Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 18 (29.4.1932)
- Date
- 1932-04-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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20 April 1932 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 der höchsten Verantwortung, die heute dir Gomeindearbeit von ihm fordprt. Sollen wir über die schworen Aufgaben, die wir auf uns genommen haben, soweit nur möglich erfüllen, dann brauchen wir die Hilfe jedes einzelnen Mitgliedes unserer Gemeinde. Wir können es licht verstehen, wenn in der Gegenwart Mitglieder unserer Gemeinde leiseitestehen und uns ihre moralische und materielle Unterstützung versagen) auf die wir nach dem Ethos des Judentums in diesen Zeitpn mehr denn je Anspruch erheben müssen. Die schwerste Pflichtverletiung aber begehen .luden, die in diesen Tagen der Not unsere eligiOae Gemeinschaft verlassen, aufgeben, was ihren Vätern heilig ■;ir. und den Glauben verleugnen, in dein sie aufgewachsen sind, iie setzen sich über die elementarste sittliche Forderung hinweg, in Kelten der Gefahr mutiger denn je zur Gemeinschaft zu stehen. \ ir fühlen uns im Vorstand der jüdischen Gemeinde nicht als die 1 "iter einer Behörde, wir haben vielmehr den Wunsch, die Führer unserer Gemeinschaft zu sein. Unser Gemeindehaus in der Oranienburger Strafte 29 steht jedem Genieindemitgliede weit offen; wir möchten in ständigem Kontakt mit den Ereignissen und den Wirklirhki iten des Lebens stehen, und es ist uns lieb, wenn wir unmittelbar v>n den Gemeindeniitgliedern über ihre Sorgen und Nöte hören. Damm haben wir bei der jetzt durchgeführten Umgestaltung unserer \ erwaJtung besonderen Wert auf die Schaffung von Einrichtungen gelegt, die jedem, der zu uns kommt, eine freundliche und sachliche Iie ratung gewährleisten. Gewiß, im Gemeindehause befindet sich auch die Steuerverwallung, und an diese Stelle wird mancher nicht gern erinnert sein wollen. Aber jüdische Steuern — das sollte sich jeder -tets gegenwärtig halten — finden zum allergrößten Teile ausschließlich für soziale und religiöse Zwecke Verwendung. Wir warten aber nicht allein darauf, daß unsere Gemeindemitglieder zu uns kommen, sondern wir gehen hinaus in alle Stadtviertel Bprlins, wir suchen Verbindung mit allen, die unsere Arbeit kennen lernen und uns ihre Hilfe widmen wollen. Wir können mit Freude sagen. daß die Gemeindemitglieder unsere Gemeindeabende sehr zahlreich besuchen, und wir empfinden Genugtuung über jedes neue Gesicht, das wir dort entdecken. Denn wir suchen jeden einzelnen, wir möchten in jedes Ohr sprechen und zu jedem Herzen Zugang linden. So gern wir helfen, so sehr es uns Freude macht, Not zu lindern, ebenso freudig nehmen wir auch Hilfe an. und wer uns durch Hat oder Tat Heistand leisten kann, der darf nicht beiseitestehen. Denn wie will letzten Endes jemand in seiner Bedrängnis das Hecht auf Hilfe beanspruchen, wenn er selbst beiseitegestanden hat, als seine Kraft gebraucht wurde'?! Wesen und Ziel der Genieindearbeit ist Erhöhung der Wohlfahrt der Gemeinde und jedes einzelnen ihrer Mitglieder. In dieser Zeit, in der wir um unseres religiösen Bekenntnisses und um unserer Abstammung willen soviel angefochten werden, müssen wir in Treue und Ausdauer zueinander halten. Unsere Kulturaufgaben dürfen nicht leiden, unsere Synagogen und Schulen müssen weiter in der Lage bleiben, religiöse Erbauung und Erziehung zu spenden, in der großen Kette unserer humanitären und sozialen Einrichtungen darf kein einziges (ilied verkümmern. Jeder einzelne von uns ist mit der Verantwortung dafür belastet, wir haben sie vor Gott und unserem Gewissen zu tragen. In dem gleichen Geiste, wie die Männer, die in sturmbewegter Zeit unser Vaterland führen, mit dein Blick in eine bessere Zukunft Opfer in der Gegenwart verlangen, wenden auch wir, die Führer der Jüdischen (lemeinde, uns an unsere religiöse