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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-04-15 · 16 (15.4.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
16 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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16. April 1032 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 Jüdische Verbände and Gemeinden Dm Judentum in der Geistesgeschichte de«. 19. Jahrhunderts. [n der Hauptversammlung der „Gesellschaft zur Förderung der Wis- . nschaft des Judentums", über die wir jüngst beriehteteten, hielt Dr. ■ i'wkowitz. Breslau, einen Vortrag: „Die Stellungnahme zum udentum in der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts". Ausgehend •OD dem Gedanken, daß die neue Zeit mit dem Grundsatz der Autonomie des staatlichen, wirtschaftlichen und geistigen Lebens sowie der Trennung von Staat und Kirche beginne, zeigte der Redner als .rundlegendes Problem die Frage, was nun unter den neuen Verhältnissen aus dem .ludesein des jüdischen Staatsbürgers und der irganisation des Judentums werden sollte. Während Mendelssohns Jerusalem das Judentum ausschließlich als einen religiösen Organismus erklärte, und die Anerkennung des jüdischen Gesetzes auch ohne staatliche Organisation forderte, widersprach Kant dieser Auflösung und erklärte, daß das Judentum keine Religion, keine Kirche, «ondern nur ein Staat und Politisches Gesetz sei. Man hat bisher meist versucht, diese Stellungnahme des Königsberger Philosophen .iiif den Einfluß Spinozas zurückzuführen, der Redner aber sieht larin eine bewußte religionspolitische Interpretation des Judentums, die den aufgeklärten Juden das Schreckbild eines nur gesetzlichen i trganismus malen wollte, um sie dadurch für das mit der VernunftsreUgion gleichgesetzte Christentum zu gewinnen. So haben auch Knnts Jünger Ben David und Maimon ihren Meister verstanden. Um die Jahrhundertwende haben dann Moritz Lazarus und Hermann i'ohen den Nachweis geführt, daß das Judentum in seinem religions- «ittlichen Gehalt wesentlich mit der Kantischen Philosophie übereinstimmt, ja sogar auf denselben Grundsätzen wie diese basiere. Sie haben dadurch das Judentum rationalisiert und ethisiert — fast bis /.ur Aufgabe alles Religiösen und Irrationalen, sie haben in diesem Itationalismus Idee und Gestalt des Judentums getrennt. Von Herder aus, der Verständnis für Idee und Gestalt des Judentums zeigt, Lieht dann die Linie der Romantik, die in der biblischen Poesie ine echte nationale Literatur von religiöser Urkraft und universaler Bedeutung kennt. Von Herder geht die Wiederbelebung des Verständnisses für die Geschichte und universale Bedeutung des Hidentums aus, die später von den Begründern der Wissenschaft des Judentums erfaßt und auch auf das nachbiblische Judentum Uberlingen worden ist. Für Frankel, Geiger, Graetz sind Idee und Gestalt im Judentum wieder unlösliche Einheit, das Judentum eine geschichtliche Individualität von gesetzlicher Bedeutung. Nebenher rwähnt der Redner, daß auch Herder die Frage stellt: „Warum wollen die Juden keine Heimat?" und daß in demselben Jahre 1783 ein unbekannter Jude im Deutschen Museum an den Präsidenten der Vereinigten Staaten schrieb und ihn bat, in dem damals noch menehenleeren Lande den Juden ein Territorium zu Uberlassen. Der liedner geht rasch zur Gegenwart Uber und zeigt, daß heute im wesentlichen drei Mächte des Naturalismus eine tragische Krise des ludentums bilden: der Marxismus, der Darwinismus und die Lehre N'ietzsches. Er sieht durch diese Kräfte den festen Glauben an den d>solut religionssittlichen Sinn der Welt erschüttert und die Möglichkeit zu einer Rettung nicht in einer plötzlichen Erleuchtung, sondern nur in dem Ernst und der Tiefe der persönlichen Entscheidung und direkten Auseinandersetzung mit den Problemen der Zeit und den Fragen der Geschichte. Vom Boden der Geschichte her muß der Mensch hineinschreiten in Gegenwart und Zukunft. Im Jüdischen das Menschheitliche, im Menschheitlichen das Jüdische zu erstreben, das ist seine letzte Aufgabe. I'ürsorgearbeit für die erwerbslose jüdische Jugend. In einer in Berlin abgehaltenen Sitzung der Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefähr- Ietenfürsorge" wurde u. a. die Frage der Fürsorge für die erwerbslose jüdische Jugend behandelt. Frau Bertha Falkenberg •■erichtete über die Maßnahmen für die erwerbslose weibliche lugend. Auf Grund eingehender Umfragen ist festzustellen, daß liir die erwerbslosen Mädchen so gut wie nichts geschieht. Zum Teil iuingt es mit finanziellen Gründen zusammen, zum Teil mit der Indolenz mancher Mädchen selbst, die den Aufforderungen, sich zur Krwerbslosenfürsorge zu melden, nicht folgen. Aus den einzelnen lierichten sei folgendes kurz hervorgehoben. In Berlin sind die wichtigsten Maßnahmen für erwerbslose Mädchen der unentgeltliche liesuch von Haushaltungsschulen. Einige werden zur Mitarbeit in Kinderhorten und Küchen als Helferinnen herangezogen. Der Verband