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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-07-01 · 19 (7.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
19 (7.1932)
Date
1932-07-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Juli 1032 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite :« Gemein dea nla ge 1932 E Ja die Festsetzung der Gemeindeanlage 1902 erst erfolgen kann, wenn von den Finanzämtern die erforderlichen Unterlagen vorliegen, wird zunächst eine Abschlagszahlung auf die Gemeindeanlage 1932 erhoben. Dieselbe beträgt ein Drittel des Gesamtbetrages der Gemeindeanlage 19.31. Als Fälligkeitstag für die Abschlagszahlung ist der IS« Jllll 1932 festgesetzt. Die Steuerpflichtigen werden gebeten, die Abschlagszahlungen zu dem obengenannten Fälligkeitstag zu entrichten und bei der Zahlung die Hebebuchnummer des Steuerbescheides für die Gcmeindeanlage ig3i anzugeben. Die Gemeindekasse, Löhrstrafie 10, I, ist werktäglich geöffnet von 9—1 Uhr. Die Gemeinde hat Postscheckkonto Leipzig Nr. 5oö33, Bankkonto bei der Stadt- und Girobank und B. Breslauer, Leipzig. Uber die Höhe des Steuersatzes und die Fälligkeit der weiteren Zahlungen folgt später noch besondere Bekanntmachung. Leipzig, den 22. Juni 1932 Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig Und unsere Armen? Von Gemeinderabbiner G. Cohn Je nach der Einstellung kann das Jüdische der deutlich bestimmende Faktor im Leben des Juden sein oder auch mehr vom Untergründe aus seinen Einfluß Kcltend machen. In einem aber gibt es oder — sollte es doch keinen Unterschied In der Betätigung des Jtidcseins Reben: in der Anerkennung der Verpflichtung gegenüber der jüdischen Gemeinschaft, zumal dann, wenn es KÜt, dem leidenden Hruder oder der hilfsbedürftigen Schwester zur Seite zu stehen, sie nie zu verlassen in ihrer Not. Es gilt als ein unumstößlicher Grundsatz, selbst bei den ärgsten Verächtern unserer Gemeinschaft, daß Juden zusammenstehen, um Keinen umkommen zu lassen, daß in ihnen ein unerschütterlicher Hilf s willc lebt. So kennzeichnete auch schon vor anderthalb Jahrtausenden der Talmud die Juden als rachama lim bnc rachamanlm, als Barmherzige, Kinder von Barmherzigen. Und so haben die Juden in der Tat es stets als ihre schönste Tugend gchandhabt, nie zu versagen, wenn der Ruf an ilir Herz drang, leidenden Menschen zu helfen. Bei solchem Tun gab es keinen, der sich absonderte, der nicht nach seinen Kräften und nicht selten über seine Kräfte hl 11 a u s beitrug, wenn es galt, ein Hilfswerk aufzurichten. Und mau wußte, daß hierbei nur im Zusammenschluß die Icweillgen Forderungen erfüllt werden konnten. Darum wurde von Heginn aller Gemcindcbildung an neben den Aufgaben des Kultus die Fürsorge für die Armen als eine wesentliche Pflicht für die Gemeinde nachtet und durchgeführt. Es war möglich, eine jüdische organisierte Wohlfahrtsarbeit aufzubauen, lange, che es solche Einrichtungen in dun bürgerlichen Gemeinden gab. Und vor allein: in Zeiten, in denen die Juden ganz auf sich seihst gestellt waren, keinen Anspruch auf Hilfe bei den öffentlichen Eürsorgceinrichtungcri hatten, vermochten sie aus eigener Kraft zu schaffen, was zur Linderung der Not in ihren 1 Igenen Reihen geschehen mußte. Es ist notwendig, auf alles dies hinzuweisen, In einer Zeit, in der die Not in einem Ausmaße, wie es seit Jahrzehnten nicht einmal .eahnt werden konnte, gewachsen ist. Es bedarf keines Eingehens auf 'Einzelheiten: sie stehen so kraß und in so erschütternder Furchtbarkeit . or aller Augen, daß jedes Wort, mit dem man versuchen wollte, sie zu schildern, nur abschwächen könnte, weil