Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 17 (22.4.1932)
- Date
- 1932-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 17 100 von insgesamt 700 Mitgliedsgemeinden erheben einen Einkommeniteueriuschlag von 1<K»"» und mehr, 260 Gemeinden mehr als 0O*/* liier ist radikale Hilfe sofort nötig. Diese Hilfe ist bedingt durch die befriedigende gesetzgeberische Lösung von drei brennenden Problemen: Austritt, bedingte Verbandszwangsinitgliedschaft und Individualbesteuerungsrecht des Verbandes. In keiner dieser Fragen bietet der Judengesetzentwurf das geringste. Ist er aber einmal Gesetz, so ist das Obel so gut wir unausrottbar. Von außerjfldlschen Faktoren kann man mir dann etwas verlangen, wenn mau vorab entschlossen ist, aus eigener Kraft das Letzte für die Selbsterhaltung einzusetzen. Dr. Oskar Cohn (l'oale Zion) tritt für die Unterstützung des „Hechalus" gerade aus dem Grunde ein, daß Menschen dein Judentum erhallen werden müssen. Die Kleinarbeit des Centralvereins ist gut und wichtig, aber für die Situation des deutschen Judentums im grollen unerheblich. Abg. Dr. Holländer (lib.): Die Ausführungen des Abgeordneten Blumenfeld berücksichtigen in keiner Weise die gegenwärtigen politischen Gegebenheiten und beschäftigen sich zu sehr mit einer späteren Zukunft. Seine Freunde legen Wert auf die Feststellung, daß die Grundlage ihrer Existenz eine Synthese der deutschen und jüdischen Werte bilde. So wenig er sich ein Atom von seinem Judentum nehmen lasse, werde er sein Deutschtum verkleinern lassen. Am zweiten Sitzungstage entspinnt sich eine der schwersten Streitigkeiten, die je in einem Verbnndstag der Jüdischen Gemeinden Preußens ausgebrochen sind, um den Antrag der Volkspartei, den in früheren Jahren dem „Hechaluz" gewährten Zuschuß von 3000 Mark auch dieses Jahr wieder zu bewilligen. — Dr. Seligsohn (lib.) bedauert, dal» die Volkspartei Anträge stelle, die gar nichts anderes bezweckten als die Anerkennung eines Prinzips, nicht aber die sachliche Förderung eines zu den Verbandsaufgaben gehörigen Arbeitszieles. Die Liberalen würden z. B. eine Subvention für den Centraiverein nicht verlangen. Alfred Berger (Vpt.) betont. daß der Subventionsanspruch des Hechaluz ein Rechtsanspruch sei und hiermit nur die Parität gewahrt werden sollte. Für die Volkspartei sei eine solche Entscheidung sehr wohl Schiboleth und Gewissensfrage, auch der Prüfstein, ob der Landesverband grundsätzlich Gleichachtung der produktiven Bestrebungen aller jüdischen Richtungenohne engherzige parteimäßige Prüfung statuiere. Während die Vollversammlung dann über die Pensionskasse für jüdische Beamte berät, kommt eine Kommission zu einer Verständigung über den Hechaluz, und Rechtsanwalt Heinr. Stern (lib.) legt mit Benario (Vpt.) folgenden Antrag vor: „Der Wohlfahrtsausschuß wird beauftragt, der Organisation Hechaluz auf Antrag als wirtschaftliche Beihilfe für in der Berufsausbildung stehende Jugendliche — unbeschadet der üblichen Prüfung — angemessene Beträge zu bewilligen." Auf Antrag der Volkspartei wird die Sitzung für kurze Zeit unterbrochen, um ihr Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Dann wird nach einer ausdrücklichen Erklärung des Lundgerichtsrats Dr. Arthur Lilienthal (üb.), der Zusatz „unbeschadet der üblichen Prüfung" bedeute, jeder einzelne Antrag eines Chaluz müsse auf seine Berechtigung geprüft werden, unter großer F>regung der Volkspartei mit M gegen 47 Stimmen angenommen. Darauf stimmte die Volkspartei auch gegen den Ktat, der zwar mit 05 gegen 83 Stimmen angenommen, aber praktisch undurchführbar gemacht wird. Denn die Notumlage, die allein die Durchführung des Etats ermöglicht, kann nur durch Dreiviertelmehrheit beschlossen werden, wird aber durch die Volkspartei, die von 97 Stimmen 82, also fast ein Drittel, besitzt, abgelehnt. Die Verhandlung über den Reichsverband der deutschen Juden endet mit folgendem Beschluß: „Der Verbandstag sieht, ohne sich auf Einzelheiten festzulegen, den Entwurf des Rates als eine Grundlage für Verhandlungen mit den anderen Landesverbänden an." Vor der Entscheidung über den Etat gab Dr. Bruno Weil (lib.), Vizepräsident des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, namens des ganzen Verbaudstages unter dem Beifall aller Abgeordneten seiner Entrüstung über die Ausschreitungen der antisemitischen Hetze lebhaften Ausdruck. Er betont die Notwendigkeit, daß der Verbandstag, sich über die Kleinarbeit erhebend, die Würde und das Ansehen des deutschen Judentums durch einen Appell an das Volksgewissen wahre. Aus aller Welt ■Ml Jahre Orden Bne Briss in Deutschland. Anläßlich der Gründung der ersten