Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 28 (24.11.1932)
- Date
- 1932-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4876568-5968808-5969326--4513-4881615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
25.1132L Auflage 4500Stflek DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZLf AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! LEIPZIG SchrlftI«Itung; Gamalndarabblnar Gustav Cohn, Lalpilg, LShratraBa 10 — Naehdmok nur mit Quallen angab* und mit Qanahmlgung daa Varfaaaara gtataltat. Nummer 28 / Jahrgang 8 24. November 1932 Anialganannahma: Varlag Emat Goldfraund, Lalpzlg 0 5, ClehoriuaatraSa 2a Famaprachar Nr. 60771 — Druck: Gabr. JunghanB, Lalpilg 0 S S.MEISELS Jean Paul und das altjüdische Schrifttum Zur Gesamtausgabe seiner Werke ."•181 V . ' '/nA Als im Jahre 1925 Jean Pauls hundertster Todestag gefeiert wurde, da glaubten manche, dieser Qedächtnistag werde einen Tag der Auferstehung für Jean Paul und sein Dichtungswerk bedeuten. Man erinnerte sich an das prophetisch-poetisch klingende Wort, das Ludwig Börne In seiner berühmt gewordenen Denkrede auf Jean Paul vor hundert Jahren gesprochen: „Ein Stern ist untergegangen, und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheint ... Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren. Er steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme." Nun, diese Börnesche Prophezeiung ist nicht in Erfüllung gegangen: das Auge des Jahrhunderts hat sich geschlossen, aber das schleichend Volk ist seinem Jean Paul nicht nachgekommen. Gleichwohl darf man heute sagen: Jean Paul redivivusl Die Feier des hundertsten Todestages ist nicht spurlos vorübergegangen; sie hat die Jean-Paul-Literatur durch zahlreiche Neudrucke, Auswahlen, Biographien, Abhandlungen bereichert und bei vielen ein tieferes Verständnis für die genialen Schöpfungen des Dichters geweckt. In den letzten Jahren ist auch die Jean-Paul-Gemcinde in Deutschland wesentlich gewachsen. Und nun hat sich — um Jean Pauls gewaltiges Gesamtwerk in allen seinen Teilen zu erschließen — die Preußische Akademie der Wissenschaften mit der Deutschen Akademie und der neugegründeten Jean-Paul-Gesellschaft zu einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Jean Pauls verbunden. Die Herausgabe wurde dem als besten Kenner des Dichters bewährten Dr. Eduard Berend übertragen. Die Ausgabe, die im Verlage Hermann Böhlaus Nachf. in Weimar erscheint, wird In zwei Abteilungen zerfallen; die erste umfaßt die zu Lebzeiten des Dichters erschienenen Werke, die zweite den Nachlaß. Bisher sind insgesamt acht Bände erschienen, von denen jeder einzelne mit einer orientierenden Minleitung eröffnet und mit erläuternden Anmerkungen geschlossen wird. Diese Gesamtausgabe schafft die Möglichkeit, den Dichter des ..Hesperus" in seiner ganzen Vielgestaltigkeit kennenzulernen. Wenn man sich in die Werke Jean Pauls vertieft, so lernt man es riegreifen, warum die Jean-Paul-Gemeinde zu der Größe des Dichters in so argem Mißverhältnis steht. Jean Paul darf sich rühmen, daß lauter Häupter zu seiner Oefolgschaft zählen. Dieser wenig gelesene Jichter ist zugleich der einflußreichste. Es gibt im ganzen letzten Jahr- Hundert im deutschen Sprachbezirk keinen großen Satiriker, Humoristen, Menschenzeichner, Naturmaler, der nicht in irgendeiner Welse von Jean Paul beeinflußt wäre, der uns nicht irgendwie „jeanpaulisch" käme. Aber das Volk, die große Lesermasse des Volkes, leistet ihm keine Gefolgschaft. Das ist Jedoch nicht die Schuld des Volkes allein. Jean Paul macht es einem verdammt schwer, ihm zu folgen. Man weiß, Wie labyrinthisch verschlungen oft seine Wege sind; man muß sich da erst durch vieles hindurchwinden, um zu seinen frischen Uuellen zu gelangen. Nur wer Mühe und Anstrengung nicht scheut, wird das Werk Jean Pauls bewundernd genießen. Was in den Werken Jean Pauls Bewunderung und Erstaunen erweckt, ist nicht allein die geniale barocke Erzählungskunst, sondern such die Unsumme von Wissen, das in diesen Werken aufgespeichert Hegt. Auf mannigfachen Wissensgebieten und in vielen Schrifttümern war dieser universale Geist helmisch. Auch mit dem altjüdischen Schrifttum war Jean Paul aufs innigste vertraut, was wir nachstehend an einigen markanten Beispielen datun wollen. . In seiner Autobiographie „Wahrheit aus meinem Leben" erzählt Jean Paul, er habe in der Schule zu Schwarzenbach das hebräische Alte Testament mündlich in ein lateinisches übersetzt „wie ein wahrer vulgatamann". Jean Paul fährt dann fort: „Der Jetzige Romanschreiber verliebte sich ordentlich in das hebräische Sprach- und