Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 30 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 9. Dezember 1Q32 Das Vertrauen zur Religion wird wieder zu wecken sein, wenn Menschen da sind, die sie von der Enge In die Weite zu tragen vermögen und zu wirklichem Leben zu machen, die gleichsam die Theorie nicht hinter dem Vorhang auf das Volk warten lassen, sondern sie herausholen und mitten unter das Volk tragen. All die Kroßen, kleinen und kleinsten Fragen des Kultus und der Religionsauffassung, die heute ein Mittelpunkt jüdischen Meinungskampfes sind, werden zu organischer Lösung gelangen, wenn es gelingt, überhaupt erst wieder an die Menschen heranzukommen. Religion, nach innen, wird immer seelisches Out des einzelnen bleiben. Sie ist, als geistiger Besitz, vielleicht gerade heute letzter Schutzwall, letzter großer Ich-Maßstab gegenüber der auf uns eindringenden kollektivistischen Plut. Religiöse Praxis, nach außen, religiöse Tat tun bedeutet für Männer und Frauen mehr als je: Mitarbeiten an der Lösung der jüdisch-sozialen Frage, die sich gigantisch vor uns erhebt und im Zeitalter der Umgestaltung von Wirtschaft und Kultur gebieterisch auf neue Wege weist. Unsere Gemeinde Chewra-Kadlscha-Fasten. Wie alljährlich, findet am 15. Kislew, das ist am Mittwoch, dem 14. Dezember 1932, ein Chcwra- Fasten statt. In diesem Jahr wird der Gottesdienst in der Ez-Chaim-Synagoge, Gtto-Schill-StralJe, abgehalten. Die Mitglieder versammeln sich morgens um 7 Uhr in der obengenannten Synagoge zum Qebet, bei welchem der Bedeutung des Tages entsprechende SeÜchos eingeschaltet werden und, wie am Fasttage, Thoravorlesung stattfindet. Im Anschluß daran begeben sich die Teilnehmer nach dem Friedhof. Berliner Straße, um auch dort die entsprechenden Gebete zu verrichten. Am Nachmittag findet um 4 Uhr der Minchagottesdienst statt, bei welchem, wie am Fasttage, wiederum Thoravorlesung gehalten wird. Im Anschluß an die Thoravorlesung wird allen verstorbenen Mitgliedern ein El mole rachamim gemacht. Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage sehen wir in diesem Jahre von dem Stattfinden einer Chcwra S'uda ab. Leipzig, den 5. Dezember 1932. Der Vorstand der Chewra Kadlscha für Männer und Frauen. Georg Markendorf, Paul Gelberg, Frau Dr. Gertrud Carlebach, Frau Hedwig Oppe. Trauerleiern für Siegmund Gottlieb s. A. Von der ungewöhnlichen Verehrung und Beliebtheit, die sich der unserer Gemeinde allzufrüh entrissene Sicgmund ü o 111 i e b, seit Jahren Mitglied des Gemeindevorstandes, erworben hatte, zeugte die Teilnahme weitester Kreise an der Bestattungsfeier: die Halle des alten Friedhofes (Berliner Straße) faßte nur einen kleinen Teil der Traucrvcrsammlung. Nach Gebet und Chorgesang zeichnete Qcmeindcrabbiner Dr. Qoldmann ein anschauliches Bild der menschlichen Persönlichkeit des Heimgegangenen. klärt. Haako werfe ihm vor. daß er Jude und Sozialdemokrat sei. Aber gerade darauf sei er stolz und nicht zuletzt, weil Juden und Sozialdemokraten, die Juden seit Jahrtausenden, die Sozialdemokraten seit 70 Jahren, ganz zu Unrecht verleumdet und angefeindet werden. Als Jude sei er geboren, und Sozialdemokrat sei er seit 35 Jahren. Er sei es aus voller Ueberzcugung und werde es bleiben sein Leben lang. Mit diesem mannhaften Bekcntnis erntete Stadtrat Krause auf allen Seiten des Hauses lebhaften Beifall und Anerkennung. Das Schultest der höheren Israelitischen Schule war, wie alljährlich, so auch diesmal ein Ereignis im jüdischen Gemcindeleben Leipzigs. Trotz des gewiß ungünstigen Datums konnte der Ricsenraum im Varietfisa.il des „Krystallpalastes" die Zahl der Besucher nicht fassen. Sicherlich kam man mit gespannten Erwartungen — sie sind nicht nur nicht enttäuscht, sondern vielfach weit übertroffen worden. Daß die Kinder große schauspielerische Begabung besitzen, daß sie als Darsteller auf der Bühne bei weitem mehr leisten, als man bei ihrem lugendlichen Alter vorauszusetzen