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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-10-07 · 23 (7.10.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
23 (7.10.1932)
Date
1932-10-07
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 QEMBINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIG10NSQEME1NDE ZU LEIPZIG 7. Oktober kennt, wenn er weiß, daS auch die höchste Steigerung seiner Leistung Immer mir Gebrechliches zu schaffen vermag, daß auch die stärkste Anspannung seines Wullens ihre Grenze findet in der naturgegebenen Hinfälligkeit seines Körpers. daB er eben doch nur - Mensch ist. Es schein) nur. als ob solche Betonung der dein Menschen gesetzten Grenzen ihn lähmt; in Wahrheit steinen sie seine Lebenskraft, denn sie schafft ihm erst die wahre Befriedigung über sein Können: Was bedeutet das Gelingen eines Planes dem. der darin Selbstverständliches sieht? Hein Suchen des modernen Menschen liegt unverkennbar ein Sehnen nach Ehrfurcht zugrunde. Ein Ahnen dessen, was sie ihm zu «eben vermag, dämmert in ihm auf. Er hat sich von der Tradition losgesagt in der Meinung, daB die Qegenwart sie nicht vertraue. Aber der dringliche Ruf nach neuer Lebensform verrät den Schmerz darüber, daB die alle /erbrochen wurde. Im neuen tieschlecht wollte jeder nur sich selbst bejahen, den andern verächtlich beiseite Stoßen. Aber nun pflegt er die Gemeinschaft, er fühlt, dal! er den andern nicht entbehren K a ii ii. Und mit der Ehrfurcht vor der Vergangenheit, vor dem Menschen im anderen keimt auch die Ehrfurcht des Menschen vor seinem besseren Selbst. Es war Brauch geworden, daß mau Idealisten mit lächelnder Ueberlegeuhcit bespöttelte. Lieber den wirklichkeitsfremden Weltverbesserer kann doch das Leben nur rücksichtslos hinwegschreiten. Und im stillen sinnt heute wohl jeder, wie er beitragen könnte zur Beseitigung all des Drückenden, das unsere Zeit belastet. Es war eine Verarmung, als man die Ehrfurcht überwinden zu müssen meinte. Sie hat traurige Wirkungen auf unsere jüdische Frömmigkeit ausgeübt. Hie heiligen Tage mögen die Erkenntnis reifen lassen, daß der Weg, den so viele eingeschlagen haben, falsch gewesen ist, und den Mut, es einzugestehen. Pflegen wir die Ehrfurcht vor dem Edeln in uns: sie wird uns wahrhaft wachsen lassen: die Ehrfurcht vor dein Menschen: sie wird uns mitbauen lassen au dem Glücke der Menschen und dadurch auch uns beglücken: die Ehrfurcht vor unserer jüdischen Vergangenheit: sie wird unser Selbstbewußtsein stützen: die Ehrfurcht vor unserer Zukunft: sie wird bedeutsame Ziele setzen. Und in alledem betätigen wir Ehrfurcht vor (iott in dem weitesten Umfange des Begriffes: Ehrfurcht vor all dem Erhabenen, das wir in Gott verehren und dem wir uns nähern sollen. Gemeindesitzung vom (Nach der amtlichen Stellvertretender Gemeindevorsteher Herr Hodes führt in Vertretung des abwesenden Herrn Goldschmidt den Vorsilz und eröffnet die Sitzung um 18.30 Ihr. Er begrüßt die Versammlung in den in das /weite Übergeschoß verlegten SitzungsrSumen. Herr Hodes erteilt Herrn Seiinger das Wort zur Geschäftsordnung, Dieser bittet, die Erage der Erwerbslosen am" die Tagesordnung zu setzen, und erhält die Antwort, daß hierüber in nichtöffentlicher Sitzung gesprochen werden wird. 1. Herr Hodes gehl zur Tagesordnung über, als deren erster Punkt eine Aeiiderung des Getueindestatuts in bezug auf die Gemeinde- Wahlen zur Beratung steht. Es hat zur unverbindlichen Besprechung dieser Frage eine Sitzung der Gemeindeverordueteu stattgefunden. Diese hat den Vorstand beauftragt. Vorschläge zur Hinausschiebung der Wahl, zur Aeiiderung der Teilwahlen in Vollwahlen und Verlängerung der Wahlzeit zu machen. Hierüber hat der Vorstand