Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 19 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Juli 1932 wer i in V e r b n n de mit seinen Glaubensgenosse n für indische und sittliche Ideale wirkt. Judentum ohne Gemeinschaft, ohne Gemeindezugehörigkeit Eibl es nicht, es wäre ein Judentum der hohlen Phrase, der widerlichen Deklamation. Ks ist aber auch ein Bekenntnis zur Torheit, denn die Welt des Judenhasses fragt nicht danach, ob einer, der jüdischen Stammes ist. der Gemeinde angehört oder nicht. Sie schlingt die schmerzenden und einschneidenden Fesseln ihrer Feindschaft um alle. Und es kann dem aus seiner Gemeinde ausgetretenen ...luden" sehr wohl passieren, daü er eines Tages sehr dringend des Schutzes oder der Hille der jüdischen Gemeinde und ihrer Organisationen bedarf, und daß er als Abtrünniger mit seiner Not vor verschlossenen Türen sieht. Das Wort unserer Väter hat tiefen Sinn: „AI tifrausch min h a z 1 b b u r I Sondere Dich nicht von der Qe m e i Ii d e a I)! " Die elementare Klugheit sollte einen jeden Juden gerade in heutiger Zeit dazu zwingen, mit aller Kraft der Gemeinde treu zu bleiben und die Institutionen des Judentums aufrechtzuerhalten. Und in unseren Tagen, die so viel Wandel im Schicksal der Menschen gesehen haben, die hundertfach miterlebt haben, wie aus Millionären und reichen Leuten Mettler geworden sind, hat das darum besondere Bedeutung, weil der ausgetretene Jude, der In der Welt als Jude auch weiter gilt, kaum Aussicht hat. anderswo Anschluß zu finden oder, im schlimmsten Falle, von den allgemeinen Wohliahrtneüiriehtungen unterstützt zu werden, wenn er einmal in Not gerät! Kr setzt sich zwischen zwei Stühle! Von Erwägungen ethischer und religiöser Art kann man ihm gegenüber an dieser Stelle absehen. Das sittliche Argument der Achtung vor der Tradition, der Appell an die Ehrfurcht vor den Opfern an Blut und Gut. die die Väter für das Judentum gebracht haben, verfängt gewiß nicht bei Menschen, die um einer mehr oder minder großen Steuersumme willen Glauben, Tradition, Gemeinschaft und Gemeinde aufgeben. Aber die Klugheit sollte sie lehren, daß man einen Zusammenhang nicht zerstören sollte, wenn man die Unmöglichkeit begreift, einen anderen Anschluß ZU gewinnen und dem Judcnhassc zu entgehen. Schwere Zeiten brechen an für die Schar der Treuen! Wieder ersteht für die deutsche Judeiiheit eine Zeit der Opfer! Die Armut wächst von Tag zu Tag! Iis gilt Wunden zu heilen, Tränen zu trocknen' Darüber hinaus aber gilt es, furchtlos und unentwegt zu kämpfe' um das Recht: Auswüchsen des Hasses muß entgegen getreten werden, dem einzelnen Juden muß das bedrückende Gefühl de Hilflosigkeit ferngehalten, sein Selbstbewußtsein muß gestärki Aufklärung über Juden und Judentum muß verbreite werden. Wenn auch alle diese Aufgaben mehr oder weniger den Krei der Politik berühren, so daß sie zum Tätigkeitsgebiet einer Religio n s gemeinde nicht gehören, so ist doch für ihre erfolgreiche Durch führung Voraussetzung, daß es eine einheitliche und feste Gemeinde gibt, deren Glieder man für diese Ziele begeistern und gewinnen kam Und schließlich darf mau gerade In schwerer Zeit das rein Ideal nicht vergessen! Die Wissenschaft des Judentums, die Erforschung seiner Geschichte und seiner Probleme darf nicht leiden. Die Gemeinschaft muß auf dem sicheren Grunde der Erkenntnis der Vergangenheit, die allein die Zukunft gewährleistet, sich auferbauen. Ebensowenig darf man auch übersehen, daß die deutsche Juden hei: nur ein Teil einer umfassenden, großen Wc 11 r c 1 i g I o n ist, daß jenseits der Grenzen auch Juden wohnen, denen es ineis; noch schlechter geht als uns. denen zu helfen nach alter religiöser Vorschrift auch denen Pflicht sein muß. die selber leiden! Wie aber soll mau solchen Idealismus zu praktischer Tat werden lassen, wem: die grundlegende Organisation, die den Aufruf an die gemeinsame Verpflichtung aufnimmt und weiterleitet, wenn die Genie in de