berechtigt ist, das hat sich diesmal wieder, ebenso wie bei den gleichartigen Veranstaltungen früherer Jahre, deutlich gezeigt. Die Mädchenklasscn haben wieder durch Tänze und Reigen das Entzücken der Zuschauer hervorgerufen und die Knaben durch stramme Disziplin und äußerst kunstvolle und korrekte Ausführung der turnerischen Uebungcu Achtungs- und Anerkcnnungserfolgc erzielt. Bei dem von Herrn Jaffe meisterhaft einstudierten Singspiel „Des Sängers Fluch" überraschte die großartige Inszenierung und die wundervolle Komik aller Mitwirkenden. Aber was dem Abend die eigentlich charakteristische Note gab, war die unter der fleißigen und sachkundigen Regie des Herrn Hans-Heinz Kalmann veranstaltete Aufführung des Schauspiels „Der königliche Kaufmann", das den grandiosen Aufstieg der Familie Rothschild zur Höhe der führenden Geldaristokratie in Deutschland behandelt. Die Charaktere sind gut gezeichnet und kamen durch die jugendlichen Darsteller prächtig zum Ausdruck. Bernhard Rieß hat sich in die Rolle [Gebt den jüdischen Erwerbslosen Arbeit!) Anknüpfend an Hillels Wort: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich: und hin ich nur für mich, was bin ich, und wenn nicht jetzt, wann dann?" zeigte er das Wesen des Verblichenen in der Innigkeit seiner Beziehungen zu den Semen und den Freunden, in der geraden Rechtlichkeit seiner Berufsarbeit und in der Unermüdlichkeit seiner Hingabe an die Gemeinschaft. Gemeindevorsteher Carl Goldschmidt gab dem Schmerze der Gemeindevertretung und besonders des Gerneindevorstandes über den schweren Verlust Ausdruck, den die Gemeindekorperschaften erlitten haben, besonders bewegt, weil ihn jahrzehntelange Freundschaft mit dem Verewigten verbunden habe. Gemeinderabbiner Cohn verlieh dem Gefühle herzlicher Dankbarkeit Worte, mit der der Israelitische Wohltätigkcitsverein von dem ungemein verdienten Vorsitzenden letzten Abschied nahm. Gemeinderabbiner Dr. Carlcbach würdigte in Anlehnung an die Worte Michas: ..Recht tun. Liebe üben und bescheiden wandeln vor Gott" die Aufrichtigkeit, die Güte und die Bescheidenheit des Verstorbenen. Namens der Angestellten des Hauses S. Göttlich & Sohn widmete ein Vertreter der Firma ihrem verewigten Seniorchef dankbare Gedenkworte. Die Reihe der Ansprachen schloß der Vertreter des Hilfsvereins israelitischer Gewerbetreibender, Moritz Schischa. Gebet und Gesang schlössen die ergreifende Feier. Zum ehrenden Gedächtnis für Sicgmand Göttlich fand am Sonntag dem 4. Dezember, eine Trauerfeier in der Gemeindesynagoge statt. Wiederum vereinigten sich mit den Gemeindebehörden, den Angehörigen und Freunden zahlreiche Gemeindemitglieder und Angestellte der Firma in gemeinsamer Trauer. Die Feier wurde durch Oberkantor Lampel mit dem Liede: „Ach, wie ist Leben doch so schwer ..." eingeleitet, (iemeinderabbiner Cohn gab in seiner Gedenkrede nochmals der tiefen Erschütterung Ausdruck, die alle erfüllte, und zeigte, daß die besondere Wertschätzung Siegmund Gottliebs aus der edlen Grundhaltung seines Wesens erwachsen sei: Ein bis zum letzten sich auswirkendes Bewußtsein der Verpflichtung gegenüber der Gesamtheit, gepaart mit einem wohlwollenden Herzen, das allen Leidenden verständnisvoll zugewandt war, ließ ihn, den Mann der Tat, gerade in schwerer Zeit so schwerer Aufgabe gerecht werden. Diese weitgesteckte Pflichterfüllung fand sich in sich selbst belohnt. In dieser Erkenntnis liegt das Beruhigende an einem solchen Leben. Nach einem Chore sprach üemeinderabbiner Dr. Gold mann ein kurzes Gebet, das zu dem uralten, von Kantor Jaffe vor geöffneter Lade rezitierten „el mole rachamim" überleitete, ürgelspiel schloß die stimmungsvolle Feier. Antisemitische Angriffe Im Stadtparlament gegen Stadtrat Krause. In der letzten Stadtverordnetensitzung haben der Stadtverordnete Wallner von der Volksrechtspartei und der Stadtverordnete Haake von der NSDAP, persönliche Angriffe gegen das Mitglied unserer Gemeinde, Stadtrat