Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 23 (7.10.1932)
- Date
- 1932-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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10.10 3 Auflage 4600 Stüek taeinö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I JLI D7|/^ AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLll «LI V DER GEMEINDEVERWALTUNG! Schrlfllaltung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, ■ : aOt 10 — Nachdruck nur mit Ouellanangaba und mit Genohmlgung das Verfassers gestattet. Nummer 23 / Jahrgang 8 7. Oktober 1932 Anzeigenannahme; Verlag Ernst Goldfreund, Leipzig 0 5, Cichorlusstraße 2a Fernsprecher Nr. 607 71 — Druck: Gebr. Junghanß, Leipzig 0 5 (IHMEINDERABBINER GUSTAV COHN. Ehrfurcht "TR L, [ VN I VERS. EINE FESTBETRACHTUNG. Das Tiefste und Letzte, was in diesen heiligen Tagen nach Ausdruck sucht, läßt sich in die Worte zusammenfassen: der kleine Mensch — die große Unendlichkeit. Ein Jahr ist dahingegangen. Ein Jahr unseres doch so kurzen Lebens. Wie zahlreich schienen uns diese fünfzig Wochen, als wir dieses Jahr begannen; und nun. da sie hinter uns liegen: wie sind sie verflogen! — Wir schmiedeten Pläne: wieviel von ihnen müssen wir in die neuen Wochen mit hinübernehmen! — Manches von dem. was wir erstrebt, ist uns gelungen: wie wenig ist es, gemessen an dem. was wir gewollt! Menschen haben sich zusammengeschlossen, um in der Verbindung der Einzelleistung ein Großes zu verwirklichen, das dem einzelnen versagt bleiben muß. Sie wollten der Not der Leidenden steuern, wollten den Bedürftigen die Sorge nehmen: nun, da sie überblicken, inwieweit ihr Werk gelungen ist. müssen sie sich gestehen, daß sie nur Stückwerk ausfahren konnten. — Oder sie wollten tiefen Gedanken Eingang in den menschlichen Geistern bereiten, der Frömmigkeit eine Stätte schaffen, Wissenschaft verbreiten. Liebe zum Edlen und Schönen erwecken: es bleibt ihnen noch fast alles zu tun, weil so winzig klein der Schritt, den sie vorwärtsführcu konnten. Völker haben den Sinn für Gerechtigkeit heben, haben den Frieden sichern wollen: dürften wir glauben, daß wir dem Ziele nahe, ja, auch nur merklich näher gekommen sind? — Was vermag der kleine Mensch gegenüber den gewaltigen Aufgaben zu vollführen — in diesem Gedanken gipfelt diese Zeit der ehrfurchtgebtetenden Tage. Den Hochmut, der da spricht: „Meine Kraft und die Märke meiner Hand haben mir das alles bereitet", wollen sie auf das rechte Maß zurückführen, das Augenmerk auf das lenken, was hätte a-leistet werden sollen und doch nicht vollbracht worden ist, auf 'as, was Menschen ersehnen, ohne je es verwirklichen zu können. Die itte Zufriedenheit menschlichen Selbstgefühls bedarf der Berichtigung urch die Ehrfurcht, die ihn bescheiden macht vor dem Größeren, dem rhabenen, dem Vollkommenen. Durch alle Gebete der heiligen Tage zieht sich diese Betonung der! hrfurcht. Uw'chen ten pachd'cho: so lege denn diese Ehrfurcht vor dir,! wiger, unser Gott, auf alle deine Geschöpfe, und die heilige Scheu vor ur auf alles, was du geschaffen hast. — W'jeeßoju kaul l'owdecho: Alle ' ommsa herbei, dir zu dienen .... sie erröten bei ihren Bildern, neigen ihren Nacken zu deinem Dienste und bekunden dir Ehrfurcht, solange die Sonne strahlt, deine Gegenwart suchend. — Ehrfurcht atmet Un'ßane laukef; sie läßt uns niederfallen beim Olenu l'schabeach. Ehrfurchts bietende Tage sollen es werden. Was ist Ehrfurcht? — Man hat aus diesem altbiblischen Begriff einen Tiefstand der jüdischen Frömmigkeit beweisen wollen. Der Jude tehc seinem Gott gegenüber in einem Verhältnis der bangen Furcht, kenn« nicht das Band der vertrauenden Liebe, das ihn ohne Zagen und schreckcn all sein Hoffen und Sehnen vor seinen Gott bringen lasse. Aber nie hat Jir'oh diese zitternde, bebende Angst bezeichnen wollen, die entmutigt. In diesem Begriffe, der die Empfindung eines Abstandes ausdrückt, Klingt gewiß auch ein Ton des Zagens mit. Aber nicht vor der Unnahbarkeit des Größeren, sondern vor der Schwere der Aufgabe, die eigene Kleinheit zu überwinden. Wer unsere Psalmen kennt, nicht nur oberflächlich sie gelesen hat, sondern in die Innigkeit ihrer Gefühle sich einfühlte, der weiß, daß Ehrfurcht im jüdischen Sinne nur der empfindet, der gerade durch die heilige Scheu vor dem Erhabenen, Reinen, Gewaltigen das Verlangen der Hinwendung zu ihm gewinnt. Aus der Anerkennung der eigenen Unzulänglichkeit wächst die Sehnsucht nach dem Größeren; die Ehrfurcht, die das Judentum meint, ist das Bewußtsein, daß der Mensch nicht vergeblich nach diesem Größeren sich sehnt: „Denn also spricht der Hohe und Erhabene, der Ewigthronende. Heiliger ist sein Name: Hoch und heilig throne ich und bin doch bei dem Zerschlagenen und dem, der