Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 21 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 OFMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG September 1932 Stützung als Wohliahrtserwerbsloser bezieht. Der Mantel an Geldmitteln hat leider weitere Auszahlungen im Berichtsjahre an die Erwerbslosen nicht gestattet Eine weitere Auszahlung an die Erwerbslosen hat im Monat Juli 1932 stattgefunden. In den letzten Wintermonaten sind wir dazu übergegangen, die Bestlmmungen über den freiwilligen Arbeitsdienst für unsere Erwerbslosen nutzbar zu machen. Vorgesehen sind gemeinnützige und zusätzliche Arbeiten auf unseren Friedhöfen. Je nach der Lage des Falles zahlt das Arbeitsamt oder das Fürsorgeamt aus Reichsmitteln Zuschüsse. In diesen feststehenden Zuschüssen haben wir aus den Mitteln, die uns für produktive Zwecke zur Verfügung stehen, Zuwendungen in Form von freien Mittagessen, Mietbeihilfen usw. vorgesehen. Wir beabsichtigen, etwa 30 Manu, und zwar In Gruppen von je 10 Mann, innerhalb 20 Wochen zu beschäftigen. Neben einer Arbeitszeit von täglich 6 Stunden sollen mindestens - weitere Stunden für geistige und körperliche Betätigung verwerklet werden. Die Zustimmung des Arbeitsamtes ist erst vor kurzem eingegangen: mit den Arbeiten ist begonnen worden. Zu gleicher Zeit hat das Lebrgut in Rodges vom Arbeitsamt Fulda die Bewilligung zur Ausführung von Arbeiten im Kähmen des freiwilligen Arbeitsdienstes erhalten. Rodges hat einige jüdische Erwerbslose aus Leipzig aufgenommen. Wie weit sich der Arbeitsdienst ausdehnen läßt, wird die Praxis erweisen. (Fortsetzung folgt.) Schließung des Jugendhauses? Mit Freude und Stolz und unter Teilnahme aller an Jugendpflege und Jugenderziehung interessierten Kreise wurde im Herbst 1931 das indische Jugendhaus in der Fisterstraße eingeweiht. Endlich war der Wunsch von fast 150(1 Jugendlichen unserer Gemeinde in Erfüllung gcgangen. Der jüdischen Jugend Leipzigs war ein Heim geschaffen, eine Stätte, an der sie sich ungehindert ihren idealen Bestrebungen hingeben knuiite. Sie brauchte nun nicht mehr Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, sie brauchte nicht mehr ungern geduldeter Nachbar in einer Mietskaserne zu sein, sie war in ihrem Heim in der FlsterstraUc „zu Hause". Sie ist dort noch zu Hause! Aber wie lange noch? Als das Jugendhaus eingeweiht wurde, trösteten wir uns über das hehlen eines gemeinsamen Spiel- und Lesezimmers, verschmerzten wir den Maugel dieses wahrhaft bindenden notwendigen Zentrums eines jeden Jugendheims, hofften wir, im Laufe der Zeit auch die Mittel zu erlangen, um dies zu schatten. Inzwischen haben sich die Jugendlichen nach ihren Bünden im Heim eingerichtet Es ist sicher zu niedrig gegriffen, wenn mit einer wöchent- ■ -;J^!l| :^ ll:l :, Es nahen die Feiertage Vergessen Sie nicht Ihre Glückwunschanzeige dem Gemeindeblatt zu geben: Annahmestellen für Anzeigen: Der Verlag, Cidioriusstralje 2a Telefon Nummer 60771 IWhhandlung M. W. Kaufmann, Brühl 8 Buchhandlung I. Schütz, Nordstrarje, Ecke Humboldlstrafje ' :!, I : I i M liehen Zahl von 1500 Heimbesuchern gerechnet wird, doch schon diese Zahl ergäbe, daß das Jugendhaus in den erst achtzehn Monaten seines Bestehens bereits eine Besucherzahl von über 110 000 Menschen unserer Gemeinde aufzuweisen hat. Dies allein beweist wohl schon genügend die außerordentliche Bedeutung, die dem Heim im Rahmen unseres Gemeindelebens zukommt. Da braucht nicht erwähnt zu werden, daß das Jugendhaus außer den Hcimzimmcru der Jugendbünde auch noch die Wohnung des Indischen Hand Werkerbundes (Beth Chuluz) in seinen Räumen birgt, daß der Jugendhaussaal sich zu dem Versammlungssaal unserer jüdischen Vereinigungen entwickelt hat. Ks braucht nicht erwähnt zu werden, daß die Räume des Jugendhauses im vergangenen Winter die grofle Kleidersammhuig des Jugendrings beherbergt haben, daß