Gemeinschaft. Auch wir verlangen Einordnung zum Wohle des Ganzen, auch wir fordern, daß jeder Opfer bringt, daß jeder tut, was er kann, um den großen Schatz zu erhalten, den die Jüdische Gemeinde und das Judentum für uns bedeutet. Damit unser Geschlecht vor der Kritik der späteren Generationen, vor dem Urteil der Geschichte bestehen kann, tue jeder seine Pflicht, die Pflicht gegen die Gemeinde und damit gegen sich selbst, so wie wir, die Vorstandsmitglieder, es geloben, sie nach dein ganzen Maße unserer Kraft und unseres Wissens zu tun. Aus aller Welt Die Durchführung der Fürsorgeerziehung in Deutschland. Der Allgemeine Fürsorgeerziehungstag hat es erstmalig unternommen, Uber die Teilstatistiken der deutschen Länder hinaus eine Statistik der Durchführung der Fürsorgeerziehung (F.E.) für das ganze Reich aufzustellen (Zentralblatt für .lugendrecht und .lugendwohlfahrt, November 1981). Infolge der Verschiedenheit der organisatorischen Durchführung der Fürsorgeerziehung in den einzelnen Ländern ist eine einheitliche Auswertung der statistischen Erhebungen der einzelnen Länder sehr erschwert. Trotzdem ist der Versuch vom Afet sehr begrüßenswert, da er für die praktische Durchführung der F.E. von größter Bedeutung sein kann. Die Statistik, die sich auf die Rechnungsjahre 1928, 1929 und 1930 erstreckt, erfaßt die Gesamtzahl der am Stichtag in F.E. befindlichen Minderjährigen nach Geschlecht, Religionsbekenntnis und Art der Unterbringung. Es befanden sich in der Fürsorgeerziehung in Deutschland: insgesamt männlich weiblich 1928 97 571 56 416 41 155 (57,82%) (42,18V.) 1929 95 191 54 543 40 623 (57,29V.) (42,67*/.) 1930 89 593 51 008 38 585 (56,93V.) (43,07V.) Die Statistik weist einen ständigen Rückgang der Zahl der Fürsorge- /■ögliuge in den letzten drei Jahren auf. Der Rückgang hat vorzugsweise bei den vorschul- und schulpflichtigen Minderjährigen eingesetzt,;ilso bei den in der Regel nur gefährdeten, nach § 63 Ziff. 1 R.IWG. überwiesenen Minderjährigen. Die Ausgestaltung der halboffenen Einrichtungen der Säuglings-, Klein- und Schulkinderfürsorge hat vorbeugend gewirkt und dadurch die F.E. entbehrlich gemacht. Hinzukommt die ablehnende Haltung vieler Vormundschaftsgerichte und Jugendämter bei der Auslegung des Begriffs der Verwahrlosung. Ver- -chiedentlirh wird die F.E. erst nach zahlreichen anderweitigen erfolglosen Erziehungsversuchen beantragt. Dagegen stand die schwere wirtschaftliche Notlage in Deutschland einem erheblichen Rückgang der F.E. hinderlich im Wege. Nach der Art des Religionsbekenntnisses verteilten sich die FUrsorgezöglinge folgendermaßen: 1928 •/. evangelisch........ 55(585 (62.61) katholisch......... 31 545 (35.47) jüdisch.......... 300 ( 0,34) sonstige christliche Bekenntnisse 226 ( 0,25) ohne Bekenntnis...... 1 190 ( 1,33) 1929 °/o evangelisch........ 54 564 (62.16) katholisch......... 31 422 (35.80) jüdisch.......... 292 ( 0,33) sonstige christliche Bekenntnisse 199 ( 0,23) ohne Bekenntnis...... 1 304 ( 1.48) 1930 •/. evangelisch........ 50 505 (61,06) katholisch......... 30 357 (36,71) jüdisch.......... 266 ( 0,32) sonstige christliche Bekenntnisse 272 ( 0,33) ohne Bekenntnis...... 1 308 ( 1,58) Wie aus der Tabelle hervorgeht, nahmen prozentual die evangelischen Zöglinge in den Jahren 1928—1930 um 1,55» , ab, die jüdischen um 0.2»/.. Demgegenüber vergrößerte sich der Anteil der katholischen Zöglinge um 1,24°/.. Die meisten Fürsorgezöglinge waren in allen drei Berichtsjahren außerhalb der Anstalten untergebracht (in Familienpflege. Dien.d oder Lehre). Es waren untergebracht in Anstaltsin Faniilienpilege erziehung Dienst oder Lehre 1928 47 002 (48.17) 48 586 (49,79) 1929 42 572 (44,72) 48 244 (50,68) 1930 39 894 (44,52) 45 773 (51,09) Das Verhältnis der öffentlichen, konfessionellen und interkonfessionellen Heime bei der Betreuung der Fürsorgezöglinge ersieht man aus folgender Statistik: