Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 19 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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t Auflage 5000 Stück _ &. v/ ßemeiuöeblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGION SGEM&IN DE- ZV I t| \yj\Cwm AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I l!ilV7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« : Ich r I f 118 11 u ng : Gameinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, : ••••rstraße 10 — Nachdruck nur mit Quallenangabe und mit Genehmigung dee Verfassers gestaltet. Nummer 19 / Jahrgang 8 Juli 1932 Anzeigenannahme: Verlag Ernst Goldfreund, Leipzig 0 5, ClchorlusatraBa 2a Fernsprecher Nr. 60771 — Druck: Gebr. JunghanB, Leipzig 0 S Zum iHiedererscheinen des Geneindehlaites! Nach zweimonatiger Unterbrechung nehmen wir mit der vorliegenden Nummer das Erscheinen unseres Gemeindeblattes wieder auf. Wider Erwarten hat sich die Neuregelung länger verzögert, als allen Beteiligten erwünscht gewesen ist. Eine große Fülle von schriftlichen und mündlichen Äußerungen hat uns gezeigt, wiesehr das Gemeindeblatt zu einem unentbehrlichen Bedürfnisfür die Gemeindemitglieder geworden ist. Wir freuen uns, daß es gelungen ist, das Erscheinen unseres Blattes nunmehr sicherzustellen und bitten alle Beteiligten, auch künftighin uns ihr Vertrauen zu bewahren. Für die Sommermonate ist vorerst ein monatliches Erscheinen des Gemeindeblattes vorgesehen. Im Herbst, wenn das Gemeindeleben wieder größere Rührigkeit aufweist, wird zu häufigerem Erscheinen übergegangen werden. Jede einzelne Nummer wird den Erscheinungstag der nächsten Nummer und einen Hinweis auf Redaktionsschluß enthalten. Der Voretand der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig Die Schriftleitung des Gemeindeblattes Gemeindekrise und Untergang des Judentums Von Gemeinderabbiner Dr. Felix Goldmann Vor einem Vierteljahrhundert, zu einer Zeit, da das deutsche ludentum sich des Wohlstandes erfreute, da seine Gemeinden und < »rganisutionen blühten, da Logen, Vereine, Wohlfahrtseinrichtungen nd wissenschaftliche Gesellschaften Aufgaben erfüllten, die über den ngen deutschen Kreis hinaus der Judenheit der ganzen Welt zu gewaltig wirkendem Segen wurden, erklang — dem gellenden Mahnruf ines Propheten vergleichbar — das Wort vom „Untergang der deutschen Juden". Taufen. Mischehen, Austritte aus der Gemeinde wirkten zusammen mit der ständig zurückgehenden Geburtenzahl, um das deutsche Judentum zu dezimieren! Ein endloses Pür und Wider erhob sich in Versammlungen, in den Zeitungen, auf den Kanin. Wie immer in jüdischen Kreisen, versuchte man — je nach der 1 urteistellung — die unangenehmen Feststellungen in tiefsinnigen und x-'istreichen Diskussionen fortzudisputieren oder zu übertreiben. Aber es wurde doch schlimm! Wenn vor dem Kriege die Krise sich nicht auswirkte, so lag es daran, daß man noch immer Geld hatte! Wurden auch die Menschenmassen immer geringer — seit vier Jahrzehnten geht das deutsche Judentum an Zahl ständig zurück — M konnte man wenigstens die Institutionen aufrechterhalten und monatlich eine neue gründen. Der Krieg und die Inflation brachten auch hierin eine Aenderung. Das wirtschaftliche Problem pochte an die Pforten des deutschen Judentums. Die Industrialisierung, die Kon- ■antrationsbewegung im Wirtschaftsleben, der Kollektivismus, die siegreich ihren Einzug hielten, zerstörten den Mittelstand! Und da die Juden nun einmal in der großen Hauptsache Mittelstand waren, wurden sie die ersten Opfer. Ueber Nacht waren die Juden — große Schichten von ihnen wenigstens — arme Leute geworden, und was der Feind in der Wirtschaftsgestaltung übrigließ, begann die Politik zu berennen. Der Judenhaß loderte wild auf und suchte die Juden aus lfder Stellung zu werfen, die ihnen noch Lebensmöglichkeit gewährte. Anders als man es sich gedacht hatte, ließ sich der Untergang an. Man hatte geglaubt, daß schließlich nur noch reiche Institutionen vorhanden sein würden, denen die Menschen fehlten. In Wahrheit aber gingen die Organisationen zuerst zugrunde, ihr Kapital schwand, ihre Einnahmen gingen zurück, und nur mit Mühe arbeiteten und arbeiten sie weiter. Wenn man feststellt, daß man heute in einem jüdischen Altersheim, in einem Krankenhaus, in einer Waise n anstatt keinen Freiplatz mehr gewähren kann, ist die Lage charakterisiert! Zwar sind die Taufen zurückgegangen, denn in der Zeit des Rassenantisemitismus nutzt der Uebergang zur herrschenden Religion nichts! Aber der Ueberschuß der Todesfälle über die Geburten hat eine erschreckende Höhe angenommen, die Mischehen sind so gewöhnlich geworden, daß mau nichts dabei findet, wenn selbst Führer des Judentums sie eingehen oder sie ihren Kindern gestatten! Und in neuerer Zeit nagt noch der Austritt aus der Gemeinde an dem schon morsch gewordenen Stamme! Die Fülle der Institutionen, die man in besseren, schöneren Zeiten aufgerichtet hat, will erhalten sein, die finanzielle Kraft ist zurückgegangen, die Steuern mußten demgemäß erhöht werden, und die Folge ist, daß die Scheu vor dem Opfer immer stärker den Grund für den Austritt aus der Gemeinde abgibt. Immer wieder hört man die Versicherung, daß der einzelne keineswegs etwa dem Judentum den Rücken kehren will, daß er Jude seiner Gesinnung nach sein und bleiben will, daß er nur der Gemeinde, die ihn bedrücke, nicht angehören wolle. Und so tritt er aus! Es ist eine Eigentümlichkeit der jüdischen religiösen Auffassung, daß sie Judentum, Religiosität und Sittlichkeit nur in der Gemeinschaft kennt. Bezeichnend ist, daß der Inbegriff aller jüdischen Religion das Bekenntnis zum Nächsten, zur Gemeinschaft ist: „Liebe Deinen Nächsten! Er ist wie Du!" (Lev. 19. 18). Die Frömmigkeit des Einsiedlers ist dem Judentum fremd. Jude ist in Wahrheit nur,