der Geineindesitzung eine Vorlage zugehen lassen. Herr S e I i n g e r ist für Vornahme der Wahl in nächster Zeit. Er sieht in den vorgeschlagenen Aenderungeii wohl eine kleine Verbesserung des Wahlrechts, die aber nicht befriedigen kann. Er fordert das allgemeine Wahlrecht und stellt einen entsprechenden Antrag. Derselbe wird unterstützt. Herr Gott lieb bittet, von einer grundsätzlichen Debatte über das Wahlrecht abzusehen und dem Vorschlag des Vorstandes zuzustimmen. Herr Dubiner beantragt, die Bestimmungen über die Beschränkung des Wahlrechts der nichtreich sangehörigen Gemeindemitglieder zu streichen. Die Ausnahme zuungunsten dieses Teiles der Wähler sollte beseitigt werden. Dadurch werde der friede in der Gemeinde gesichert. Das Ansehen der Gemeinde habe seit der Mitwirkung der Ausländer in den Gemeiudekörperschaften sich nicht gemindert. Man möge dem Dresdener Heispiel folgen. Herr Dr. Zander wünscht, daß nach der Abstimmung über den Antrag Seiinger die Sitzung unterbrochen wird, um der liberalen Fraktion Gelegenheit zu geben, sich über die Anträge des Vorstandes auszusprechen. Herr Stein hält es für notwendig, zunächst Klarheit darüber zu schaffen, ob die satzungsgemäß vorzunehmende Wahl vorgenommen oder verschoben wird. Der Vorsitzende erklärt, daß aus technischen Gründen die Frist zur Vornahme der Wahl, die durch die letzige Satzung vorgeschrieben ist. nicht mehr eingehalten werden kann, und deshalb eine Verschiebung um einige Monate vorgeschlagen ist. Herr A r o n s t e i n beantragt, jetzt die Sitzung zu unterbrechen. Dieser Antrag wird angenommen. N.i.li Wiedereröffnung der Sitzung erklärt Herr Stern namens der liberalen Fraktion, daB diese zunächst damit einverstanden ist, daß eine Wahl spätestens bis Ende April 1933 stattfindet. Dies wird einstimmig beschlossen. Alsdann werden die übrigen Vorschläge des Vorstandes einstimmig angenommen. (Dieselben besagen im wesentlichen, dali künftig nicht mehr, wie bisher, von 2 zu 2 Jahren Teilwahlen stattfinden, sondern dafl aller 4 Jallrc eine vollständige Neuwahl der gesamten Gemeindevertretung eriolgt. Es ist also innerhalb der nächsten 7 Monate eine vollständige Neuwahl der aus 33 Mitgliedern bestehenden gesamten Gemeindevertretung vorzunehmen.) Herr Seiinger verbindet sodann seinen Antrag mit dem des Herrn Dubiner. Darauf verliest Herr Stern namens der liberalen Fraktion folgende Erklärung: Die liberale Fraktion kann das gleiche Wahlrecht aus allgemein bekannten Gründen nicht annehmen. Sie ist jedoch bereit, in der allernächsten Zeit eine Fraktionssitzung stattfinden zu lassen, die sich mit allem Ernst mit einer Reform des bisherigen Wahlrechts beschäftigt. Sie hofft, mit den übrigen Parteien eine allgemein befriedigende Lösung zu linden. Herr Stein sieht in dieser Erklärung ein Entgegenkommen der liberalen Fraktion, auf welche hin er empfiehlt, heute von einer Abstimmung über den Antrag Dubüicr-Sclingcr abzusehen. Er beantragt, eine neue (iemeiiidesitzung einzuberufen mit der Tagesordnung: Aeiiderung des Wahlrechts. Herr S c 1 i n g e r will seinen Antrag zurückziehen, wenn in bestimmter Frist diese Geineindesitzung stattfindet. Herr Breslauer stellt nochmals fest, daß die liberale Fraktion das Bestreben hat, in absehbarer Zeit eine Aeiiderung des Wahlrechts herbeizuführen, das auf längere Zeit den Frieden gewährleistet, Herr Dubiner zieht in Uebereinstimmung mit Herrn Selinger seinen 26. September 1932 Niederschrift.) Antrag zurück in der Erwartung, daß die Aeiiderung des Wahlrechts vor der Neuwahl erfolgt. 2. Zu Mitgliedern des Wahlausschusses werden gewählt: Dubiner. Frau Alma Schindler. R.