Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 30 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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10.1232. Auflage 4500 Stöck ' - M V L! p DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! LEIPZIG Schriftleitung: Gemelnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, Lohrstraß« 10 — Nachdruck nur mit Quallanangaba und mit Genehmigung das Verfassers gaatattat. Nummer 30 / Jahrgang 8 9. Dezember 1932 Anzeigenannahme: Verlag Ernst Goldtraund, Laipzig 0 S, CichorlusstraOa 2a Farnsprachar Nr. 6077t — Druck: Gebr. JunghanB, Leipzig 0 5 JOSEF WEINSAFT Religion, Wirtschafft und Gesellschaft Zu einem der stärksten Faktoren im menschlichen Dasein ist heute mehr als je die Wirtschaft geworden. Sic beeinflußt das Denken und Handeln, sie bestimmt das Milieu, sie formt und wirkt mit an den Charakteren und bei der Bemessung menschlicher Qualitäten. Sie verfügt über den größten Teil unserer Zeit und bestimmt unseren Wohnort, entscheidet also über zwei tief in unser Leben einschneidende Dinge: Raunt und Zeit. Die Wirtschaft entfacht Kriege, wirft Völker durcheinander, vernichtet ganze Stände und Klassen, bringt andere empor, macht den einzelnen glücklich und unglücklich, reich und arm. Kann die jüdische Religion, eine Botschaft vom endlichen Heil auf dieser Welt, an den Dingen und Erscheinungen der Wirklichkeit, an den gewaltigen Umwälzungen der Wirtschaft und Kultur passiv und tatenlos vorübergehen, ohne sich selbst zu schaden, darf sie, auf absolute Wertmaßstäbe gestützt, erklären: auch meine Zeit kommt wieder, ich brauche nichts dazu zu tun? Die religiöse Krise von heute beruht in der Gefahr, daß man noch nicht genügend erkennt, wie sehr die Schwerpunkte menschlichen Innenlebens und Wirkens, Hoffens und Glaubens, Erlebens und Empfindens sich von den Stätten unmittelbarer Rcligionsübung, von Gotteshaus und Familienkreis, in dio große bestimmende Wirklichkeit, in die Wirtschaft, in die Gesellschaft, ins Soziale, ins Politische verschoben haben. Die Vorkriegsjahrzehnte fanden, im großen gesehen, eine wirtschaftlich stabile Judenheit in Deutschland vor. Der größte Prozentsatz der deutschen Juden gehörte dem Mittelstand an, hiervon wiederum ein größerer Teil stand in unabhängigen kaufmännischen oder freien Berufen. Wie ia auch allgemein in Deutschland der gebildete Mittelstand der beste und solideste Kulturträger war, so konnte man von der Judenheit im großen und ganzen, bei allem Indifferentismus, doch behaupten, daß in ihr eine gewisse Garantie für die eigene Erhaltung und die Erfüllung der religiösen und sozialen Aufgaben gegeben sei, und daß man einen Zerfall im allgemeinen nicht zu befürchten brauchte. Eine gewisse Ruhe und Stetigkeit den engeren Glaubens- und Traditionsfragen gegenüber war vorhanden, weil eben die wirtschaftliche Lage sich in einem Zustand befand, der zur Beunruhigung des äußeren Lebensganges wenig Anlaß gab. Freilich kann man die wilhelminische Epoche nicht als eine Zeit inneren Aufstiegs für das deutsche Judentum bezeichnen, sie konnte es nicht sein, denn schrankenloser Indifferentismus und Materialismus, lähmende Selbstzufriedenheit, damals noch ohne Widerstand in den eigenen Reihen, herrschten vor und ließen Impulse jüdischer Eigenart nur schwer aufkommen. Weder auf engerem religiösem noch auf erziehe- ■ ischem oder sozialpolitischem Gebiet lassen sich Taten und Entschlüsse von für das jüdische Gemeinschaftswesen überragender Bedeutung vermerken. Aber die Gefahr einer Krise bestand nicht, die Religionspraxis in ihren unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen war auf die mittlere Wirtschaftsschicht eingestellt. Judentum war in Deutschland eine Religion des Mittelstands geworden. Und weil letzterem keine Gefahren drohten, konnte auch die religiöse Praxis in ruhigen, störungsfreien Bahnen wandeln. Wir sehen heute deutlich, besonders in Großgemeinden, daß die Lebenshaltungskurve des jüdischen Mittelstandes rapid abwärts gegangen ist, daß sich in der wirtschaftlichen Schichtung auch der Juden- "eit der Begriff „Proletariat" zum maßgebenden entwickelt hat. Hieraus "nff sicn neu0 AuIKaDen 'ur die religiöse Praxis. Pflicht und Sinn der Religion ist es, am Menschen zu wirken. Die "euen Grundlagen der Wirtschaft schaffen veränderte Grundlagen der Kultur, des gesamten Denkens und Fühlens. Der jüdische Mensch von 'tute steht den jüdischen Dingen aus seiner anderen Lebenssphäre notwendigerweise anders gegenüber als der geruhsame Mittelständler von früher, die sozialen, erzieherischen, sexuellen, die Ehe- und Gemeinschaftsprobleme der Judenheit finden eine veränderte Beurteilung. Um die Vertrauenskrise zu überwinden, wird die religiöse Praxis die notwendigen Wege zur umgestaltenden Lebenssphäre der Menschen auffinden müssen. Wegweiser hierzu wird