Analysierserümpel und -kleinwesen — eigentlich ein heimlicher Zug seiner Liebhaberei für Häuslichkeit — und borgte aus allen Schwarzenbachischen Winkeln hebräische Sprachlehren zusammen, um über die diakritischen funkte, die Vokale, die Akzente u. dgl. alles aufgehäuft zu besitzen, was bei Jedem einzelnen Wort analysierend aufzutischen ist. Darauf nähte er sich ein Quartbuch und fing darin bei dem ersten Worte im ersten Verse im ersten Buche Mosis an und gab über das erste Wort, über seine sechs Buchstaben und seine Selbstlauter und das erste Dagesch und Schwa so reichlich Belehrungen aus allen entlehnten Grammatiken mehrere Seiten hindurch, daß er bei dem ersten Worte .Anfangs' (er wollte so von Kapitel zu Kapitel fortschreiten) auch ein Ende machte, wenn es nicht bei dem zweiten war. Was noch von des Q u i n t u s Pixlein Treibjagd in einer hebräischen Foliobibel nach größern, kleinern, umgekehrten Buchstaben (im ersten Zettelkasten) geschrieben steht, läßt sich wörtlich mit allen Umständen auf Pauls eigenes Leben anwenden." Auf Grund dieses Bekenntnisses könnte man wohl der Ansicht sein, Jean Paul sei in der Kenntnis der hebräischen Bibel beim „Anfangswort" stehengeblieben. Seine Werke indes bezeugen, daß der Dichter auch auf diesem Wissensgebiete fortschreitend seine Kenntnisse vermehrte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Jean Paul auch später, nachdem er längst der Schwarzenbacher Schule entwachsen war und auch nicht mehr die theologische Wissenschaft ex professo trieb, sich für das altjüdische Schrifttum lebhaft interessierte. Man kann diese Annahme in Jean Pauls Gesamtwerk von Buch zu Buch bestätigt finden. Ja, man darf sogar ohne sonderliche Kühnheit behaupten, daß des Dichters frühe Jugendliebe zu dem altjüdischen Schrifttum später in ein recht intimes Verhältnis übergegangen sei. In der Glanzzeit der deutschen Klassik, wo so viele Siegel und Schlösser von alten Schriftwerken gelöst wurden, hat sicherlich kein zweiter unter den Dichtern vom altjüdischen Schrifttum so viel gewußt und so viel in seinen eigenen Werken daraus verwendet wie Jean Paul. Jean Paul streut schockweise Regeln der hebräischen Grammatik, massoretische Grundlehren, alttestamentllche Gleichnisse und rabbinische Weisheitssprüche in seine Werke ein. Auch ohne zu suchen, kann man in jedem Sektor, in Jedem zweiten Zettelkasten, in jedem dritten Extrablatt Irgendeine biblische Sprachblume oder irgendeine rabbinische Weisheitsperle finden. Dabei hat man nie die Empfindung, als gäbe hier Jean Paul mehr, als er besitzt; im Gegenteil, er gibt aus dem Vollen, wie einer, der nicht zu knickern braucht. Freilich, im Glitzerschein seiner Humore glänzt das alte Gold biblischen Sprachguts ganz anders, aber das gehört ja eben mit zu Jean Paul, daß er alles, Eigenes und Fremdes. Jeanpaulisch poliert. Schon in der Jugendschrift „Auswahl aus des Teufels Papieren" holt Jean Paul aus ziemlich entlegenen Bezirken des altjüdischen Schrifttums einige seltene Qlanzsteinchen herbei, um im kleinen Meisterstück „Nötiges Aviso vom Juden Mendel" zu dem rechten Ton auch den rechten Inhalt zu fügen. Er nennt das kabbalistische Buch „Sepher Rasier, dann die Gemara und gibt zu guter Letzt (in einer Fußnote) die Ansicht der Kabbalisten über das Händewaschen zutreffend wieder. Für Quintus Fixlein weiß der Dichter keinen schönern Beruf, als deutscher Massoret zu werden. Denn Quintus Fixlein ist ein Bewunderer der nachtalmudischen Philologie, die man Massora heißt In einem seiner eigenhändig geschriebenen Werklein, die er im Manuskript, „vom Buchbinder in goldene Flügeldecken geschnürt", in seine Büchersammlung mit einstellt, bemerkt einmal der Quintus ein wenig bitter: „Die Juden hätten ihre Massora, die ihnen sage, wie oft jeder Buchstabe in ihrer Bibel vorkomme, z. B. das Aleph (das A) 42377 — wieviel Verse darin stehen, wo alle Konsonanten darin auftreten (26 Verse sind's) wie viele Verse man habe, worin gar 42 Wörter und 160 Konsonanten erscheinen (nur einer ist da, Jeremias XXI. 7), welches der mittelste Buchslabe in einzelnen Büchern sei (im Pentateuch 3. B. M. XI, 42. ist's das adelige V) oder gar in der ganzen Bibel. Wo haben wir Christen einen ähnlichen Massoreten für Luthers Bibel aufzuzeigen?" Diese Bibelvers-Statistik ist eines Jener Jean Paulschen Einschiebsel, die satirisch wirken und doch nur Lesefrucht von alten Wissenszweigen sind. Gute Lesefrucht mit feinstem satirischem Kommentar ist folgender Satz (im „Siebenkäs"): „Obgleich die Rabbinen lehren, daß 12 Heu- VrVto mit leerem Gewäsche vom Himmel gefallen wären und daß 9 II,* ./