Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 16 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSÜEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 16 ■i^^H^H Eugen Kelhetter Inhaber: CARL KOCH_ Üocnefjmc tfjßccenöjnftfjc tflegonte ftcatoatten ♦LEIPZIG, Petersstraße 20 im Meßhausneubau „Petershof" ^^^■■^^HHHHHH Zöglingen hergegeben. M 10 150.— für den Bau bzw. Renovierung von Lehrhlusern, Internaten und Jeschiwamensen, M 2980.— für Werkstätten bei Jeschiwot, M 8000.— für Ueberführung von Jeschiwazöglingen aus Polen nach Lettland und M 8420.— für akute Notfälle. Die Eniigrantenfürsorge, die sich infolge der Weltkrise, Arbeitslosigkeit und Absperrung der meisten Länder gegen die Einwanderung überaus kompliziert gestaltet, erforderte im Jahre 1931 hohe Anspannung der organisatorischen und finanziellen Kräfte des Hilfsvereins. Vom Bahnhofsdienst des llilfsvereins am Schlesischen Bahnhof In Berlin sind 18 000 Personen, Aus- und Rückwanderer, betreut worden, lieber Neu-Bentschen, wo ein Vertrauensmann des Hilfsvereins sich der Wanderer annimmt, gingen 4:200 Personen, über Mamburg und Bremen 4400 Personen. Der Milfsverein gewährte Subventionen an Komitees für jüdische Durchwanderung in Aachen. Danzig. Krankfurt a. Ii, und Köln. Die Emigrantenhilfe erforderte im Jahre 1981 einen Aufwand von insgesamt M 88 000.—. Gemeinden und Wohlfahrtsämter wurden hierdurch wesentlich entlastet. Für die ukrainischen Waisen, denen angesichts der wachsenden Arbeitslosigkeit in Deutschland andere Länder erschlossen werden müssen, wo sie Arbeit finden sollen, wurden im Jahre 1031 M 14 253.— aufgewandt. Das Studentenhilfswerk erforderte im Jahre 1031 einen weiteren ZuschuU in Höhe von M 8191.—. Wie in den Vorjahren konnte der Hilfsverein auch im Berichtsjahre sich der ständigen Zusammenarbeit und engster Fühlungnahme mit der Jewish Colonization Association, dem American Joint Distribution Cominittee. der Hicem. der Hias. dem National Council of Jewish Wonien. dem U. O.B.B, und zahlreichen anderen Wohlfahrtsinstitutionen des In- und Auslandes erfreuen. Liehen & Co. von K. L Reiner. Die völkische Zeitung „F'ridericus" veröffentlichte in Nummer 3 des Jahrgangs 1030 einen sensationell aufgemachten Artikel über „Graf Areo — ein Erfinder"? Hier hieß es über Graf Arco. den Judenstämmling. wörtlich: „Es sei hier laut und deutlich behauptet und der Graf Arco mag diese Behauptung für fallen erklären, wenn er es kann, dali Graf Are«, der Direktor der Tehsfunken, niemals und nirgendwo etwas erfunden hat, was mit der Kadioteehnik zusammenhängt. Dali vielmehr all die schönen gedruckte ii Lobhudeleien über etwaige Erfindungen von ihm nichts weiter lind al> glatter Schwindel. Wenn e> sich darum handeln soll, den wirklichen Erfinder und Verbeaaerar der Elektronenröhre kennen zu lernen, so i>t ea der <l e u 11 e h e Baron von Lieb e n." Der „Fridericus" hat recht. Nicht Graf Arco ist der Erfinder der Verstärkerröhren. die in Form der kleinen Verstärkerlampe das modene RundfunkgeriU überhaupt erst ermöglicht haben — sondern Robert von Lieben. Nur in einem kleinen l'uiikte irrt er: der geniale Erfinder war kein ..deutscher Baron'-, sondern ein simpler jüdischer „Von". Sohn des Vizegouverneurs der Oesterreifhiseh-ungarisohen Bank Leopold von Lieben. Mitinhaber des Bankhauses Lieben, Auspitz Bt Co.. da« vor kurzem lunrnmengebroehen ist. Der junge Robert (-1- MAX BUSLIK BETTY BUSLIK geb Steinmarder VERMAHLTE HochaoM Hotel Edison. New York 17. April 1932 wollte nicht in das väterliche Haus eintreten, sondern wandte sich — trotz schärfster Widerstände im Elternhaus — der modernen Elektro technik zu. Um als KünfunddreiMigjähriger nach Vollendung einiger bahnbrechender Arbeiten zu sterben. Das Beispiel des „Fridericus" zeigt, wie falsch — oft nicht einmal in böser Absicht — die Frage: Juden in der deutschen Forschung und Technik von deutschvölkischer Seite gestellt wird. Da wird einmal dein Juden jede technische oder jede wahrhaft bahnbrecherische Begabung