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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-11-11 · 26 (11.11.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
26 (11.11.1932)
Date
1932-11-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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m 11.32. Aufflage 4500 Stück (BemcinöcMatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZV I f-*|P7I^L AMTLICHES NACHRICHTEN BLATT LL I u Mm I \7 DER GEMEINDEVERWALTUNG» niBr./ IV'ER! L I PS. ScHrlfiieItung: Gemainderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, 1 ShrsfaÜa 10 — Nachdruck nur mit Oueltenangabe und mit mlgung daa Verfassers, gestattet. Nummer 26 / Jahrgang 8 11. November 1932 Anzeigenannahme: Verlag Ernst Goldfreund, Leipzig O 5, Cichorlusstraße 2» Fernsprecher Nr. 60771 — Druck: Gebr. Junghanß, Leipzig 0 5 /■RITZ PHABNKBL Jüdisches Schicksal im Spiegel der Literatur Das Buch isi ein Wegweiser durch die Zeit. Solange jüdische Uücher geschrieben und gedruckt werden, ist das ein Zeichen pulsierenden indischen Lebens. Auch in den letzten Jahren sind neben anderen — wissenschaftlichen und politischen — jüdischen Büchern eine Anzahl von jüdischen Romanen erschienen. Was sind jüdische Romane? Weder Bücher, die von jüdischen Autoren stammen, noch solche, deren Melden zufällig lüdische Namen tragen, gelten uns als jüdische Romane. Wichtig und entscheidend allein ist, daß in ihnen ein Stück jüdischen Lebens geschildert wird. So hat Zangwill den Roman des jüdischen England geschrieben in seinen „Kinder des Ghetto", „Träumer des (ihetto", „König der Schnorrer" und den vielen anderen farbenechten Schilderungen der Ostseite von London. Kompert schuf ähnliches für seine Heimat Böhmen und gab uns die ersten jüdischen Baucrngeschichten. Karl Emil Franzos gab als erster der deutschen Leserwelt einen Begriff der ostjüdischen Massen Siedlungen, der Judenstädte in Cializien und der Bukowina. Der holländische jüdische Sozialist Hermann Heijermans irte uns durch die Elendsquartiere des proletarischen Amsterdam in inen Büchern „Biamantstadt" und ..Judenstreik". Bann kamen Scholen! Mechern, Per«, Nomberg, Reisen und Schalom Asch, die uns die Massensiedlungen des Ansiedlungsrayons, den Kampf der Generationen, die Entstehung der zionistischen und sozialistischen Bewegung im Osten, die Kenntnis vom Wesen des Chassidistnus. kurz, die Welt des Ostjudcnns schilderten. Diese romanhaften Berichte über die jüdischen Siedlungen in den y : sehiedenen Ländern haben für uns geschichtliche Bedeutung. Wir gewinnen durch sie einen Einblick in das jüdische Schicksal unserer Zeil und der nahen Vergangenheit. Es sollen aus der jüdischen belleirischen Literatur der letzten Jahre nur einige wenige Bücher hera ^gegriffen werden, die in diesem Sinne für unsere Geschichte als I kalstudicn ein ausgezeichnetes Bild geben. Leopold Hichler stellt u > in ..Der Sohn des Moses Mautner" einen jungen jüdischen Menschen 1 Wien vor. Seine Eltern sind aus Mähren eingewandert, arbeitsame M itelstandsjuden. die schwer zu kämpfen haben. In die Gründerzeit um IK7(i herum führen uns zwei Schriftsteller, Jean Richard Bloch Heinrich Kurtzig. Bloch und Kurtzig zeigen uns beide eine ähnliche sehe Generation, der «ineiflr das clsässisch-lothriugische französische Judentum, der andere für das posensche deutsche Judentum