Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 28 (24.11.1932)
- Date
- 1932-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GFMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGlONSCiEMEINDE ZU LEIPZIG 24. November 1032 davon bloß die Weiber aufgegriffen hätten, so ist's doch nur mit der Einschränkung wahr, daß sich die Vorredner — und die Rechtsfreunde — besagte 9 Körbe zu ihrer Nutznießung erheiratet haben, von ihren Weibern als Eingebrachtes." Das Wort von den 9 Körben ist talmudisch, und es verdient angemerkt zu werden, daß es im Talmud bei weitem jeanpaulischer klingt als bei Jean Paul selber. Im Traktat Kidduschin, Hl. 49b. lautet der Satz wie folgt: „Zehn Maß Gewäsch kamen auf die Welt herunter, neun davon nahmen die Weiber, und eines die übrige Welt." Aehnliche rabbinische Bonmots findet man fast in allen Werken des Dichters verstreut. Besonders häufig gebraucht Jean Paul biblische Wendungen, die freilich in seiner Passung Bild und Gleichnis werden, so, wenn er z. B. den Vortag der Kirmes den Vorsabbat (einmal sogar den Vorschabbes) nennt, oder den Spielwarenraum des kleinen Maria Wuz die Stiftshütte der Kindheit, oder die Flitterwochen eines jungen Ehepaares das Laubhüttenfest des Herzens. Oder wenn er einmal den prächtigen Satz hinschreibt: Eine Braut ist für jeden, der sie nicht heiratet, ein heiliges Schaubrot. Jean Paul zitiert viel, aus allen möglichen Schriften auf allen möglichen Wissensgebieten, und es versteht sich von selbst, daß er, der ehemalige Theologe, auch das Jüdisch-religiöse Schrifttum nicht ganz vernachlässigt. Zuweilen aber griff er bloß aus diesen alten Schriftwerken einen Gedanken auf und bearbeitete ihn auf seine Weise. Wer kennt nicht den köstlichen Brief Leibgebers an seinen Freund und Doppelgänger und einstigen Namensvetter, den Armenadvokaten Siebenkäs? In diesem Brief wandert Leibgeber zurück in die Urschöpfungstage und fühlt sich mit einemmal als ersten Menschen, als Adam im Paradiese. Als erster Mann, dem die Eva aus seiner Rippe geschnitten wurde, wirft er einen Blick in die Zeiten der Zukunft und läßt die kommenden Geschlechter an sich vorüberziehen, um zu ergründen, ob es sich verlohne, die Erde zu besamen. Adam sieht die regierenden Häupter, die er alle zeugen kann, wenn er will, er sieht die Männer der philosophischen Fakultäten, die Landesdeputierten, ferner Dompröpste. Senioren, Zivilisten, Kriminalisten, Publizisten, er sieht Pariser, Wiener, Leipziger, Dubliner, Kuhschnappler, und — ihm vergeht die Lust, die Erde zu besamen. Bald jedoch ändert sich das Bild: die heidnischen Evangelisten kommen zum Vorschein, wie Sokrates, Cato, Epiktet, Antonin, ihnen folgen die Ahnherren der Weisheit und der Dichtkunst, Aristoteles, Plato, Shakespeare, Newton, Rousseau, Goethe, Kant — und Adam freut sich, der Urpappa solcher vortrefflichen Leute zu werden. Friedrich Schlegel meint mit Recht, daß Jean Paul schon durch diesen Brief den Namen eines großen Dichters verdiene. Um so interessanter dürfte der Hinweis sein, dafi der Gedanke einer Vorschau Adams In den Schoß der Zeiten doch eigentlich recht alt ist; er findet sich bereits im Talmud. Im Traktat Aboda Sara, 5a, heißt es wörtlich: „Der Heilige, gelobt sei er, ließ den Adam (im Paradiese) die kommenden Geschlechter der Menschheit schauen, jedes Geschlecht und seine Forscher, jedes Geschlecht und seine Weisen." Bei Jean Pauls Belesenheit auch im altjüdischen Schrifttum ist die Annahme wohl berechtigt, daß ihm auch dieser talmudische Ausspruch bekannt war. Es ist nicht gut möglich, im Rahmen eines Aufsatzes alle biblischen und rabbinischen Wendungen und Aussprüche anzuführen, die in den Werken Jean Pauls verstreut sind. Das eine steht fest: das Maß von Jean Pauls Kenntnissen im altjüdischen Schrifttum war so beträchtlich, daß es sich verlohnen würde, darüber eine Dissertation zu schreiben. Unsere Gemeinde Gottesdienstliche Feier anläßlich des Berufsjubiläums von Rabbiner Dr. Goldmann. Der Freitagabend-Gottesdienst am letzten Sabbath