu ziehen. Mannigfaltigkeit ist das Wesen eines modernen Volkes, und je selbstgetreuer die einzelnen Stämme, die einzelnen Gemeinschaften innerhalb des deutschen Volkes sich zu ihrer Eigenheit bekennen, desto wertvolleres Material stellen sie für das Gefüge des Ganzen dar. So wurde das Judesein erklärt: nicht als ein blinder Zufall, sondern als das Ergebnis zahlreicher als besondere Werte innerlich empfundener Faktoren. Sie erklären auch, warum wir Juden bleiben müssen, um nicht innerlich zerrissen zu werden. Vor allem erklärt dies neben der historischen Verbundenheit die wahre Erkenntnis der jüdischen Religion und des jüdischen Idealismus. Wir finden im Judentum die großen Grundforderungen unseres Lebens verwirklicht: das Persönlichkeitsideal, das Religionsideal, das Familienideal, das sozial-ethische Ideal, das Wissens- und Bildungsideal und das Friedensideal. Diese Ideale, die uns das Leben lebenswert machen, haben Judengegnern starke Nahrung gegeben. In einer Zeit, die, wie Altertum und Mittelalter, nur auf Kampf eingestellt war, mußten Menschen, die den Frieden als Ideal hinstellten, unzeitgemäß und bekämpfenswert erscheinen. Ebenso hat der Feudalismus, der den Menschen als Leibeigenen und Sklaven braucht, kein Verständnis für eine Gruppe, die in jedem Menschen das Ebenbild Gottes sieht und deshalb die freie Persönlichkeit als Ideal anstrebt. „Ich wage zu behaupten", fuhr Dr. Holländer fort, „es wäre niemals zu einem solchen Uberwiegenden Materialismus und nie zu einer solchen Wirtschaftskrise gekommen, wenn die Qrundforderungen der jüdischen Sozialethik, das Verbot der Bodenspekulation, das Verbot des Zinsnehmens und andere soziale Forderungen sich in der Welt schon durchgesetzt hätten. Es ist so oft gesagt worden, wie schlecht muß das jüdische Volk gewesen sein, wenn seine Propheten es mit so heftigen Worten zur Rechenschaft gezogen haben. Das jüdische Volk war nicht schlechter als alle anderen. Es wäre für jedes Volk gut gewesen, wenn es zur rechten Zeit seinen Jeremias gehabt hätte. Es ist falsch, wenn man dem Judentum vorwirft, daß es mit seinen scharfen rituellen Vorschriften Formalismus getrieben hätte. Es hat diese scharfen Formeln aufgestellt, um den Menschen die sozialen Pflichten zwangsweise aufzuerlegen. Die Verwirklichung aller sozialen Forderungen des Judentums in der ganzen Welt ist es, was wir als messianisches Zeitalter ersehnen. In seiner Geschichte voll Leiden und Tränen hat die Judenheit immer ihre Ideale gegen eine Welt verteidigt. Wir waren und sind eine Gemeinde von Menschen, deren Ideal erst die Wahrheit, dann das Recht und endlich der Frieden ist. Der Kampf der deutschen Juden, die Hoffnung aller Juden ist in dieser Zeit, daß Wahrheit, Recht und Frieden schon bald die Grundlage gedeihlicher Zusammenarbeit aller Teile des Volkes für eine bessere Zukunft sein werden". ie nächste Numi »lattes erscheint Freitag, den 6. Jan .>