-A. Dr. Qoldschmldt, Stein, Kaufmann. Seiinger. .?. Eine ausgedehnte Aussprache entspinnt sich über die Frage der Besoldung einer Hilfskraft für die Religionsschule II. Da für die Entscheidung technische Fragen ausschlaggebend sind, ist über die Notwendigkeit der Hilfskraft Klarheit nicht zu erzielen. Die Angelegenheit wird deshalb in die anschließende nichtöffentliche Sitzung verwiesen, in der ein ständiger Ausschuß für Personalangelegeulieiteii gewählt wird, der auch diese Frage mit prüfen soll. 4. Der Gemeinde sind verschiedene Vermächtnisse zu wohltätigen Zwecken mit der Auflage der Grabpflege zugeflossen von Frau Fanny Haber.....3000 M„ Frau Betty Benjamin .... 2000 M.. Frau Kempinski......KHK) M., Eheleute Richter...... 500 M„ Frau Doctor....... 1000 M. Ferner hat Herr Lustig zur Erweiterung der Margot-Kaufmann-Lustig- Stiftung 500 M. gespendet. Alle diese Zuwendungen werden mit Dank angenommen. 5. Zu Synagogenkommissaren werden die Herren Siegfried Schuß- Ii e i m und Max Keller zugewählt. Die Sitzung wird unterbrochen. Nach Wiederaufnahme stellt (>. Herr Seiinger folgenden Antrag: „Um den jüdischen Handwerkern zu helfen, beantrage ich, daß ihnen die jüdische Gemeinde unter Zuhilfenahme einflußreicher Persönlichkeiten die Veranstaltung einer Werbesehau jüdischen Handwerkerfleißes ermöglichen soll, wobei die Gemeinde, wie die jüdische Gemeinde in Berlin, das Protektorat dieser Werbesehau übernehmen soll. Es soll aber dann den jüdischen Handwerkern zur Pflicht gemacht werden, jüdische Gesellen einzustellen." Der Antrag wird einstimmig angenommen und zu diesem Zweck ein Berechnungsgeld von einigen hundert Mark bewilligt. 7. Eine Anfrage des Herrn Dubiner über die Vertretung der Gemeinde in der Ariowitseh-Stiftung wird in der nächsten Geineindesitzung beantwortet werden. 8. Herr S e I i 11 g e r beantragt, für die Aeruisteii Mittel tür Kohlen und Kartoffeln bereitzustellen. Herr Hodes teilt mit, daß die Krisenhilfe 100 Zentner Kohle verteilen wird. Herr Ar 011 st ein erklärt, daß für diesen Antrag volles Verständnis besteht. Er glaubt jedoch, daß von der Winterhilfe aus den Kreisen der Erwerbenden besondere Mittel in erheblichem Hetrag für den Zweck zu beschaffen sein werden. Herr PfefferbIüth schlügt vor, von Gemeinde wegen 1000 M. zu bewilligen, Herr Gott lieb erklärt, daß der Versammlung die Not der Erwerbslosen sehr am Herzen liegt und daß der Fürsorgeaussehuß diese Frage immer im Auge hat. Es sei nicht daran zu zweifeln, daß aus der Winterhilfe, zu der die jüdischen Einwohner erheblich beitragen, entsprechende Mittel der Gemeinde überwiesen werden. Herr Kestenhau in bittet, daß man des notleidenden Mittelstandes gedenke, hierfür solle ein Ausschuß eingesetzt werden. Herr Göttlich bringt in Erinnerung, daß bei der Gemeinde ein Ausschuß für verschämte Arme besteht. Herr A r o 11 s t e i n beantragt, daß von Gemeinde wegen an alle Erwerbenden ein Aufruf zur Erlangung von Spenden für Kohlen und Kartoffeln ergeht, brieflich und durch das Gemeindeblatt. Dieser Antrag wird angenommen. 9. Herr Sclinger beantragt, daß die Gemeinde einen Appell an die Qemelndemitglleder richtet, jüdische Erwerbslose zu beschäftigen. Bei Besetzung von freien Stellen möchten jüdische Arbeitnehmer berücksichtigt werden. Die Gemeinde müsse hierbei mitwirken. Herr Stein bittet gleichfalls den Vorstand, daß er sich mit der Frage beschäftigt. Der Vorstand sagt' dies zu. Herr Kestenbaum meint, daB die Rabbiner von der Kanzel im Sinne des Antrages wirken könnten. Der Vorstand wird dieser Anregung Folge geben. Die Niederschrift wird vorgelesen und genehmigt. Schluß der Sitzung 21.35 Uhr. Der Vorsitzende schließt noch Glück wünsche zum Jahreswechsel an. Es folgt eine nichtöffentliche Sitzung.

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