Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 26 (11.11.1932)
- Date
- 1932-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 11. November 19X' Ittdoch ohne dosen Ritter-Bewußtsein. Wie Rottschwant« In Rußland wegen „konterrevolutionärer Seufzer" ins Gefängnis wandert, in Polen als Bolschewist verfolgt wird, in Deutschlaad von einem Nari-Apo theker Reklamebild gebraucht wird. In Frankreich von der deutschen (Irtkodoxle als frommer Rabbiner behandelt wird, bis man ihn wegen seines Qutachtens, Schinken wäre koscher, wegjagt, das ist unbeschreiblich komisch geschildert, und auch die manchmal durch groteske Uebertreibungen entstehenden Bilder von der „verfaulenden Bourgeoisie" mindern den Wert dieses Romans nicht. Schließlich gibt Mcir Ben- Unser Recht auf Arbeit Angesichts der sich von Tag zu Tag verschärfenden Notlage und zunehmenden Verelendung der durch die Auswirkungen der Erwerbslosigkeit schwer betroffenen weiten jüdischen Schichten erging der eindringliche Ruf der jüdischen Oeffentlichkeit nach Zusammenfassung ,:11er Kräfte zur Ergreifung von Abwehr- und Hilfsmaßnahmen. Auf Grund von Vorschlägen, die im Wirtschaftsausehuß des Preußischen Landesverbandes gegeben worden sind, wurde in dessen „Unterausschuß für Arbeitsnachweise" nach längerer Beratung einstimmig beschlossen, den Monat November d. J. als Werbemonat für die Idee der jüdischen Arbeitsvermittlung und E r - w er bsbe Schaffung zu proklamieren. Während dieses ganzen Monats soll unter der Devise: ..Unser Recht auf Arbeit" im ganzen Reich für die jüdische Arbeitsvermittlung geworben werden. Es zeugt für die außerordentliche Bedeutung des Problems der Erwerblosigkeit unter den Juden, daß sämtliche im Wirtschaftsausschuß vertretenen Richtungen des deutschen Judentums einhellig den Versuch unternehmen wollen, den von den gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten am schwersten Betroffenen, den jüdischen Ar- 1 eits- und Erwerbslosen, durch vereinte Anstrengung aller jüdischen Kräfte Linderung ihrer Not zu bringen. Die geplante Werbeaktion soli keine Hilfsaktion im üblichen Sinne werden, d. h. es geht hier nicht darum, Almosen zu sammeln oder ZU erbitten, um aus dem Ertrag derartiger Sammlungen den Erwerbslosen zu helfen. Iis geht vielmehr darum, durch eine Zusammenfassung aller Kräfte den Versuch zu machen, dort, wo es heute noch möglich ist, dem jüdischen Erwerbslosen Arbeit und damit Brot zu beschaffen. Die Durchführung der Aktion ist der „Vereinigten Zentrale der jüdischen Arbeitsnachweise", Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 15,x, unter engster Mitwirkung der zentralen Organisationen des deutschen Judentums übertragen worden. Sämtliche jüdischen Veranstaltungen und Versammlungen, die im Laufe des November stattfinden, sollet; der Werbung von Arbeitsplätzen für jüdische Erwerbslose nutzbar gemacht werden. Darüber hinaus sollen in möglichst vielen Gemeinden Gemeindeversammlungen, Besprechungen von Arbeitgebern, Werbung von Vertrauensleuten für die Arbeitsnachweise durchgeführt werden. Die jüdische Presse, die gesamte jüdische Oeffentlichkeit sollen in weitestem Umfange zur Unterstützung dieser Werbearbeit herangezogen werden. Zum ersten Male soll hier, getragen von dem organisierten Willen des deutschen Judentums, eine Aktion durchgeführt werden, deren Bedeutung über die Grenzen der Gemeinden, Organisationen, Parteien und Weltanschauungen hinausgeht. Der tiefere Sinn dieses Wcrbetuonats soll auch darin bestehen, der maßlosen Hetze, in der dem deutschen Judentum nicht nur die politische Gleichberechtigung, sondern auch das Recht, in der Wirtschaft tätig zu sein, das Recht auf Arbeit und damit das Recht auf Lehen bestritten wird, durch Zusammen s c h 1 u it aller Kräfte den entschiedenen Willen zum Leben und zur Selbsthilfe entgegenzusetzen. Ungeachtet des außerordentlichen Umfanges der deutschen Arbeitslosigkeit gibt es auch heute noch in nicht zu unterschätzendem Unifange lebensfähige und mit Beschäftigung versehene Betriebe und Unternehmungen. Innerhalb dieser gesunden Teile der Wirtschaft volljüdische Verbände und Gemeinden Landwerk Neuendorl — die erste jüdische Arbeiterkolonie. Anfang Juli wurde, wie bereits berichtet, Land werk Neuendorf bei Fürstenwalde a. d. Spree als