deutschen Loge des Unabhängigen Ordens Bne Briss vor 50 .lahren hatte die inzwischen auf weit über 100 Logen angewachsene Großloge für Deutschland [JOBB schon vor einigen Jahren Vorbereitungen zu einer großangelegten Feier eingeleitet. Der Ernst der Verhältnisließ die Feier in dem ursprünglich gedachten Rahmen als nicht angebracht erscheinen. In einer ungemein würdigen Form wurde jedoch das Jubiläum so durchgeführt, daß in sämtlichen Logen des deutsehen Distrikts in den gleichen Tagen Jubiläumsveranstaltungen abgehalten wurden, in denen über das gleiche Thema: „Der Orden gestern, heute und morgen" gesprochen wurde. Der Orden und seine einzelnen Logen haben in dem abgelaufenen halben Jahrhundert bedeutsame Aufgaben erfüllt. Es soll hier weniger von der inneren Bindung gesprochen werden, die durch die Logen etwa IN000 .luden aneinander und an ein Gemeinschafts- und Menschheit-ideal knüpft. Auch über den Kreis der dem Orden Angehörigen hinaus hat sich die Arbeit der Logen ausgewirkt. Solange noch nicht die Radikalisierung des gesamten politischen Lebens auch die jüdischen Angelegenheiten ergriffen hatte, gelang es dem Orden, die QegensStslkhkeiten der verschiedenen Richtungen zu mildern und die Achtung vor der andersgerichteter! religiösen oder politischen An- Khauung zu begründen und zu bewahren. Dadurch wirkte Jahrzehnte hindurch der Orden in beruhigendem Sinne auf das jüdische Gesamtleben. Weiter gebührt ihm das Verdienst, in geistiger Hinsicht wichtige Leistungen vollbracht zu haben: Von der Großloge und den einzelnen Unterlagen gingen in die größeren und mittleren Gemeinden, sehr wertvolle und befruchtende Anregungen zur Verbreitung und Vertiefung jüdischen Wissens und zum Verständnis für die Kunst, und besonderdie jüdische Kunst, aus. Gans besonders groß ist aber die Zahl der Einrichtungen auf sozialem Gebiete, die durch die Großloge als Ganses und die einzelnen Logen geschaffen worden sind. Aus der Fülle des Geleisteten sei auf folgendes hingewiesen: Die in vielen Stationen über ganz Deutschland tätige Krankenschwestern-Organisation (auch Leipzig hat eine solche Station: die hier so verdienstvoll wirkende Schwester Jenny übt ihre Tätigkeit im Auftrage der hiesigen Leipzig-Loge aus); das Jahrzehnte hindurch bestehende Jafla- Heim der Großloge in Berlin (zur Erziehung von Waisen oder gefährdeten Kindern aus ganz Deutschland); die Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz (gemeinsam mit dem D.IGB begründet und erhalten). Von Schöpfungen einzelner Logen seien genannt: Das seit mehr als 25 Jahren Ii i e r i n L e i p z i g unter großen Opfern aufrecht erhaltene Kinderheim der Leipzig-Loge; das Erholungsheim der Fraternitas-Loge (Dresden) in Oberrochwitz: das Altersheim Berlin-Lichterfelde-Ost der Berliner Logen; das Kindererholungsheim der Zion-Loge in Norderney; das Erholungsheim der Breslauer Logen in Krummhübel u. v. a. Es gibt wohl keine Loge, die nicht ihre eigene soziale Einrichtung getroffen hätte, galt doch für das Gebiet der Wohlfahrtsarbeit im Orden bis vor wenigen Jahren ausschließlich der Grundsatz: Alles für andere, nichts für uns. Erst die katastrophale Wendung in der wirtschaftlichen Stellung der deutschen Juden machte es zu einer gebieterischen Pflicht, neben der Aufrechlerhaltung der unter dem Zeichen der Loge wirkenden Institutionen auch die Bruderhilfe zu pflegen. Die große kulturelle Leistung des Ordens für das jüdische Leben in Deutschland unterliegt jedoch zur Zeit dem gleichen Wandel, dein gegenwärtig durchweg alle Zweige des gesamten Lebens unterworfen sind. Und so ergeben sich aus der Gegenwart neue Aufgaben für den Orden, an die er mit festem Mute und unentwegtem Vertrauen herangeht. Wandlungsfähigkeit ist das Zeichen des Lebendigen. Die Feiern, die in den einzelnen Logen abgehalten wurden, sollten zum Ausdruck bringen, daß der Orden sich als lebendig erweisen will, indem er den Mut zum Fortschreiten und zur Anpassung an neue Verhältnisse aufbringt. Unter diesem Gedanken stand auch die Feier, zu der die hiesige L e i p z i g- L o g e UOBB nicht nur ihre Mitglieder, sondern auch die in der hiesigen Gemeinde bestehenden Körperschaften geladen hatte. Der Gemeindevorstand und Vertreter vieler kulturellen, rharitativen und politischen (iruppen unserer Gemeinde bezeugten durch ihr F>scheinen ihr Verständnis für die Bedeutung des Ordens und seiner Arbeit. Mit der Festrede hatte die Großloge Herrn Dr. LS WO natu m m, Spandau, betraut. Der derzeitige Logenpräsident würdigte in seinen Begrüßungsworten insbesondere die Leistungen, die die Leipzig-Loge aufzuweisen hat: Neben dem schon oben genannten Kinderheim und der