zu allererst die Deutung sein: Judentum ist soziale Predigt Diese erfordert harte Kleinarbeit, verlangt Ausdauer und Geduld. Demut und große Liebe zum Menschen, um das Weltbild des einzelnen wieder mit religiösem Vertrauen zu erfüllen. Doch nicht nur von Kanzel und Gotteshaus, sondern draußen vor allem muß sie zuerst ertönen, ihr nützt nur wenig die rasch vergängliche seelische Hochstimmung des Feiertags, im Leben des Alltags ruht ihre Verwirklichungsaufgabe. Sie muß Tat fordern und selber tun. Die soziale Predigt muß ans Ohr des jüdischen Unternehmers dringen und ihm dieBesonderhcitseiner Pflichten als Jude klarmachen. Die soziale Predigt muß bei Neuein- Stellungen auf die jüdischen Arbeitnehmer hinweisen, dieanderwärtsboykottiert werden. Sie muß bei der Lösung der neuen, gewaltigen jüdisch-sozialen Aufgaben ihr gewichtiges Wort sprechen und den Organisatoren klarmachen, daß Wohlfahrt heute, soweit es irgend geht, produktive Hilfeleistung sein muß. daß Darlehnsbankcn sowie landwirtschaftliche Unternehmungen auf genossenschaftlicher Basis zu schaffen sein werden, um allen, die arbeiten wollen und können, Arbeit zu sichern. Denn die wirtschaftliche Erhaltung der deutschen Judenheit wird mehr und mehr ausschließlich auf Selbsthilfe aufgebaut sein müssen. Dies im großen und nach außen. Neben der Gruppennot aber stehen die Nöte des einzelnen, riesengroß und nicht durch wirtschaftliche Maßnahmen allein zu beheben. So wird die soziale Predigt mit Rat und Tat zu den Alten und Enttäuschten, zu den Kranken und Schwachen, zu den Jungen und Unerfahrenen, den Gefährdeten und seelisch Unglücklichen, zu den zerrütteten Ehen und Existenzen gelangen müssen, um sie zu beraten und zu stützen, niemals aufdringlich, aber mit großer Geduld und Liebe. All dieses mannigfache Leid ist durch die komplizierte Gestaltung der sozialen und gesellschaftlichen Zeitverhältnisse hervorgerufen oder zum mindesten wesentlich verstärkt worden. Nur ein Eingreifen am Gefahrenherd selbst kann hier Hilfe bringen. In den Synagogen wird man diese Menschen kaum auffinden, man muß sie aufsuchen-, sie werden zum Teil schamhaft und stolz oder vielleicht grollend und verbittert sein, und auch dem wäre mit menschlichem Verständnis zu begegnen. Aber auch den physisch und seelisch Gesunden gegenüber wird die soziale Predigt angesichts der Umgestaltung der Lebenssphäre Pflichten und Aufgaben genug haben. Der Lebensstandard ist dem Einkommen nach niedrig geworden. Die Ehe des mittleren und kleinen Angestellten, des Händlers und des Handwerkers wird sich auf bescheidener Grundlage aufbauen müssen, oft genug unter tätiger Mithilfe seitens der Frau. Wir stehen ja in den Großgemeinden schon heute mitten in dieser Tatsache. Es werden Wege zu suchen sein, um bei dieser in der deutschen Judenheit relativ neuen Gesellschaftsschicht eine „Verproletarisierung" im schlechten Sinne des Wortes zu verhüten. Geselligkeit auf wirklich jüdisch-menschlicher Grundlage, d. h. echt natürlich, ohne Dünkel und Vorurteil, auf wahrhafter Kultur und Aesthetik gegründet, ist ein Mittel, um zu zeigen, daß wirkliche geistige und menschliehe Werte heute bereits billig zu erlangen sind, viel billiger jedenfalls als alle Talmi- und Fassadenkultur; Vortrags- und Ausspracheabende, Musikpflege, Bibliotheken, Gesellschaftsreisen, all das wird in das Arbeitsgebiet solcher Vereinigungen gehören, die sich vielleicht als eine Art Erwachsenen- Bünde auf den zahlreich und vielseitig bestehenden Bünden der Jugend aufbauen könnten. Sind doch in jedem, der die Wege bewußter Jugend führend oder geführt mitgegangen ist, Lcbenselcmcntc, Innenwcrte haften geblieben, die unverlierbar sind und die zum Segen der Erwachsenen und Gereiften in bestem Sinne nutzbar gemacht werden können. Soll doch Jugendarbeit nicht Selbstzweck, sondern richtunggebend für das spätere Leben sein. Aufgaben von ungeheurer Mannigfaltigkeit sind hier angedeutet. Weil sie der Hebung jüdisch-sozialen Geistes und jüdischen Gemeinschaftsgefühls dienen sollen, sind es jüdisch-religiöse Aufgaben. So sind für diese Arbeit in erster Linie religiöse Führer berufen. Die Arbeitsgebiete werden geteilt Wirtschafts- und Sozialwissenschaften werden in den Bereich religiöser Führerbildung gerückt werden müssen. Alle Kräfte guten WUlens sind heranzuziehen. Doch gehört dazu mehr als „Betriebsamkeit". Nicht einem schwächlichen Anlehnungsbedürfnis des einzelnen an die Gruppe, nicht einem hohlen Kollektivgeist, wie wir ihn in politischen Parteien der Massenparolen finden, wo der einzelne nur in der Menge aufgehend sich starkfühlt, soll hier das Wort geredet werden. Es lebe immerdar Individualismus und Persönlichkeit, in guten und in bösen Zeiten! Aber ein starker jüdischer Gemeinschaftswille steigert, entfaltet und erhöht ja gerade das individuelle Lebensgefühl des Juden. h i I A*>