der dallgen Zeit. Die Familie steht im Mittelpunkt des Geschehens, die IMtrtarchatische Gestalt des alten Simler in Blochs ..... & Cie." übt Jieidenden Einfluß auf seine Nachkommenschaft, in zäher Aufbauarbeit wird eine Fabrik geschaffen, um die sich alles: Mann. Erau, Kinder und Enkel, dreht. Da wir von diesem lebensstarken französischen Judentum so wenig gewußt haben, ist das Blochsche Buch eine unendhe Bereicherung für uns. Kurtzig. Vorsitzender jüdischer Posener Heimatsvereine in Berlin, ein Mann, hinter dessen Wort man die tiefe Liebe und Anhänglichkeit eines wurzelhaften Menschen spürt, ist getreuer Aufzeichner dessen, was er in seiner Jugend in den kleinen *i.idten Ostdeutschlands vom jüdischen Leben wahrgenommen hat. Da außer einigen kleineren Erinnerungen an das Kleinstadt- und Dorfiudentum in frühereu Jahrzehnten oft nur unzulängliche Skizzen oder humoristische Khillegeschichten erhalten blieben und der jüdische Roman der deutschen Heimat bisher noch nicht seinen Meister gefunden hat, sind wir Kurtzig für seine Bücher „Dorfjuden". „Ostdeutsches Judentum". „Kaufmann Frank". „An der Grenze", die einen wert- :'>llen Anfang schaffen, sehr dankbar. Das wicdcrerwachtc Interesse [ür die jüdische Familienforschuug. die im Laufe der letzten Zeit eine Reihe von hochinteressanten Lebenserinnerungen brachte, wird ohne Zweifel hierin befruchtend wirken. Wie kommt es. daU die große indische Siedlung Berlin mit ihren 1 st 2(X)(I00 jüdischen Einwohnern außer etwa Georg Hermanns „Jett- ^'ien Gebert" und — aus späterer Zeit — Gronemanns „Tohuwabohu" s" wenig Veranlassung zu einem großen charakteristischen, repräsentativen Berliner Romanwerk gegeben hat? Die Mehrzahl der bedeutenden deutschen Schriftsteller jüdischen Stammes, wie etwa Wassermann 'der Ludwig, bevorzugen nur gelegentlich jüdische Motive. So haben wir über alle jüdischen Siedlungen der Welt Romanwerke von Bedeutung, selbst über exotische Teile der Juden, über das deutsche Judentum am wenigsten. Gewiß ist das Schwergewicht des Weltludentums auf Amerika, Palästina, Polen gefallen, doch hat das deutsche Judentum, sowohl seiner Geschichte, seinen geistigen und führenden Persönlichkeiten nach als auch trotz seiner traurigen Gegenwart nach wie vor größte Bedeutung. Auf dem Gebiete der Literatur hat vor Jahren Dr. Krojanker diese Rolle geschildert, Rudolf Schay auf dem der Politik, Theilhaber auf dem der Wissenschaft, unlängst Kurt Zielenziger auf dem der Wirtschaft. Wer in diesem letzten Buche die Familiengeschichte der Rothschilds, Mendelssohns, Bleichröders, Rathenaus, Ballins, Tietz*. Wassermanns, Goldschmidts und anderer gelesen hat, hat zugleich die Geschichte einer bestimmten wohlhabenden, oftmals kultivierten jüdischen Oberschicht kennengelernt, einer Schicht, die einstmals bestimmend im deutschen Judentum war. Auch Professor Franz Oppenheimers „Erinnerungen" geben einen interessanten Einblick in das Berliner Judentum zu Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts. In Berlin ist auch der bekannte amerikanische jüdische Schriftsteller Ludwig Lewisohn geboren. Das amerikanische Judentum zählt drei Einwanderungsschiehten. Die ursprünglichen jüdischen Einwanderer waren Scfardim, die nach der Vertreibung aus Spanien und später aus Portugal in die ..neue Welt" übersetzten: im 19. Jahrhundert bildeten die deutschen Juden, besonders