Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 21 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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5.9. 32. (Bemei Auflage 4500 Stück t DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE Zlf I tl D7lfL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLIl^lW DER GEMEIN DEVERWALTUNGB Sc hrlf 1 le 11 ung : Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, Lohrstraße 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestaltet. Nummer 21 / Jahrgang 8 September 1932 Anzeigenannahme: Verlag Ernst Goldfreurd. Leipzig 0 5, Clchorlusstraße 2a Fernsprecher Nr. 60771 — Druck: Gebr. Junghanß, Leipzig 0 5 JULIUS FOLMANN Die Tätigkeit der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege Viele Monate schwersten wirtschaftlichen Ringens liegen hinter uns. Die Verschlechterung der allgemeinen Wirtschaftslage hat sich besonders In den Keilten unserer Glaubensgenossen ausgewirkt. Mehr und mehr wird der jüdische Arbeitnehmer systematisch vom Arbeitsmarkt verdrängt. Die antisemitische Hetze und die Arbeitslosigkeit der früheren Abnehmer behindert den jüdischen Kleingewerbetreibenden sowie den Händler, der schon sowieso schwer um sein tägliches Brot zu kämpfen hatte, fast vollkommen in der Ausübung seines Berufes. Die bestehende Not müßte jeden einzelnen verpflichten, in fester Verbundenheit mit der Gemeinschaft nach Wegen und Mitteln zur Abhilfe der Not zu suchen. Das Bewußtsein, die Not beim eigenen Bruder zu lindern, müßte alle Gegensätze überbrücken helfen. Durch die Zunahme der Hilfsbedürftigen kann die öffentliche Fürsorge sich kaum mit dem Schicksal des einzelnen eingehend befassen. Die Bewilligung von Unterstützung ist in der Hauptsache nach den im Gesetz verankerten Grundsätzen festgelegt. Unsere Aufgabe ist es, die öffentliche Wohlfahrtspflege in besonderen Notfällen zu ergänzen. Bei uns hat der Hilfsbedürftige Gelegenheit, sich auszusprechen. Wir durchleben ja täglich seine doppelten Bedrängnisse, die ihm als Mensch und Jude erwachsen. Wir wissen genau, daß in den jetzigen Zeiten politische Verhetzung oft genug die Ursache der Notlage ist. Die Achtung vor diesen Menschen nimmt zu, wenn man sieht, daß sie trotz schlechtester Lebensbedingungen ihren Lebensmut nicht verlieren. Da der Kreis unserer Betreuten sich aus arbeitswilligen Menschen zusammensetzt, die gern jede Gelegenheit zur Erlangung einer Beschäftigung ergreifen, bestärken wir sie immer wieder in ihrem Willen, sich wirtschaftlich selbständig zu macheu. Unsere Betreuung hört keineswegs bei der Gewährung eines Geldbetrages auf. Oberster Grundsatz unserer Fürsorge ist, den Ursachen der Notlage auf den Grund zu gehen. Es darf deshalb nicht als Neugierde unserer ehrenamtlichen Pflegerinnen oder des Fürsorgers angesehen werden, wenn wir eingehende Ermittlungen vornehmen. Die Angaben dienen uns, um die richtigen Maßnahmen zur Behebung der Not zu ergreifen. Voraussetzung für unsere Arbeit ist das Vertrauen des Gesuchstellers zu uns. Es kommt doch nur darauf an, Geldbeträge nicht planlos auszugeben, sondern mit den knappen, uns zur Verfügung stehenden Mitteln sachliche Arbeit zu leisten, damit nach Möglichkeit der ganze Kreis der Hilfsbedürftigen bedacht werden kann. Der Rückgang der Steuereingänge hat zur Einschränkung unserer Ausgaben leider auch auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege geführt. Mehr denn je zuvor mußte sich deshalb unsere Tätigkeit auf beratende und ergänzende Fürsorge beschränken; desto mehr mußten wir die öffentlichen Stellen heranziehen. Die Behörden sollen Zuwendungen, die die freie Wohlfahrtspflege oder ein Dritter zur Ergänzung der öffentlichen Fürsorge gewährt, ohne dazu eine rechtliche oder sittliche Pflicht zu haben, nach § 8 der Reichsgrundsätze über Voraussetzung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge nicht anrechnen. Nach den besonders schweren Wintermonaten soll hier eine kurze Uebersicht gegeben werden, wie wir im Rahmen der vorhandenen Mittel die Not zu lindern versuchten. Die zahlenmäßige Zusammenfassung läßt kaum erkennen, in welchem Umfange Schriftwechsel und Verhandlungen mündlicher und fernmündlicher Art erforderlich waren. Gegenüber aller Kritik, die an unserer Tätigkeit geübt wird, können wir nur betonen, daß unsere Mitarbeiter sich einzig und allein von dem Willen leiten lassen, den Hilfsbedürftigen zu helfen. Diese Zeilen sollen dazu beitragen, daß alle unsere Gemeindemitglieder uns in dieser großen menschlichen Aufgabe unterstützen, um das Los der Erwerbslosen und Unterstützungsempfänger