fand, wie angekündigt worden war, aus Anlaß des 25jährigen Rabbiner- Jubiläum des Herrn Gemeinderabbiner Dr. Goldmann eine besonders erhebende Ausgestaltung. Oberkantor L a m p e 1 und der Chor gaben dem Gottesdienst durch Vortrag besonders ausgewählter, wertvoller Kompositionen der einzelnen Gebetstücke eine feierliche Weihe- Nach dem Mendelssohnschen „Jauchzet dem Herrn der Welt" würdigte dann Gemeinderabbiner Cohn in Verbindung mit dem Sabbathvorspruch in besonderer Ansprache das rabbinische Wirken des Jubilars. Er wies darauf hin, daß Dr. Goldmann es nicht nur verstanden habe, die seit je dem Rabbiner obliegenden Aufgaben in Synagoge und Schule, als Prediger, Lehrer und Forscher, den veränderten Zeitanschauungen gemäß, zu erfüllen, sondern darüber hinaus auch den neuen Anforderungen, die aus dem Wandel der Zeiten sich ergaben, in weithin sichtbarer Wirkung gerecht zu werden. Die Erschütterungen, die das jüdische Leben in all seinen Verzweigungen in diesem letzten Vierteljahrhundert erfahren hat, verlangen, daß der Rabbiner sich in den Abwehrkampf hineinstellt, daß er mit an erster Stelle an den sozialen Arbeiten innerhalb der Gemeinde teilnimmt und daß er unermüdlich bemüht ist. die inneren Parteigegensätze auszugleichen. Führend hat sich Dr. Qoldmann in der Verteidigung der Stellung der Juden bewährt; eine außerordentlich rührige Tätigkeit hat er auf sozialem Qeblete entfaltet und für die Milderung der Parteigegensätze innerhalb unserer Gemeinde unablässig gewirkt. Mit Gebet um Segen für das weitere Wirken des von seiner Gemeinde so hochgeschätzten Rabbiners schloß die Ansprache. Aldann betrat Gemeinderabbiner Dr. Qoldmann die Kanzel, um tiefbewegt für die ihm bereitete Jubelfeier zu danken. Er stellte einen Rückblick auf sein 25jähriges Schaffen an und sprach seine tiefe Freude darüber aus, daß es ihm gelungen sei, bei seinem Wirken sich Freunde zu erwerben, in dem früher von ihm bekleideten Rabbinat wie auch in den anderthalb Jahrzehnten Leipziger Tätigkeit. Wehmutvoll gedachte er des Umstandes, daß in diesen Jahren viele seiner Freunde in die Ewigkeit gegangen sind. Gäbe es auch manches, was in solcher rückschauenden Stunde bedrückt, so könne er doch andererseits sich durch seine Arbeit beglückt fühlen: Einem inneren Rufe folgend, habe er den Beruf des Rabbiners erwählt und habe in diesen Jahren die Ueberzeugung gewonnen, daß er nichts anderes als Rabbiner hätte sein können. Dieses Bewußtsein verleihe Befriedigung, und in ihm wolle er auch weiterhin wirken. — Die Gemeindebehörden und eine stattliche Anzahl von Gemeindemitgliedern drückten dann persönlich dem Jubilar ihre Glückwünsche aus. — Wie wir erfahren, hat der Hilfsverein israelitischer Gewerbetreibender aus diesem Anlaß beschlossen, der Generalversammlung die Ernennung des Herrn Dr. Qoldmann zum Ehrenmitglied des Hilfsvereins vorzuschlagen. Jüdischer Frauenbund, Ortsgruppe Leipzig. In einer Zeit, in der sich der Antisemitismus so besonders stark auswirkt, will der Jüdische Frauenbund in noch umfassenderer Weise, als dies in den vergangenen Jahren in seiner „Gruppe der Berufstätigen" geschehen ist, jungen berufstätigen Mädchen und auch solchen, die noch in der Ausbildung stehen, Gelegenheit zum Anschluß an einen jüdischen Kreis geben. Der Jüdische Frauenbund veranstaltet zu diesem Zwecke gesellige Zusammenkünfte, zu denen er auch besonders ortsfremde junge Mädchen heranziehen und ihnen durch Fühlungnahme mit den hier ansässigen ein Verbundenheitsgefühl geben will. Er wendet sich daher an unsere Qemeindemitglieder mit der Bitte, ihnen bekannte junge Mädchen auf diese Einrichtung aufmerksam zu machen und Adressen, denen Einladungen zugehen sollen, an die Leiterin der Qruppe. Frl. Edith Alexander, Leipzig N22. Richterstr. 