erste jüdische Arbeiterkolonie von der Haupts teile für jüdische Wanderfürsorge eröffnet. Beim Verein „Jüdische Arbeitshilfe", der die Anmeldungen entgegennimmt, hat sich eine sehr große Anzahl langfristig Erwerbsloser aller Kategorien (Handwerker. Gärtner, Kauflcute, Akademiker, gelernte und ungelernte Arbeiter usw.l aus dem ganzen Reiche gemeldet, von denen vorläufig leider nicht mehr als 40 aufgenommen werden konnten. Es handelt sich insbesondere um Jugendliche, die in Neuendorf in Landwirtschaft. Gärtnerei, Tischlerei, Schlosserei, Schuhmacherei, Stellmachern usw. beschäftigt werden. Die Anzahl der Aufgenommenen soll nach Möglichkeit bald erhöht werden. Unter den Aufgenommenen befindet sich auch eine Gruppe des Freiwilligen Arbeitsdienstes aus Berlin, die vom Jüdischen Arbeitsnachweis zusammengestellt wurde, und für die auf Grund der Bestimmungen über den freiwilligen Arbeitsdienst das Reich die Kosten trägt. Sobald mit dieser Gruppe einige Erfahrungen vorliegen, ist beabsichtigt, auch aus anderen Landcsteilctt Gruppen des Freiwilligen Arbeitsdienstes aufzunehmen. Dies wird um so eher möglich sein, da die neuesten Bestimmungen über den freiwilligen Arbeitsdienst fast allen Erwerbslosen, insbesondere Jugendlichen bis zu 25 Jahren, die Förderung des Reiches zubilligen. Es wird hier ausdrücklich betont, daß A u i n ahmen nur nach vorheriger schriftlicher Zusage durch den Verein „Jüdische A r b e i t s h i 1 f e" (Berlin-Charlottcnburg 2, Kantstraße 158) möglich ist. Dieser Hinweis ist um so dringlicher, da viele Erwerbslose aus verschiedenen Gemeinden Deutschlands sich soiort nach Bekanntgabe der Eröffnung des Landwerks einzeln und in Gruppen auf den Weg gemacht haben, um direkt im Landwerk Neuendorf Aufnahme zu finden. Dies hat die Feststellung des Kostenträgers außerordentlich erschwert, die Aufnahme also nicht beschleunigt, sondern verzögert und auch sonst zu erheblichen Schwierigkeiten für alle Beteiligten geführt. Qawriel (Eugen Höflich) in seinem ins Deutsche übersetzten ..Füchse in Jerusalem" (Orientabteilung III) den ersten palästinensischen Kriminal roman von erstaunlicher, auch politischer Aktualität. Das unterirdisch! Wirken schurkischer Waffenhändler, die Im Zusammenstoß der jüdischer und arabischen Welt ihren Vorteil suchen, wird neben recht reizvollen Liebesgeschichten geschildert, und in diesem Sinne kann man das Werk einen jüdischen pazifistischen Roman nennen, wobei das palästinensische Lokalkolorit uns ein neuartiges Bild des jüdischen Palästina vermittelt zieht sich ein steter Personalwechsel, werden Stellen neu besetzt oder neu geschaffen, wird immer wieder ein großer Teil von Arbeitskräften neu eingesetzt. Die jüdischen Arbeitsuchenden können jedoch au diesen auch jetzt noch vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten nicht partizipieren, weil sie, verloren In dem Millionenheer der Arbeitslosen, fast gänzlich isoliert sind. Die Zahl der Betriebe, die den jüdischen Erwerbslosen den Zutritt zur Arbeitsstelle nur deshalb verweigern, weil sie Juden sind, wird von Tag zu Tag größer. Wirtschaftszweige, in denen die Juden früher vorherrschend waren, lehnen es immer mehr ab, aus Angst vor Konkurrenz, jüdische Angestellte oder Arbeiter anzustellen. Der jüdische Arbeitsuchende verliert damit die Möglichkeit der Bewerbung auch bei vorurteilsfreien Arbeitgebern, er ist vielfachen Gehässigkeiten und Demütigungen ausgesetzt, wenn er den Versuch macht, im Rahmen der allgemeinen Wirtschaft sich um eine freie Arbeitsstelle zu bewerben. Dieser Boykott arbeitswilliger Menschen aus Gründen eines gehässigen Antisemitismus bedeutet nicht mir eine Gefahr für die Stellung der Juden in der deutschen Wirtschaft überhaupt, er ist eine allgemeine Gefahr für den Aufschwung des Wirtschaftslebens, denn er ist in seinem innersten Wesen wirtschaftsfeindlich. Keine Wirtschaft verträgt es für die Dauer, daß irgendeine Gruppe in ihr aus politischen oder aus religiösen Gründen mit offener oder versteckter Gewalt verdrängt wird. Deshalb bedeutet die Aktion für unser Recht auf Arbelt nicht nur einen Protest gegen den Antisemitismus in der Wirtschaft, sondern auch gegen die wirtschaf tsschüdigende Bedeutung jeder Boykotthewcgung. Unsere Aktion wendet sich deshalb zuerst und vor