abgesprochen, wo das nicht geht — bewußt oder unbewußt - verdreht oder gefälscht. Um so gelegener kommt ein Buch Felix A. Theilhabers, das unter dem Titel „Schicksal und Leistung" die Lebenswerke einiger bahnbrechender deutscher Juden in Forschung und Technik behandelt (Welt-Verlag, Berlin). Wie wenig weiß die Oeffentlirhkeit — selbst die jüdisrhe — über einen kleinen Kreis von Fachleuten hinaus, etwa von den bahnbrechenden Arbeiten des Anatomen Jakob Heule. Wie wenig von dem Erforscher des Rückenmarks Benedikt Schilling, dem es gelang, den Ursprung der meisten Wurzeln der Gehirnnerven im grauen Mark der höher gelegenen Teile des Zentralhirns nachzuweisen (Stillingsche Nervenkerne). Unter welchen kümmerlichen Umständen mußte dieser glänzende Wissenschaftler in Kurhessen arbeiten, da es ihm infolge seiner Weigerung, sich taufen zu lassen, nicht gelang, die Dozentur zu erringen. Auf Hindernisse der „Rasse" stoßen wir überhaupt bei fast jedem der in dein Werke behandelten jüdischen Wissenschaftler. Wieviel Hemmnisse hatte jeder dieser Männer in seiner Jugend, ja noch in späteren Jahren zu überwinden, um nur überhaupt an den Gegenstand seiner Begabung herangelassen zu werden — Hindernisse, die für seine arischen Kollegen nicht existieren. Einstein hat die Zurücksetzungen und Entbehrungen in seiner Jugend mit einem nervösen Magenleiden bezahlt, das ihn noch immer begleitet. Freud, eine Kapazität von Weltruf, ist noch immer nicht ordentlicher Professor. Ehrlich, der Entdecker des Salvarsans, ein Mensch, der die Welt von einer der furchtbarsten Geißeln befreite, der Millionen ihr Lebensglück zurückgab, konnte es nicht zum Ordinarius bringen. Erst als er im Jahre 1008 den Nobelpreis erhielt (zusammen mit dem Pariser Halbjuden Mentschikoff) wurden die deutschen Behörden auf den genialen Gelehrten aufmerksam und Kaiser Wilhelm verlieh ihm den Titel Exzellent. Man staunt bei der Lektüre dieses Buches, wieviel die Juden in der kurzen Zeit, da sie sich in Deutschland mit technis-hen Dingen beschäftigen konnten, auf dem Gebiete der Entdeckungen geleistet haben. Da ist Hermann A r o n. der Erfinder der modernen Elektrizität*- und Gasmesser. Da ist der kleine Mechaniker Siegfried Marcus aus Malchin, der in der Wiener Mariahilferstraße eine Werkstatt eröffnet und dort in sieben Jahren unermüdlicher Studien das erste Automobil der Welt baut — Jahre vor Benz und Daimler. Und die Geschichte von dein fliegenden Holzhändler David S c h w a r z, der es sich in den Kopf gesetzt halte, das Problem des lenkbaren Luftschiffs zu lösen und dem es nach ungeheuren Schwierigkeiten endlich gelungen war, seinen Lenkballon zum ersten Aufstieg auf dem Tempelhofer Felde flugfertig zu machen, linier den Zuschauern, die den ersten Flug der großen Aluminiumzigarre aufmerksam verfolgen, befindet sich — Graf Zeppelin. Iis ist ein Weg durch jüdisches Neuland, den wir mit Theilhaber durchschreiten, ein Gebiet, das nach hakenkreuzlerischer Anschauung dem „zersetzenden Judentum" verschlossen bleiben muß. Und gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt, wo Hiller mit seiner antisemitischen Verhetzung eine entscheidende Kampagne in Deutschland eingeleitet hat, um sich endgültig den Weg zur Macht zu bahnen, erscheinen die schlichten Belege des Buches doppelt aktuell. Unsere Gemeinde Die Küche der Jüdischen Krisenliilfe, MoritzstraUe 28, wird a u r h während der Pessach- Feierlage geöffnet sein. Streng rituelles Essen wird mittags und abends verabreicht. Das Basen kostet für alle Mahlzeiten während der 8 Tage zusammen 3.50 Mk. Anmeldung und Entnahme der Speisemarken erfolgt Montag, den 18. April, vormittags zwischen 10 und 18 Uhr in der Volksküche. Moritzstraße 23. Amtliche Bekanntmachungen Verkauf vun Zucker tu Pessach Hm einer vielfach irrigen Meinung entgegenzutreten, wird hierdurch darauf aufmerksam gemacht, daß Zucker für Pessach nur in den rituell beaufsichtigten Geschäften gekauft werden darf. Leipzig, den 11. April 1032. Das orthodoxe Geiiieinderabbinat.