in ihnen die KindemachinittagC des Sozialressorts des Jugendrings stattfanden. Heute sind wir leider so weit, daß wir nicht wissen, ob und wie das Jugendhaus in den nächsten Monaten erhalten werden kann. Die Finanzierung des Jugendhauses erfolgt aus drei Quellen. In Erkenntnis der Bedeutung dieser Institution für das gesamte Gemcindcleben und vor allein für die Verbindung zwischen der Gemeinde und der heranwachsenden Generation hat die Gemcindelcitung einen Teil des Mietzinses zu tragen übernommen. Der Rest wird zu einem kleinen Teil durch die gelegentliche Vermietung von Räumen usw. aufgebracht. In der Hauptsache jedoch wirken die Jugendbünde selbst an der Erhaltung ihres Heimes mit. Nicht weniger als etwa 3500 M. haben die Bunde im Rechnungslahr 1931/32 aufgebracht, eine ganz besonders anerkennenswerte Leistung, wenn man bedenkt, daß nur kleinste Pfennigheträge von den Jugendlichen gegeben werden können. Aber es ist auch ein schönes Bewußtsein, daß sich jeder der jungen Heimbesucher sagen kann, auch er habe nach besten Kräften für die Erhaltung seines Heimes gesorgt. Zur Unterhaltung des Jugendhauses, für Wirtschaftsführung, Licht, Heizung usw., fehlten noch mehrere tausend Mark, auch bei erdenklichster Sparsamkeit. Hier griff Privatinitiative ein. Zahlreiche Mitglieder unserer Gemeinde, denen das Wohl der Jugend am Herzen liegt, Steuer, ten im Rahmen des dafür ins Leben gerufenen „Vereins Jüdisches Jugendhaus" das ihnen Angemessene zur Erhaltung des Hauses bei. Aber bei diesen Spenden s'nd in letzter Zeit immer zahlreichere Ausfälle zu verzeichnen. Und auch diejenigen, die zu geben in der Lage sind, verkürzten — entsprechend den gesunkenen Einkommensmöglichkelten — ihre Beiträge in außerordentlichem Maße. Ist dies berechtigt? Gerade in dieser Zeit hat man die doppelte Pflicht, sich vor Herabsetzung eines Beitrages zu fragen, ob sie im einzelnen Falle auch berechtigt sei. Denn es gibt zwei Arten von zu erhaltenden gemeinnützigen Institutionen. Die eine unterstützt einzelne in größtmöglicher Zahl. Eine Herabsetzung der Beiträge ist auch für sie bedauerlich, aber diese Herabsetzung engt den Wirkungskreis der Institution lediglich ein, sie zerstört nicht die Möglichkeit der Hilfe überhaupt. Anders die zweite Art: Hier muß zur Erreichung des Zweckes ein bestimmtes Maß an Mitteln vorhanden sein. Es gibt trotz aller Ersparungen eine unterste Grenze. Ist sie erreicht, so kann jeder Pfennig, der entzogen wird, den Zusammenbruch des Ganzen herbeiführen. So aber liegen die Dinge heim Jugendheim. Hier bedeutet Herabsetzung von Beiträgen heute die Unmöglichkeit der Fortführung des Hauses. Wer möchte dafür die Verantwortung übernehmen? Gerade in der Zeit schwerster wirtschaftlicher Not und schlimmster Anfeindungen, gerade in der Zeit schwerster Gefahr für den Bestand des Judentums muß das Jugendhaus, das heute von 1500 jungen Juden unserer Gemeinde besucht wird, erhalten bleiben! Wir glauben, daß diejenigen, die ihre Beiträge für die Erhaltung des Jugendhauses verkürzten, diesen Schritt nochmals ernstlich einer Nachprüfung unterziehen sollten. Wir wissen, daß zahlreiche Mitglieder unserer Gemeinde, deren Interesse an der jüdischen Jugendbildung bekannt ist, noch nicht ihr Teil zur Erhaltung des Hauses beigetragen haben. Schon mit kleinsten Monats- oder Jahresbeiträgen kann jeder diese Erhaltung gewährleisten helfen. Es ist daneben Pflicht eines jeden, auch andere für die wichtige Aufgabe zu gewinnen. Wir sind auch — trotz aller Not der Zeit — davon überzeugt, daß bei der demnächst stattfindenden Haussammlung, die Jugendbüude aller Richtungen für ihr Heim durchführen werden, niemand sich völlig den Bitten der Jugend verschließen wird. Dr. Pletrkowskl. Dr. Zander. Dr. Braude. Dr. Grübel. Hans Oesterreicher. Max Weiser. Jüdische Verbände und Gemeinden Plauen 1. V. (Gemcinderatssitzung.) Am