Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 16 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 1' Frage; sein Radio mußte aufgegeben werden. Wieviel Freude könnte in das Leben solcher Meuchen hineingetragen werden: mit einein (vielleicht ganz ohne dessen Wissen) bezahlten Zeitungsabonnenient, mit der Obersendling schon gelesener Zeitungen, mit einem gelegentlich gespendeten Theaterbillett, einer Einlaßkarte zu einem Vortrag, einein Besuche, einer Gelegenheit zu Aussprachen, einem guten Rat — hundertfach kann man seelisch und geistig Hungernden wohltun, einen Mizwoh. ein gottgefälliges Werk erfüllen, wenn man sich nur entschließen würde, ein Stückchen von sich selbst zu geben. Im täglichen Morgengebel spricht der Jude den wundervollen Satz: „Unser Vater, gib unserem Herzen die Fähigkeit zu verstehen und zu erkennen!" Ein wenig mehr Nachdenken, ein wenig mehr Einfühlen mehr Freundlichkeit und Takt und — ein ganzes jüdisches Her/ dann würde mehr von der oft gerühmten jüdischen Zedoko erfüll und nicht zuletzt eigene Bereicherung gewonnen werden, denn „dii Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück". Wenn wir am Sederabend vom Brote des Elends sprechen, möchte;, wir auch auf dieses armselige Brot unsere Gedanken lenken. Un<' wenn wir die Hungrigen einladen, mit uns zu feiern: Laßt es nicht ein Wort der Lippen sein, sondern das Herz dafür bereit werden, auch an d°n seelisch und geistig Darbenden heranzugehen und ihn an un serem Mahle teilnehmen zu lassen. 50. Geburtstag Am 10. April vollendet unser Gemeinderabbiner Dr. Goldmann sein 50. Lebensjahr. Anlaß genug, die Leistung des Mannes, der so häufig die Verdienste Anderer an herausgehobenen Tagen und bei festlichen Anlässen gefeiert hat, gebührend zu würdigen: ein 50. Geburtstag bedeutet in unserer schnelllebigen Zeit, mehr als in früheren Generationen, eine Zäsur im menschlichen Leben und gibt daher größere Berechtigung zu einer Rückschau auf Geleistetes und Vollbrachtes. Dr. Felix Goldmann hat seine rabbinische Ausbildung an der Berliner „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" erhalten und seine akademischen Studien (vor allem orientalische Sprachen, aber auch mehrere Semester Jura) an der Berliner Universität durchgeführt. Von 1907 an wirkte er dann als Rabbiner der Synagogengemeinde Oppeln. Oberschi., bis er 1917 als Nachfolger des damals in den Ruhestand getretenen, inzwischen verewigten Rabbiner Prof. Dr. l'orges nach Leipzig berufen wurde. Was Felix Goldmann in diesen 15 Jahren innerhalb unserer Gemeinde geleistet hat. bedarf kaum einer ins Einzelne gehenden Schilderung. Seine ungewöhnliche Aktivität brachte es mit sich, daß er in allen Zweigen unseres Gemeindelebens führend mitwirkt. Diese Gemeinde, in ihrer besonderen Zusammensetzung, noch dazu in diesen ungemein schwierigen 1 '.. Jahrzehnten, mit ihren so vielgestaltigen Kriegs- und Nachkriegsproblemen, mit anschwellender Flut des Judenhasses und dauernd wachsender Wirtschaftsnot auch unter den Juden, stellt Ober den engeren amtlichen Pflichtenkreis hinaus an den Rabbiner eine Hihier unübersehbare Fülle von Forderungen, vor allem an sozialer, nicht minder aber auch an geistiger und jüdisch-politischer Arbeit. Felix Goldmann, da» wissen unsere Leipziger, hat zu allem, was an jüdischen] Wollen in unserer Gemeinde Gestalt gewonnen hat, ein erhebliches Maß beigetragen. Immer am Platze, wo man ihn gerufen hat. oft genug selbst die Initiative ergreifend, anregend, treibend, nie sich versagend. In GemeindeausschUssen, in Institutionen und Organisationen, wie in Uberlokalen Verbanden arbeitete er mit der ihm eigenen, Kharfbliekenden Erfassung des Notwendigen mit; und nicht minder tatkräftig stand er den Einzelnen innerhalb der Gemeinde jederzeit zui Seite: Hunderte von M&nnern und Frauen hat er sich 7.i! unendlichem Dank verpflichtet, indem er ihnen Verständnis in ihren vielfältigen Nöten entgegengebracht, ihnen beigestanden und geholfen hat, oft genug unter Oberwindung von Schwierigkeiten, die kaum zu beseitigen