Berlin des J. F. B. hat Kurse, und zwar abends für Sprachen, Stenographie, Schreibmaschine, Nähen, Gymnastik eingerichtet. Die Kurse sind gut besucht, etwa 'A der Mädchen sind erwerbslos. Der Unterricht wird von jungen Mädchen und Frauen erteilt. II a in bürg hat für erwerbslose jüdische Mädchen Stenographie-, Schreibmaschinen- und Sprachkurse zu kaufmännischer und beruflicher Fortbildung eingerichtet, fernerhin Kurse für Waschen, Plätten und Hausarbeit. Breslau, Köln, Mannheim, Karlsruhe haben Kurse für erwerbslose Mädchen eröffnet. In Köln steht den Jugendlichen das Erwerbslosenheim der Synagogengemeinde einige Stunden tagsüber zur Verfügung. Die Jugendlichen, auch überwiegend männliche, entwerfen selbst einen wöchentlichen Stundenplan. Das Heim steht unter Leitung einer pädagogisch geschulten Frau. Es ist wünschenswert, daß die erwerbslosen Mädchen nicht als „Sonderklasse" behandelt, sondern mit arbeitenden zusammen in Kursen fortgebildet oder für eine Berufsumschichtung unterrichtet werden. Diese Zusammenschlüsse — das gilt auch für männliche Jugendliche — ob in bestehenden, ob in neu zu begründenden Jugendheimen, müssen unter der Leitung eines reifen Menschen stehen, d. h. einer Persönlichkeit, die die Jugend mit allen ihren Nöten, ihrem Streben, ihren Schwächen versteht, die klug und unbemerkt diese Jugendlichen davor bewahrt, daß sie sich gegenseitig noch mehr in die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation versenken, sich in Radikalismus verlieren und dem Judentum verloren gehen. Nach den Erfahrungen, die man jetzt gesammelt hat, würde sich vielleicht noch mehr empfehlen, die Mädchen in Horten, Kindergärten und Küchen zu beschäftigen, als sie in Kursen zu sammeln, da ersteres ihrer Eigenart mehr entspricht. Sie müßten allerdings für alle diese Arbeiten ein gewisses Entgelt erhalten. Dr. Georg Lubinski berichtete über die Maßnahmen für erwerbslose männliche Jugendliche. Die Arbeit für männliche erwerbslose Jugendliche hat sich erfreulich gestaltet. In B e r 1 i n ist es gelungen, von der Reichsarbeitsverwaltung Mittel zur Einrichtung eines freiwilligen Arbeitsdienstes in der Kleiderknmmer der jüdischen Gemeinde zu erhalten. Es werden dort zurzeit 14 männliche und 6 weibliche Erwerbslose beschäftigt, die ein tägliches Entgelt von M. 2.75 erhalten. Die Arbeit ist zunächst für 12 Wochen genehmigt, mit einer Arbeitszeit von 4 Stunden täglich. Zur Fortbildung von stellenlosen kaufmännischen Angestellten und Lehrlingen haben die beteiligten Stellen, unter finanzieller Förderung des Arbeitsamtes Berlin-Mitte, einen etwa 20 Wochenstunden umfassenden Kursus zur beruflichen Fortbildung eingerichtet (Französisch. Englisch, Hebräisch. Schreibmaschine, Stenographie, Buchführung, Rechnen, Warenkunde. Staatsbürgerkunde und Rechtskunde). Die Teilnehmerzahl beträgt 50. Das neu errichtete Heim für erwerbslose jüdische Jugendliche wird täglich von 80—90 Jugendlichen besucht. Von den Besuchern sind 60V» ungelernte und angelernte Arbeiter und etwa 40°/o gelernte Handwerker und Kaufleute. Es wird zurzeit geplant, im Westen Berlins ein zweites Heim für erwerbslose Jugendliche einzurichten. Außerhalb Berlins bestehen Einrichtungen für erwerbslose Jugendliche in Hamburg, Köln, Breslau. Frankfurt. Beuthen. Aus der Arbeit des Hilfsvereins der Deutsrhen Juden im Jahre 1931. Von den fünf Sommerferienkolonien für Kinder der ärmsten Schichten in Polen, zu deren Errichtung vom Hilfsverein in den letzten anderthalb Jahren M 50000. — zur Verfügung gestellt wurden, sind im Sommer 1931 drei in Betrieb genommen worden. 683 Knaben und Mädchen vom Säuglingsalter bis zum 18. Lebensjahr fanden dort Erholung; zwei weitere Sommerferienkolonien werden im Mai 1932 eröffnet werden. Der Bau des Kinderhauses in Kowno, zu dem der Hilfsverein M 24 000.— beigesteuert hat, wurde im Jahre 1931 begonnen und zu Ende geführt. Das Haus ist im Februar 1932 eröffnet worden. In Rumänien wurden wie in den Vorjahren die jüdische Volksuniversität, die zentrale jüdische Rerufsberatungsstelle. die Knabengewerbeschule „Ciocanul", eine Mädchengewerbeschule und das jüdische Mädchenheim in Bukarest, ferner eine Anzahl von Klementar- und Fachschulen sowie gewerbliche Kurse bei Waisrnnnstalten in Galatz, Jassy und Kischinew unterstützt. Die Gesamtzahl der Schüler in diesen Anstalten betrug 2500. Die Ambulatorien in den jüdischen Kolonien in der Ukraine und Krim haben im Jahre 1931 eine rege Tätigkeit entwickelt. Das Ambulatorium in der Krim trägt den Namen von „Dr. Paul Nathan", Mitbegründer und Vizepräsident des Hilfsvereins. (Dieses soziale Hilfswerk erforderte einen Gesamtaufwand von M 80 637.—.) Aus Mitteln der Haffkine-Stiftung wurden im Jahre 1931 erstmalig Jeschiwot (Talmudhochschulen) in Litauen. Polen, Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei unterstützt. M 19200.— wurden für die Wiederherstellung von kranken und erholungsbedürftigen .leschiwa-

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