aus Bayern und Ostdeutschland, das wichtigste jüdische Einwandererclement: die Verfolgungen im Osten führten dann zur gewaltigsten jüdischen Wanderbewegung seit Jahrhunderten und weisen Amerika heute die Rolle zu. die Babylonien und später Spanien für die Fortexistenz der jüdischen Gemeinschaft gewonnen hatten. „Gegen den Strom" und ..Erbe im Blut" sind zwei Bekenntnisse eines am Amerikanertum irre gewordenen jüdischen Menschen, der zurückfindet zu seinem Volke, nachdem die puritanisch-christliche Unduldsamkeit und die amerikanisch-nordische Rassenpolitik in Lewisohn den sozialistischen Rebelleu geweckt halten. Immer wieder erfüllt uns das Gefühl des Staunens darüber, wie ähnlich sich trotz der lokalen und kulturellen Verschiedenheiten d;;s Schicksal der jüdischen Gemeinschaft abspielt. Welcher Unterschied zwischen einem in Amerika aufgewachsenen assimilierten deutschen Juden, wie Lewisohn. und dem ganz in; jüdischen Volkstum wurzelnden Schalom Asch! Und doch, man spürt, wie hier ein gleiches Schicksal gleiche oder ähnliche geistige Folgen nach sich zieht. Schalom Asch ist der Vertreter des demokratisch und sozialfortschrittlich gerichteten, durch und durch nationalen Ostiudentutns, ein Mann, der nicht nur durch seine New-Yorker jüdischen Arbeiterromauc. wie „Onkel Moses". „Die Mutter". „Die Kinder der Abrahams", uns von dem Leben, dem Hunger, den Streiks, der gesellschaftlichen Entwicklung des jüdischen Proletariers aus der Daiiieiimäntelfabriksklaverei hin in die Berufe des Rechtsanwalts, des Versicherungsvertreters, des deutschen Juden, erzählt, sondern der auch durch sein historisches Gerechtigkeitsgefühl („Von den Vätern") und durch die Schilderung der jüdischen Frau („Die Gefangene Gottes") dem deutschen Leser einen tiefen Eindruck seiner Persönlichkeit vermittelt. Berühmt und gerühmt ist Aschs Trilogie: Petersburg, Warschau. Moskau. Dieses Werk führt uns zurück in die eigentliche Heimat Schalom Aschs, Rußland. Petersburg, die Stadt, in der nur jüdische Kaufleute der ersten Gilde wohnen durften, ist die Heimatstadt des Helden der Erzählung. Er wächst in einer seichten, traditions- und liehelosen großbürgerlichen jüdischen Umgebung auf. sucht den Weg der Lösung, den eine Frau, eine mütterliche Frau, jüdische Sozialistin, ihm weist. Diese Bindung bringt ihn nach Warschau in den Hexenkessel der jüdischen Revolutionäre der zaristischen Zeit. Jüdische Lehrer, polnische Patrioten, streikende jüdische Weber. Gefängnisse, alles zieht an ihm vorbei, aber im Grunde bleibt er doch fremd, eine Handbreite trennt ihn immer wieder vom Volke, trotz seiner Liebe und seiner politischen Hingabe. Der Konflikt wird ganz stark und offenbar bei der russischen Revolution, die ihn nach Moskau bringt. Er. der Intellektuelle, macht die Revolution nicht nur mit dem Herzen mit. sondern auch mit dem Verstände. So schließt er sich den Sozialisten an, während die bolschewistische Revolution siegreich wird. Dieser Roman ist mehr noch als die anderen ein persönliches, philosophisch gefaßtes Werk Aschs. Ein anderer russischer jüdischer Roman: ..Die seltsamen Erlebnisse des Lasik Roitschwantz", entstammt der Feder llia Ehrenburgs. Mit unendlich viel Humor wird der Leidensweg eines im Grunde unpolitischen jüdischen Schneiders geschildert, ein indischer Don Quichotte.

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