zerschlagen ist? Wer von der Einigkeit und Einheit des Judentums, sei es auf dem engen Boden unseres deutschen Vaterlandes, sei es draußen in der großen Welt, redet, treibt Politik im leeren Räume, wenn er nicht zur Sicherung der elementarsten Porm des Einheitsstrebens beiträgt und die Gemeinde erhält! Die Zeichen der Zeit sind trübe! Die Gemeinde beginnt zu zerbröckeln! Denken wir daran, daß sie die (i rund mau er ist! Seien wir uns unserer Verantwortung der Vergangenheit und der Zukuuf: gegenüber bewußt! Ohne Gemeinde gibt es kein Judentum, keine Verwirklichung jüdisch-religiösen Wullens, keine Zukunft! Verbreiten wir diese Erkenntnis in allen Häusern, in allen Seelen! ..AI tifrausch min h a z i b b u r! Sondere Dich nicht von der Gemeinde ab!" Die Gemeinde und ihre Kultuseinrichtungen Von Gemeinderabbiner Dr. E. Carlebach Unser Judentum ist eine Religion der Tat. Es begnügt sich nicht damit, von seinen Bekeiinern Gedanken und Gesinnungen zu fordern, es verlangt vielmehr, daß die Gesinnung sich in religiöser Betätigung dokumentiere, oder, besser gesagt, es schreibt ganz bestimmte Uebungen \<>r. um mit deren Hilfe edle Gedanken zu wecken, auf Herz und Gemüt einzuwirken. Jedes jüdische Gesetz ist als eine Botschaft Gottes an den Menschen aufzufassen. Jedes Gesetz will die menschliche Gedankenrichtung beeindrucken, will ein Gegengift sein gegen die natürliche Schwäche, eine Bekämpfung der Bestie im Menschen, eine Stählung des Charakters. Man darf darum alles, was die Thora gebietet, als ein auf pädagogischer Weisheit beruhendes Erziehungsmittel ansprechen. Als Jude leben heißt, durch ständiges Ueben, Trainieren und Gewöhnen sich von allem, was niedrig, häßlich, allzu irdisch ist. läutern, um so zu geistiger und sittlicher Vollkommenheit zu gelangen. Welchen anderen Zweck sollten wohl die vielen, vielen Beschränkungen im Genuß verfolgen, die „Entziehungskuren", die das Judentum seinen Bekeiinern auferlegt, als uns die Fähigkeit zur Verzichtleistung anzuerziehen. Es gibt Genüsse, die nicht nur wir, sondern die kultivierte Menschheit überhaupt zu den verbotenen rechnet, Genüsse, die dem. der sie sich verschafft, auch gesellschaftliche Verachtung eintragen. Was nur rituell untersagt ist. gilt im allgemeinen nicht als verabscheuungswflrdig; wer aber sich an die vom jüdischen Gesetz gezogenen Grenzen hält, ist ganz gewiß dagegen gefeit, die Schranken niederzureißen, die vom allgemeinen sittlichen Empfinden, teilweise auch vom Staatsgesetz gezogen sind. Ihren Mitgliedern eine Lebensweise in den Bahnen des jüdischen 'ievetz.es zu ermöglichen, ist Selbstverständlich heilige Pflicht jeder jüdischen Gemeinde. Wenn der einzelne zum Verbotenen greifen muß. Weil das Erlaubte nicht vorhanden ist. so trifft die Verantwortung die Gesamtheit, die sich nicht zur Beschaffung des Gestatteten zusammengeschlossen hat. Eine jüdische Gemeinde muß für Kascbrus sorgen. Der dazugehörige Apparat ist ein ungeheuer großer. Oualifizierte Beamte sind dazu notwendig, damit das Schächten, das Entadern, das Salzen und das Wässern des Fleisches ganz nach Vorschrift geschehe, und Männer, die da^ Ganze überwachen, uas pflichtgemäße Verhalten aller Funktionäre kontrollieren, sind erforderlich. Nur eine Gemeinde, die die Kräfte der einzelnen zusammenfallt, ist solcher Aufgabe gewachsen. Da sage mau nicht, in Zeilen, in denen in so vielen Häusern das tägliche Brot fehlt, habe man größere Sorgen, wo es gälte, den Hungernden zu sättigen, müssen rituelle Bcdcnklichkcitcn fortfallen, da sei es nicht von Bedeutung, ob die Zubereitung dem Gesetze und dem Herkommen entspricht. Solche Anschauung ist längst als irrig erwiesen. Die Not unserer Zeit ist ganz gewiß nicht nur körperlicher, sie ist vielmehr in gleichem Maße geistiger und seelischer Natur. Wer den Ernst und den Nachdruck kennt, mit dem unsere Religion ihre Postulate stellt, den kategorischen Imperativ, au den der in diesem Sinne Erzogene von Kindheit an gewöhnt