Julius Krause, gerichtet. Stadtrat Krause hat, wie wir aus der Tagespressc ersehen, mit den antisemitischen Angreifern gründlich abgerechnet. Der Stadtverordnete Haake hatte dem Stadtrat Krause besonders zum Vorwurf gemacht, daß er Jude, und zwar der einzige Jude in der Leipziger Stadtvertretung, und Sozialdemokrat sei. Stadtrat Krause hat in seiner großangelegten Abrechnung am Schluß auch zu diesen Anfeindungen Stellung genommen und dabei etwa folgendes erdes ebenso frommen wie tüchtigen und weltgewandten Bankiers glänzend hincingefühlt. Mark Schapira gab den Kurfürsten mit hervorragendem Geschick, und die Minister und die Kinder des Rothschildschen Hauses, auch die Diener wurden ihrer Aufgabe in durchaus anerkennenswerter Weise gerecht. Die ganze Veranstaltung stand unter dem Zeichen der Tatsache, daß die Schule in diesem Jahre das zweite Jahrzent ihres Bestandes beendet. Das war auf dem Programm deutlich sichtbar, das in einem gelungenen Gedicht kurz und prägnant die Geschichte der Schule, ihr Wachsen und Werden bis zu ihrer heutigen Bedeutung enthielt. Von Glückwunschreden und Begrüßungen war. um das Programm nicht allzusehr auszudehnen, abgesehen worden; solche sind der Schule schriftlich und mündlich von allen Seiten in herzlichen Worten überbracht worden. J. M. 20-Jahr-Feler der Leipziger Verbindung Im K. C. Saxo-Bavarla. Am Sonntag, dem 4. Dezember, vormittags 11 Uhr, fand unter reger Anteilnahme aus der Leipziger jüdischen Bevölkerung aus Anlaß des 20jähgen Bestehens der Verbindung deutscher Studenten jüdischen Glaubens im K. C. Saxo-Bavaria im Hotel „Sachsenhof" ein akademischer Akt statt. Nach dem Einzug der Chargen — der größte Teil der 15 K.-C- Verbindungen waren vertreten — begrüßte nach einem Orchestervortrac der Vorsitzende des Alt-Herren-Verbandes, Dr. Mendershausen. Kothen, die Erschienenen. Se. Magnihcenz der Rektor der Universität hatte sich durch anderweite Inanspruchnahme entschuldigt. Von der Universität war Geheimrat Prof. Götz erschienen. Ein Vertreter des Deutschen Studentenverbandes, der gemeldet war, war durch einen Unglücksfall im letzten Augenblick verhindert. Vertreten waren: die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig (Vorstand und Rabbinatl. Leipzig-Loge, Ortsgruppe Leipzig des C.-V., Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Gesellschaft der Freunde u. a. In einem Rückblick auf die abgelaufenen zwei Jahrzehnte wurde auf den großen Wandel hingewiesen, der die Entwicklung der Verbindung ungemein erschwerte. Nach den Glückwunschansprachen der vertretenen Verbände leitete ein Gesang des Opernsängers Kathammer, Haile, zu einer großangelegten Ansprache des Direktors beim C.-V., Dr. Holländer, über. Di« mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen gipfelten in der Untersuchung der Frage, ob die Verbindung in ihren Bestrebungen und in der Art ihrer Arbeit noch am rechten Platze sei. Die Frage wird dahin beantwortet, daß die Verbindung als Form der Gemeinschaft ein« befreiende Wirkung übt. daß sie ihren Mitgliedern etwas gibt, indem die Menschen in ihr sich bereichern durch die Stärkung Ihrer inneren Werte. Die Verbindung gewährt eine innerliche Erziehung. Ziel dieser innerlichen Erziehung in der K.-C.-Verbindung ist die Entfaltung ihres Judentums zugleich mit der Pflege der vaterländischen Kultur. Der deutsche Student jüdischen Glaubens solle mitarbeiten an der Herbeiführung de" neuen Vaterlandes, des neuen Judentums und der neuen Gesellschaft- An diesen Bestrebungen habe der akademische Bürger überhaupt und in besonderem Maße der jüdische, seinen Einfluß geltend zu machen: Per Jude muß bei dem gegenwärtig erforderlichen Neubau die radikale" Tendenzen zu mildern bemüht sein und dabei auf die Verwirklichung des Rechtsgedankens hinstreben. — Die eindrucksvolle Kundgebung bestärkte die Anwesenden in der Ueberzcugung. daß diese Verbindungen im Kampfe für das Recht der Juden in vorderster Reihe stehen.