schienen. Daneben entfaltete Felix Goldmann eine Vortragstätigkeit von seltenem Ausmaß. Aus vielseitiger Kenntnis sprach er in einer reichen Fülle von Vorträgen über jüdische Lehre und jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Es gibt wohl keinen Verein — soweit überhaupt sie solche Veranstaltungen pflegen —, dem er sich nicht zur Verfügung gestellt hätte, um Wissen von Judentum und Judenheit zu verbreiten und zu ihren alten und neuen Problemen Stellung zu nehmen. Ganz besonders galt dabei Felix Goldmanns Interesse der Abwehr des Judenhasses und seiner Folgen. Lange Jahre steht er mit seinen organisatorischen Fähigkeiten an der Spitze des Landesverbandes Sachsen des C.-V. und leistet demgemäß ein gut Stück der hiesigen Ortsgruppenarbeit, wie er andererseits als Mitglied des C.-V.-Hauptvorstandes wohl in allen Teilen Deutschlands wegen seiner umfassenden Vertrautheit mit den leider allzu aktuellen Fragen und der klaren Durchdachtheit seiner Darlegungen als Redner vor jüdischer wie nicht jüdischer Zuhörerschaft gern herangezogen wird. So hat er auch gerade in den letzten Jahren in der hiesigen Gemeindesynagoge durch Vorträge über den Talmud und Uber das Wesen des Judentums neben Gemeindemitgliedern zahlreiche Nichtjuden sammeln und zur Aufklärung über Juden und Judentum beitragen können. An einen noch weiteren Kreis als mit dem gesprochenen wendet sich Felix Goldmann mit dem geschriebenen Wort. Als Mitarbeiter vieler Zeitschriften, jahrelang auch als Redakteur der K.-C.-Zeitung, mit Beiträgen zum „Jüdischen Lexikon" und in einer Reihe von selbstständigen Publikationen hat er eine literarische Leistung vollbracht, die seinen Namen weithin getragen hat. Mit seinen zahlreichen Aufsätzen hat er, durchaus allem Aktuellen zugewandt, vorwiegend in die Erörterung von Tagesfragen, häufig maßgeblich, eingegriffen; hat er zur Klärung von Zeitproblemen des religiösen Lebens im Sinne des liberalen Judentums vielfache Beiträge geliefert; hat er im innerjüdischen Kampf sich für eine Entgiftung eingesetzt und es selber verstanden, auch denen nahezukommen, die weltanschaulich auf anderem Boden stehen. Grundlegend aber hat sich Felix Goldmann mit solchen Fragen in Broschüren und BUchern auseinandergesetzt. Von Schriften dieser Art seien hier hervorgehoben: „Taufjudentum und Antisemitismus" (1914); „Zionismus oder Liberalismus, Atheismus oder Religion?" (1921); „Warum sind und bleiben wir Juden?" (in 2. Auflage 1924); vor allem „Das Wesen des Antisemitismus" (1925 in 2. Auflage) und sein jüngstes Buch, das allgemein große Beachtung gefunden hat: „Der Jude im deutschen Kulturkreise" (1930). Auch zur Förderung streng wissenschaftlicher Fragen hat Felix Goldmann wichtige Arbeiten geliefert: Neben seiner Doktordissertation: „Der Oelbau in Palästina zur Zeit der Mischna" (1907) sind hier einige, aus seinen juristischen Studien erwachsene Untersuchungen zu nennen: „Eigentumsrecht durch Spezifikation im jüdischen Rechte" (1909); „Ideal- und Gesetzeskonkurrenz im jüdischen Recht" u. a. Felix Goldmann gehört zu denen, die in der Leistung Inhalt ihres Lebens suchen und Befriedigung finden. Darum darf es ihn, den Fünfzigjährigen, mit Genugtuung erfüllen, daß er hejte auf so reiche Leistung zurückblicken kann, darf er sich in dem Bewußtsein gehoben fühlen, daß ihm der Dank vieler Menschen gehört, der ihm in so vielen guten Wünschen für seine Zukunft dargebracht wird. Wenn auch wir uns an dieser Stelle diesen Wünschen anschließen, so sollen sie darin gipfeln, daß ihm vergönnt sein möge, in gleicher Beweglichkeit wie bisher regen und erfolgreichen Anteil an der Führung und Förderung der jüdischen Dinge zu haben. In letzter Zeit hat seine Gesundheit mehrfach nicht die alte Festigkeit bewahrt; so wünschen wir vor allem, daß Hemmungen dieser Art ihm erspart bleiben, daß er in ungeschwächter Kraft seinen Aufgaben nachgehen, in langen weiteren Jahren zur eigenen Befriedigung und zum Nutzen seiner Gemeinde und des Judentums reichen Ertrag seiner Leistung erleben möchte. G-G.