2, anzugeben. Der israelitische Kindergarten in Not! In der Tat ist die materielle Notlage dieses an sich so lebensbejahenden und schönen Hilfswerkes ungewöhnlich. Ein gewisser Etat für Wohnung. Gehälter, Speisung der 70 'kleinen Pfleglinge, ihre ärztliche Versorgung usw. muß aufgebracht werden. Und zu kleiden, vor winterlicher Kälte zu schützen, gilt es — wie alle Jahre, so auch in diesem — all die lieben kleinen Jungen und Mädels. Die Sorgen des verantwortlichen Vorstandes sind daher groß, und er wendet sich im Vertrauen auf die nie versagende Hilfsbereitschaft der Leipziger Juden mit zwei Bitten an die Leser dieses Blattes: Gebt uns Spenden für unsere Chanukah-Beschenkung, die nicht zustande kommen kann, wenn nicht noch jetzt uns freundliche Geldspenden zugehen (Postscheckkonto Nr. 669 93). Kauft Eintrittskarten für den Abend, der am 6. Dezember in den Räumen des Hotels Astoria stattfindet und der künstlerisch und gesellschaftlich gleich schön zu werden verspricht. Was dort von ersten hiesigen Künstlern und von Damen der Gesellschaft (im Kabaretteil) geboten wird, ist quasi ein Dank des Vorstandes an alle treuen Mitglieder und freundlichen Spender des Kindergartens, denn der Preis der Eintrittskarten ist, gemessen am Qebotenen und seinem schönen Rahmen, sehr mäßig. Für nur 4 M. kann jeder viele genußreiche, vergnügte und sorglose Stunden verbringen und mit diesem Vergnügen ein segensreich wirkendes, gutes Werk fördern. Kartenverkauf bei allen Vorstandsmitgliedern und im israelitischen Kindergarten, Leibnizstr. 30,11, den zu besichtigen bei dieser Gelegenheit wiederum dringend gebeten wird. Aus dem Gemeindeamt Oottesdlenste Gemeindesynagoge, Gottschedstr. 28: Sabbatgottesdienst: Freitag, den 25. November, Abendgebet 16.15, mit Predigt (Rabbiner Cohn); Sonnabend, den 26. November, Morgengebet 9 Uhr, Nachmittagsgebet 16.25 Uhr, anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Cohn); Abendgebet 16.58 Uhr. — Morgengottesdienst an Sonn- und bürgerlichen Feiertagen 8 Uhr, werktags 7'/t Uhr, Abendgottesdienst 16.15 Uhr. Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienste: Freitag, den 2. Dezember, Abendgebet 16.15 Uhr mit Predigt (Rabbiner Dr. Qoldmann); Sannabend, den 3. Dezember, Morgengebet 9 Uhr, Nachmittagsgebet 16.25 Uhr. Anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Dr. Qoldmann); Abendgebet 16.55 Uhr. — Morgengottesdienst an Sonn- und bürgerlichen Feiertagen um 8 Uhr, werktags 7.30 Uhr; Abendgottesdienst 16.15 Uhr. Ez-Chalm-Synagoge. Otto-Schill-StraBe. Freitag, den 25. November, Abendgebet 16.15 Uhr; Sabbat: Morgengebet 8.30 Uhr, Mincha 16 Uhr; Ausgang 16.58 Uhr. — Wochentags: Morgengebet 7 Uhr, Abengebet 16.30 Uhr. Personeostandsnachrlchten. Gebu r ten : 2. November 1932 Felix Goldschmidt und Margarete Mirjam geb. Preuß, Hardenbergstr. 19, eine Tochter Mathilde Marie. 4. November 1932 Isaak Eizik Prinz und Ida geb. Rimer, Eberhardtstraße 8. einen Sohn Georg. Barmizwas: Am Sonnabend, dem 3. Dezember 1932, Helmut Merkel, Sohn des Herrn Markus Merkel und Frau Else geb. Weinstein, Funkenburgstr. 25, in der Gemeindesynagoge. Todesfälle: 10. November 1932 Kind Sophie Tschesno, Hauptzollamtstr. 5. 13. November 1932 Anna Baumöhl, Nordstr. 14. 16. November 1932 Henne Hausmann, König-Johann-Str. 2. 19. November 1932 Rosa Prinz. Eberhardtstr. 8. A u s t r i 11 e aus der israelitischen Religionsgesellschaft seit 7. April 1932: Nach geltendem sächsischem Recht bedeutet der Austritt aus der israelitischen Religionsgesellschaft den Austritt aus dem Judentum; gemäß Ziff. 16 der Bestattungs- und Friedhofsordnung der Leipziger Gemeinde hat der Austrat aus dem Judentum den Verlust des Anrechtes auf Beisetzung und auf eine etwa früher erworbene Grabstelle zur Folge. Anita Gerda Helene Brasch, Härtelstr. 6. Arno Barr, Berliner Str. 11. Qerda Phorylle. Sprlngerstr. 32. Marie Dori Wachtel, Oetzsch-Markkleeberg, Lößniger Str. 23. Kurt Fischer, Qeorgiring 11. Errichtung einer rituellen Küche in der Heilanstalt Branitz. Vor kurzem hat der Provinzialverband für jüdische Wohlfahrtspflege in der Provinz Oberschlesien, eine Unterorganisation des oberschlesischen Synagogcngemelndeverbandcs, In der Heil- und Pfieganstait Branitz eine rituelle Küche eingerichtet. Bisher waren die jüdischen Nerven-