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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-04-15 · 16 (15.4.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
16 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ift 4.3a Poslauflage dieser Nummer: 4433 SlUck. (Bemetaö ebktt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Dm Gemeindeblatt erscheint feden Freitag und wird den Mitgliedern der Kcllglonsgcmclndc unentgeltlldi durdi die Post sugesteilt - Schrlftleltung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstraße 10 NUMMER 10 / JAHRGANG 8 FREITAG IS» APRIL 1012 AmeigcnVerwaltung und Drude: Buchdruckerei August Pries. Leipzig, BrOderstr. U - Fernruf 70008 - Pensen eck Leipzig 58020 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung de* Verlassen gestattet Ho lachmo anjo! Eine Pcssachbetrachtung Von Frieda K a n t o r o w i c z (Merlin) il 1 71 t BiBL, 1 n;h-kks. Klips. Dies armselige Brot, dies Brot des Elends" sauen wir am Sederabend« wenn wir im Kreise unserer Familie mit der Hngadah am I Vstestisehe sitzen. Wir blicken dabei auf die Mazzoth, die wir zur Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Aegypten essen. In unserer bitteren Gegenwart gewinnt diese Bezeichnung von dem .armseligen Brote" noch eine andere Bedeutung; viel zu Wenige denken daran, dilti Tausend«' von Menschen aus dem früheren Mittel- -liinde heute ein „Brot des Klends" zu essen gezwungen sind, wenn sie nur durch Unterstützungen von Verwandten und anderen Gönnern oder auch von Wohlfahrtsämtern ihr Leben fristen können. Die /.eilen des wirtschaftlichen Niederganges haben Menschen, die durch Krankheit, durch Alter oder sonstige Srhicksalsschläge verarmt dastehen, noch ohnmächtiger gemacht, als dies in früheren Zeiten der i all gewesen wäre. Und wenn sie nun durch die Hilfe mitleidiger Mitmenschen vor der letzten Not bewahrt bleiben, so wissen sie ihren Helfern von Herzen Dank. Aber in dieses Dankgefühl mischt sich auch manche Bitterkeit, weil nur seilen diese freundlichen Helfer wissen, daß zum richtigen Helfen, zum wahren Wohltun Liebe, Menschenfreundlichkeit, Taktgefühl gehört und nicht nur die Gewährung ler geldlichen (labe. Und darum wird die Hilfe oft mehr zur Bitternis als zur Wohltat. Viele Menschen geben, wenn sie um Hilft* irgendwelcher Art gebeten werden, gedankenlos, kurz und kalt. Sie wollen die Angelegenheit schnell erledigt sehen, vom Bittsteller nicht lange gestört sein. Sie beruhigen sich bei dem Gedanken, vorgeschriebene Pflicht erfüllt zu haben und täuschen sich vor, daß sie auf diese Weise sich gütig gezeigt hätten, vor Gott und ihrem Gewissen zufrieden bestehen könnten. Würden sie aber tiefer in die Seelen dieser Beschenkten hineinschauen, sie würden gewahr werden, mit welch seelischem Schmerz dltSM Nehmenden — früher selbst Gebende — der Zwang erfüllt, sich beschenken zu lassen, wie ihr Herz darob blutet und wie bitter — l>ilterer als das Bitterkraut desSedertisches —dieses Brot ihnen schmeckt. Von Not und Sorgen zermürbt, oft der Verzweiflung nahe, sind sie wund geworden in ihrer Seele und sind deshalb in ihren Empfindungen und Gefühlen um ein Vieles leichter zu verletzen, als dies bei Menschen in freier Lebenslage der Fall ist. Das sollten die Gebenden bedenken und danach streben, recht zu ^■eben, wahrhaft wohlzutun. Es ist ja gar nicht so schwer, die Gabe mit ein wenig Güte, ein wenig Freundlichkeit, ein wenig Interesse zu würzen; dem, der durch den Wandel der Verhältnisse auf Menschenliilfe angewiesen ist, dürfte die Achtung, die