es an Worten fehlt, die die Wirklichkeit treffen könnten. Und doch muß davon gesprochen werden, weil so sehr viel über las Opfer geklagt wird, das die Gemeinde von ihren Mitgliedern forlert, fordern muß, wenn sie ihre Aufgaben erfüllen soll; und weil s Juden gibt, die gar im Hinblick auf die „Größe" dieses Opfers mit lern Gedanken spielen, ihrer Gemeinde den Rücken zu kehren oder olhst tatsächlich ihren Austritt aus der Gemeinde vollziehen. Den Eingeweihten ist längst — nicht ohne Beschämung — deutlich geworlen, daß solches Stöhnen vorwiegend in Kreisen begegnet, die ein iitiges Geschick von dem allgemeinen Niedergang noch verschont hat, denen dieses „Opfer" in Wahrheit noch nicht einmal ein wirkliches 1 Wer bedeutet. Es droht der jüdischen Gemeinde die Gefahr, daß das alte Wort seine Bedeutung einbüßt: „En Zihbur oni". Nie ist eine Gemeinde arm. S 'lange in jedem Juden die Bereitschaft zum Opfer lebt, zum Opfer nach der Kraft des Vermögens, kann eine Gemeinde jedes Werk vollbringen: auch dann, wenn eine allgemeine Verarmung einem jeden Beschränkungen auferlegt. Alle Instanzen sind sich der ungeheuren hwere bewußt, mit der heute der Existenzkampf geführt werden muß: wir sind verarmt. Das Volk in seiner Gesamtheit. Aber — der Ji.de trägt noch um cm erkleckliches Maß schwerer an der Not der läge. Darum wird mit jeder Mark, die aus den von der Gesamtheit aufgebrachten Mitteln für Hilfszweckc verwendet wird, gewissenhaft und verantwortungsbewußt umgegangen. Alle anderen Quellen, aus denen irgend geschöpft werden kann, werden erschlossen, um den Bedarf an Gemeindcmitteln zu mindern und das Vorhandene für Zwecke freizumachen, die unumgänglich sind. Aber dieses Unumgängliche muß der (i cm ein de für ihre Fürsorge zur Verfügung bleiben, wenn anders sie noch Anspruch darauf erheben soll, als eine uidische Gemeinde erhalten zu bleiben. Schwer war der Entschluß für die in der Fürsorge tätigen Beamten und freiwilligen Helfer, Hilfsbedürftige an die öffentlichen Stellen zu verweisen: nur so war es in den letzten Jahren möglich, in zahlreichen Fällen einzugreifen, in denen über d;c gesetzliche Fürsorge hinaus Hilfsleistungen geboten waren oder in denen — besonders hei Ausländern — die gesetzliche Fürsorge versagte. Es bedarf keiner Erwähnung, daß die helfende Tätigkeit einen Unterschied zwischen deutelten und ausländischen Juden, zwischen Ost und West nicht kennen darf und nicht kennt. Grundsätzlich erkennt ja auch das Gesetz jedem in Not Geratenen — auch dem Ausländer — dort, wo seine Notlage über ihn kommt, Anspruch auf Hilfe zu. Um wie viel weniger dürften wir in unserer Gemeinde uns einem Bedürftigen entziehen, weil seine Wiege oder gar nur die seiner Eltern nicht in Deutschland gestanden hat; ist es doch nur zu gut bekannt, wie vielen unter ihnen, trotz größter Anstrengungen, die Einbürgerung in Deutschland versagt worden ist. Und nie sollte vergessen werden, daß gerade wir Juden keinen unserer Brüder als Fremden behandeln dürfen. Wie oit in vergangenen Jahrhunderten haben Juden aus Deutschland in andere Länder wandern müssen und waren auf die brüderliche Hilfe der dort ansässigen Juden angewiesen. Von Monat zu Monat schrumpft auch die Entlastung zusammen, die seitens der öffentlichen Stellen erreicht wurde: obwohl dadurch und durch die sich steigernde Not die Anforderungen dauernd wachsen, stehen wir Woche für Woche in unserer Fürsorgearbeit vor der erschütternden Zwangslage, Hilfe versagen zu müssen, wo jeder einzelne von der Notwendigkeit zu helfen, tief durchdrungen ist. Es geschieht gewiß, was nur irgend im Rahmen der gegebenen Mittel unternommen