ist, wird selbst dem buchstäblich Hungernden nicht zumuten, daß er mit verbotener Speise des Leibes Notdurft stillet. Der innere Widerstund, das pochende Gewissen, die sich aufbäumende Seele sind Faktoren, diu mau nicht unbeachtet lassen kann. Der gesetzestreue Jude leidet liebet Hungerqualtn, als daß er trefo ißt, er geht bis an die äußerste Grenze des überhaupt Erträglichen, ehe er das in sich aufnimmt, was die heilige Schrift als „unrein" bezeichnet. Die Zahl der jungen Menschen ist ganz gewiß nicht klein, die mit einein Heroismus, der seinesgleichen sucht, nicht einmal Im Kriege rituell Verbotenes gegessen haben, die lieber zu einer harten Brotrinde griffen als zu wohlschmeckender, aber nicht nach Vorschrift zubereiteter Nahrung. Keine Notzeit kann eine Gemeinde entschuldigen, die nicht für Kaschrus sorgen würde. Unsere Gemeinde hat auf diesem Gebiete eine Musterinstitution geschaffen. Sie in u ß erhalten bleiben. Aber sie verschlingt große Summen, und sie kann nur dann weiter auf der Höhe bleiben, wenn jeder seine Pflicht der Gemeinde gegenüber tut. Auel der anderer Anschauung Huldigende, die Verbindlichkeit des altei Gesetzes Negierende kann — schon aus Gründen der Solidarität - sich davon nicht frei machen. Es muß jedem daran liegen, daß du Gemeinde ihren Charakter als Hort der Religion nicht einbüße. Und das gleiche gilt für alle anderen Einrichtungen, die im Interesse des Rituals liegen. Es sei noch ein Beispiel angeführt, und zwai ein solches, von dem im allgemeinen nicht gern gesprochen wird: du Mikwe. Es ist ein Grundirrtum, wenn man in ihr eine aus grauen Altertum stammende Institution erblickt, die der körperlichen Reiniguu; dient. Davon kann keine Rede sein. Sic hat einen rein symbolischer Charakter, sie will Reinheit und Lauterkeit der Gesinnung hervorrufen und spielt darum im jüdischen Leben gerade bei den Anlässen eine Rolle, bei denen die Gefahr an der Oberfläche liegt, daß unlauteren, unkeuschen Gedankengängen Raum gewährt wird. Daß die jüdisch. Ehe nicht eine Vereinigung ist, um sinnlicher Leidenschaft Genüge tu tun. daß vielmehr die Beziehungen der Gatten zueinander etwas Vor nehin-Dezentes, ja etwas Weihevoll-Heiliges au sich tragen sollen, da wird durch die Verpflichtung ausgedrückt, die mit dem religiösen Tauch bade zusammenhängt. Iii einem kleinen, leider nicht viel gekannten Werkchen, „Der Ziom Tochter Liebe und Leben", wird in besonders ansprechender Weise ausgesprochen, was in frommen jüdischen Häusern von diesem Gesetze gehalten wird. Am Tage vor der Hochzeit führt die Brautmutter iln Kind in dieses Bad, und die Braut, die später von ihrem Werden zur jüdischen Frau berichtet, sagt darüber: „Siehe, die Gute, sie führet mich selber Hin zu der Reinheit verjüngendem Ouell, Daß Körper und Seele, Himmel und Erde Sich innig vereine, verbinde, gesell'." Ein gesetzestreuer Jude mag in der Stadt nicht leben, in der die Gelegenheit zu diesem Tauchbade nicht vorhanden ist. Dasselbe hat zwar im Leben der thoratreuen deutschen Juden für Männer nicht die gleiche Bedeutung wie z. B. bei den Chassidim. Aber auch in Deutschland wird es so leicht keinen gewissenhaften jüdischen Minn gaben, der nicht am Rüsttage zum Jaum Kippur dieses Bad benutzt und gerade dadurch in die richtige Stimmung des heiligen Tages versetzt und von dem Gedanken gepackt wird, daß alle Schlacken und Flecken seiner Seele heute gesäubert werden müssen, so wie sein Körper in dem nach Gesetzesvorschrift eingerichteten Bade die Reinheit empfängt. Wir haben eine Mikwe: die Gemeinde wendet Tausende für sie auf. Unausdenkbar wäre es für alle, die dem traditionellen Gedankenkreise huldigen, wenn aus Mangel an Mitteln dieses Bad geschlossen werden müßte. Wiederum ist zu betonen, daß kein der jüdischen Ueb<r* lieferung noch so Fernstehender sich der Pflicht entziehen kann, für seinen Teil daran mitzuarbeiten, daß das ethalten bleibt, was so vielen stark empfundenes seelisches Bedürfnis ist.