er in besseren Zeiten üenoß, nicht nur nicht versagt, sondern in höherein Matie als zuvor '•rzeigt werden. MUUte denn nicht in solcher Zeit, in solcher schwankenden, unsicheren Zeit sich jeder, der bisher noch nicht in die strudelnde Tiefe hinabgezogen ist, mit dem Gedanken vertraut machen, <laß auch er in die gleiche traurige Lage kommen kann? Und sollte nicht dieser Gedanke die Herzen weicher, die Hand und oft auch den Mund zarter und vorsichtiger machen? Gewiß, richtiges Geben ist eine Kunst. Das rechte Wohltun verstellt nur ein Aristokrat des Herzens, es ist eigentlich ein angeborenes Talent. Und doch liil.lt sich, ist erst einmal der Sinn dafür erwacht, die wohl keinem Menschen versagte Anlage bilden. Wieviel bittere Tränen würden solche Menschen nicht zu weinen brauchen, wenn die Geldanweisung, die ihnen von Verwandten ins Haus gesandt wird, von einem so herzlich gehaltenen Schreiben begleitet wäre, wie solches früher, in besseren Zeiten, nie unterblieben wäre. Statt dessen: wie Viele fügen dem Anweisungsabschnitt nicht einmal ein Wort des Grußes hinzu. Oder: Man sendet dem in Not geratenen Verwandten die Festgabe ins Haus und denkt nicht daran, daß er einsam, allein und traurigen Herzens den Sederabend an seinem Tische verlebt, während man selber sorglos mit den Seinen am Sedertische feiert. Das vielgerühmte „jüdische Herz" läßt in einer gewissen Trägheit des Herzens, des Denkens und des Fühlens viel Gutes nicht zum Guten, sondern zur Bitternis werden: der Gedanke an das „Brot des Elends" sollte in diesen Festestagen dahin führen, daß die!uV7e*< geöffnet werden! Und dann: Nicht selten ist die Gewährung einer Gabe das Bequemere, nicht immer aber das Nützlichere; nicht selten würde mit einem Hat. einem Wege, einem befürwortenden Briefe, einer ernsthaft eingesetzten Protektion einem Hilfsbedürftigen Beschämung erspart, Mut zugesprochen und durch das tätige Interesse auch wahrhafte Förderung zuteil werden. Dazu gehört nur die Bereitschaft, ein wenig Zeit, ein wenig Mühe zu gewähren; das aber wollen so viele nicht. Es ist ja viel leichter, einen Geldschein zu geben, als ein klein wenig von sich selbst. „Wer hungrig ist, der komme und esse mit", so heißt es in der llagadah. Jene Menschen, von denen wir hier sprechen, sind oft nicht so sehr leiblich Hungernde, wie geistig und seelisch Darbende, und gerade ihnen tut meist diese Art des Darbens besonders weh. Wie mancher alleinstehende jüdische Mensch sitzt am Freitagabend einsam an seinem Tische; die Erinnerung an seine Vergangenheit. Erinnerungen an reges jüdisches Leben in seinem Familienkreise beladen und belasten ihn. Welche Wohltat wäre ihm bereitet, hätte ihn jemand zu sich gebeten, nicht um ihn zu speisen, sondern um ihm die Wonne einer Sabbatstunde im jüdischen Kreise zu bereiten. Wie Wenige aber sind es, die, selbst von Behaglichkeit und Liebe umgeben, daran denken, dein seelisch Darbenden vom Eigenen mitzuteilen, dem Einsamen Licht und Wärme zu spenden. Und doch: wieviel Freude kann man geben, wieviel wahre Liebestat erweisen, ohne dabei nennenswerte materielle Opfer zu bringen. Es tut nur ein Hineindenken und Hineinfühlen in die Seele des Menschenbruders not; es gibt viele Vereinsamte. Kranke, Alte und unier ihnen so manchen gebildeten, geistig regsamen Menschen, der sich heute nichts mehr vergönnen kann, was über die notwendigste leibliche Nahrung hinausgeht. Auf eine tägliche Zeitung mußte er längst verzichten; ein Theaterbesuch kommt gar nicht in /!A

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