Donnerstag, dem 7. Juli 1932, fand die dritte diesjährige Gemeinderatssitzung statt. Dem verstorbenen Ehrenbürger der Stadt Plauen, Herrn Bürgermeister Vetters, wird ein Nachruf gewidmet. Die Anwesenden haben sich hierzu von den Plätzen erhoben. Aus der sonstigen Reihe der Mitteilungen und Eingänge ist hervorzuheben, daß Herr Rabbiner Dr. Qoldmann, Leipzig, es übernommen hat, uns für die Hohen Feiertage einen liberalen Rabbinatskandidaten zu empfehlen. Weilerhin wurde eine Mitteilung des Sächsischen Wohlfahrtsministeriums verlesen, wonach Ausländer, welche Wohlfahrtsunterstützungen in Anspruch nehmen, aus diesem Grunde nicht ausgewiesen werden dürfen. — Von orthodoxer Seite wurde bemängelt, daß die Kosten des im städtischen König-Albcrt-Bades untergebrachten Ritualbades zu hoch sind. Der Vorstand wurde beauftragt, sich wegen Preissenkung mit dem Stadtrat in Verbindung zu setzen. Sodann erstattet der 1. Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Dr. Goldberg, einen ausführlichen Bericht über seine Teilnahme an der Vcrtreterversammlung der Jüdischen Landesverbände in Frankfurt und an der Tagung des Laudesverbandes der Sächsischen Jüdischen Gemeinden in Chemnitz. — Im weiteren Verlaufe der Beratungen wurde beschlossen, wegen der Ausgestaltung des Ehrengrabes für den verstorbenen Prediger Hcimann mit Herrn Architekt Landauer in München in Verbindung zu treten. — Nach der Neuwahl der gemeindlichen Ausschüsse erfolgte eine längere Beratung über eine neue Gebührenordnung, wobei der Vorstandsentwurf mit geringen Aendcrungn angenommen wurde und nunmehr der Kreishauptmannschaft zur Genehmigung vorzulegen ist. — Der wichtigste Punkt der Tagesordnung war die Annahme einer Stiftung des Vereins Chcvra-Kadischa. Hierzu führte Herr Karicl in längerer Rede aus, daß die Leichenhalle auf dem Friedhof in keiner Weise mehr dem Anwachsen der Gemeinde entspricht. Da die Gemeinde selbst keinerlei Mittel zum Um- bzw. Ausbau der Halle besitzt, hat sich die Chcvra-Kadischa entschlossen, die Vergrößerung der Halle und moderne Ausstattung auf eigene Kosten zu übernehmen. Der fertige Aus- bzw. Neubau soll sodann der Gemeinde als Stiftung übergeben werden. Diese hochherzige Tat der Chevra-Kadischa wird von allen Gemeindeverordneten dankbar anerkannt und der Vorsitzende dankt dem Redner nicht nur iür die Stiftung der Chevra, die im großen und ganzen auf dessen Initiative zurückzuführen ist. sondern dankt ihm auch weiterhin für die weitere Mitteilung, daß die Kosten des im städischen König-Albert-Bade untergebrachten lieh gibt der Vorsitzende davon Kenntnis, daß zufolge der gutachtlichen Acußerung der Herren Rabbiner Dr. Hofmaim, Frankfurt, Dr. M. Kahn, Bad Mergcntheim, Dr. Berlinger, Hall, und Dr. Münk, Berlin, die Abhaltung eines konservativen Gottesdienstes auch in der Hauptsynagoge zulässig ist, sofern während dieses Gottesdienstes das Orgelharmonium durch eine Rollwand oder Decke dem Blicke entzogen wird. Auf Vorschlag des Vorstandes soll die Absperrung des Chorraumes durch einen Vorhang alsbald erfolgen. Ein besonderer konservativer Gottesdienst wird daher in Zukunft nur noch an denjenigen Tagen zugelassen, an denen in der Hauptsynagoge liberaler Gottesdienst stattfindet. Diese Regelung bleibt selbstverständlich ohne Einfluß auf den streng orthodoxen Gottesdienst in der frommen Synagoge SchillerstraBe. Errichtung der ersten jüdischen Arbeiterkolonie — produktive Arbeitslosenhilfe - - Landwerk Neuendorf. Seit langem verfolgt die Hauptstellefür jüdische Wanderfürsorge das Projekt der Errichtung einer jüdischen Arbeiterkolonie. Nach Ueberwindung mannigfacher Schwierigkeiten ist es nunmehr mit der besonders großzügigen Unterstützung des Preußischen Wohlfahrtsministeriums, des Preußischen und der anderen jüdischen Landesverbände gelungen, das Gut Neuendorf bei Berlin zu übernehmen, das die Möglichkeiten gibt, in