allen Dingen an die gesamte Oeffentlichkeit, an die Reichs- und Staatsbehörden mit der dringenden Forderung, alle Machtmittel des Staates gegen derartige wirtschaftsfeindliche Methoden, wie sie heute den Juden gegenüber zur Anwendung kommen, einzusetzen. Von den Wirtschaftsverbättden. Parteien und Gewerkschaften der Arbeiterschaft erwarten wir, daß sie auch die Interessen ihrer jüdischen Mitglieder wahrnehmen und sie vor der drohenden Gefahr der völligen Verdrängung aus der Wirtschaft schützen. Wir wenden uns au alle Arbeitgeber, die noch frei sind von antisemitischen Vorurteilen, mit der dringenden Bitte, die jüdischen Arbeitsuchenden, die in ihren Leistungen allen anderen Arbeitsuchenden gleichwertig sind, nicht deswegen aus der Konkurrenz um die freie Arbeitsslelle auszuschalten, weil sie Juden sind. Wir wenden uns insbesondere an die jüdischen A r b e i t g e b e r,d i e heute noch Arbeitsplätze zu besetzen haben, mit dem dringenden Wunsch, darauf zu achten, daß hei de Besetzung dieser Plätze jüdische Bewerber zur Konkurrenz mit herangezogen und beachtet werden. Den Gemeinden und Organisationen, der gemeindlichen und freien Wohlfahrtspflege des deutschen Judentums fällt hier eine große um wichtige Aufgabe zu. Wir alle wissen, wie gering die Leistungen dei öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege im Vergleich zu dem un geheuren Ausmaß der Not geworden sind. Es gibt keine bessere Wohlfahrtspflege als die Arbeitsbeschaffung. Jeder Mensch, der neu in Arbeit gebracht wird, entlastet unsere Wohlfahrtsmittel, macht sie frei für solche, die nicht mehr durch eigener Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt erwerben können. Wir erwartet' und hoffen, daß alle, die die ungeheure Bedeutung der jüdischen Arbeitslosigkeit erkannt haben, mitarbeiten werden, um unser Recht auf Arbeit durch Schaffung zahlreicher Arbeitsstellen zu manifestieren Der Antisemitismus — ein Anzeichen der religiösen Krise in Deutschland. In einer Veranstaltung des Centralvcrcins in Berlin legte Rabbinc: Dr. Bacck in einer tiefschürfenden Analyse die Ursachen für die überraschende Erscheinung dar, daß seitens'der christlichen Kirchen in Deutschland und insbesondere seitens der protestantischen Kirche der mit dem christlichen Grundgedanken unvereinbaren antisemitischen Bewegung kein Widerstand entgegengesetzt wird. Er kam zum Schlüsse, daß die Ausbreitung des Antisemitismus in Deutschland das Anzeichen einer schweren religiösen Krise sei, die von den Juden nicht nur wegen der sie unmittelbar betreffenden Folgen, sondern auch als Deutsche und als religiöse Menschen tief beklagt werden müsse. Rabbiner Dr. Baeck führte u. a. aus: Oft kann den deutschen Juden heute ein Gefühl der Einsamkeit beschleichen, und es ist ein hartes Ding, im eigenen Lande, mit dessen Geschichte die eigene Geschichte seit Jahrhunderten verknüpft ist, sich einsam zu fühlen. Millionen von Menschen sind heute auf das Programm der Feindschaft gegen uns eingeschworen. Wir fragen uns erschüttert, wie ein solches Ergebnis möglich sein konnte, trotz all der Liebe, die wir stets selbstlos unserem Vaterland entgegengebracht haben. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, daß es auch ein unsichtbares — oft auch unhörhares — Deutschland gibt, das sich von dem äußeren Bild, das uns unser Vaterland heute bietet, wesentlich unterscheidet. Es gib' in ihm noch sehr viele Menschen von Adel und Gewissen, und das ist für uns ein Trost. Dennoch leben wir ungekannt und unverstanden von Millionen in unserem Vaterlande. Dazu kommt, daß eine Religion S> dem. was an uns verübt wird, schweigt. Antisemitismus ist immer das Zeichen einer Krise in einer Religion. Wenn die innere Gewißheit, wenn der Glaube schwindet, dann entsteht Feindschaft gegen andere. Wenn der Katholik im Glauben schwach wird, dann ist er nur noch Antiprotestant, wenn die Glaubensüberzeugung des Protestanten erschüttert ist, dann ist er nur noch Antikatholik. Wenn der Christ schwanket* wird, wenn sein Glaube in ihm sich auizulösen beginnt, dann wird er ■' Antisemit. Wir erleben in Deutschland eine Krise des Protestantismus Hätte es noch eines Beweises bedurft, daß der Katliolizismus immeihin noch gefestigter ist als jener, dann wäre er jetzt erbracht. Für uns, die