zu erleichtern. Dies kann und wird nur erreicht werden, wenn alle Privatstellen und Organisationen mit uns Hand in Hand arbeiten. Eine unsachgemäße '• erteilung widerspricht jeder fortgeschrittenen Fürsorgetätigkeit. Famlllenhilfe. Im Mittelpunkt unserer Tätigkeit steht die Familienhilfe. Der Erhaltung der Familien wenden wir seit jeher unsere größte Sorge zu. Im ver..a.;geacn Geschäftsjahr sind wir, außer von Durchwanderern, |n 3796 Fällen von Gemeindemitgliedertl in unserer Sprechstunde aufgesucht worden. Im Winter ist die Besucherzahl bis zu 600 Im Monat angestiegen. Die bei uns eingehenden Gesuche werden unter der bewährten Leitung von Frau Rabbiner Else Cohn in der fast allwöchentlich stattfindenden Sitzung den ehrenamtlich tätigen Damen des Frauenbundes zur Anstellung von Ermitthingen übergeben. Erst die Mitarbeit des Frauenbundes ermöglicht uns, genaue Einsicht in die häuslichen Verhältnisse der Betreuten zu erlangen. Die mit Abhilfevorschlägen versehenen Gesuche werden zur endgültigen Beschlußfassung den Mtflgig stattfindenden Sitzungen des Fürsorgeausschusses vorgelegt. Im vergangenen Jahre haben 28 Fürsorgeaiisschußsitzungeti stattgefunden. Im vergangenen Geschäftsjahr haben wir 99 Darlehen ohne Bürgschaft von insgesamt 10 300 M. ausgegeben, abgesehen von den wesentlich höheren Beträgen, welche die Darlehenskasse ausgeliehen hat. Die Beträge belicfen sich im einzelnen auf 20—400 M., darunter für 31 Wandergewcrhcscheinc, die zum Teil gemeinsam mit dem Hilfsverein israelitischer Gewerbetreibender eingelöst worden sind. Die Rückzahlungsbedingungen waren so bemessen, daß sie ohne Einschränkung der Lebensbedürfnisse eingehalten werden konnten. Mit Gewährung dieser Beträge wollen wir die Erhaltung von Existenzen sichern und dazu beitragen, daß sich die Familien ohne fernere Inanspruchnahme fremder Hilfe selbst ernähren. In 191 Fällen haben wir Mietbeihilfen gewährt. Die Gesuche wegen Bezahlung der Mietrückstände haben sich in letzter Zeit derart gehäuit. daß wir nicht in der Lage waren, allen Anforderungen gerecht zu werden. Solange der Mietrückstand sich nur auf einen Monat erstreckt, lassen sich gewöhnlich noch Wege zur Vermeidung eines Anwachsens weiterer Mietschulden finden. Kommen aber die Leute erst zu uns, wenn die Rückstände sich schon angesammelt haben, ist unsere Hilfstätigkeit in Frage gestellt. Betreut wurden von uns im Jahre 1931/33 insgesamt 326 Familien und 160 ledige Personen. Mittelstandshille. Angesichts der zunehmenden Verarmung ehemaliger Angehöriger des begüterten Mittelstandes wurde vor einigen Jahren bei der Gemeinde eine Hilfskasse für den notleidenden Mittelstund eingerichtet, die sich besonderer Notfälle annimmt. Die Kasse ist außer einem kleinen Betrag, den sie aus dein Haushalt der Gemeinde erhält, auf Schenkungen angewiesen. Sie verdient, daß man ihrer bei Freud und Leid gedenke. Zuwendungen sind an die Genieindekasse zu richten. Lrwerbslosenfürsorge. Die tägliche Berührung mit jungen Menschen, die seit Monaten, oft sogar seit Jahren ohne Beschäftigung sind, erweckt ein erschütterndes Bild. Mißtrauen und Lcbensunmut sind das Zeichen dieser depremlerten Jugend. Mögen die jüdischen Arbeitgeber stets der Not dieser Menschen eingedenk sein. Es ist erschreckend, daß augenblicklich etwa400 jüdische Erwerbslose in Leipzig vorhanden sind. Bedenken, die man hin und wieder gegen die jüdischen Arbeiter hört, sollten doch angesichts der wachsenden Not zumindest von den jüdischen Arbeitgebern fallen gelassen werden. In einer Zeit, in der der jüdische Arbeitnehmer im allgemeinen Erwerbsleben nur sehr schwer Stellung findet, müßte sich der jüdische Arbeitgeber seiner Verantwortung diesem gegenüber bewußt sein. Da der Schrei nach Arbeit und Beschäftigung zum Teil angehört verklingt, sind leider die Erwerbslosen wider Willen gezwungen, geldliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Gefahren, denen diese jungen beschäftigungslosen Menschen ausgesetzt sind, kann nur der sehen, der zwischen Ihnen steht und mit ihnen fühlt. Es ist keine leichte Aufgabe, die Verzweifelten wieder lebensmutig zu machen und ihnen die Hoffnung auf Ueberwindung der bestehenden Krise wiederzugeben. Im vergangenen Winter haben wir eine einmalige Beihilfe von 8 M. an ledige und 12 Mark an verheiratete Erwerbslose verteilt. Es wurden 321 Erwerbslose bedacht. Die Namen der Erwerbslosen wurden von den in Leipzig bestehenden Erwerbslosenausschüssen angegeben. Voraussetzung für die Gewährung der einmaligen Beihilfe war der Nachweis, daß der Gesuchsteller Arbeitslosen-, Krisen- oder Unter-