gebeugten Gemütes ist" (Jes. 57, 15). — Dieses Gefühl der Ehrfurcht war deshalb Urkeim jüdischer Frömmigkeit, nicht einer lähmenden, sondern einer anspornenden, zur Tat aufrufenden Frömmigkeit. Und es war die besondere Kraft dieser heiligen Tage, daß sie mit ihrer eindrucksvollen Hinlenkung auf die Ehrfurcht viel Starkes hervorriefen. Wie vernimmt der Jude unserer Zeit den Ruf der eliriurehtgebictenden Tage? Ehrfurcht ist ein Begriff, den der heutige Mensch am liebsten ganz aus seinem Wortschatze streichen möchte. Der Mensch unserer Tage ist in den Wundem der Technik groß geworden, oder vielmehr: er sieht in den Wundern der Technik nichts Außergewöhnliches mehr. Nichts überrascht ihn mehr. Daß er demnächst wird sehen können, was jenseits des großen Meeres sich abspielt, zwingt ihm kein Erstaunen mehr ab, denn er ist ja gewohnt, daß er über den ganzen Erdball hinweg hören kann. Wenn der Mensch nur will, meistert er jedes Problem. Wohl ist es noch ein gewagtes Unternehmen, mit dem Flugapparat über den Üzcan zu fliegen; aber wie lange noch, und es wird eine Selbstverständlichkeit sein wie heute die regelmäßigen Fluglinien. Und wie in Jen Fortschritten der Technik nichts Verwunderliches mehr empfunden wird, so in den menschlichen Unternehmungen überhaupt. Die Formen des Lobens, die gestern noch neu waren, sind heute schon veraltet, und die heutigen werden morgen schon wieder überholt sein. Ein kluger Kopf hat ein großes Werk aufgebaut. Ein Klügerer wird ihn morgen übertrumpfen. Ein genialer Forscher hat eine umstürzende Entdeckung gemacht. Ein glücklicherer Entdecker wird über ihn hinausragen: Alle (iröße gilt heute als nur relativ. Soll man Ehrfurcht empfinden vor menschlichem Schaffen, dem vielleicht nur zu bald der „Nimbus des Genialen" genommen sein wird? Der moderne Europäer ist in einen amerikanischen Taumel geraten. Wolkenkratzer, Meetings von Zehntausenden. Milliardenun'.ernchmungcn und — Ehrfurcht sind unausgleichbare Gegensätze. Fort mit den Hemmungen, die das Bewußtsein der Unausführbarkeit bereitet: Der Amerikaner ist groß geworden, weil er den Mut hatte, sich alles zuzutrauen. Er war nicht belastet mit Rücksichten auf Traditionen, vor denen er sich hätte beugen müssen; keine gesellschaftlichen Fesseln, keine klassenmäßigen Bindungen engten ihn ein. Wir auf dem alten Erdteil müssen uns in Amerikas Schule begeben, wenn wir vorwärts wollen. Und als erstes: frei werden von der Ehrfurcht, von dem Zagen vor dem Unmöglichen: es gibt keine Unmöglichkeiten. Zwangsläufig ist auch der Jude in diesen amerikanischen Taumel gezogen worden. Mancher hat sich willig diesem Reiz des Unermeßlichen überlassen. Seine Schaffenslust ergriff gern diese Steigerung der Ansprüche an sich selbst, denn seine Geistigkeit ließ ihn schnell das Geheimnis dieses Wachsens erfassen. Sehr viele andere haben nur ungern sich mitreißen lassen, denn ein sicherer Instinkt sagte ihnen, daß etwas Ungesundes in dieser Entwicklung liege. Aber sie hielten sie für unausweichlich: wer nicht mit den Jagenden vorwärts jagt, über den rast der Gang der Dinge zermalmend hinweg. Und sehr, sehr viele auch von denen, deren Lebenskreis einen nur engen Durchmesser hat, wollen wenigstens in dem einen sich als „modern" erweisen, daß sie die Ehrfurcht überwinden, daß sie das ganze Register der Schlagworte beherrschen, mit denen das Selbstgefühl des Modernen sich brüstet. Und nun erleben wir in unseren jüngsten Tagen, daß von Amerika selbst die eindringlichste Warnung vor diesem Amerikanismus zu uns hcrüberschallt. Die neueste Literatur, in der weitschauende Denker die Zustände zeichnen, wie sie dem Kenner der Verhältnisse sichtbar sind, zeigt uns. daß die Wirklichkeit in jenen so gepriesenen Landen so ganz anders ist, als wir vermeinten. Und auf Kongressen hören wir Amerikaner unverhohlen anerkennen, daß ihr Weg der falsche gewesen, daß sie nach dem bedächtigen Europa ausschauen, in dem alten Erdteil ihre Lehrer suchen. Die Schofarklänge der Neujahrstagc sollen uns vor allem wieder zur Ehrfurcht aufrufen. Sie ist ein seelisches Bedürfnis des Menschen, das er nicht ungestraft preisgeben darf. Die Entwicklung unseres modernen Lebens frißt am Marke des Menschlichsten am Menschen: an seiner Seele, gerade indem sie ihn ehrfurchtlos machen möchte. Sie kehrt den tiefsten Sinn aller Lebensäußerungen um. Ziel aller menschlichen Arbeit sollte sein, das Leben innerlich reicher und damit schöner, glücklicher zu machen. In Wahrheit entfernen wir uns mehr und mehr vom Genüsse des Lebens. Kaum, daß es wahre Feierstunden gibt, in denen der Mensch ganz er selbst sein darf. Er kann es nur sein, wenn er die Ehrfurcht Die nächste Nummer des qemelnrtehlattei erscheint Freitag, den 21. Oktober v, *