werden kann. Und es darf gesagt werden: es ist dank des Eingreifens der Gemeindefürsorge noch niemand in unserer Gemeinde verhungert: aber es muß rückhaltlos ausgesprochen werden: viele hungern! Greise, in ihrer Gebrechlichkeit dem Leben nicht mehr gewachsen, müssen Tag um Tag für das Nötigste zum Lebensunterhalt kämpfen: Kranke, die mit einiger Pflege vor dem Siechtum bewahrt werden könnten, müssen oft in ihrer Hoffnung auf Hetlmöglichkeiten enttäuscht werden: untcrernährtc Kinder, die, bei entsprechender Versorgung gekräftigt und gesund erhalten, einmal ihren Eltern Stütze im Alter sein könnten, müssen verkümmern: junge Menschen können nicht in der Ausbildung ihrer Berufstüchtigkeit gefördert werden: in vielen Familien schwellen Monat für Monat die Mietnickstände an: sie sind dauernd von Obdachlosigkeit bedroht. In all diesen und bunderten ähnlicher Fälle wird seitens der Genicindefürsorge nichts unterlassen, um das Acußerstc abzuwenden. Aber was auch geschehen kann, reicht nicht im entferntesten hin. um wirklich und nachhaltig zu helfen. Wohl wird die Arbeit der Gemeinde durch eine Reihe ungemein rühriger und in der Aufbringung von Mitteln wie in ihren Leistungen anerkennenswerter Wohlfahrtsorganisationen ergänzt. Doch auch au ihnen ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen: und sie leiden unter dem gleichen Helfenwollen und nur begrenzt Helfenkönnen. Und auch sie erwarten deshalb Stützung in der Gemeinde, die sich ihnen versagen muß. Dürfte es bei alledem e i n e 11 Juden innerhalb unserer Gemeinde geben, der opfern kann und doch darüber murrt, daß er opfern soll? Der nicht, freudig und dankbar gegen ein gütiges Geschick, bei jedem besonderen Genuß, den er sich bereiten kann, all jener Hunderte von Unglücklichen gedenkt? Ja. wir gehen im Hinblick auf alte jüdische Tradition noch einen erheblichen Schritt weiter. In schwersten Zeiten hat sich das jüdische Gemeinschaftsgefühl immer am schönsten bewährt. Die stärksten Zeugnisse für die Kraft jüdischen Bewußtseins sind einst immer dann aufgerichtet worden, wenn das Leben der Juden von Druck belastet war. Dann regte sich überall schönste Freiwilligkeit und ein rührender Wetteifer, zu helfen. Auch heute könnten wir mit Stolz Namen von Männern und Frauen in unseier Mitte nennen, die nie vergebens auf eine Möglichkeit hingewiesen werden, aus gütigem, den Nöten der Zeit verständnisvoll gegenüberstehendem Herzen sich nicht versagen. Aber die Aufgaben sind so groß, daß die freiwillige Leistung außerordentlich gesteigert werden müßte. Denn es gibt neben der physischen Not ungeheuer viel seelisches Leid, das gelindert werden müßte, aber nur gelindert werden kann, wenn dafür besondere Mittel zur Verfügung stehen. Wir denken in erster Reihe an den notleidenden Mittelstand. Menschen, die früher selber geholfen haben und die. jetzt auf Hilfe angewiesen, durch ihre Kenntnisse und Fähigkeiten wieder zu Gebenden werden könnten, wenn man ihnen über vorübergehende Schwierigkeiten hinweghelfen, sie davor bewahren könnte, seelisch zermürbt zu werden. Bei der Gemeinde besteht für diesen Zweck die „Hilfskasse für den notleidenden Mittelstand". Diese und manche andere aus der Not der Zeit entstandene Einrichtung bedarf reicher freiwilliger Zuwendungen, wenn sie ihre Aufgaben erfüllen sollen. Das jüdische Herz, der Wille zu helfen, dein verarmenden und dem verarmten Bruder zur Seite zu stehen, hat ja im Grunde nie aufgehört, sich zu bewähren.. Es bedurfte vielleicht nur einmal einer Aufklärung, um es wieder zu alter, freudiger Kraft anzuregen.

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